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Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Die Abenteurergilde in der Hauptstadt Civitas Aurelia war an diesem späten Nachmittag brechend voll. Es roch nach altem Leder, verschüttetem Bier, alten Pergamenten und dem Schweiß aus harter Arbeit.

Als sich die massiven Eichentüren öffneten und Funny und Darin eintraten, senkte sich der Lärmpegel augenblicklich. Erfahrene Söldner, muskelbepackte Schwertelfen und wilde Tiermenschen drehten sich zu den beiden zierlichen Blumenelfen um und nickten ihnen respektvoll zu.

Es war in Feenland ein offenes Geheimnis, dass diese beiden – zusammen mit der rot-haarigen Naturgewalt namens Lily – die jüngsten und stärksten Wächter seit Jahrhunderten waren. Dass Funny für ihre unglaubliche strategische Magie sogar einen inoffiziellen S++ Rang trug, tat der Sache keinen Abbruch. Was die Abenteurer aber am meisten an „Adiuva et Protege“ schätzten: Die Gruppe liess es sich nur selten nehmen, ihre Aufträge, auch wenn es meistens Staatsaufträge waren, in der Gilde abzuholen. Funny, Darin und insbesondere Lily liebten das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Abenteurern Civitas Aurelias..

Kaum hatten sie sich diese Mal jedoch der Theke genähert, winkte eine junge, energische Rezeptionistin wild mit einem großen, pergamentenen Umschlag.

„Ah, da seid ihr ja endlich!“, rief Renni aufgeregt. Ihre Augen leuchteten, als hätte sie gerade den Hauptgewinn der großen Tombola gezogen.

Funny und Darin traten interessiert näher an den Schalter ihrer persönlichen Lieblings-Rezeptionistin, einem feschen Hundemädchen. Funny nahm lächelnd den schweren Brief entgegen. Darin, der wie immer sein viel zu großes T-Shirt trug, das ihm gerade in diesem Moment wieder lässig über die linke Schulter rutschte, hob eine Augenbraue. Er schob sich die runde Brille auf der Nase zurecht als er mit einem kurzen Blick das rote Wachssiegel erfasste.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Renni beugte sich bereits verschwörerisch über den Tresen: „Ja, der Palast braucht offensichtlich einen neuen Innengestalter!“

Darin nickte trocken, seine Stimme war ruhig und voll analytischer Gewissheit: „Der Brief ist von Lumina. Die Prinzessin will offensichtlich mal wieder so richtig, dass die Bude bebt. Ich wette mein letztes Hemd…“

Stille.

Sowohl Renni als auch Funny erstarrten. Rennis Gesicht nahm schlagartig die Farbe einer überreifen Tomate an. Funny erging es nicht besser. Vor dem geistigen Auge der sonst so brillanten, strategisch denkenden Blumenelfe tauchte ungebeten das Bild auf, wie Darin mit einer fließenden Bewegung sein letztes, ohnehin schon zu weites Hemd über den Kopf zog. Funnys Wangen glühten, als hätten sie Feuer gefangen und sie starrte für einen Moment völlig aus dem Konzept gebracht auf Darins nackte Schulter.

Darin, der in seinem brillanten Verstand für die zwischenmenschlichen Nuancen eines solchen Satzes völlig blind war, bemerkte die plötzliche Hitze am Schalter überhaupt nicht. Völlig ungerührt, mit der stoischen Ruhe eines Technikers, der eine Maschine erklärt, setzte er seinen Satz fort: „…dass Lily mal wieder Babysitter spielen soll.“

Funny räusperte sich leise. Mit eiserner Disziplin zwang sie das unschickliche Bild aus ihrem Kopf, richtete sich auf und öffnete den Umschlag. Sie vertiefte sich in den Brief, froh, etwas zu lesen zu haben, das sie auf andere Gedanken brachte.

„In der Tat“, sagte Funny, und ihre Stimme klang wieder so gewählt und melodiös wie immer. „Wir werden explizit angefordert. Die Kronprinzessin ruft uns. Aber Lumina hat in einer Randnotiz noch ausdrücklich ergänzt, dass Lily unbedingt dabei sein muss.“

Darin verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ob das mit den plötzlich aufgetauchten Ruinen nahe Marinburg zu tun hat?“

Renni schnappte nach Luft und schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre Hundeohren wippten wild umher.

„Bei allen guten Geistern, Darin! Woher weißt du das denn schon wieder? Die Nachricht kam erst vor ein paar Stunden per Eilkurier herein!“

Darin zuckte leicht mit den Schultern.

„Reine Deduktion. Ich hatte vorhin im Wächterhauptquartier nur das eher zweifelhafte Vergnügen, Lily und Bartley bei einem ihrer… Gespräche zuhören zu dürfen. Wobei ‚zuhören‘ das falsche Wort ist. Man konnte sie vermutlich noch im Düsterwald schreien hören.“ Er seufzte leise. „Bartley meinte in seiner unnachahmlichen Art, wenn Lily endlich mal einen Funken Mumm in den Knochen hätte, wäre sie die Erste, die den brandneuen unterirdischen Ruinenkomplex erforschen würde.“

Funny schaute gespannt zwischen Renni und Darin hin und her. Ihr strategischer Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren.

„Das ist faszinierend“, murmelte Funny. „Aber was um alles in der Welt haben alte Ruinen mit der Kronprinzessin oder Lumina zu tun? Marinburg galt magisch und archäologisch als vollständig erschlossen.“

„Das dachte man!“, flüsterte Renni und beugte sich wieder vor. „Es ist ein verborgener Tiefenkomplex gefunden worden. Und jetzt kommt das Verrückteste: Die Tür in der Tiefe ist versiegelt. Und zwar nicht mit irgendeinem alten Fluch, sondern exakt mit dem königlichen Siegel der aktuellen Regentin! Niemand vor Ort kann es öffnen, und Aurelia hat es definitiv nicht selbst dort angebracht.“

Funny strich sich eine dunkelblaue Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Ein Paradoxon. Sehr interessant.“ Sie sah zu ihrem besten Freund hoch. „Darin? Deine Einschätzung? Annehmen?“

Darin lächelte leicht – ein sanftes, zurückhaltendes Lächeln, das bei Funny sofort wieder für ein winziges, verräterisches Stolpern ihres Herzschlags sorgte.

„Nun ja“, sagte er leise, „einen direkten Auftrag von Lumina… ich meine natürlich von Ihrer Hoheit Aurelia… können wir als Wächter ohnehin nur schwer ablehnen.“

Er wandte sich wieder an die Rezeptionistin.

„Renni, sei so gut und gib uns bitte alles, was du zu dem Auftrag hast. Pläne der Ruinen, Berichte der vorherigen Forscher, geologische Daten – alles.“

„Klar, bekommt ihr!“, strahlte Renni. Sie kramte unter dem Tresen. „Seid ihr eigentlich wieder bei euch zu Hause in der WG?“

„Ja“, antwortete Funny und legte beide Hände auf den Tresen. „Wir sind seit gestern Nacht zurück.“

„Ah! Dann ist also euer letzter Auftrag im südlichen Gebirge erfolgreich erfüllt?“

Funny lächelte, bewegte ihre Hand kurz, in der ein tadellos gefaltetes Bestätigungsschreiben aus ihrer Itembox erschien und schob es zu Renni hinüber. Renni überflog das Dokument, nickte anerkennend und holte tief Luft. Sie griff nach ihrem massiven, goldenen Bestätigungsstempel. Mit einer dramatischen Ausholbewegung, die sie im Laufe der Jahre perfektioniert hatte, drosch sie den Stempel auf das Schreiben.

BÄM.

Ein helles, melodisches Klingeln erfüllte die Luft. Goldene Magiefunken stoben wie kleine Feuerwerkskörper auf, tanzten einen Moment um das Pergament herum, und mit einem leisen Zisch löste sich das Schreiben in feinen, schimmernden Staub auf, der direkt in die Archive der Gilde schwebte.

Beifall ertönte. Die gesamte Empfangshalle hatte gespannt zugehört. Als Darin die Aufmerksamkeit gewahr wurde, zog er den Kopf ein, den eine ziemliche Röte zierte. Selbst jetzt noch war es ihm stets peinlich, im Mittelpunkt zu stehen.

„Die Punkte sind euch hochoffiziell gutgeschrieben, das Honorar ist auf euer Konto bei der Gildenbank angewiesen“, verkündete Renni professionell. „Ich schicke euch die Kisten mit den gesammelten Unterlagen zu Marinburg direkt durch den Kurierdienst zu euch nach Hause.“

Dann griff sie zu einem zweiten, noch größeren Stempel – dem für Wächter-Missionen.

„Der königliche Auftrag ist hiermit offiziell bestätigt und von der Gruppe Adiuva et Protege angenommen!“

BÄM.

Wieder das laute Klingeln, diesmal gefolgt von einem wahren Schauer aus Goldfunken und einem feinen Rosenduft, der sich am Schalter ausbreitete. Renni lehnte sich grinsend auf den Tresen und sah die beiden Blumenelfen an.

„Ich wünschte wirklich, ich könnte Mäuschen spielen und sehen, wie Lily reagiert, wenn sie erfährt, dass es ausgerechnet nach Marinburg geht.“

Funny konnte sich ein feines, helles Kichern nicht verkneifen. Es klang wie kleine Silberglöckchen. „Oh, Renni. DAS darf ihr Lumina selbst erzählen. Unser Haus braucht nämlich keine neue Innendekoration.“

Renni kicherte.

Funny und Darin verabschiedeten sich von Renni und verließen die Gilde. Die Nachmittagssonne tauchte die Hauptstadt Feenlands in ein warmes, goldenes Licht. Der Weg zu den Stadttoren führte sie durch die belebten Straßen, vorbei an Marktständen, wo Händler aus allen Teilen des Vielvölkerstaates ihre Waren anpriesen. Darin ging wie immer eine halbe Schrittlänge schräg hinter Funny – instinktiv darauf bedacht, sie im chaotischen Treiben der Hauptstadt abzuschirmen.

„Weißt du“, durchbrach Funny die angenehme Stille zwischen ihnen, und ein amüsiertes Funkeln trat in ihre himmelblauen Augen, „ich freue mich wirklich darauf, Lily diese gute Nachricht zu überbringen.“

Darin schob seine Brille hoch. Ein winziges Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel.

„Die Frage ist nur, was sie mehr aufregen wird: Dass Bartley recht hatte und sie in die Ruinen muss oder dass es ausgerechnet nach Marienburg geht.“

„Egal was es ist“, sagte Funny, „es wird ein wunderbares Abenteuer werden.“

Als sie die Stadttore durchschritten hatten, schwangen sie ihre Flügel und flogen direkt zu ihrem gemütlichen Heim.

***

Mit einem leisen Surren, das an das Schwirren von Kolibris erinnerte, glitten Funny und Darin durch die Lüfte. Ihre schillernden Libellenflügel brachen das Licht der späten Nachmittagssonne in tausend Farben. Nach einem kurzen, schnellen Flug landeten sie zielsicher im Vorgarten direkt vor der Eingangstür ihres kleinen WG-Häuschens.

Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, flog die Haustür mit einem lauten Krach auf. Lily stürzte heraus. Sie hielt ein Marmeladenbrot in der einen Hand und in der anderen Hand eine Pergamentrolle. Ihre roten Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und sie wirkte, als hätte sie gerade drei Kannen Kaffee auf Ex getrunken.

„Wir haben einen Auftrag!“, riefen Funny und Lily absolut synchron.

Beide Mädchen stutzten. Die Stille im Vorgarten hielt genau eine Sekunde an, bevor beide in ein herzhaftes, helles Lachen ausbrachen, das selbst die Blumen am Wegesrand ein wenig aufrechter stehen ließ.

Darin, der gerade noch dabei war, sein obligatorisch verrutschtes T-Shirt wieder auf die Schulter zu ziehen, kommentierte nüchtern und völlig unbeeindruckt von dem Ausbruch an Emotionen: „Du weißt also schon, wo es hingeht?“

„Klar!“, rief Lily, biss ein großes Stück von ihrem Brot ab und wedelte mit der freien Hand. „Wir sollen in einen komplett neuen, unterirdischen Teil der Ruinenstadt bei Marinburg. Bartley hat in der Gilde dermaßen laut rumgeprahlt, dass sogar die Tauben auf dem Dach es mitgeschrieben haben.“

Funny legte den Kopf schief. Ihre himmelblauen Augen musterten ihre beste Freundin mit einer Mischung aus Erstaunen und Vorsicht.

„Und… das stört dich nicht?“

Am Ende klang Funnys Stimme fast ein bisschen enttäuscht. Sie hatte sich auf eine handfeste Lily-Explosion eingestellt.

Lily lachte schallend auf und krümelte dabei den Weg voll.

„Warum um alles in der Welt sollte mich das stören, Fun-chan? Dass da jetzt Ruinen gefunden wurden, beweist doch nur meine Theorie: Auch der Rest dieses nach altem Fisch stinkenden Rattenlochs namens Marinburg wird irgendwann genau so enden! Staub zu Staub, Fisch zu Fisch. Ist doch quasi wissenschaftlich erwiesen.“

Darin atmete tief ein. Er schob sich die runde Brille auf der Nase hoch. In seinem Kopf begannen sich Zahnräder zu drehen, um Lilys völlig hanebüchene, geologische und archäologische „Logik“ nach Strich und Faden, unter Einbeziehung historischer Bebauungspläne und magischer Gezeiten, auseinanderzunehmen. Er öffnete den Mund.

„Also, statistisch und tektonisch gesehen…“

Doch die beiden Mädchen sahen den Vortrag kommen. Mit der eingespielten Präzision von S-Rang-Wächtern packten Funny und Lily ihren Freund gleichzeitig an den Armen, unterbrachen seinen Satz durch pure Körperkraft, zogen ihn in einer fließenden Bewegung ins Haus und manövrierten ihn direkt vor die Kellertreppe.

„Los!“, riefen sie im Duett. „Packen!“

Darin blinzelte irritiert, leistete aber keinen Widerstand. Er gehorchte. Er stieg die Treppen zu seiner Werkstatt hinab, die bis unter die Decke mit seltsamen magisch-technischen Bauteilen, Drähten, Runensteinen und Werkzeugen vollgestopft war. Erst als er vor seiner massiven Werkbank stand, hielt er inne. Er kratzte sich nachenklich am Kopf.

„Moment mal…“, murmelte er in die Stille. „WAS SOLL DAS EIGENTLICH?“

Er hob den Kopf in Richtung Erdgeschoss.

„Die Itemboxen sind IMMER gepackt!“

Von oben, aus Richtung der Küche, ertönte Lilys fröhliches Lachen.

„Das wiiiiiissen wir!“

Darin seufzte, aber ein warmes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Ausgetrickst“, murmelte er. Wenn er aber nun schon mal hier unten war, schadete es nicht, wenigstens einen Kurz-Check durchzuführen.

Zielort: Ruinenstadt. Bedeutet enge Gänge, mögliche magische Fallen, Dunkelheit.

Equipment-Check: Runen für Licht und Überwachungszauber? Ausreichend vorhanden.

Waffen: Doppelaxt, Naginata, Katana, magische Dolche, Sauber, scharf, einsatzbereit.

Itemboxen? Checked!

Zufrieden nickte er und ging wieder hoch. Doch als er die Schwelle zum Wohnzimmer überquerte, blieb er abrupt stehen. Dass Funny in der Küche umherwirbelte und mit grazilen Handbewegungen das Abendessen zauberte, war der gewohnte, harmonische Anblick. Doch auf dem Sofa saß Lily. Sie zappelte nicht, sie redete nicht. Sie hatte die dicke Mappe mit den Missionsunterlagen auf den Knien und las. Hochkonzentriert.

Das war… gegen die Naturgesetze?

„Wieso…“, stotterte Darin, während sein analytisches Gehirn versuchte, diesen Fehler in der Matrix zu verarbeiten. „Seit wann… äh… was tust du da?“

Lily blätterte eine Seite um, ohne aufzusehen, grinste dann aber frech. Sie schnippte mit dem Finger in Darins Richtung. „Eyh, Tech-Nerd, hat dein Sprachzentrum noch nicht fertig gebootet? Erst hier“, sie tippte sich bedeutungsvoll an die Stirn, „dann hier!“, sie legte ihren Zeigefinger an den Mund.

Lily brach in Gelächter aus. Endlich! Jahrelang hatte sie darauf gewartet, Darins eigene, von ihm so oft genutzte Redewendung gnadenlos auf ihn selbst anwenden zu können.

Und Darin? Er lächelte und nickte. Denn Lilys Spruch war logisch betrachtet, nichts hinzuzufügen.

***

Am nächsten Morgen standen die drei pünktlich im strahlenden Thronsaal von Civitas Aurelia. Die Luft roch nach Bienenwachs und teuren Blüten.

Kaum waren die Begrüßungen ausgetauscht, tauchte Prinzessin Lumina auf, packte Lily am Arm und zog sie quietschend mit den Worten: „Endlich! Ich muss dir UNBEDINGT was zeigen!“ in ihre Privatgemächer. Lily lächelte und ließ sich widerstandslos mitschleifen.

Funny und Darin saßen derweil im angrenzenden, prunkvollen Büro von Kronprinzessin Aurelia. Die Regentin, deren perlmuttfarbenes Seidenkleid sanft im magischen Licht schimmerte, breitete eine Karte auf dem schweren Eichentisch aus.

„Also“, begann Aurelia mit ihrer ruhigen, königlichen Stimme, „Lumina und ich werden mit euch in der Kutsche reisen…“

„Nein.“

Das Wort fiel wie ein Amboss auf den Tisch. Darin hatte nicht einmal gezögert. Aurelia blinzelte. Es gab im ganzen Land niemanden, der der Kronprinzessin so unverblümt ins Wort fiel.

„Lily sitzt bei dir und Lumina in der Kutsche“, führte Darin stoisch aus. „Lumina wird ohnehin nichts anderes dulden. Aber Funny und ich werden aus der Luft überwachen. Auch wenn uns eine Elite-Einheit deiner Ritter begleitet. Es wird sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass das königliche Siegel in den Ruinen einen bisher unbekannten Bereich blockiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Unterwelt, Grabräuber oder Schlimmeres auftauchen. Und viele Wege nach Marinburg gibt es nicht.“

Darin war hier absolut kompromisslos. Die Sicherheit seiner Freunde und der Krone stand über allem. Und genau das liebte Aurelia an Adiuva et Protege. Sie scheuten sich nicht, ihr gnadenlos zu widersprechen. Selbst Lily, die sich von Lumina eigentlich immer um den kleinen Finger wickeln ließ, war zu keinem einzigen Zugeständnis bereit, wenn es um das operative Protokoll ging.

Aurelia warf Funny einen fragenden Blick zu.

Funnys Miene war höflich, aber ihre blauen Augen blitzten entschlossen. Sie nickte zustimmend.

„Eure Hoheit, Darin hat recht. Eine Überwachung aus der Luft warnt uns im Voraus. Und wenn dann etwas passiert, sind Eure Ritter zur Stelle, um die Flanken zu sichern. Ich denke nicht, dass wir in einen Krieg ziehen. Aber nur weil wir vorsichtig sind, wird nichts passieren. Wir haben uns die Strecke heute Nacht bereits genau angesehen. Wir kennen die geographischen Schwachstellen, die für einen Hinterhalt geeignet wären.“

„Wie wird es vor Ort weitergehen?“, fragte Darin und drängte auf Fakten.

„Wir werden heute am frühen Abend in Marinburg ankommen“, antwortete Aurelia, die sich geschlagen gab. „Wir nehmen Quartier im Royal. Morgen früh im ersten Licht geht es zu den Ruinen. Dort werden die Riter das Areral weiträumig absperren und dann seid ihr dran!“

Darin nickte.

„Akzeptabel. Können wir los?“

***

Einige Stunden später zog der königliche Tross durch die hügelige Landschaft. Die schwere, vergoldete Kutsche der Royals wurde von einer Phalanx aus hochdekorierten Schwertelfen-Rittern eskortiert.

Drinnen wurde Lily von Lumina über Marinburg ausgequetscht. Die rothaarige Blumenelfe saß entspannt auf den Samtpolstern und erzählte Anekdoten.

„…und ich sage dir, Lumina, die Stadt riecht wie drei Tage alter Kabeljau. Und man nennt es nicht umsonst das Rattenloch. Pass bloß auf, wo du in diesen Ruinen hintrittst, da unten gibt es bestimmt mutierte Austern, die nach Füßen schnappen!“

Weit über der Kutsche war von diesem entspannten Plauderton nichts zu spüren. Funny und Darin glitten geräuschlos durch den Himmel. Darins Brille leuchtete schwach auf – ein magisches Interface spiegelte sich in den Gläsern. Sein Blick glitt über den dichten Waldrand, der die Handelsstraße säumte.

„Funny. Zwei Uhr. Dreihundert Meter voraus im Unterholz“, sagte er leise. Dank eines Kommunikationszaubers hörte Funny ihn direkt an ihrem Ohr. Auch Lily stoppte in der Kutsche kurz ihre Erzählung. Denn trotz ihrer nach außen gezeigten Unbekümmertheit, verfolgte sie die Gespräche von Funny und Darin sehr genau

„Eine Ansammlung magischer Signaturen. Spinnenwölfe. Ein ganzes Rudel. Sie lauern an der Schlucht.“

Funny verlangsamte ihren Flug. Mit einer eleganten Drehung in der Luft zog sie ihre beiden bläulich schimmernden Dolche. Die Magie summte in ihren Fingerspitzen. Ihr strategischer Geist erfasste die Situation in Millisekunden.

„Ich sehe sie. Wenn die Ritter frontal reingehen, gibt es verletzte Pferde“, analysierte Funny sachlich. „Darin, blockier ihnen den Fluchtweg nach hinten mit deinen Runen. Ich treibe sie aus dem Unterholz genau vor die Pfeile der Ritter. Auf mein Signal.“

Darin ging in den Sturzflug über. Sein großes T-Shirt flatterte wild im Wind. Er warf drei kleine Metallkugeln in den Wald.

„Runen aktiv. Barriere steht.“

Funny stürzte sich fast zeitgleich herab. Mit einer fließenden, tödlich-eleganten Bewegung schleuderte sie eine gewaltige Lichtkugel, die mit einem lauten Knall explodierte, in den Wald.

Die Spinnenwölfen heulten vor Schreck lauf auf. Die Monster, groteske Mischungen aus Arachniden und Wölfen, stürzten hastig, wie von Funny geplant, auf die Straße und sahen sich unvermittelt den Pfeilen und Schwertern des Ritterordens gegenüber.

Es dauerte keine zwei Minuten. Die Ritter überschütteten die verwirrten Monster mit einem Hagel aus Pfeilen. Oben am Himmel klatschten sich Funny und Darin kurz im Flug ab. Effizienz war ihr Markenzeichen.

***

Wie von Aurelia vorhergesagt, erreichten sie im Licht der untergehenden Sonne Marinburg. Die Stadt lag direkt an der Küste. Möwen kreischten und der salzige Wind wehte durch die gepflasterten Straßen.

Als die Tür der Kutsche vor dem Royal, dem mit Abstand edelsten und teuersten Hotel der Stadt, geöffnet wurde, stieg Lily als Erste aus. Sie reckte die Nase in die Luft, schnupperte theatralisch und verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

„Stinkt nach Fisch!“, grummelte Lily laut vernehmlich.

Der wartende Hotelmanager, ein tadellos gekleideter Gnom, verschluckte sich an seiner eigenen Spucke.

Funnys entschärfte die Situation. Sie faltete ihre Flügel ein und gab dem Gnom ein charmantes, entschuldigendes Lächeln.

„Verzeihen Sie ihr, sie hat heute noch keinen Drachen gestreichelt. Sind unsere Zimmer vorbereitet?“

„N-Natürlich, Lady Wächterin. Die komplette oberste Etage.“

Während Aurelia und Lumina sich in ihre Suite zurückzogen, begann für Adiuva et Protege die eigentliche Arbeit. Der Tag war noch lange nicht um. Darin sondierte jeden Winkel der Etage. Er installierte winzige, spinnenartige mechanische Sensoren an den Fenstern und Lüftungsschächten, die auf jede noch so kleine magische Schwankung reagieren würden. Funny wob indes einen feinen, unaufdringlichen Schutzzauber um die Türen der Prinzessinnen, der sich perfekt an die Tapete anpasste.

Lily saß derweil auf einem absurd plüschigen Sessel im Flur und polierte die Klinge ihrer Naginata.

„Wisst ihr“, sagte Lily, während sie die scharfe Klinge gegen das magische Licht der Flurlampen hielt, „ich kann es kaum erwarten, morgen in dieses Loch zu klettern. Und wenn da unten jemand Ärger macht… mach ich Geschnetzeltes draus.“

Darin richtete sich von einem Sensor auf und schob die Brille hoch.

„Logischerweise sollten wir erst analysieren, wer das Siegel platziert hat, bevor du anfängst, Leute in handliche Stücke zu schneiden.“

Funny kicherte leise, setzte sich neben Lily und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.

„Lass ihn reden, Li-chan. Wenn es hart auf hart kommt, darfst du anfangen.“

Lily grinste breit. Genau so mochte sie ihre Einsätze.

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    Die Abenteurergilde in der Hauptstadt Civitas Aurelia war an diesem späten Nachmittag brechend voll. Es roch nach altem Leder, verschüttetem Bier, alten Pergamenten und dem Schweiß aus harter Arbeit.

    Als sich die massiven Eichentüren öffneten und Funny und Darin eintraten, senkte sich der Lärmpegel augenblicklich. Erfahrene Söldner, muskelbepackte Schwertelfen und wilde Tiermenschen drehten sich zu den beiden zierlichen Blumenelfen um und nickten ihnen respektvoll zu.

    Es war in Feenland ein offenes Geheimnis, dass diese beiden – zusammen mit der rot-haarigen Naturgewalt namens Lily – die jüngsten und stärksten Wächter seit Jahrhunderten waren. Dass Funny für ihre unglaubliche strategische Magie sogar einen inoffiziellen S++ Rang trug, tat der Sache keinen Abbruch. Was die Abenteurer aber am meisten an „Adiuva et Protege“ schätzten: Die Gruppe liess es sich nur selten nehmen, ihre Aufträge, auch wenn es meistens Staatsaufträge waren, in der Gilde abzuholen. Funny, Darin und insbesondere Lily liebten das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Abenteurern Civitas Aurelias..

    Kaum hatten sie sich diese Mal jedoch der Theke genähert, winkte eine junge, energische Rezeptionistin wild mit einem großen, pergamentenen Umschlag.

    „Ah, da seid ihr ja endlich!“, rief Renni aufgeregt. Ihre Augen leuchteten, als hätte sie gerade den Hauptgewinn der großen Tombola gezogen.

    Funny und Darin traten interessiert näher an den Schalter ihrer persönlichen Lieblings-Rezeptionistin, einem feschen Hundemädchen. Funny nahm lächelnd den schweren Brief entgegen. Darin, der wie immer sein viel zu großes T-Shirt trug, das ihm gerade in diesem Moment wieder lässig über die linke Schulter rutschte, hob eine Augenbraue. Er schob sich die runde Brille auf der Nase zurecht als er mit einem kurzen Blick das rote Wachssiegel erfasste.

    Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Renni beugte sich bereits verschwörerisch über den Tresen: „Ja, der Palast braucht offensichtlich einen neuen Innengestalter!“

    Darin nickte trocken, seine Stimme war ruhig und voll analytischer Gewissheit: „Der Brief ist von Lumina. Die Prinzessin will offensichtlich mal wieder so richtig, dass die Bude bebt. Ich wette mein letztes Hemd…“

    Stille.

    Sowohl Renni als auch Funny erstarrten. Rennis Gesicht nahm schlagartig die Farbe einer überreifen Tomate an. Funny erging es nicht besser. Vor dem geistigen Auge der sonst so brillanten, strategisch denkenden Blumenelfe tauchte ungebeten das Bild auf, wie Darin mit einer fließenden Bewegung sein letztes, ohnehin schon zu weites Hemd über den Kopf zog. Funnys Wangen glühten, als hätten sie Feuer gefangen und sie starrte für einen Moment völlig aus dem Konzept gebracht auf Darins nackte Schulter.

    Darin, der in seinem brillanten Verstand für die zwischenmenschlichen Nuancen eines solchen Satzes völlig blind war, bemerkte die plötzliche Hitze am Schalter überhaupt nicht. Völlig ungerührt, mit der stoischen Ruhe eines Technikers, der eine Maschine erklärt, setzte er seinen Satz fort: „…dass Lily mal wieder Babysitter spielen soll.“

    Funny räusperte sich leise. Mit eiserner Disziplin zwang sie das unschickliche Bild aus ihrem Kopf, richtete sich auf und öffnete den Umschlag. Sie vertiefte sich in den Brief, froh, etwas zu lesen zu haben, das sie auf andere Gedanken brachte.

    „In der Tat“, sagte Funny, und ihre Stimme klang wieder so gewählt und melodiös wie immer. „Wir werden explizit angefordert. Die Kronprinzessin ruft uns. Aber Lumina hat in einer Randnotiz noch ausdrücklich ergänzt, dass Lily unbedingt dabei sein muss.“

    Darin verschränkte die Arme vor der Brust.

    „Ob das mit den plötzlich aufgetauchten Ruinen nahe Marinburg zu tun hat?“

    Renni schnappte nach Luft und schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre Hundeohren wippten wild umher.

    „Bei allen guten Geistern, Darin! Woher weißt du das denn schon wieder? Die Nachricht kam erst vor ein paar Stunden per Eilkurier herein!“

    Darin zuckte leicht mit den Schultern.

    „Reine Deduktion. Ich hatte vorhin im Wächterhauptquartier nur das eher zweifelhafte Vergnügen, Lily und Bartley bei einem ihrer… Gespräche zuhören zu dürfen. Wobei ‚zuhören‘ das falsche Wort ist. Man konnte sie vermutlich noch im Düsterwald schreien hören.“ Er seufzte leise. „Bartley meinte in seiner unnachahmlichen Art, wenn Lily endlich mal einen Funken Mumm in den Knochen hätte, wäre sie die Erste, die den brandneuen unterirdischen Ruinenkomplex erforschen würde.“

    Funny schaute gespannt zwischen Renni und Darin hin und her. Ihr strategischer Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren.

    „Das ist faszinierend“, murmelte Funny. „Aber was um alles in der Welt haben alte Ruinen mit der Kronprinzessin oder Lumina zu tun? Marinburg galt magisch und archäologisch als vollständig erschlossen.“

    „Das dachte man!“, flüsterte Renni und beugte sich wieder vor. „Es ist ein verborgener Tiefenkomplex gefunden worden. Und jetzt kommt das Verrückteste: Die Tür in der Tiefe ist versiegelt. Und zwar nicht mit irgendeinem alten Fluch, sondern exakt mit dem königlichen Siegel der aktuellen Regentin! Niemand vor Ort kann es öffnen, und Aurelia hat es definitiv nicht selbst dort angebracht.“

    Funny strich sich eine dunkelblaue Haarsträhne aus dem Gesicht.

    „Ein Paradoxon. Sehr interessant.“ Sie sah zu ihrem besten Freund hoch. „Darin? Deine Einschätzung? Annehmen?“

    Darin lächelte leicht – ein sanftes, zurückhaltendes Lächeln, das bei Funny sofort wieder für ein winziges, verräterisches Stolpern ihres Herzschlags sorgte.

    „Nun ja“, sagte er leise, „einen direkten Auftrag von Lumina… ich meine natürlich von Ihrer Hoheit Aurelia… können wir als Wächter ohnehin nur schwer ablehnen.“

    Er wandte sich wieder an die Rezeptionistin.

    „Renni, sei so gut und gib uns bitte alles, was du zu dem Auftrag hast. Pläne der Ruinen, Berichte der vorherigen Forscher, geologische Daten – alles.“

    „Klar, bekommt ihr!“, strahlte Renni. Sie kramte unter dem Tresen. „Seid ihr eigentlich wieder bei euch zu Hause in der WG?“

    „Ja“, antwortete Funny und legte beide Hände auf den Tresen. „Wir sind seit gestern Nacht zurück.“

    „Ah! Dann ist also euer letzter Auftrag im südlichen Gebirge erfolgreich erfüllt?“

    Funny lächelte, bewegte ihre Hand kurz, in der ein tadellos gefaltetes Bestätigungsschreiben aus ihrer Itembox erschien und schob es zu Renni hinüber. Renni überflog das Dokument, nickte anerkennend und holte tief Luft. Sie griff nach ihrem massiven, goldenen Bestätigungsstempel. Mit einer dramatischen Ausholbewegung, die sie im Laufe der Jahre perfektioniert hatte, drosch sie den Stempel auf das Schreiben.

    BÄM.

    Ein helles, melodisches Klingeln erfüllte die Luft. Goldene Magiefunken stoben wie kleine Feuerwerkskörper auf, tanzten einen Moment um das Pergament herum, und mit einem leisen Zisch löste sich das Schreiben in feinen, schimmernden Staub auf, der direkt in die Archive der Gilde schwebte.

    Beifall ertönte. Die gesamte Empfangshalle hatte gespannt zugehört. Als Darin die Aufmerksamkeit gewahr wurde, zog er den Kopf ein, den eine ziemliche Röte zierte. Selbst jetzt noch war es ihm stets peinlich, im Mittelpunkt zu stehen.

    „Die Punkte sind euch hochoffiziell gutgeschrieben, das Honorar ist auf euer Konto bei der Gildenbank angewiesen“, verkündete Renni professionell. „Ich schicke euch die Kisten mit den gesammelten Unterlagen zu Marinburg direkt durch den Kurierdienst zu euch nach Hause.“

    Dann griff sie zu einem zweiten, noch größeren Stempel – dem für Wächter-Missionen.

    „Der königliche Auftrag ist hiermit offiziell bestätigt und von der Gruppe Adiuva et Protege angenommen!“

    BÄM.

    Wieder das laute Klingeln, diesmal gefolgt von einem wahren Schauer aus Goldfunken und einem feinen Rosenduft, der sich am Schalter ausbreitete. Renni lehnte sich grinsend auf den Tresen und sah die beiden Blumenelfen an.

    „Ich wünschte wirklich, ich könnte Mäuschen spielen und sehen, wie Lily reagiert, wenn sie erfährt, dass es ausgerechnet nach Marinburg geht.“

    Funny konnte sich ein feines, helles Kichern nicht verkneifen. Es klang wie kleine Silberglöckchen. „Oh, Renni. DAS darf ihr Lumina selbst erzählen. Unser Haus braucht nämlich keine neue Innendekoration.“

    Renni kicherte.

    Funny und Darin verabschiedeten sich von Renni und verließen die Gilde. Die Nachmittagssonne tauchte die Hauptstadt Feenlands in ein warmes, goldenes Licht. Der Weg zu den Stadttoren führte sie durch die belebten Straßen, vorbei an Marktständen, wo Händler aus allen Teilen des Vielvölkerstaates ihre Waren anpriesen. Darin ging wie immer eine halbe Schrittlänge schräg hinter Funny – instinktiv darauf bedacht, sie im chaotischen Treiben der Hauptstadt abzuschirmen.

    „Weißt du“, durchbrach Funny die angenehme Stille zwischen ihnen, und ein amüsiertes Funkeln trat in ihre himmelblauen Augen, „ich freue mich wirklich darauf, Lily diese gute Nachricht zu überbringen.“

    Darin schob seine Brille hoch. Ein winziges Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel.

    „Die Frage ist nur, was sie mehr aufregen wird: Dass Bartley recht hatte und sie in die Ruinen muss oder dass es ausgerechnet nach Marienburg geht.“

    „Egal was es ist“, sagte Funny, „es wird ein wunderbares Abenteuer werden.“

    Als sie die Stadttore durchschritten hatten, schwangen sie ihre Flügel und flogen direkt zu ihrem gemütlichen Heim.

    ***

    Mit einem leisen Surren, das an das Schwirren von Kolibris erinnerte, glitten Funny und Darin durch die Lüfte. Ihre schillernden Libellenflügel brachen das Licht der späten Nachmittagssonne in tausend Farben. Nach einem kurzen, schnellen Flug landeten sie zielsicher im Vorgarten direkt vor der Eingangstür ihres kleinen WG-Häuschens.

    Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, flog die Haustür mit einem lauten Krach auf. Lily stürzte heraus. Sie hielt ein Marmeladenbrot in der einen Hand und in der anderen Hand eine Pergamentrolle. Ihre roten Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und sie wirkte, als hätte sie gerade drei Kannen Kaffee auf Ex getrunken.

    „Wir haben einen Auftrag!“, riefen Funny und Lily absolut synchron.

    Beide Mädchen stutzten. Die Stille im Vorgarten hielt genau eine Sekunde an, bevor beide in ein herzhaftes, helles Lachen ausbrachen, das selbst die Blumen am Wegesrand ein wenig aufrechter stehen ließ.

    Darin, der gerade noch dabei war, sein obligatorisch verrutschtes T-Shirt wieder auf die Schulter zu ziehen, kommentierte nüchtern und völlig unbeeindruckt von dem Ausbruch an Emotionen: „Du weißt also schon, wo es hingeht?“

    „Klar!“, rief Lily, biss ein großes Stück von ihrem Brot ab und wedelte mit der freien Hand. „Wir sollen in einen komplett neuen, unterirdischen Teil der Ruinenstadt bei Marinburg. Bartley hat in der Gilde dermaßen laut rumgeprahlt, dass sogar die Tauben auf dem Dach es mitgeschrieben haben.“

    Funny legte den Kopf schief. Ihre himmelblauen Augen musterten ihre beste Freundin mit einer Mischung aus Erstaunen und Vorsicht.

    „Und… das stört dich nicht?“

    Am Ende klang Funnys Stimme fast ein bisschen enttäuscht. Sie hatte sich auf eine handfeste Lily-Explosion eingestellt.

    Lily lachte schallend auf und krümelte dabei den Weg voll.

    „Warum um alles in der Welt sollte mich das stören, Fun-chan? Dass da jetzt Ruinen gefunden wurden, beweist doch nur meine Theorie: Auch der Rest dieses nach altem Fisch stinkenden Rattenlochs namens Marinburg wird irgendwann genau so enden! Staub zu Staub, Fisch zu Fisch. Ist doch quasi wissenschaftlich erwiesen.“

    Darin atmete tief ein. Er schob sich die runde Brille auf der Nase hoch. In seinem Kopf begannen sich Zahnräder zu drehen, um Lilys völlig hanebüchene, geologische und archäologische „Logik“ nach Strich und Faden, unter Einbeziehung historischer Bebauungspläne und magischer Gezeiten, auseinanderzunehmen. Er öffnete den Mund.

    „Also, statistisch und tektonisch gesehen…“

    Doch die beiden Mädchen sahen den Vortrag kommen. Mit der eingespielten Präzision von S-Rang-Wächtern packten Funny und Lily ihren Freund gleichzeitig an den Armen, unterbrachen seinen Satz durch pure Körperkraft, zogen ihn in einer fließenden Bewegung ins Haus und manövrierten ihn direkt vor die Kellertreppe.

    „Los!“, riefen sie im Duett. „Packen!“

    Darin blinzelte irritiert, leistete aber keinen Widerstand. Er gehorchte. Er stieg die Treppen zu seiner Werkstatt hinab, die bis unter die Decke mit seltsamen magisch-technischen Bauteilen, Drähten, Runensteinen und Werkzeugen vollgestopft war. Erst als er vor seiner massiven Werkbank stand, hielt er inne. Er kratzte sich nachenklich am Kopf.

    „Moment mal…“, murmelte er in die Stille. „WAS SOLL DAS EIGENTLICH?“

    Er hob den Kopf in Richtung Erdgeschoss.

    „Die Itemboxen sind IMMER gepackt!“

    Von oben, aus Richtung der Küche, ertönte Lilys fröhliches Lachen.

    „Das wiiiiiissen wir!“

    Darin seufzte, aber ein warmes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

    „Ausgetrickst“, murmelte er. Wenn er aber nun schon mal hier unten war, schadete es nicht, wenigstens einen Kurz-Check durchzuführen.

    Zielort: Ruinenstadt. Bedeutet enge Gänge, mögliche magische Fallen, Dunkelheit.

    Equipment-Check: Runen für Licht und Überwachungszauber? Ausreichend vorhanden.

    Waffen: Doppelaxt, Naginata, Katana, magische Dolche, Sauber, scharf, einsatzbereit.

    Itemboxen? Checked!

    Zufrieden nickte er und ging wieder hoch. Doch als er die Schwelle zum Wohnzimmer überquerte, blieb er abrupt stehen. Dass Funny in der Küche umherwirbelte und mit grazilen Handbewegungen das Abendessen zauberte, war der gewohnte, harmonische Anblick. Doch auf dem Sofa saß Lily. Sie zappelte nicht, sie redete nicht. Sie hatte die dicke Mappe mit den Missionsunterlagen auf den Knien und las. Hochkonzentriert.

    Das war… gegen die Naturgesetze?

    „Wieso…“, stotterte Darin, während sein analytisches Gehirn versuchte, diesen Fehler in der Matrix zu verarbeiten. „Seit wann… äh… was tust du da?“

    Lily blätterte eine Seite um, ohne aufzusehen, grinste dann aber frech. Sie schnippte mit dem Finger in Darins Richtung. „Eyh, Tech-Nerd, hat dein Sprachzentrum noch nicht fertig gebootet? Erst hier“, sie tippte sich bedeutungsvoll an die Stirn, „dann hier!“, sie legte ihren Zeigefinger an den Mund.

    Lily brach in Gelächter aus. Endlich! Jahrelang hatte sie darauf gewartet, Darins eigene, von ihm so oft genutzte Redewendung gnadenlos auf ihn selbst anwenden zu können.

    Und Darin? Er lächelte und nickte. Denn Lilys Spruch war logisch betrachtet, nichts hinzuzufügen.

    ***

    Am nächsten Morgen standen die drei pünktlich im strahlenden Thronsaal von Civitas Aurelia. Die Luft roch nach Bienenwachs und teuren Blüten.

    Kaum waren die Begrüßungen ausgetauscht, tauchte Prinzessin Lumina auf, packte Lily am Arm und zog sie quietschend mit den Worten: „Endlich! Ich muss dir UNBEDINGT was zeigen!“ in ihre Privatgemächer. Lily lächelte und ließ sich widerstandslos mitschleifen.

    Funny und Darin saßen derweil im angrenzenden, prunkvollen Büro von Kronprinzessin Aurelia. Die Regentin, deren perlmuttfarbenes Seidenkleid sanft im magischen Licht schimmerte, breitete eine Karte auf dem schweren Eichentisch aus.

    „Also“, begann Aurelia mit ihrer ruhigen, königlichen Stimme, „Lumina und ich werden mit euch in der Kutsche reisen…“

    „Nein.“

    Das Wort fiel wie ein Amboss auf den Tisch. Darin hatte nicht einmal gezögert. Aurelia blinzelte. Es gab im ganzen Land niemanden, der der Kronprinzessin so unverblümt ins Wort fiel.

    „Lily sitzt bei dir und Lumina in der Kutsche“, führte Darin stoisch aus. „Lumina wird ohnehin nichts anderes dulden. Aber Funny und ich werden aus der Luft überwachen. Auch wenn uns eine Elite-Einheit deiner Ritter begleitet. Es wird sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass das königliche Siegel in den Ruinen einen bisher unbekannten Bereich blockiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Unterwelt, Grabräuber oder Schlimmeres auftauchen. Und viele Wege nach Marinburg gibt es nicht.“

    Darin war hier absolut kompromisslos. Die Sicherheit seiner Freunde und der Krone stand über allem. Und genau das liebte Aurelia an Adiuva et Protege. Sie scheuten sich nicht, ihr gnadenlos zu widersprechen. Selbst Lily, die sich von Lumina eigentlich immer um den kleinen Finger wickeln ließ, war zu keinem einzigen Zugeständnis bereit, wenn es um das operative Protokoll ging.

    Aurelia warf Funny einen fragenden Blick zu.

    Funnys Miene war höflich, aber ihre blauen Augen blitzten entschlossen. Sie nickte zustimmend.

    „Eure Hoheit, Darin hat recht. Eine Überwachung aus der Luft warnt uns im Voraus. Und wenn dann etwas passiert, sind Eure Ritter zur Stelle, um die Flanken zu sichern. Ich denke nicht, dass wir in einen Krieg ziehen. Aber nur weil wir vorsichtig sind, wird nichts passieren. Wir haben uns die Strecke heute Nacht bereits genau angesehen. Wir kennen die geographischen Schwachstellen, die für einen Hinterhalt geeignet wären.“

    „Wie wird es vor Ort weitergehen?“, fragte Darin und drängte auf Fakten.

    „Wir werden heute am frühen Abend in Marinburg ankommen“, antwortete Aurelia, die sich geschlagen gab. „Wir nehmen Quartier im Royal. Morgen früh im ersten Licht geht es zu den Ruinen. Dort werden die Riter das Areral weiträumig absperren und dann seid ihr dran!“

    Darin nickte.

    „Akzeptabel. Können wir los?“

    ***

    Einige Stunden später zog der königliche Tross durch die hügelige Landschaft. Die schwere, vergoldete Kutsche der Royals wurde von einer Phalanx aus hochdekorierten Schwertelfen-Rittern eskortiert.

    Drinnen wurde Lily von Lumina über Marinburg ausgequetscht. Die rothaarige Blumenelfe saß entspannt auf den Samtpolstern und erzählte Anekdoten.

    „…und ich sage dir, Lumina, die Stadt riecht wie drei Tage alter Kabeljau. Und man nennt es nicht umsonst das Rattenloch. Pass bloß auf, wo du in diesen Ruinen hintrittst, da unten gibt es bestimmt mutierte Austern, die nach Füßen schnappen!“

    Weit über der Kutsche war von diesem entspannten Plauderton nichts zu spüren. Funny und Darin glitten geräuschlos durch den Himmel. Darins Brille leuchtete schwach auf – ein magisches Interface spiegelte sich in den Gläsern. Sein Blick glitt über den dichten Waldrand, der die Handelsstraße säumte.

    „Funny. Zwei Uhr. Dreihundert Meter voraus im Unterholz“, sagte er leise. Dank eines Kommunikationszaubers hörte Funny ihn direkt an ihrem Ohr. Auch Lily stoppte in der Kutsche kurz ihre Erzählung. Denn trotz ihrer nach außen gezeigten Unbekümmertheit, verfolgte sie die Gespräche von Funny und Darin sehr genau

    „Eine Ansammlung magischer Signaturen. Spinnenwölfe. Ein ganzes Rudel. Sie lauern an der Schlucht.“

    Funny verlangsamte ihren Flug. Mit einer eleganten Drehung in der Luft zog sie ihre beiden bläulich schimmernden Dolche. Die Magie summte in ihren Fingerspitzen. Ihr strategischer Geist erfasste die Situation in Millisekunden.

    „Ich sehe sie. Wenn die Ritter frontal reingehen, gibt es verletzte Pferde“, analysierte Funny sachlich. „Darin, blockier ihnen den Fluchtweg nach hinten mit deinen Runen. Ich treibe sie aus dem Unterholz genau vor die Pfeile der Ritter. Auf mein Signal.“

    Darin ging in den Sturzflug über. Sein großes T-Shirt flatterte wild im Wind. Er warf drei kleine Metallkugeln in den Wald.

    „Runen aktiv. Barriere steht.“

    Funny stürzte sich fast zeitgleich herab. Mit einer fließenden, tödlich-eleganten Bewegung schleuderte sie eine gewaltige Lichtkugel, die mit einem lauten Knall explodierte, in den Wald.

    Die Spinnenwölfen heulten vor Schreck lauf auf. Die Monster, groteske Mischungen aus Arachniden und Wölfen, stürzten hastig, wie von Funny geplant, auf die Straße und sahen sich unvermittelt den Pfeilen und Schwertern des Ritterordens gegenüber.

    Es dauerte keine zwei Minuten. Die Ritter überschütteten die verwirrten Monster mit einem Hagel aus Pfeilen. Oben am Himmel klatschten sich Funny und Darin kurz im Flug ab. Effizienz war ihr Markenzeichen.

    ***

    Wie von Aurelia vorhergesagt, erreichten sie im Licht der untergehenden Sonne Marinburg. Die Stadt lag direkt an der Küste. Möwen kreischten und der salzige Wind wehte durch die gepflasterten Straßen.

    Als die Tür der Kutsche vor dem Royal, dem mit Abstand edelsten und teuersten Hotel der Stadt, geöffnet wurde, stieg Lily als Erste aus. Sie reckte die Nase in die Luft, schnupperte theatralisch und verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

    „Stinkt nach Fisch!“, grummelte Lily laut vernehmlich.

    Der wartende Hotelmanager, ein tadellos gekleideter Gnom, verschluckte sich an seiner eigenen Spucke.

    Funnys entschärfte die Situation. Sie faltete ihre Flügel ein und gab dem Gnom ein charmantes, entschuldigendes Lächeln.

    „Verzeihen Sie ihr, sie hat heute noch keinen Drachen gestreichelt. Sind unsere Zimmer vorbereitet?“

    „N-Natürlich, Lady Wächterin. Die komplette oberste Etage.“

    Während Aurelia und Lumina sich in ihre Suite zurückzogen, begann für Adiuva et Protege die eigentliche Arbeit. Der Tag war noch lange nicht um. Darin sondierte jeden Winkel der Etage. Er installierte winzige, spinnenartige mechanische Sensoren an den Fenstern und Lüftungsschächten, die auf jede noch so kleine magische Schwankung reagieren würden. Funny wob indes einen feinen, unaufdringlichen Schutzzauber um die Türen der Prinzessinnen, der sich perfekt an die Tapete anpasste.

    Lily saß derweil auf einem absurd plüschigen Sessel im Flur und polierte die Klinge ihrer Naginata.

    „Wisst ihr“, sagte Lily, während sie die scharfe Klinge gegen das magische Licht der Flurlampen hielt, „ich kann es kaum erwarten, morgen in dieses Loch zu klettern. Und wenn da unten jemand Ärger macht… mach ich Geschnetzeltes draus.“

    Darin richtete sich von einem Sensor auf und schob die Brille hoch.

    „Logischerweise sollten wir erst analysieren, wer das Siegel platziert hat, bevor du anfängst, Leute in handliche Stücke zu schneiden.“

    Funny kicherte leise, setzte sich neben Lily und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.

    „Lass ihn reden, Li-chan. Wenn es hart auf hart kommt, darfst du anfangen.“

    Lily grinste breit. Genau so mochte sie ihre Einsätze.

      Kapitelverzeichnis

      Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

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