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Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten (2. Teil)

Fortsetzung von Teil 1

Klack-klack-klack-klack.

Klack-klack-klack-klack.

Funny schlug die Augen auf und blinzelte in das helle Licht Tokyos, das durch die schmalen Fenster von Amis Apartment fiel. Sie streckte sich ausgiebig, stand auf und „zog sich an“ – was bei der spartanischen, magisch geschützten Bikini-Garderobe einer Blumenelfe exakt drei Sekunden dauerte. Sie huschte kurz ins Bad und wusch sich das Gesicht.

Als sie wieder herauskam, stieg ihr ein Duft in die Nase, der ihren Magen sofort knurren ließ. Ein würziges, warmes Aroma zog sie wie unsichtbare Fäden in die Wohnküche. Ami stand am Herd und hatte ein komplettes, traditionelles japanisches Frühstück gezaubert. Auf dem kleinen Holztisch standen Schälchen mit dampfender Miso-Suppe, perfekt gegrillter Lachs (Shiozake), fluffiger, weißer Reis, ein kunstvoll gerolltes, süßliches Omelett (Tamagoyaki) und kleine Tellerchen mit eingelegtem Gemüse (Tsukemono).

Ami drehte sich um und lächelte, als sie Funnys große Augen sah.

„Guten Morgen, Funny-chan.“

Funny starrte auf den reich gedeckten Tisch, dann auf die Uhr.

„Wie…? Das muss Magie sein!“

Ami lachte hell auf und wischte sich die Hände an einer Schürze ab.

„Ach, das ist nur Routine. Den Reis bereite ich im Reiskocher immer für den ganzen Tag vor, und den Rest bereite ich dir schwuppdiwupp jederzeit binnen Minuten zu.“

Funny grinste breit und ließ sich im Schneidersitz an den niedrigen Tisch fallen.

„Also doch Magie. Nur eben japanische.“

Während Ami ihr eine Schale Reis reichte, warf Funny einen Blick auf den glühenden Bildschirm des Laptops auf dem Nachbartisch.

„Was hast du denn da drüben schon so fleißig getippt?“

Amis ansonsten so strahlendes Gesicht verdüsterte sich leicht. Sie stellte ihre eigene Suppenschale ab.

„Lass uns erst frühstücken. Wir sollten den Tag nicht mit dunklen Dingen beginnen.“

Funny nickte nachdenklich. Sie hatte Ami ja ohnehin noch nicht erzählt, warum sie wirklich nach Tokyo gekommen war. Das Frühstück verlief also bei leichtem Geplauder, doch die unausgesprochenen Fragen lagen schwer in der Luft.

Als sie fertig waren und grünen Tee tranken, setzten beide gleichzeitig an: „Warum…“

Sie stoppten abrupt, sahen sich an und prusteten los.

„Frag du zuerst“, sagte Ami und schob ihre Teetasse beiseite.

Funny lehnte sich etwas vor.

„Was war vorhin so wichtig, dass du schon am frühen Morgen deinen armen Computer mit Aufgaben überschüttet hast?“

Amis Lächeln schwand.

„Seit einiger Zeit fallen mir extrem seltsame Dinge im japanischen Internet auf.“

Sie konzentrierte sich.

„Webseiten verschwinden. Und zwar nicht so, als wären sie gelöscht worden, sondern als wären sie nie da gewesen. Ich habe ein paar Kommilitonen an der Uni gefragt. Niemand wusste etwas. Allen waren riesige, alteingesessene Firmen im Medizinbereich plötzlich völlig unbekannt. Aber… warum weiß ich von denen? Warum vergesse ich sie nicht?“

Funny nahm einen Schluck Tee.

„Das kann ich dir beantworten, Ami. Du hast einen deutlich größeren magischen Kern als normale Menschen. Das muss mit deiner Vergangenheit zusammenhängen. Deshalb bist du auch nicht der Kompensationsmagie verfallen und nimmst mich als echte Blumenelfe wahr, während alle anderen nur eine Touristin sehen.“

Ami nickte langsam, als würde sich ein kompliziertes Puzzle in ihrem brillanten Verstand zusammensetzen.

„Das ergibt Sinn. Meine Freundin Rei – sie arbeitet als Miko in einem Schrein – hat letztens erwähnt, dass die Leylinien unter Tokyo schwanken und instabil werden. Sie spürt eine unnatürliche Leere. Und genau in dem Moment kommst du nach Tokyo…“

Ami schaute Funny erwartungsvoll an.

„Zufall?“

„Feenland glaubt nicht an Zufälle“, antwortete Funny ernst. „Wir haben herausgefunden, dass es einen uralten Vertrag zwischen dem alten Edo und Feenland gibt. Der Schutzgott der Stadt pocht auf diesen Beistandspakt. Ich bin hier, weil der Vertrag ganz offiziell verlängert und erneuert werden muss, sonst bricht der Schutz ganz zusammen. Ich muss dazu zu einem kleinen Inari-Schrein. Weißt du, wo der liegt?“

Ami rückte ihre Brille zurecht.

„Das Internet wird es wissen. Aber Funny… wenn der Kami nach all den Jahrhunderten plötzlich auf den Beistandspakt pocht, dann muss etwas Schlimmes vorgefallen sein. Aber was?“

„Das werden wir bestimmt erfahren, wenn wir den Vertrag verlängert haben“, sagte Funny zuversichtlich.

Ami drehte sich zu ihrem Laptop und begann flink, nach einem Schrein zu suchen, der bereits zu Beginn der Edo-Zeit existiert hatte. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Doch plötzlich runzelte sie die Stirn.

„Merkwürdig. Immer, wenn ich einen bestimmten Inari-Schrein gefunden habe, verschwimmt das Ergebnis auf dem Bildschirm. Die Buchstaben ordnen sich neu, und dann… zack. Fehler 404. Die Seite ist weg.“

„Lass mich mal“, sagte Funny und rutschte näher. „Was muss ich eingeben?“

Ami diktierte ihr die Suchbegriffe, und Funny tippte sie ein. Und siehe da: Eine kleine, unscheinbare, fast schon antiquiert wirkende Webseite erschien. Es gab keine hypermodernen Animationen, nur eine Ortsangabe in veralteter Edo-Nomenklatur und das handgezeichnete Bild eines Schreins.

Ami drückte sofort auf Drucken. Der Drucker surrte brav los, zog das Papier ein – und spuckte ein blütenweißes, leeres Blatt wieder aus.

„Die Magie weigert sich, digital kopiert zu werden“, stellte Ami fasziniert fest.

Funny lächelte, machte eine fließende Handbewegung in die Luft, und mit einem leisen Plopp standen plötzlich eine Rolle feinstes Pergament, ein Tintenfass und eine echte Vogelfeder auf dem modernen Computertisch. Ami staunte mit offenem Mund.

„Eine magische Itembox“, erklärte Funny fröhlich. „Hat Darin gebaut und mir geschenkt. Er wollte damit wohl verhindern, dass mein Gepäck erneut in Südamerika landet. Ich muss nur an die Dinge in der Taschendimension denken und schwupps sind sie da.“

Funny griff schwungvoll zur Feder, tauchte sie in die Tinte, schrieb die alte Edo-Adresse ab und skizzierte mit ein paar schnellen, eleganten Strichen das Aussehen des Schreins.

Ami öffnete derweil digitale Archive und alte Karten von Edo, legte sie über das moderne GPS-Raster von Tokyo und begann zu rechnen. Nach einer Weile strich sie sich frustriert durch die blauen Haare.

„Eine direkte Umschreibung gibt es nicht, das Straßennetz wurde zu oft umgebaut. Aber ich habe die ungefähre Gegend. Funny, das ist mitten in einem hochmodernen Geschäftsviertel. Eine absolute Hochhaussiedlung mit Hightech-Bürokomplexen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es dort noch einen historischen Schrein gibt.“

„Lass uns doch einfach hinfahren und schauen!“, schlug Funny motiviert vor. Ami nickte entschlossen.

***

Eine Stunde Fahrzeit und dreimaliges Umsteigen in Tokyos gewaltigem U-Bahn-Netz später stiegen die beiden Freundinnen aus. Selbst Ami, die in Tokyo lebte, staunte. Sie war noch nie in genau diesem Teil der Stadt gewesen. Ein gewaltiger Glasturm reihte sich an den nächsten. Die Sonne spiegelte sich in tausenden Fenstern.

Funny schüttelte sich.

„Puh. Beton. Glas. Stahl. Keine Erde, keine Pflanzen. Ein Graus für jede Blumenelfe.“

Ami schaute auf das Pergament in Funnys Hand und dann auf ihr Smartphone.

„Dort drüben ist ein zentraler Platz zwischen den Türmen. Da sollten wir zuerst hin.“

Ein paar Minuten Fußweg später standen sie auf einer großen, versiegelten Betonfläche. Ami musterte die angrenzenden Straßen intensiv.

„Nichts.“

Dann stutzte sie. Es war ihr, als hätte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen. Ein Flimmern. Als ob einer der gigantischen Wolkenkratzer für den Bruchteil einer Sekunde einen Schritt zurückgewichen wäre. Doch als sie den fraglichen Punkt fixierte, war da nichts. Nur eine graue Mauer.

Plötzlich hörte sie ein überraschtes „Oha!“ direkt neben sich. Funny blickte sehr perplex genau zu der Stelle, die Ami gerade untersucht hatte.

„Schau an“, sagte Funny weich. „Dort ist ein kleiner Garten, ein rotes Torii und ein Schreingebäude.“

Funny legte ihre Hände sanft an Amis Wangen und drehte ihren Kopf ein paar Millimeter in die richtige Richtung.

„Schau nicht auf den Beton. Schau dazwischen.“

Vor Amis Augen flimmerte die Luft wie über heißem Asphalt. Die Illusion der modernen Fassade brach in sich zusammen. Plötzlich sah auch sie den altertümlichen, wunderschönen Schrein, eingeklemmt zwischen zwei Hochhäusern wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Und er verschwand nicht mehr!

Die beiden Mädchen gingen langsam auf die Grenze der Anlage zu. Dann standen sie vor dem zinnoberroten Torii-Tor. Funny blieb stehen und sah Ami entschuldigend an.

„Ab hier muss ich alleine gehen, Ami. Ich weiß nicht, wie der Kami reagiert, wenn du als normaler Mensch mitkommst. Traditionen und so…“

Ami nickte verständnisvoll und wollte gerade einen Schritt zurücktreten.

Doch Funny hatte das Torii noch nicht einmal durchschritten, da sauste ihnen plötzlich ein kleines Mädchen in einem leuchtend roten Kimono und – unübersehbar – flauschigen Fuchsohren und einem riesigen buschigen Schwanz entgegen. Ehe die beiden reagieren konnten, ergriff das kleine Fuchs-Mädchen die Hände von beiden und zog sie mit erstaunlicher Kraft gemeinsam durch das Torii zum Schrein.

„Opa hat gesagt, ihr sollt nicht vor dem Torii herumstehen, sondern pronto hereinkommen!“, plapperte das Fuchsmädchen fröhlich. Sie legte den Kopf schief. „Was heißt eigentlich pronto?“

Ami musste lächeln.

Pronto heißt schnell. Wir sollen nicht bummeln.“

Das Fuchs-Mädchen lachte glockenhell auf.

„Opa!“, rief sie in Richtung des Gebäudes. „Ami ist wirklich so schlau, wie du gesagt hast!“

Ami lief leicht rot an, während Funny breit grinste. Offensichtlich war der Kami besser informiert, als sie dachten.

Am Eingang des hölzernen Schreins zog Ami routiniert ihre Schuhe aus, trat an die Stufen, klatschte einmal laut in die Hände und verneigte sich tief vor dem Gebäude. Dann betrat sie den Vorraum.

Funny wollte es ihr gleichtun. Sie klatschte in die Hände und verbeugte sich. Dann blickte sie auf ihre nackten Füße. Sie trug ja ohnehin nie Schuhe. Durfte sie jetzt einfach eintreten? Müsste sie sich die Füße waschen?

Das Fuchs-Mädchen machte es ihr erfrischend einfach. Sie packte Funnys Hand und zog sie einfach über die Schwelle.

„Opa. OPA! Funny ist wirklich so höflich, wie du gesagt hast! Sie macht sich Sorgen um ihre sauberen Zehen!“

Funny lachte nun auch und trat neben Ami.

Ami schaute sich staunend um, es verschlug ihr dabei regelrecht den Atem. Sie hatte mit einem kleinen, beengten Raum gerechnet, das Gebäude war von außen winzig gewesen. Aber der Raum, in dem sie nun standen, war gigantisch. Die Decke war hoch, Holzsäulen stützten das Dach und hunderte von Personen hätten hier problemlos Platz gefunden.

Funny beugte sich zu ihr und flüsterte fachmännisch: „Vergrößerungsmagie. Exakt dasselbe Prinzip wie bei meiner Itembox. Nur ein paar Nummern größer.“

Ein weiches Geräusch war zu hören. Eine traditionelle Shoji-Schiebetür aus Reispapier glitt fast lautlos zur Seite. Ein uralter Fuchsmensch erschien. Sein weißes Haar war zu einem traditionellen Knoten gebunden, und er strahlte eine Macht aus, die die Luft im Raum vibrieren ließ.

Sofort verbeugte sich Funny dreimal sehr tief und respektvoll. Ami riss sich aus ihrer Starre und tat es ihr hastig gleich.

Das kleine Fuchs-Mädchen neben ihnen kicherte leise in ihre Hand.

„Opa fühlt sich zwar immer gebauchpinselt, wenn sich Leute vor ihm verneigen, aber eigentlich ist das gar nicht nötig.“

Der Kami lächelte milde. Seine Stimme klang wie raschelndes Herbstlaub.

„Herzlich willkommen. Schön, dass Prinzessin Aurelia so schnell zwei so liebenswürdige junge Damen zu mir geschickt hat.“

Das Fuchs-Mädchen kicherte noch lauter.

„Opa meinte vorhin, dass er den Brief schon vor über 25 Jahren losgeschickt hatte. Von wegen ‚so schnell‘!“

Funny lief rot an. Sie wollte sehr höflich, sehr diplomatisch und überaus bedauernd auf diesen peinlichen Zeitverzug der Gilde antworten, doch der alte Kami hob sanft eine Pfote.

„Funny. Lass einfach alle höfischen Formalitäten außen vor. Setzt euch, macht es euch bequem. Wir haben eine Menge aufzuholen, und die Zeit drängt.“

Der alte Kami drehte sich mit einem liebevollen, aber bestimmten Blick zu dem kleinen Fuchsmädchen um.

„Holst du uns etwas Tee und Gebäck, mein Kind? Und dann geselle dich zu uns. Die ganze Angelegenheit betrifft dich schließlich genauso wie mich.“

Er führte Ami und Funny durch den weiten, hölzernen Raum in eine wunderschön hergerichtete Nische. Der Boden war mit duftenden Tatami-Matten ausgelegt, und in der Mitte stand ein flacher Chabudai-Tisch, umringt von seidenen Sitzpolstern.

Ina-chan war so schnell zurück, dass sie fast zu schweben schien. Sie verteilte kunstvoll bemalte Teeschalen und ein kleines Tablett mit Wagashi – traditionellem, süßem Gebäck – das fast zu hübsch aussah, um es zu essen. Dann ließ sie sich mit einem raschelnden Geräusch ihres Kimonos neben den anderen nieder.

Der Kami goss den dampfenden, smaragdgrünen Matcha ein. Der Duft nach gerösteten Teeblättern erfüllte die Nische.

Er räusperte sich leise.

„Zuerst möchte ich euch meine Enkelin vorstellen. Ihren vollen, zeremoniellen Namen mag sie nicht besonders, daher soll ich sie euch einfach als Ina-chan vorstellen.“

Er lächelte sanft, und Ina-chan wackelte leicht mit ihren flauschigen Fuchsohren.

Funny erwiderte das Lächeln warm.

„Auch wenn ihr uns scheinbar schon kennt, möchte ich uns dennoch offiziell vorstellen.“

Sie deutete mit einer fließenden Handbewegung auf ihre Freundin.

„Das ist Ami. Meine allerbeste Freundin in der Menschenwelt. Und ich bin Funny…“

„…Prinzessin aus dem Elfental und offizielle, bevollmächtigte Botschafterin von Kronprinzessin Aurelia!“, fuhr Ina-chan blitzschnell an ihrer Stelle fort und strahlte über das ganze Gesicht.

Funny seufzte leise und lächelte ertappt. Ami hingegen verschluckte sich beinahe an ihrem Tee. Sie hustete, setzte die Schale ab und starrte ihre Freundin mit großen Augen an.

„Wie bitte?! Prinzessin?! Botschafterin? Funny, du hast mir erzählt, du lebst in einer WG mit einem Technik-Nerd und einer Chaos-Elfe!“

Funny warf Ami einen überaus entschuldigenden Blick zu.

„Ach, Ami… was sind schon Titel und Abstammung unter Freunden? Ich bin immer noch einfach nur Funny.“

Der Kami nickte bedächtig.

„Wohl wahr. Ein Titel füllt keinen leeren Magen und wehrt keinen Dämon ab.“

Er wurde plötzlich sehr ernst und ergriff erneut das Wort.

„Mein dringendes Schreiben von…“ Er hielt kurz inne und lächelte dünn. „…von vor 25 Jahren betrifft ein bedrohliches Schrumpfen der Leylinien unter dieser Stadt. Meistens sind es nur ein paar unruhige Yokai, die Unfug treiben. Wenn man die in den Griff bekommt, stabilisieren sich die magischen Flüsse für gewöhnlich wieder von selbst. Allerdings war es dieses Mal völlig anders. Die aufmüpfigen Yokai zu besiegen, war viel zu einfach. Fast hatte ich das Gefühl, sie waren froh, dass sie von mir besiegt wurden und in die tiefe magische Welt verschwinden durften. Irgendetwas hier in der Menschenwelt schien ihnen furchtbare Angst zu machen.“

Ami lehnte sich plötzlich vor, ihr analytischer Verstand lief auf Hochtouren.

„Und seit exakt zwei Monaten hat sich diese Situation massiv verschlimmert, stimmt’s?“

Der Kami, Ina-chan und Funny starrten Ami mit vor Staunen offenen Mündern an. Die Stille im Schrein war plötzlich absolut.

„Bei allen Geistern…“, flüsterte der Kami. „Woher weißt du das, Menschenkind? Und ja, es stimmt. Irgendetwas saugt die magischen Leylinien regelrecht auf. Wie ein schwarzes Loch. Und ich bin mittlerweile schlichtweg zu alt für eine Stabilisierung dieser Größenordnung.“

Er blickte zu Ina-chan, und viel Wehmut lag in seinen alten Augen.

„Meine Enkelin muss ihr Erbe als Schutzpatronin Tokyos sehr viel früher antreten, als ich es je gedacht hätte.“

Er strich dem kleinen Fuchsmädchen sanft über den Kopf.

„Aber sie ist noch so jung und unerfahren. Allerdings ist ihr Potenzial bereits jetzt gewaltiger, als meines es je gewesen ist.“

Er stoppte und straffte die Schultern.

„Doch bevor wir handeln können, müssen wir den Vertrag verlängern. Dazu müssen wir…“

Funny nickte feierlich, schob ihre Teeschale beiseite und nahm eine kerzengerade Haltung an.

„Ich bin bereit. Wir müssen die Zeremonie der fallenden Kirschblüten durchführen, die Vertragsrollen mit geweihtem Quellwasser segnen, die Ahnen anrufen und dann eine dreistündige Abschluss-Zeremonie im Mondlicht durchführen.“

Sie klang, als hätte sie die Protokolle auswendig gelernt (was sie tatsächlich hatte).

Der Kami kicherte. Es war ein trockenes, fast schon freches Kichern, das so gar nicht zu einem altehrwürdigen Gott passen wollte.

„Also, ich hätte jetzt gesagt, wir unterschreiben den Vertrag einfach neu… aber wenn du wirklich gerne die ganzen Zeremonien machen möchtest, hol ich schon mal die Trommeln raus.“

Ami prustete laut los und hielt sich den Bauch.

„Oh mein Gott, Funny! Ich glaube, das feenländische Protokoll ist wirklich noch im tiefsten Mittelalter gefangen!“

Funny lief leicht rosa an und stellte sich vor, wie Lily jetzt vermutlich vor Lachen auf dem Boden rollen würde.

Ina-chan lächelte nachsichtig. Sie kramte in den weiten Ärmeln ihres Kimonos und legte zwei schwere Pergamentrollen auf den niedrigen Tisch. Dann tauchte sie eine wunderschön schimmernde Pfauenfeder in ein goldenes Tintenfass, das wie von Geisterhand aus dem Nichts auf dem Tisch materialisiert war und unterzeichnete beide Rollen mit fließenden Zeichen.

Dann schob sie Funny das Pergament und die Feder hin. Funny schmunzelte, auch wenn sie als Diplomatin ob der völlig fehlenden Zeremonien noch ein wenig irritiert war. Sie griff nach der Feder und setzte ihre geschwungene, feenländische Unterschrift unter den Pakt.

Gerade als sie die Feder weglegen wollte, schob der Kami das Pergament ein Stück weiter zu Ami.

„Ami“, sagte er mit sanfter Bestimmtheit. „Als Bürgerin von Tokyo unterschreibst du nun als Zeugin für alle Einwohner dieser Stadt.“

Ami prallte erschrocken zurück.

„Ich?! Ich soll mal eben fast 14 Millionen Einwohner repräsentieren?!“

„Klar, wer denn sonst, wenn nicht du?“, fragte Ina-chan und legte den Kopf schief. „Du hast eine unglaubliche Affinität zur magischen Welt, lebst aber fest verwurzelt in der menschlichen Welt. Dein Verstand ist brillant. Du bist die perfekte Zeugin für diese Vereinbarung.“

Ami nickte langsam, immer noch völlig überrumpelt von der Verantwortung. Sie nahm die Feder – die sich in ihrer Hand seltsam warm anfühlte – und setzte ihren Namen unter die feenländischen und göttlichen Runen.

In dem Moment, als Amis Federstrich endete, klang ein tiefer, sanfter Glockenton durch den gesamten Schrein. Es war ein Ton, den man nicht nur hörte, sondern im ganzen Körper spürte.

Der Kami erhob sich langsam. Seine Stimme war nun nicht mehr die eines alten Mannes, sondern donnernd und feierlich: „Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten wurde bestätigt und verlängert. Ina-chan ist ab diesem Atemzug die Schutzgöttin von Edo.“

„Du meinst Tokyo, Opa!“, warf Ina-chan trocken und völlig unbeeindruckt von der Dramatik ein.

Der Kami grinste breit, die göttliche Strenge fiel sofort wieder von ihm ab. „Genau deshalb bist du meine Erbin. Mach’s gut, mein kleiner Schatz.“ Er sah sie voller Liebe an. „Wenn du mich brauchst… du weißt ja, wo du mich findest. Aber ich denke, bei modernen Problemen ist es ohnehin am einfachsten, Ami zu fragen.“

Die Ränder des alten Fuchsmannes begannen zu flimmern. Wie Asche im Wind, die von goldenem Licht durchflutet wurde, löste sich seine Gestalt langsam auf. Ina-chan schluckte schwer und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Funny rutschte sofort zu ihr hinüber und nahm das kleine Fuchsmädchen fest in den Arm.

„Er ist nicht weg, Ina-chan“, flüsterte die Blumenelfe tröstend. „Er genießt nur endlich seine wohlverdiente Rente in der Geisterwelt.“

Ina-chan drückte ihr Gesicht an Funnys Schulter und versuchte tapfer zu lächeln.

„Ich weiß es ja schon länger… aber jetzt war es doch irgendwie… sehr plötzlich.“

Ami rückte näher und betrachtete das kleine Mädchen, das nun die Verantwortung für eine der größten Städte der Welt trug.

„Bist du jetzt ganz allein hier in diesem riesigen Schrein?“

Eine einzelne, silberne Träne kullerte über Ina-chans Wange.

„Ja. Das ist das Los der Schutzgötter Tokyos. Sie wirken im Verborgenen. Allein.“

Ami sah Funny an. Die beiden Freundinnen wechselten nur einen einzigen Blick, aber sie verstanden sich blind. Ami wandte sich wieder an die kleine Göttin und ihre Stimme war voller praktischer Entschlossenheit: „Hör mal, wir haben doch hier ein gewaltiges Problem zu lösen. Was hältst du davon, wenn du bis zur Erledigung dieser ganzen Yokai-Sache einfach bei mir zu Hause einziehst? So ein Schrein ist doch langweilig. Bei mir lernst du uns moderne Menschen besser kennen, ich zeige dir das Internet und wir können am Küchentisch viel besser planen, wie wir Tokyos Magie stabilisieren.“

Ina-chan riss die Augen auf. Dann warf sie sich Ami so stürmisch um den Hals, dass die beiden regelrecht von den Kissen purzelten.

„Danke, Ami!“, schniefte sie glücklich. „Und ich hab schon gedacht, ich muss die ersten Nächte als Kami ganz alleine hier wohnen und mich vor den Schatten gruseln!“

Funny schmunzelte und strich über Ina-chans Fuchsohren. Am Ende war dieses Wesen zwar eine mächtige Schutzgöttin, gleichzeitig aber auch einfach nur ein kleines Mädchen. Und wer, ob Mensch, Elf oder Kami, lebte schon gerne allein, wenn es auch anders ging?

Fortsetzung folgt…

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Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten (2. Teil)

Fortsetzung von Teil 1

Klack-klack-klack-klack.

Klack-klack-klack-klack.

Funny schlug die Augen auf und blinzelte in das helle Licht Tokyos, das durch die schmalen Fenster von Amis Apartment fiel. Sie streckte sich ausgiebig, stand auf und „zog sich an“ – was bei der spartanischen, magisch geschützten Bikini-Garderobe einer Blumenelfe exakt drei Sekunden dauerte. Sie huschte kurz ins Bad und wusch sich das Gesicht.

Als sie wieder herauskam, stieg ihr ein Duft in die Nase, der ihren Magen sofort knurren ließ. Ein würziges, warmes Aroma zog sie wie unsichtbare Fäden in die Wohnküche. Ami stand am Herd und hatte ein komplettes, traditionelles japanisches Frühstück gezaubert. Auf dem kleinen Holztisch standen Schälchen mit dampfender Miso-Suppe, perfekt gegrillter Lachs (Shiozake), fluffiger, weißer Reis, ein kunstvoll gerolltes, süßliches Omelett (Tamagoyaki) und kleine Tellerchen mit eingelegtem Gemüse (Tsukemono).

Ami drehte sich um und lächelte, als sie Funnys große Augen sah.

„Guten Morgen, Funny-chan.“

Funny starrte auf den reich gedeckten Tisch, dann auf die Uhr.

„Wie…? Das muss Magie sein!“

Ami lachte hell auf und wischte sich die Hände an einer Schürze ab.

„Ach, das ist nur Routine. Den Reis bereite ich im Reiskocher immer für den ganzen Tag vor, und den Rest bereite ich dir schwuppdiwupp jederzeit binnen Minuten zu.“

Funny grinste breit und ließ sich im Schneidersitz an den niedrigen Tisch fallen.

„Also doch Magie. Nur eben japanische.“

Während Ami ihr eine Schale Reis reichte, warf Funny einen Blick auf den glühenden Bildschirm des Laptops auf dem Nachbartisch.

„Was hast du denn da drüben schon so fleißig getippt?“

Amis ansonsten so strahlendes Gesicht verdüsterte sich leicht. Sie stellte ihre eigene Suppenschale ab.

„Lass uns erst frühstücken. Wir sollten den Tag nicht mit dunklen Dingen beginnen.“

Funny nickte nachdenklich. Sie hatte Ami ja ohnehin noch nicht erzählt, warum sie wirklich nach Tokyo gekommen war. Das Frühstück verlief also bei leichtem Geplauder, doch die unausgesprochenen Fragen lagen schwer in der Luft.

Als sie fertig waren und grünen Tee tranken, setzten beide gleichzeitig an: „Warum…“

Sie stoppten abrupt, sahen sich an und prusteten los.

„Frag du zuerst“, sagte Ami und schob ihre Teetasse beiseite.

Funny lehnte sich etwas vor.

„Was war vorhin so wichtig, dass du schon am frühen Morgen deinen armen Computer mit Aufgaben überschüttet hast?“

Amis Lächeln schwand.

„Seit einiger Zeit fallen mir extrem seltsame Dinge im japanischen Internet auf.“

Sie konzentrierte sich.

„Webseiten verschwinden. Und zwar nicht so, als wären sie gelöscht worden, sondern als wären sie nie da gewesen. Ich habe ein paar Kommilitonen an der Uni gefragt. Niemand wusste etwas. Allen waren riesige, alteingesessene Firmen im Medizinbereich plötzlich völlig unbekannt. Aber… warum weiß ich von denen? Warum vergesse ich sie nicht?“

Funny nahm einen Schluck Tee.

„Das kann ich dir beantworten, Ami. Du hast einen deutlich größeren magischen Kern als normale Menschen. Das muss mit deiner Vergangenheit zusammenhängen. Deshalb bist du auch nicht der Kompensationsmagie verfallen und nimmst mich als echte Blumenelfe wahr, während alle anderen nur eine Touristin sehen.“

Ami nickte langsam, als würde sich ein kompliziertes Puzzle in ihrem brillanten Verstand zusammensetzen.

„Das ergibt Sinn. Meine Freundin Rei – sie arbeitet als Miko in einem Schrein – hat letztens erwähnt, dass die Leylinien unter Tokyo schwanken und instabil werden. Sie spürt eine unnatürliche Leere. Und genau in dem Moment kommst du nach Tokyo…“

Ami schaute Funny erwartungsvoll an.

„Zufall?“

„Feenland glaubt nicht an Zufälle“, antwortete Funny ernst. „Wir haben herausgefunden, dass es einen uralten Vertrag zwischen dem alten Edo und Feenland gibt. Der Schutzgott der Stadt pocht auf diesen Beistandspakt. Ich bin hier, weil der Vertrag ganz offiziell verlängert und erneuert werden muss, sonst bricht der Schutz ganz zusammen. Ich muss dazu zu einem kleinen Inari-Schrein. Weißt du, wo der liegt?“

Ami rückte ihre Brille zurecht.

„Das Internet wird es wissen. Aber Funny… wenn der Kami nach all den Jahrhunderten plötzlich auf den Beistandspakt pocht, dann muss etwas Schlimmes vorgefallen sein. Aber was?“

„Das werden wir bestimmt erfahren, wenn wir den Vertrag verlängert haben“, sagte Funny zuversichtlich.

Ami drehte sich zu ihrem Laptop und begann flink, nach einem Schrein zu suchen, der bereits zu Beginn der Edo-Zeit existiert hatte. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Doch plötzlich runzelte sie die Stirn.

„Merkwürdig. Immer, wenn ich einen bestimmten Inari-Schrein gefunden habe, verschwimmt das Ergebnis auf dem Bildschirm. Die Buchstaben ordnen sich neu, und dann… zack. Fehler 404. Die Seite ist weg.“

„Lass mich mal“, sagte Funny und rutschte näher. „Was muss ich eingeben?“

Ami diktierte ihr die Suchbegriffe, und Funny tippte sie ein. Und siehe da: Eine kleine, unscheinbare, fast schon antiquiert wirkende Webseite erschien. Es gab keine hypermodernen Animationen, nur eine Ortsangabe in veralteter Edo-Nomenklatur und das handgezeichnete Bild eines Schreins.

Ami drückte sofort auf Drucken. Der Drucker surrte brav los, zog das Papier ein – und spuckte ein blütenweißes, leeres Blatt wieder aus.

„Die Magie weigert sich, digital kopiert zu werden“, stellte Ami fasziniert fest.

Funny lächelte, machte eine fließende Handbewegung in die Luft, und mit einem leisen Plopp standen plötzlich eine Rolle feinstes Pergament, ein Tintenfass und eine echte Vogelfeder auf dem modernen Computertisch. Ami staunte mit offenem Mund.

„Eine magische Itembox“, erklärte Funny fröhlich. „Hat Darin gebaut und mir geschenkt. Er wollte damit wohl verhindern, dass mein Gepäck erneut in Südamerika landet. Ich muss nur an die Dinge in der Taschendimension denken und schwupps sind sie da.“

Funny griff schwungvoll zur Feder, tauchte sie in die Tinte, schrieb die alte Edo-Adresse ab und skizzierte mit ein paar schnellen, eleganten Strichen das Aussehen des Schreins.

Ami öffnete derweil digitale Archive und alte Karten von Edo, legte sie über das moderne GPS-Raster von Tokyo und begann zu rechnen. Nach einer Weile strich sie sich frustriert durch die blauen Haare.

„Eine direkte Umschreibung gibt es nicht, das Straßennetz wurde zu oft umgebaut. Aber ich habe die ungefähre Gegend. Funny, das ist mitten in einem hochmodernen Geschäftsviertel. Eine absolute Hochhaussiedlung mit Hightech-Bürokomplexen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es dort noch einen historischen Schrein gibt.“

„Lass uns doch einfach hinfahren und schauen!“, schlug Funny motiviert vor. Ami nickte entschlossen.

***

Eine Stunde Fahrzeit und dreimaliges Umsteigen in Tokyos gewaltigem U-Bahn-Netz später stiegen die beiden Freundinnen aus. Selbst Ami, die in Tokyo lebte, staunte. Sie war noch nie in genau diesem Teil der Stadt gewesen. Ein gewaltiger Glasturm reihte sich an den nächsten. Die Sonne spiegelte sich in tausenden Fenstern.

Funny schüttelte sich.

„Puh. Beton. Glas. Stahl. Keine Erde, keine Pflanzen. Ein Graus für jede Blumenelfe.“

Ami schaute auf das Pergament in Funnys Hand und dann auf ihr Smartphone.

„Dort drüben ist ein zentraler Platz zwischen den Türmen. Da sollten wir zuerst hin.“

Ein paar Minuten Fußweg später standen sie auf einer großen, versiegelten Betonfläche. Ami musterte die angrenzenden Straßen intensiv.

„Nichts.“

Dann stutzte sie. Es war ihr, als hätte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen. Ein Flimmern. Als ob einer der gigantischen Wolkenkratzer für den Bruchteil einer Sekunde einen Schritt zurückgewichen wäre. Doch als sie den fraglichen Punkt fixierte, war da nichts. Nur eine graue Mauer.

Plötzlich hörte sie ein überraschtes „Oha!“ direkt neben sich. Funny blickte sehr perplex genau zu der Stelle, die Ami gerade untersucht hatte.

„Schau an“, sagte Funny weich. „Dort ist ein kleiner Garten, ein rotes Torii und ein Schreingebäude.“

Funny legte ihre Hände sanft an Amis Wangen und drehte ihren Kopf ein paar Millimeter in die richtige Richtung.

„Schau nicht auf den Beton. Schau dazwischen.“

Vor Amis Augen flimmerte die Luft wie über heißem Asphalt. Die Illusion der modernen Fassade brach in sich zusammen. Plötzlich sah auch sie den altertümlichen, wunderschönen Schrein, eingeklemmt zwischen zwei Hochhäusern wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Und er verschwand nicht mehr!

Die beiden Mädchen gingen langsam auf die Grenze der Anlage zu. Dann standen sie vor dem zinnoberroten Torii-Tor. Funny blieb stehen und sah Ami entschuldigend an.

„Ab hier muss ich alleine gehen, Ami. Ich weiß nicht, wie der Kami reagiert, wenn du als normaler Mensch mitkommst. Traditionen und so…“

Ami nickte verständnisvoll und wollte gerade einen Schritt zurücktreten.

Doch Funny hatte das Torii noch nicht einmal durchschritten, da sauste ihnen plötzlich ein kleines Mädchen in einem leuchtend roten Kimono und – unübersehbar – flauschigen Fuchsohren und einem riesigen buschigen Schwanz entgegen. Ehe die beiden reagieren konnten, ergriff das kleine Fuchs-Mädchen die Hände von beiden und zog sie mit erstaunlicher Kraft gemeinsam durch das Torii zum Schrein.

„Opa hat gesagt, ihr sollt nicht vor dem Torii herumstehen, sondern pronto hereinkommen!“, plapperte das Fuchsmädchen fröhlich. Sie legte den Kopf schief. „Was heißt eigentlich pronto?“

Ami musste lächeln.

Pronto heißt schnell. Wir sollen nicht bummeln.“

Das Fuchs-Mädchen lachte glockenhell auf.

„Opa!“, rief sie in Richtung des Gebäudes. „Ami ist wirklich so schlau, wie du gesagt hast!“

Ami lief leicht rot an, während Funny breit grinste. Offensichtlich war der Kami besser informiert, als sie dachten.

Am Eingang des hölzernen Schreins zog Ami routiniert ihre Schuhe aus, trat an die Stufen, klatschte einmal laut in die Hände und verneigte sich tief vor dem Gebäude. Dann betrat sie den Vorraum.

Funny wollte es ihr gleichtun. Sie klatschte in die Hände und verbeugte sich. Dann blickte sie auf ihre nackten Füße. Sie trug ja ohnehin nie Schuhe. Durfte sie jetzt einfach eintreten? Müsste sie sich die Füße waschen?

Das Fuchs-Mädchen machte es ihr erfrischend einfach. Sie packte Funnys Hand und zog sie einfach über die Schwelle.

„Opa. OPA! Funny ist wirklich so höflich, wie du gesagt hast! Sie macht sich Sorgen um ihre sauberen Zehen!“

Funny lachte nun auch und trat neben Ami.

Ami schaute sich staunend um, es verschlug ihr dabei regelrecht den Atem. Sie hatte mit einem kleinen, beengten Raum gerechnet, das Gebäude war von außen winzig gewesen. Aber der Raum, in dem sie nun standen, war gigantisch. Die Decke war hoch, Holzsäulen stützten das Dach und hunderte von Personen hätten hier problemlos Platz gefunden.

Funny beugte sich zu ihr und flüsterte fachmännisch: „Vergrößerungsmagie. Exakt dasselbe Prinzip wie bei meiner Itembox. Nur ein paar Nummern größer.“

Ein weiches Geräusch war zu hören. Eine traditionelle Shoji-Schiebetür aus Reispapier glitt fast lautlos zur Seite. Ein uralter Fuchsmensch erschien. Sein weißes Haar war zu einem traditionellen Knoten gebunden, und er strahlte eine Macht aus, die die Luft im Raum vibrieren ließ.

Sofort verbeugte sich Funny dreimal sehr tief und respektvoll. Ami riss sich aus ihrer Starre und tat es ihr hastig gleich.

Das kleine Fuchs-Mädchen neben ihnen kicherte leise in ihre Hand.

„Opa fühlt sich zwar immer gebauchpinselt, wenn sich Leute vor ihm verneigen, aber eigentlich ist das gar nicht nötig.“

Der Kami lächelte milde. Seine Stimme klang wie raschelndes Herbstlaub.

„Herzlich willkommen. Schön, dass Prinzessin Aurelia so schnell zwei so liebenswürdige junge Damen zu mir geschickt hat.“

Das Fuchs-Mädchen kicherte noch lauter.

„Opa meinte vorhin, dass er den Brief schon vor über 25 Jahren losgeschickt hatte. Von wegen ‚so schnell‘!“

Funny lief rot an. Sie wollte sehr höflich, sehr diplomatisch und überaus bedauernd auf diesen peinlichen Zeitverzug der Gilde antworten, doch der alte Kami hob sanft eine Pfote.

„Funny. Lass einfach alle höfischen Formalitäten außen vor. Setzt euch, macht es euch bequem. Wir haben eine Menge aufzuholen, und die Zeit drängt.“

Der alte Kami drehte sich mit einem liebevollen, aber bestimmten Blick zu dem kleinen Fuchsmädchen um.

„Holst du uns etwas Tee und Gebäck, mein Kind? Und dann geselle dich zu uns. Die ganze Angelegenheit betrifft dich schließlich genauso wie mich.“

Er führte Ami und Funny durch den weiten, hölzernen Raum in eine wunderschön hergerichtete Nische. Der Boden war mit duftenden Tatami-Matten ausgelegt, und in der Mitte stand ein flacher Chabudai-Tisch, umringt von seidenen Sitzpolstern.

Ina-chan war so schnell zurück, dass sie fast zu schweben schien. Sie verteilte kunstvoll bemalte Teeschalen und ein kleines Tablett mit Wagashi – traditionellem, süßem Gebäck – das fast zu hübsch aussah, um es zu essen. Dann ließ sie sich mit einem raschelnden Geräusch ihres Kimonos neben den anderen nieder.

Der Kami goss den dampfenden, smaragdgrünen Matcha ein. Der Duft nach gerösteten Teeblättern erfüllte die Nische.

Er räusperte sich leise.

„Zuerst möchte ich euch meine Enkelin vorstellen. Ihren vollen, zeremoniellen Namen mag sie nicht besonders, daher soll ich sie euch einfach als Ina-chan vorstellen.“

Er lächelte sanft, und Ina-chan wackelte leicht mit ihren flauschigen Fuchsohren.

Funny erwiderte das Lächeln warm.

„Auch wenn ihr uns scheinbar schon kennt, möchte ich uns dennoch offiziell vorstellen.“

Sie deutete mit einer fließenden Handbewegung auf ihre Freundin.

„Das ist Ami. Meine allerbeste Freundin in der Menschenwelt. Und ich bin Funny…“

„…Prinzessin aus dem Elfental und offizielle, bevollmächtigte Botschafterin von Kronprinzessin Aurelia!“, fuhr Ina-chan blitzschnell an ihrer Stelle fort und strahlte über das ganze Gesicht.

Funny seufzte leise und lächelte ertappt. Ami hingegen verschluckte sich beinahe an ihrem Tee. Sie hustete, setzte die Schale ab und starrte ihre Freundin mit großen Augen an.

„Wie bitte?! Prinzessin?! Botschafterin? Funny, du hast mir erzählt, du lebst in einer WG mit einem Technik-Nerd und einer Chaos-Elfe!“

Funny warf Ami einen überaus entschuldigenden Blick zu.

„Ach, Ami… was sind schon Titel und Abstammung unter Freunden? Ich bin immer noch einfach nur Funny.“

Der Kami nickte bedächtig.

„Wohl wahr. Ein Titel füllt keinen leeren Magen und wehrt keinen Dämon ab.“

Er wurde plötzlich sehr ernst und ergriff erneut das Wort.

„Mein dringendes Schreiben von…“ Er hielt kurz inne und lächelte dünn. „…von vor 25 Jahren betrifft ein bedrohliches Schrumpfen der Leylinien unter dieser Stadt. Meistens sind es nur ein paar unruhige Yokai, die Unfug treiben. Wenn man die in den Griff bekommt, stabilisieren sich die magischen Flüsse für gewöhnlich wieder von selbst. Allerdings war es dieses Mal völlig anders. Die aufmüpfigen Yokai zu besiegen, war viel zu einfach. Fast hatte ich das Gefühl, sie waren froh, dass sie von mir besiegt wurden und in die tiefe magische Welt verschwinden durften. Irgendetwas hier in der Menschenwelt schien ihnen furchtbare Angst zu machen.“

Ami lehnte sich plötzlich vor, ihr analytischer Verstand lief auf Hochtouren.

„Und seit exakt zwei Monaten hat sich diese Situation massiv verschlimmert, stimmt’s?“

Der Kami, Ina-chan und Funny starrten Ami mit vor Staunen offenen Mündern an. Die Stille im Schrein war plötzlich absolut.

„Bei allen Geistern…“, flüsterte der Kami. „Woher weißt du das, Menschenkind? Und ja, es stimmt. Irgendetwas saugt die magischen Leylinien regelrecht auf. Wie ein schwarzes Loch. Und ich bin mittlerweile schlichtweg zu alt für eine Stabilisierung dieser Größenordnung.“

Er blickte zu Ina-chan, und viel Wehmut lag in seinen alten Augen.

„Meine Enkelin muss ihr Erbe als Schutzpatronin Tokyos sehr viel früher antreten, als ich es je gedacht hätte.“

Er strich dem kleinen Fuchsmädchen sanft über den Kopf.

„Aber sie ist noch so jung und unerfahren. Allerdings ist ihr Potenzial bereits jetzt gewaltiger, als meines es je gewesen ist.“

Er stoppte und straffte die Schultern.

„Doch bevor wir handeln können, müssen wir den Vertrag verlängern. Dazu müssen wir…“

Funny nickte feierlich, schob ihre Teeschale beiseite und nahm eine kerzengerade Haltung an.

„Ich bin bereit. Wir müssen die Zeremonie der fallenden Kirschblüten durchführen, die Vertragsrollen mit geweihtem Quellwasser segnen, die Ahnen anrufen und dann eine dreistündige Abschluss-Zeremonie im Mondlicht durchführen.“

Sie klang, als hätte sie die Protokolle auswendig gelernt (was sie tatsächlich hatte).

Der Kami kicherte. Es war ein trockenes, fast schon freches Kichern, das so gar nicht zu einem altehrwürdigen Gott passen wollte.

„Also, ich hätte jetzt gesagt, wir unterschreiben den Vertrag einfach neu… aber wenn du wirklich gerne die ganzen Zeremonien machen möchtest, hol ich schon mal die Trommeln raus.“

Ami prustete laut los und hielt sich den Bauch.

„Oh mein Gott, Funny! Ich glaube, das feenländische Protokoll ist wirklich noch im tiefsten Mittelalter gefangen!“

Funny lief leicht rosa an und stellte sich vor, wie Lily jetzt vermutlich vor Lachen auf dem Boden rollen würde.

Ina-chan lächelte nachsichtig. Sie kramte in den weiten Ärmeln ihres Kimonos und legte zwei schwere Pergamentrollen auf den niedrigen Tisch. Dann tauchte sie eine wunderschön schimmernde Pfauenfeder in ein goldenes Tintenfass, das wie von Geisterhand aus dem Nichts auf dem Tisch materialisiert war und unterzeichnete beide Rollen mit fließenden Zeichen.

Dann schob sie Funny das Pergament und die Feder hin. Funny schmunzelte, auch wenn sie als Diplomatin ob der völlig fehlenden Zeremonien noch ein wenig irritiert war. Sie griff nach der Feder und setzte ihre geschwungene, feenländische Unterschrift unter den Pakt.

Gerade als sie die Feder weglegen wollte, schob der Kami das Pergament ein Stück weiter zu Ami.

„Ami“, sagte er mit sanfter Bestimmtheit. „Als Bürgerin von Tokyo unterschreibst du nun als Zeugin für alle Einwohner dieser Stadt.“

Ami prallte erschrocken zurück.

„Ich?! Ich soll mal eben fast 14 Millionen Einwohner repräsentieren?!“

„Klar, wer denn sonst, wenn nicht du?“, fragte Ina-chan und legte den Kopf schief. „Du hast eine unglaubliche Affinität zur magischen Welt, lebst aber fest verwurzelt in der menschlichen Welt. Dein Verstand ist brillant. Du bist die perfekte Zeugin für diese Vereinbarung.“

Ami nickte langsam, immer noch völlig überrumpelt von der Verantwortung. Sie nahm die Feder – die sich in ihrer Hand seltsam warm anfühlte – und setzte ihren Namen unter die feenländischen und göttlichen Runen.

In dem Moment, als Amis Federstrich endete, klang ein tiefer, sanfter Glockenton durch den gesamten Schrein. Es war ein Ton, den man nicht nur hörte, sondern im ganzen Körper spürte.

Der Kami erhob sich langsam. Seine Stimme war nun nicht mehr die eines alten Mannes, sondern donnernd und feierlich: „Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten wurde bestätigt und verlängert. Ina-chan ist ab diesem Atemzug die Schutzgöttin von Edo.“

„Du meinst Tokyo, Opa!“, warf Ina-chan trocken und völlig unbeeindruckt von der Dramatik ein.

Der Kami grinste breit, die göttliche Strenge fiel sofort wieder von ihm ab. „Genau deshalb bist du meine Erbin. Mach’s gut, mein kleiner Schatz.“ Er sah sie voller Liebe an. „Wenn du mich brauchst… du weißt ja, wo du mich findest. Aber ich denke, bei modernen Problemen ist es ohnehin am einfachsten, Ami zu fragen.“

Die Ränder des alten Fuchsmannes begannen zu flimmern. Wie Asche im Wind, die von goldenem Licht durchflutet wurde, löste sich seine Gestalt langsam auf. Ina-chan schluckte schwer und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Funny rutschte sofort zu ihr hinüber und nahm das kleine Fuchsmädchen fest in den Arm.

„Er ist nicht weg, Ina-chan“, flüsterte die Blumenelfe tröstend. „Er genießt nur endlich seine wohlverdiente Rente in der Geisterwelt.“

Ina-chan drückte ihr Gesicht an Funnys Schulter und versuchte tapfer zu lächeln.

„Ich weiß es ja schon länger… aber jetzt war es doch irgendwie… sehr plötzlich.“

Ami rückte näher und betrachtete das kleine Mädchen, das nun die Verantwortung für eine der größten Städte der Welt trug.

„Bist du jetzt ganz allein hier in diesem riesigen Schrein?“

Eine einzelne, silberne Träne kullerte über Ina-chans Wange.

„Ja. Das ist das Los der Schutzgötter Tokyos. Sie wirken im Verborgenen. Allein.“

Ami sah Funny an. Die beiden Freundinnen wechselten nur einen einzigen Blick, aber sie verstanden sich blind. Ami wandte sich wieder an die kleine Göttin und ihre Stimme war voller praktischer Entschlossenheit: „Hör mal, wir haben doch hier ein gewaltiges Problem zu lösen. Was hältst du davon, wenn du bis zur Erledigung dieser ganzen Yokai-Sache einfach bei mir zu Hause einziehst? So ein Schrein ist doch langweilig. Bei mir lernst du uns moderne Menschen besser kennen, ich zeige dir das Internet und wir können am Küchentisch viel besser planen, wie wir Tokyos Magie stabilisieren.“

Ina-chan riss die Augen auf. Dann warf sie sich Ami so stürmisch um den Hals, dass die beiden regelrecht von den Kissen purzelten.

„Danke, Ami!“, schniefte sie glücklich. „Und ich hab schon gedacht, ich muss die ersten Nächte als Kami ganz alleine hier wohnen und mich vor den Schatten gruseln!“

Funny schmunzelte und strich über Ina-chans Fuchsohren. Am Ende war dieses Wesen zwar eine mächtige Schutzgöttin, gleichzeitig aber auch einfach nur ein kleines Mädchen. Und wer, ob Mensch, Elf oder Kami, lebte schon gerne allein, wenn es auch anders ging?

Fortsetzung folgt…

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