Lily stieß einen Seufzer aus, der so dramatisch war, dass drei der an die Wand gepinnten Pergamente am Schwarzen Brett der Gilde ins Flattern gerieten. Sie ließ den Kopf auf die Holzplatte des Tisches knallen.
„Katze entlaufen. Kräuter pflücken. Einen Händler eskortieren, der Kohlköpfe transportiert… Kohlköpfe, Fun-chan!“, jammerte sie und blies sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich bin eine hochdekorierte Kämpferin. Meine Naginata rostet! Wann dürfen wir endlich wieder einen sauberen Kampf abliefern?“
Funny, die gerade entspannt einen Pfefferminztee trank, streichelte Lilys Kopf.
„Tja, als Wächter dürfen wir nur A-Rang Aufträge und höher annehmen. Sieh es doch mal positiv, Li-chan. Keine epischen Aufträge bedeuten auch keine Weltuntergänge. Es ist doch schön, wenn zur Abwechslung mal nichts Schlimmes passiert.“
Die Aufträge am Aushang der Gilde waren in den letzten Wochen tatsächlich immer weniger geworden. Als Funny noch einmal einen Blick auf die untere, etwas staubige Kante des Brettes warf, fiel ihr ein Pergament auf, das ganz hinten hing. Es musste schon ewig dort hängen, verborgen unter den Schichten unzähliger „Finde mein Schaf“-Zettel.

Funny trat näher, zog den vergilbten Zettel ab und runzelte die Stirn.
„Das ist interessant…“
„Was? Ein Monster? Ein Dämon?“, Lily war sofort hellwach und sprang auf.
„Nein. Es sind Kanji. Japanische Schriftzeichen.“
Funny fuhr mit dem Finger über die kunstvollen, schwarzen Pinselstriche.
Magie war eine wunderbare Sache. Sie übersetzte gesprochene Worte mühelos durch reine Intention. Man verstand jeden, und jeder verstand einen. Aber geschriebene Sprache? Die war an Kultur, Geschichte und feste Zeichen gebunden. Dafür gab es keinen einfachen Zauber. Man musste sie lernen.
Dass Funny diese komplizierten Schriftzeichen überhaupt entziffern konnte, war eigentlich nur einem grandiosen logistischen Desaster zu verdanken.
Ihr gesamtes Reisegepäck hatte bei ihrem letzten Trip beschlossen, statt nach Tokyo lieber nach Südamerika zu fliegen. Und so saß Funny damals – eine echte Blumenelfe, die unter der Magie nichts weiter als ihren himmelblauen Bikini trug – völlig mittellos und allein auf einer harten Bank in der gigantischen Ankunftshalle des Flughafens Narita.
Für die normalen Menschenmassen war das kein Problem. Die Kompensationsmagie verrichtete treu ihren Dienst und hüllte Funny in die Illusion einer gewöhnlichen, wenn auch sehr erschöpften Touristin, die auf ihren Anschlussflug wartete. Niemand beachtete sie. Niemand sah die Flügel.
Niemand, außer Ami.
Ami, eine junge, brillante Medizinstudentin mit einem Herz aus purem Gold, war an jenem Tag durch die Halle geeilt. Als sie an Funnys Bank vorbeikam, war sie abrupt stehen geblieben. Sie hatte keine Illusion gesehen. Ami blinzelte nicht einmal verwirrt, als sie auf die zarten Feenflügel und den knappen blauen Bikini starrte. Offensichtlich hatte die junge Japanerin in ihrer Vergangenheit bereits ihre ganz eigenen Erfahrungen mit magischen Ereignissen gesammelt – junge Mädchen in knappen blauen Outfits, die magische Dinge taten, schienen Ami jedenfalls nicht im Geringsten aus der Ruhe zu bringen.
Statt schreiend wegzulaufen oder die Sicherheit zu rufen, hatte Ami die gestrandete Elfe ohne zu zögern bei sich aufgenommen. Aus dem anfänglichen Gepäck-Schlamassel war eine fantastische Woche im Neonlicht Tokyos geworden und aus der Retterin in der Not wurde schnell Funnys beste Freundin in der Menschenwelt.
Funny nahm den Auftrag an sich und die beiden kehrten zu Darin in ihr WG-Häuschen zurück.
„Schon wieder Japan?“, murmelte Lily und verschränkte die Arme.
Ein Anflug von Schmollen legte sich auf ihr Gesicht. Sie gönnte Funny diese Freundschaft von ganzem Herzen, aber tief in ihrem Inneren war sie ein klitzekleines bisschen eifersüchtig.

„Wirst Du jetzt diesem Computer-Mädchen schon wieder schreiben?“
Darin, der gerade an einem magisch-mechanischen Bauteil bastelte, rollte mit den Augen.
„Erinnere mich nicht daran. Ich habe extra eine magisch-digitale Schnittstelle mit einem Feenland-Uplink gebaut. Ihr könntet in Millisekunden E-Mails austauschen! Und was macht ihr? Ami schreibt auf gepresstem Baumzellstoff, und Funny schickt echte Tierhaut-Pergamente per Dimensions-Kurier. Völlig ineffizient.“
„Es ist romantisch, Darin!“, korrigierten ihn Funny und Lily ausnahmsweise synchron.
Funny widmete sich wieder dem Text. Ihre Augen weiteten sich.
„Das hier ist… ein Hilfegesuch. Ein formelles Dekret von einem alten Kami, einem Naturgeist aus einem versteckten Schrein in Tokyo. Er ist der Schutzgeist der Stadt. Er sorgt dafür, dass die magischen Energien im Gleichgewicht bleiben. Darin, er schreibt hier ernsthaft, dass dank ihm Godzilla nur als urbane Legende gilt, weil er ihn seit Jahrhunderten im Tiefschlaf hält!“
„Beeindruckend“, murmelte Darin und legte den Lötkolben weg.
„Aber was ist das Problem?“, drängte Lily.
„Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten“, übersetzte Funny langsam. „Ein uralter Pakt zwischen Feenland und den Geistern von Edo – dem heutigen Tokyo. Der Vertrag droht zu brechen, weil er bei uns in Vergessenheit geraten ist. Aber sie berufen sich auf ihn, denn eine neue, unnatürliche Bedrohung greift die Geisterwelt dort an. Der Kami ersucht um Hilfe!“
„Aber wieso ist so ein wichtiger Brief in der Gilde und am Auftragsaushang gelandet?“, fragte Darin nachdenklich.
Lily zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht war die damalige Postelfe noch in Ausbildung und hat den Palast und die Gilde verwechselt.“
Etwas später standen sie im Palast vor Kronprinzessin Aurelia. Funnys Eltern, der Fürst und Vienna, hatten sofort eine Audienz arrangiert, als sie von dem vergessenen Pakt hörten. Aurelia zögerte nicht. Sie ernannte Funny kurzerhand zur offiziellen „Botschafterin Feenlands“. Als Prinzessin des Elfentals war sie adlig, sie besaß das nötige Fingerspitzengefühl und sie sprach (und viel wichtiger, sie las) die Sprache. Die zeremonielle Vertragserneuerung lag bei Funny in guten Händen.
Zurück im WG-Häuschen war Lily bereits dabei, ihre Ausrüstung zu polieren.
„Okay! Ich packe Blend-Runen, Spreng-Siegel und extra scharfe Klingen ein! Wir werden diesen unnatürlichen Feind so schnell zu Sushi verarbeiten, dass der Kami…“

„Lily, halt“, unterbrach Funny sanft, aber bestimmt. „Du bleibst hier.“
Lilys Naginata entglitt ihren Händen und schepperte auf den Holzboden.
„Ich… was?!“
„Der Kami ist extrem traditionell“, erklärte Funny seufzend. „Ein bewaffneter Trupp – und seien es nur wir drei – würde als kriegerischer Akt und schwere Respektlosigkeit gewertet werden. Das würde den Pakt sofort zerstören. Es darf nur eine offizielle, Abgesandte der Kronprinzessin kommen. Ich muss allein gehen.“
Lily klappte den Mund auf und wieder zu. Doch dann dachte sie an das, was ihr Vienna erklärt hatte: Der Vertrag würde in einer stundenlangen Zeremonie erneuert werden. Jede Bewegung und jedes Wort folgten einem genauen Zeremoniell.
„Okay“, gab Lily zähneknirschend zu. „Ich würde wahrscheinlich nach zwanzig Minuten aufstehen, über den Teetisch stolpern und aus Versehen den Schrein anzünden.“
Sie seufzte.
„Aber ich mag es trotzdem nicht. Du ganz allein drüben bei… diesem Computer-Mädchen.“
Darin klopfte Lily auf die Schulter.
„Du bist nicht allein hier. Ich bleibe auch zurück. Aurelia hat mich beauftragt, ein transdimensionales Kommunikationssystem zur Krone aufzubauen, falls die Diplomatie scheitert. Wir halten hier gemeinsam die Stellung.“
Aber auch dieser Anflug von Eifersucht war vergessen, als sie sich von Funny verabschiedete.
Sie drückte Funny ganz fest an sich und flüsterte: „Pass gut auf Dich und auch auf Ami auf. Und komm gesund wieder heim!“
Zwei Tage später. Flughafen Narita, Tokyo. Funny spazierte völlig entspannt durch das Gate. Dank des Vorfalls beim letzten Mal hatte Darin ihr eine eigene magische Itembox gebastelt. Kein Koffer konnte mehr in Südamerika verschwinden, wenn man ihn in einer kleinen Taschendimension jederzeit aufrufbereit verfügbar hatte.
In der Ankunftshalle wurde sie bereits erwartet.
„Funny-chan!“
Ami, mit ihren kurzen dunkelblauen Haaren und einem strahlenden Lächeln, winkte wild. Funny rannte auf sie zu, und die beiden fielen sich in die Arme. Durch die Kompensationsmagie sah Funny für die restlichen Menschen am Flughafen wie eine normale, sehr elegante europäische Touristin aus. Für Ami jedoch war sie einfach ihre beste Freundin aus einer anderen Welt.

Die etwa 90 minütige Fahrt nach Azabu-Juban war ein ständiges Schnattern, Lachen und Austauschen von Neuigkeiten. Ami erzählte von ihrem anstrengenden Medizinstudium und Funny berichtete (unter Auslassung der wildesten Wächter-Geheimnisse) vom Alltag in Feenland und im Elfental im besonderen.
Der Tag klang schließlich in Amis gemütlichem, aber mit Büchern und Computern vollgestopftem Apartment aus. Und selbst als Funny schon im Bett lag, schnatterten die Mädchen fröhlich weiter. Sie kicherten gemeinsam über Lilys Eifersuchtsanfälle, die Funny bildhaft beschrieb.
Als das Licht dann doch irgendwann gelöscht war, lauschte Funny dem fernen, nie endenden Summen der Megametropole Tokyo. Sie lächelte in die Dunkelheit hinein. Es war wunderbar, wieder hier zu sein. Ami wusste noch nichts von dem Hilfegesuch des Kami und dem eigentlichen Grund ihrer Reise.
Morgen, dachte Funny, bevor sie in den Schlaf glitt. Morgen werde ich Ami alles über den Auftrag erzählen. Und dann retten wir Tokyo.


































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