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Samstag Morgen um halb 10

Es war ein lauer Freitagnachmittag an der Akademie von Civitas Aurelia. Das nahende Wochenende lag bereits wie ein spürbares Versprechen in der Luft. Die Sonne tauchte den Innenhof in ein goldenes Licht, das die zarte Haut der Blumenelfen streichelte.

Lily lag auf einer breiten Steinbank, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ihr knallroter Bikini leuchtete in der Sonne, und sie hatte die Augen genüsslich geschlossen. Darin saß im Schneidersitz auf dem Rasen daneben, sein unvermeidliches, weites T-Shirt flatterte leicht im Wind. Er war völlig in die Justierung eines kleinen, metallischen Zylinders vertieft, in den er winzige Runen ritzte.

Aus dem Nichts durchbrach Lily die idyllische Stille.

„Weißt du eigentlich“, fragte sie in den blauen Himmel hinein, ohne die Augen zu öffnen, „wohin Funny jeden Samstagvormittag verschwindet?“

Darin hielt in seiner Bewegung inne. Der Gravierstift in seiner Hand schwebte gefährlich nah über einer explosiven Feuerrune. Er blinzelte verwirrt und sah zu Lily hinauf.

„Was? Funny verschwindet?“

Lily schlug die Augen auf und fixierte ihn mit einem ungläubigen Blick. Dann stieß sie ein langes, dramatisches Seufzen aus.

„War ja wieder völlig klar, dass du, unser absoluter Tech-Nerd, von absolut gar nichts auch nur den leisesten Plan hast! Die Welt könnte untergehen, und du würdest dich beschweren, dass die Asche deine Zahnräder verklebt.“

Darin lief leicht rosa an, hob aber entschuldigend die Hände.

„Hey, Moment mal! Ich habe jeden Samstagvormittag das große Runenlabor ganz für mich allein. Favien lässt mich dort in Ruhe arbeiten. Woher beim großen Weltenbaum soll ich denn wissen, was ihr beide da treibt, während ich Magiespulen kalibriere?“

Lily schloss das Auge wieder und grinste selbstzufrieden in die Sonne.

„Naja, bei mir ist das ja nun wirklich kein Geheimnis…“

Darin schnaubte leise.

„Ja, bei dir ist das allgemein bekannt. Ich kann deine Wochenend-Routine wissenschaftlich belegen: Du schläfst tief und fest bis zur Mittagszeit. Und wenn dann nicht zufällig immer Miri, zusammen mit Lydia unser Lieblings-Catgirl, mit einer riesigen Kanne Kaffee an deinem Bett vorbeikommt und dich rettet, schläfst du nahtlos weiter bis zum Abendbrot!“

„Exakt!“, rief Lily und schnippte anerkennend mit den Fingern. „Eine absolut perfekte Existenz.“

Sie rollte sich auf die Seite und stützte den Kopf auf die Hand, um Darin direkt anzusehen.

Darin dachte kurz nach: „Wenn weder du noch ich überhaupt mitbekommen, dass Funny jeden Samstag in aller Herrgottsfrühe das Weite sucht… woher weiß du das dann?“

„Ich habe zufällig den Knilch Aris mal sagen hören, als er sich mit seinen hochnäsigen Freunden unterhalten hat…“

„Du hast ihn belauscht!“, warf Darin anklagend, aber mit einem amüsierten Unterton ein.

Lily setzte sich kerzengerade auf und tat empört.

„Ich verbitte mir diese Wortwahl! Ich habe ihn nicht belauscht. Ich habe lediglich in einem öffentlichen Raum meine überlegenen elfischen Sinne genutzt und feindliche Audiosignale strategisch geschickt abgehört! Das ist ein taktischer Vorteil!“

„Klar“, sagte Darin trocken. „Strategisch geschicktes Abhören. So nennt man das also heute, wenn man sich hinter einer Säule versteckt.“

„Wie auch immer!“, wischte Lily seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. „Fakt ist: Aris lässt sie anscheinend beschatten, oder er hat es zumindest versucht und sich darüber beschwert, dass sie in der Stadt verschwindet. Also, kluger Kopf, was machen wir nun mit unserer mysteriösen Fun-chan?“

Darin dachte einen Moment nach. Sein analytischer Verstand ratterte.

„Ganz logisch. Wir folgen ihr am Samstag. Heimlich. Wir decken das Geheimnis auf.“

Lily starrte ihn an, als wäre ihm gerade ein zweiter Kopf gewachsen.

„Äh… wie hast du dir das vorgestellt? Aus dem Bett heraus? Ich habe eine strikte Liege-Quote zu erfüllen!“

Darin rieb sich verlegen den Nacken.

„Hmmmm… da hast du recht. Und um ehrlich zu sein, ich habe da auch einen ziemlich langwierigen Versuchsaufbau mit magischen Kondensatoren am Laufen. Wenn ich den am Samstagmorgen unterbreche, fliegt mir wahrscheinlich das halbe Labor um die Ohren.“

Lily knabberte an ihrer Unterlippe.

„Sag mal… können wir ihr nicht einfach am Sonntag folgen? Sonntags will ich nämlich Lydias tolles Pfannkuchen-Frühstück nicht verpassen, da bin ich sowieso wach. Sonntag wäre strategisch viel besser.“

Darin sah sie vollkommen todernst an.

„Klar. Das ist ein hervorragender Plan, Lily. Ich gehe gleich zu Funny und frage sie, ob es ihr vielleicht genehm ist, ihr Verschwinden künftig erst am Sonntag zu erledigen, damit du ausschlafen kannst.“

„Wer soll erst am Sonntag verschwinden?“

Die melodische, sanfte Stimme kam direkt hinter ihnen. Lily zuckte so heftig zusammen, dass sie fast von der Steinbank kippte, und Darin ließ beinahe seinen Gravierstift fallen. Wie aus dem Licht geboren – was bei einer Blumenelfe gar nicht so weit hergeholt war – stand Funny plötzlich zwischen ihnen. Sie trug ihr ruhiges, wissendes Lächeln.

Lily, die im Improvisieren unschlagbar war, fing sich in Bruchteilen einer Sekunde.

„Du!“, sagte sie und zeigte anklagend auf Funny. „Du sollst erst am Sonntag verschwinden. Der Tech-Nerd und ich sind nämlich am Samstag mit extrem wichtigen, lebensverändernden Dingen beschäftigt…“

Funny verschränkte die Arme vor der Brust und grinste.

„Lass mich raten: Du mit Schlafen und Darin im Labor?“

Lily klappte der Mund auf. „Woher weißt du das?! Du bist samstags doch nie da!“

Funny brach in ein helles, fröhliches Lachen aus.

„Ach Lily. Dass meine liebste Freundin immer schläft, wenn keine Akademie ist, ist wirklich das am schlechtesten gehütete Geheimnis von ganz Feenland. Das weiß jeder.“

Sie drehte sich zu Darin um und ihr Lächeln wurde etwas breiter.

„Und dass Darin jeden Samstag im Runenlabor verschwindet, ist schon seit Wochen das Gesprächsthema Nummer eins auf den Fluren. Vor allem Professor Favien tönt überall lauthals herum, dass er schon sehr gespannt ist, was sein Lieblingsschüler dort Bahnbrechendes entwickelt.“

Darin erstarrte. Die Farbe in seinem Gesicht wechselte schlagartig von rosa zu einem leuchtenden Tomatenrot. Dass er – ausgerechnet er, der Unsichtbare! – das Gesprächsthema der ganzen Schule war, hatte er in seiner hermetisch abgeriegelten Nerd-Blase überhaupt nicht mitbekommen. Er sank stöhnend in sich zusammen.

Lily hielt sich den Bauch vor Lachen, als sie Darins leidendes Gesicht sah.

„Also“, sagte Funny und sah die beiden amüsiert an.

„Wenn ihr beide Hobby-Detektive wirklich wissen wollt, wo ich samstags hingehe, dann kommt doch einfach mit! Ich habe nämlich…“

„Stop! Stop! Stop!“, rief Lily hysterisch und ruderte wild mit den Händen in der Luft herum. „Spoiler-Pause! Verrat mir jetzt nichts! Wenn ich schon meinen heiligen Samstag aufgeben und in aller Herrgottsfrühe aufstehen muss, dann will ich auch die volle Überraschung erleben!“

Funny lachte leise.

„In Ordnung, keine Spoiler. Um 10 Uhr möchte ich in der Stadt sein. Kommt mit, wenn ihr meint, dass dieses schreckliche Geheimnis so wichtig ist. Seid einfach morgen früh um 9:45 Uhr am Akademie-Tor!“

Lilys Arme fielen schlaff herab. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Maske des reinsten Leids. Sie warf den Kopf in den Nacken und stöhnte laut auf.

„Dreiviertel Zehn?! Och nööööö! Funny, das ist doch mitten in der Nacht! Wer ist um diese Uhrzeit am Wochenende überhaupt schon am Leben?!“

Funny trat einen Schritt vor, beugte sich hinab und tätschelte Lily mit gespieltem Mitleid den Kopf, so wie man einen bockigen Welpen streichelt.

„Tja, Li-chan. Das ist das harte Leben einer Detektivin. Das musst du jetzt selbst entscheiden: Deine brennende Neugier befriedigen… oder schlafen.“

Mit einem fröhlichen Zwinkern drehte sich Funny um und ließ ihre beiden völlig überrumpelten Freunde im sonnigen Innenhof zurück. Lily starrte ihr entsetzt nach, während Darin immer noch versuchte, den Schock zu verdauen, dass Professor Favien ihn zur Schul-Berühmtheit gemacht hatte.

***

Es war Samstagmorgen, exakt 9:30 Uhr, in den Wohnquartieren der Akademie. Vor der massiven Holztür zu Lilys Zimmer stand Miri, das junges Dienstmädchen aus der Kantine mit flauschigen Katzen-Ohren und einem langen Schwanz, der amüsiert hin und her zuckte. In den Händen balancierte sie ein Tablett mit einer dampfenden, überdimensionalen Kanne Kaffee und einer großen Tasse.

Sie klopfte vorsichtig an. Nichts. Sie lauschte an den Holzbohlen. Plötzlich gab es drinnen einen lauten, dumpfen RUMMS, als wäre ein mittelschwerer Troll aus dem Bett gefallen. Dann wieder absolute Stille.

Miri grinste, hob die freie Hand und klopfte ein zweites Mal, diesmal etwas energischer. Einen Moment später wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen. Im Türrahmen stand eine völlig zerzauste Lily. Ihr feuerrotes Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab, ihre Augen waren nur schmale Schlitze, und in der rechten Hand hielt sie, noch völlig desorientiert, ihr knallrotes Bikini-Oberteil. Als Blumenelfe und Lichtwesen kannte sie keine Kälte, doch die Zivilisation von Civitas Aurelia verlangte zumindest ein Minimum an Bekleidung.

Miri kicherte hell auf und schob die schlaftrunkene Elfe mit sanftem Druck wieder zurück ins Zimmer.

„Hier, trink das erst einmal, das macht dich munter“, zwitscherte das Katzenmädchen fröhlich und stellte das Tablett ab. „Und wenn der Nebel sich lichtet, merkst du vielleicht auch, was du da gerade vergessen hast anzuziehen.“

Lily blinzelte verwirrt, nickte langsam und ließ sich auf die Bettkante plumpsen. Miri goss die erste Tasse ein. Der Duft von tiefschwarzem, starkem Kaffee füllte den Raum. Lily griff nach der Tasse wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring im stürmischen Ozean.

Miri schaute gebannt auf Lilys rechte Hand, aus der immer noch das rote Stück Stoff baumelte. Sie hob die Finger und zählte mit einem schelmischen Grinsen rückwärts: „Drei… zwei… eins…“

Der erste Schluck Koffein erreichte Lilys Gehirn. Sie sah an sich herab, riss die Augen auf und quiekte erschrocken auf. In Nullkommanix, mit einer fließenden Bewegung, die fast zu schnell für das Auge war, legte sie das Bikini-Oberteil an. Dann schüttelte sie den Kopf. Wie von Zauberhand fiel ihre wilde, feuerrote Mähne glatt und perfekt geordnet über ihre Schultern.

Miri lächelte zufrieden.

„So ist’s brav. Noch eine Tasse von dem Lebenselixier und dann Abmarsch! Fina müsste in der Zwischenzeit Darin aus seinem Labor gekratzt haben…“


Währenddessen, im Runen-Turm in einem der abgedunkelten Labore.

Darin, der am Vortag noch weise vorausschauend Miri gebeten hatte, Lily pünktlich aus den Federn zu holen, war selbst schon vor Sonnenaufgang in sein Element abgetaucht. Er stand vor einem komplexen Versuchsaufbau. Blaue Runen schwebten flirrend in der Luft, während er an einem metallischen Zylinder Parameter feinjustierte und magische Fluktuationen künstlich verzögerte. Er war so tief in die Matrix aus Magie und Technik versunken, dass die reale Welt für ihn aufgehört hatte zu existieren.

Ein lautes, rhythmisches Klopfen an der schweren Eisentür des Labors riss ihn schlagartig aus seiner Trance. Fina, ein Fuchsmädchen, stand vor der Tür – genau wie Lily es am Vortag für den absoluten Notfall bestellt hatte. Die Freunde wussten halt, wo die Schwächen des jeweils anderen waren.

„Gleich! Nur noch eine Sekunde, gleich, gleich, gleich!“, rief Darin hastig und versuchte, eine instabile Manaspule mit dem Schraubenzieher zu fixieren.

„Darin“, rief Fina durch den Türspalt, „es ist gleich halb zehn! Funny und Lily warten schon am Haupttor auf dich!“

Darin erstarrte. Der Schraubenzieher entglitt beinahe seinen Fingern. Lily war vor ihm marschbereit?! Das verstieß gegen alle Naturgesetze! In Windeseile fixierte er die fluktuierenden Spulen. Mit einer schnellen Handbewegung und einer gemurmelten Formel zog er ein bläulich schimmerndes Stasis-Feld über die kritischsten seiner Experimente. Die Zeit innerhalb der magischen Glocke fror augenblicklich ein. Nur zehn Minuten später stand er, das weite T-Shirt hastig glattgezogen, an der Tür.

Fina lächelte breit und klatschte in die Hände.

„Los, los, los, tapferer Abenteurer!“

Darin erwiderte das Grinsen.

„Alles klar. Lily habe ich deinen Erinnerungsservice zu verdanken?“

Fina nickte eifrig.

„Miri müsste sie pünktlich wachbekommen haben. Aber jetzt mach hinne! Du hast noch exakt fünf Minuten bis zum Tor!“

Darin spurtete los. Fina sah ihm mit einem liebevollen Lächeln hinterher. Die drei von „Adiuva et Protege“ waren beim Personal, insbesondere bei den Tiermenschen, außerordentlich beliebt. Obwohl an der Akademie gepredigt wurde, dass bei wahren Abenteurern Adel und Abstammung keine Rolle spielten – einem wütenden Troll war schließlich egal, welch blauen Blutes der Schädel war, den er gerade einschlug – war arroganter Standesdünkel an der Tagesordnung. Viele Elfen und Adlige sahen auf die Tiermenschen herab. Funny, Lily und Darin jedoch interessierten sich null für diese primitiven Machtspielchen. Sie halfen dem Personal, behandelten sie mit Respekt und ergriffen ihre Partei bei Streitigkeiten. Die Tiermenschen von Civitas Aurelia liebten sie dafür abgöttisch.


Völlig außer Atem und leicht keuchend kamen Lily und Darin gleichzeitig am großen schmiedeeisernen Haupttor an. Funny lehnte bereits entspannt gegen das Mauerwerk, die Sonne ließ ihr blaues Haar leuchten.

„Na, seid ihr dann auch mal wach?“, schmunzelte Funny. „Dann lasst uns losgehen.“

Die drei schlugen den Weg in das Gewirr aus verwinkelten Gassen und kopfsteingepflasterten Straßen von Civitas Aurelia ein. Nach einigen Minuten passierten sie die „Schnurrende Katze“, Lydias gemütliche Herberge, aus der bereits der verlockende Duft von Bratkartoffeln drang.

Lily blieb abrupt stehen und schnüffelte. Sie fragte betont beiläufig: „Ist unser geheimes Ziel eigentlich noch weit? Sind wir bald da? Und vor allem: Können wir danach bei Lydia Mittag essen?“

Funny kicherte hinter vorgehaltener Hand.

„Nein. Ja. Und ja. Ich habe gestern Abend schon bei Lydia unseren Lieblingstisch reserviert.“

Lilys Gesicht leuchtete auf, als hätte jemand eine Sonne in ihr angeknipst. Sie umarmte Funny stürmisch.

„Du bist die absolut Beste, Fun-chan!“

Und tatsächlich, nicht einmal eine Gasse weiter, verborgen zwischen einer lautstarken Schmiede und einem Teeladen, blieb Funny vor einem völlig unscheinbaren, schmalen Gebäude stehen. Das verstaubte Schaufenster gab den Blick auf gestapelte Zauberbücher, Talismane, gravierte Runenplättchen und geheimnisvoll leuchtende Kristalle frei.

Lily starrte auf das Schaufenster, als hätte Funny sie gerade verraten. Sie schnaufte empört.

„Du hast uns um zehn Uhr morgens aus dem Bett geholt… für einen BUCHLADEN?! Einen verdammten Buchladen?!“

Darin hingegen drückte sich bereits die Nase an der Scheibe platt. Seine Augen waren tellergroß.

„Wahnsinn… reines Runen-Zubehör. Silberstaub, Gravur-Nadeln aus Drachenknochen… Wie hast du diesen Ort überhaupt gefunden, Funny?“

„Zum Beginn des Trimesters bin ich einem Drachen gefolgt…“, antwortete Funny schulterzuckend.

„EINEM DRACHEN?!“, rief Lily, nun doch etwas interessierter.

Funny lachte hell auf.

„Ja, einem Drachen auf Papier. Bei Lydia an der Theke lag ein kleiner Flyer, der hierher führte. Der Laden heißt ‚Ollis Drachenstube‘. Ich dachte mir, vielleicht finde ich hier etwas Besonderes für deinen Geburtstag, Lily.“

Lilys Augen weiteten sich vor Erkenntnis.

„Ah! Der magische Drachenring für meine Naginata! Der Ring, der die Klinge komplett unzerstörbar gegen Hitze und Feuer macht!“

„Genau der“, lächelte Funny.

„Kommt schon, rein da“, drängelte Darin ungeduldig. „Ich muss wissen, was es da hinten für Runenkreide gibt.“

Er drückte die schwere Holztür auf. Statt einer normalen Glocke kündigte ein magisches Windspiel, das wie das ferne Brüllen kleiner Drachen klang, ihr Eintreten an. Im Inneren roch es nach altem Pergament, Ozon und exotischen Kräutern.

Aus der staubigen Tiefe des Ladens rief eine tiefe, brummende Stimme: „Fräulein Funny! Das Übliche wie jeden Samstag?“

Funny trat ein und kicherte.

„Ja, bitte! Den Bergkräutertee aus dem südlichen Gebirge. Aber heute drei Tassen, bitte. Ich habe meine Freunde mitgebracht.“

Aus dem Halbdunkel kam ein bestätigendes Grunzen.

Funny führte die beiden zu einer kleinen, gemütlichen Nische, wo sie für gewöhnlich saß, ihren Tee trank und in Ruhe historische Zauberbücher wälzte. Darin warf nicht einmal einen Blick auf die Sessel, sondern steuerte wie ferngesteuert direkt auf das Regal mit den Runen-Komponenten zu.

Lily schaute sich eher gelangweilt als interessiert um.

„Drachen. Ich will Drachen sehen.“

„Hinten, letztes Regal, dritte Reihe links“, grollte plötzlich die tiefe Stimme direkt aus der Dunkelheit hinter ihr. Lily zuckte zusammen und drehte sich um. Außer Funny, die sich gerade setzte, und Darin, der ein Stück magische Kreide analysierte, war niemand zu sehen. Sie zuckte mit den Schultern und schlenderte zu dem angesprochenen Regal.

Und tatsächlich: Da standen sie. Die Drachenbücher. Prächtige Bildbände über Feuerwyrmer, uralte Folianten mit Schuppen-Einband und dicke Lexika über noch ältere Magie. Und direkt daneben, in hübsch verzierten Holzkisten, lagen kleine, knochenartige Gebilde.

Drachenleckerlis.

Lily kicherte, griff nach einer kleinen Schachtel und schüttelte sie.

„Perfekt. Fürs nächste Mal, wenn wir zufällig ins Drachental spazieren.“

„Eine exzellente Wahl, junges Fräulein.“

Lily wirbelte erschrocken herum. An der massiven Eichenkasse stand plötzlich ein Mann. Er war ein absoluter Schrank von einem Kerl, fast zwei Meter groß, mit breiten Schultern, einem wettergegerbten Gesicht und Armen wie Baumstämme.

Funny, die entspannt an ihrem Tisch saß, kicherte leise. „Das ist Olli. Ihm gehört dieser Laden. Er ist zwar fast nur in seinem Lager hinten, weiß aber dank seiner Spürzauber immer haargenau, was in seinem Laden vor sich geht. Ehemaliger Abenteurer, B-Rang. Ein absoluter Drachen- und Runenspezialist. Er weiß meistens, was ich haben will, bevor ich überhaupt den Mund aufmache.“

Aus den Tiefen des Ladens ertönte Darins trockene Stimme, gedämpft von einem Regal voller Kristallkugeln: „Um fair zu sein, Olli: Bei Funny ist das auch wirklich extrem offensichtlich. Zaubertränke, Abenteuergeschichten und historische Magie. Die statistische Wahrscheinlichkeit, bei ihr das Richtige zu treffen, liegt bei fast 33 Prozent.“

Lily grinste breit.

„Ja, Fun-chan. Dich kann man wirklich lesen wie ein offenes Buch. Also… das könnte ich, wenn ich gelegentlich Bücher lesen würde.“

Sie setzte sich zu Funny an den kleinen Holztisch, auf dem Olli bereits dampfende Tassen platziert hatte. Lily hob die Tasse an die Lippen. Der Tee hatte ihre Zunge noch nicht einmal berührt, da stieg ihr der ätherische Duft in die Nase. Sofort hatte sie das Gefühl, mitten in den eisigen, zerklüfteten Tälern des südlichen Gebirges zu stehen, den kalten Wind im Haar und den Geruch seltener Alpenkräuter in der Lunge.

„Wahnsinn!“, japste Lily und riss die Augen auf. „Das ist mal ein Tee!“

Olli, der sich an ein Regal lehnte, lächelte stolz, doch sein Blick war ernst.

„Danke. Es wird leider immer schwerer, diese Kräuter zu beschaffen. Jetzt, wo die Monster aus den tiefen Höhlen viel stärker und aggressiver ins Vorland strömen, wird die Ernte zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.“

Funny setzte ihre Tasse ab, ihr Gesicht wurde nachdenklich.

„Lydia hat mir erzählt, dass Kaelan persönlich an der Sache dran ist. Aber sie haben wohl noch keine konkrete Spur, warum diese Wanderungen der Monster gerade jetzt so massiv zunehmen.“

Olli seufzte tief und strich sich über den dichten Bart. „Es braut sich etwas zusammen. Aber Funny… wo wir gerade von unerklärlichen Dingen sprechen. Darf ich dich und deine Freunde vielleicht um einen kleinen, aber dringenden Gefallen bitten? Bei mir im Laden verschwinden seit Tagen auf völlig unerklärliche Weise wertvolle Bücher…“

Noch bevor Funny antworten konnte, erklang Darins Stimme aus dem hintersten, dunkelsten Winkel des Ladens. Er klang plötzlich nicht mehr wie der schüchterne Nerd, sondern fokussiert und analytisch. „Leute? Ich habe hier eine stark fluktuierende Magie-Signatur. Olli, wussten Sie, dass unter diesem Regal ein Teleportkreis verborgen ist? Er ist beschädigt, aber ich könnte ihn mit ein paar Runen-Brücken rekonstruieren. Ich weiß allerdings nicht, wo er hinführt.“

Lilys Langeweile verflüchtigte sich im Bruchteil einer Sekunde. Ihre Augen blitzten gefährlich auf. Sie sprang aus dem Sessel, vollführte eine präzise Handbewegung – ihr geistiger Zugriff auf die Itembox, die Darin bei sich trug – und mit einem metallischen Surren materialisierte sich ihre gewaltige Naginata in ihren Händen. Die scharfe Klinge fing das spärliche Licht des Ladens ein.

Sie schwang die Waffe einmal testend durch die Luft und grinste kampflustig.

„Worauf warten wir dann noch? Hiebe für Diebe!“

Funny kicherte, stellte ihre Teetasse ordentlich ab und stand ebenfalls auf.

„Darin, rekonstruier den Kreis. Lasst uns losgehen.“

Funny und Lily traten zu Darin, der bereits mit magischer Kreide fehlende Linien auf dem Holzboden ergänzte. Plötzlich surrte die Luft. Ein leuchtender Kreis aus alten, glühenden Runen baute sich pulsierend um ihre Füße herum auf. Das Surren wurde zu einem hohen Pfeifen, das Licht flammte blendend hell auf – und mit einem leisen Plopp verschwanden die drei Freunde.

Olli blieb allein in seinem Laden zurück, nahm Funnys leere Teetasse und murmelte in die plötzliche Stille: „Viel Glück, Adiuva et Protege. Ihr werdet es brauchen.“

***

Das Gefühl der Teleportation war stets dasselbe: Ein kurzer Moment der völligen Schwerelosigkeit, gefolgt vom Gefühl, durch ein enges, eiskaltes Rohr gesaugt zu werden. Dann schlugen ihre Füße auf weichem, feuchtem Boden auf.

Es war dunkel. Sehr dunkel. Die massiven, uralten Stämme des Waldes, in dem sie gelandet waren, ragten wie steinerne Säulen in die Höhe. Ihre dichten, fast schwarzen Blätterkronen waren so undurchdringlich miteinander verwoben, dass selbst das hellste Tageslicht es schwer hatte, den Waldboden zu erreichen. Es roch nach modrigem Laub, feuchter Erde und… noch etwas anderem. Etwas Fauligem.

Darin reagierte instinktiv. Kaum hatten sich ihre Körper vollständig materialisiert, zog er ein bleigraues Runenplättchen aus seiner Itembox heraus und schleuderte es auf den Boden. Ein leises Zischen ertönte, und augenblicklich legte sich eine schimmernde, unsichtbare Kuppel über die drei Freunde. Sie waren nun vor den Augen und Nasen all derer verborgen, die hier lauern mochten.

Und es war keine Sekunde zu früh. Es knackte. Erst leise, tief im Unterholz links von ihnen, dann etwas lauter von rechts. Das Geräusch von klackenden Krallen auf feuchtem Holz erklang.

Dann sahen sie sie. Aus den Schatten schälten sich Dutzende groteske Gestalten.

„Orkkrähen“, flüsterte Darin und verzog angewidert das Gesicht.

Es waren abstoßende Kreaturen. Sie besaßen die gedrungenen, muskulösen und glitschig-grünen Körper kleiner Orks, doch anstelle von Köpfen saßen ihnen riesige, aschgraue Krähenschädel auf den Schultern, deren Schnäbel bedrohlich klapperten. Aus ihren Rücken wuchsen pechschwarze Krähenflügel, die allerdings so zerfetzt, verkrüppelt und löchrig waren, dass diese Missgeburten der Natur die Fähigkeit zum Fliegen entweder längst verloren hatten oder nie besaßen.

Unter dem Schutz von Darins Unsichtbarkeits- und Geruchsbann folgten die drei Freunde dem abstoßenden Schwarm in sicherem Abstand. Langsam, Schritt für Schritt, lichtete sich der erdrückende Wald, bis sie an den Rand einer beinahe surreal idyllischen Lichtung traten.

In der Mitte der Senke plätscherte ein kristallklarer Bach, der in einen kleinen, silbernen See mündete. Doch das Verwunderlichste war das Gebäude, das dort stand. Es bot einen absoluten, fast schon schmerzhaften Kontrast zum dunklen, verwitterten Albtraumwald: Ein kleines, zweistöckiges Häuschen, so bunt, rund und seltsam knuffig, dass es wirkte, als wäre es geradewegs aus einem Märchenbuch für Kleinkinder gefallen. Die Fensterläden waren herzförmig, das Dach schimmerte in sanften Pastellfarben und der Schornstein hatte eine leichte Schieflage.

Lily, die – wenn man ihre sonstige Vorliebe für tödliche Klingen, brachiale Gewalt und feuerspeiende Drachen bedachte – eine sehr seltsame Schwäche für niedliche, fluffige und bunte Dinge besaß, riss die Augen auf.

„Ohhh… wie süüüüß!“, quietschte sie und wollte begeistert aus der Deckung stürzen.

Sowohl Funny als auch Darin packten sie links und rechts an den Schultern und rissen sie gerade noch rechtzeitig in den Bannkreis zurück.

„Bist du wahnsinnig?“, zischte Darin. „Schau doch hin!“

Die Orkkrähen hatten sich im Kreis um das niedliche Häuschen postiert. Begleitet von heiserem Krächzen und gutturalem Grunzen begannen sie, das Gebäude mit allem zu bewerfen, was der Waldboden hergab: Schwere Steine, fauliger Dreck, scharfkantige Äste und stinkender Unrat prasselten auf die bunte Fassade ein. Doch das Haus wehrte sich. Wann immer ein Stein einen herzförmigen Fensterladen zerschmetterte oder Dreck die pastellfarbene Wand beschmutzte, leuchtete die Stelle kurz auf, und das Haus reparierte und reinigte sich wie durch Zauberei von selbst.

Doch die drei Beobachter erkannten schnell das Problem. Je länger dieser asymmetrische Belagerungskrieg andauerte, desto langsamer erfolgten die Reparaturen. Das Aufleuchten wurde schwächer.

Darin, der die gesamte Zeit über einen feinen, goldenen Magiesensor, der wie ein Monokel vor seinem Auge schwebte, auf das Haus gerichtet hatte, flüsterte besorgt: „Die Aura der Magie nimmt rapide ab. Langsamere Reparaturen bedeuten, dass weniger Magie-Aufwand betrieben werden kann. Ich glaube, der geheimnisvolle Eigentümer dieses kleinen Wunders ist absolut an die Grenzen seiner Reserven gekommen. Wenn das so weitergeht, bricht der Schutz in wenigen Minuten zusammen.“

Er sah zu Funny.

„Wollen wir eingreifen?“

Funny knabberte nachdenklich an ihrer Unterlippe.

„Es ist heikel. Normalerweise lautet die eiserne Regel der Gilde, dass Außenstehende niemals ungefragt in einen Konflikt Dritter eingreifen sollten. Man weiß in der Wildnis nie genau, wer wirklich der Schuldige und wer der Unschuldige ist…“

Lily riss sich empört aus ihrem Griff los.

„Hallo?!“, zischte sie wütend. „Machst du Witze, Funny? Wer so ein unfassbar knuffiges, herziges Haus baut, kann einfach nicht böse sein! Das ist ein ungeschriebenes Naturgesetz!“

Darin seufzte.

„Ausnahmsweise würde ich mich Lilys eher unwissenschaftlicher Logik anschließen. Der Angegriffene verteidigt sich ausschließlich passiv. Die Magie wehrt nur ab, er fügt den Krähen keinerlei Schaden zu. Und wir wissen, was Orkkrähen sind: Eine absolute Landplage. Sie fallen gerne wie Heuschrecken über abgelegene Höfe her. Sie töten selten, aber sie plündern alles. Und nicht wenige Höfe müssen danach für immer aufgegeben werden, weil diese Übelkrähen mit ihrem Unrat das Land verseuchen und den Boden oft auf Jahre hinweg unbebaubar machen.“

Lily zog ein teuflisches Grinsen auf und ließ ihre Knöchel knacken.

„Dann ist die Sache ja wohl klar. Auf sie mit Gebrüll!“

Sprach’s und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, stürzte die rothaarige Elfe aus dem schützenden Bannkreis heraus und rannte, einen markerschütternden Kampfschrei ausstoßend, geradewegs in die Mitte der angreifenden Orkkrähen.

Funny und Darin warfen sich nur einen kurzen, resignierten Blick zu.

„So viel zur taktischen Planung“, murmelte Darin.

„Immerhin ist sie enthusiastisch“, erwiderte Funny lächelnd.

Dann stürzten auch sie los. Das Training der Akademie und ihre monatelange Erfahrung als Gruppe zahlten sich aus. Es bedurfte keiner Worte, keiner Absprache. Sie fielen in einen Rhythmus, der so natürlich war wie das Atmen. Lily fungierte als rasender, roter Wirbelwind in der Mitte. Ihre Naginata schnitt durch die feige Masse, dass schwarze Federn wie Schnee durch die Luft wirbelten. Funny flankierte sie auf der linken Seite. Mit atemberaubender Geschwindigkeit ließ sie ihre leuchtenden Energiedolche fliegen, die jede Orkkrähe aufspießten, die versuchte, Lily in den Rücken zu fallen. Darin mit seiner schweren Doppelaxt deckte Lilys rechte Seite. Jeder Hieb seiner Waffe, verstärkt durch feine, aufglühende Runen, warf die Kreaturen meterweit durch die Luft.

Die Orkkrähen, von Natur aus feige Opportunisten, stoben bei dem überraschenden Angriff panisch kreischend auseinander. Als sie jedoch erkannten, dass die Angreifer „nur“ drei leicht bekleidete Blumenelfen waren, formierten sie sich neu und dachten, aufgrund ihrer schieren Überzahl Widerstand leisten zu können.

Ein fataler Fehler. Was sind schon ein paar Dutzend marodierende, halb verhungerte Orkkrähen gegen einen perfekt abgestimmten Bilderbuchangriff von Adiuva et Protege? Lily mähte die Vögel mit brutaler Effizienz nieder. Wer nicht schnell genug in den Wald humpelte, fiel. Nach nicht einmal zehn Minuten intensiven Kampfes regte sich auf der Lichtung nichts mehr, abgesehen vom sanften Plätschern des Bachs. Die überlebenden Orkkrähen waren winselnd in die Dunkelheit des Waldes geflohen.

Die drei Freunde ließen ihre Waffen verschwinden und gingen vorsichtig auf das niedliche Haus zu.

Lily hob bereits den Fuß, um die herzförmige Tür standesgemäß mit einem Tritt aufzustoßen. Doch Funny griff ihr sanft an den Arm und zog sie zurück.

„Lily. Manieren. Wir klopfen höflich an!“

Funny trat vor und klopfte behutsam an das Holz. Zu ihrer Überraschung schwang die Tür sofort lautlos auf. Das Haus war innen, falls das überhaupt möglich war, noch bunter und runder als von außen. Es gab keine Ecken. Die Wände flossen in sanften Bögen ineinander über. Doch der Blickfang war ein anderer: In der Mitte der runden Eingangshalle saß auf einem übergroßen, flauschigen Sessel eine kleine, sichtlich entkräftete Gestalt. Sie trug eine viel zu große Brille und hatte einen langen, flauschigen und weich wirkenden Körper, der stark an eine übergroße Raupe erinnerte.

„Ein Bücherwurm?“, fragte Funny, und ihre Augenbrauen wanderten nach oben. Sie erkannte sofort, womit sie es hier zu tun hatten.

Lily stemmte die Hände in die Hüften und schnaubte.

„Also, dazu braucht man nun wirklich keine Akademie-Ausbildung, um das zu wissen.“

Sie machte eine weite Geste durch den Raum. Überall – in der Halle, in den angrenzenden runden Zimmern, auf Treppenstufen und Fensterbänken – türmten sich gigantische Stapel von Büchern.

Darin nickte langsam.

„Ich glaube, wir haben Ollis mysteriösen Bücherdieb gefunden…“

Plötzlich ließ der Bücherwurm ein schwaches, herzzerreißendes Stöhnen hören. Seine Gestalt begann heftig zu flackern und wurde für einen Moment fast komplett durchsichtig, als würde er sich auflösen.

„Bücher…“, wisperte er schwach. „Ich brauche… Bücher…“

Funny reagierte sofort. Mit einem kurzen mentalen Befehl an Darins Itembox materialisierte sie ein dickes, in Leder gebundenes Buch in ihrer Hand. Darin blinzelte.

„Die Kinder des Kapitän Grant? Wirklich?“

Funny lächelte entschuldigend.

„Ein absolut tolles Buch. Ich habe es schon siebenmal gelesen, es kann also weg.“

Sie trat an den Sessel heran und legte das Buch sanft in die zittrigen Händchen des Wurms. Was dann passierte, ließ selbst die ungeduldige Lily staunen. In einer rasenden, fast schon absurden Geschwindigkeit schlug der Wurm das Buch auf. Seine Augen huschten über die Seiten, so schnell, dass sie nur ein unscharfer Fleck waren. Er blätterte nicht, er schien den Text förmlich in sich hineinzusaugen. Und je weiter er las, desto stärker nahmen seine Konturen wieder Gestalt an. Die durchsichtige Blässe verschwand und eine gesunde Farbe kehrte in seinen Körper zurück.

Als er die letzte Seite erreicht hatte, schlug er das Buch mit einem befriedigten Seufzen zu und legte es sorgfältig auf einen der kleineren Stapel neben sich.

„D-Danke!“, hauchte er mit einer hellen, glockenklaren Stimme. „Das war köstlich. Ein bisschen salzig wegen des Meeres-Themas, aber sehr nahrhaft.“

Darin verschränkte die Arme und zeigte auf die gigantischen Türme aus Papier.

„Sind das alles Bücher aus Ollis Drachenladen?“

Der Bücherwurm rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her, schaute beschämt auf den Boden und nickte langsam.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht stehlen. Aber ich brauche Bücher zum Überleben! Meine Spezies ernährt sich ausschließlich durch das Lesen. Das Problem ist… ich kann jedes Buch nur ein einziges Mal lesen. Wenn ich denselben Text erneut lese, extrahiere ich keine Energie mehr und bleibe hungrig.“

„Und warum verdammt noch mal kaufst du die Bücher nicht einfach, wie jeder normale Mensch oder Elf?“, fragte Lily mit ihrer üblichen direkten Art.

Funny antwortete an seiner Stelle, ihre Stimme war weich und verständnisvoll.

„Weil Bücher, Lily, nur in der Welt der Menschen preiswert sind. Magische Bücher und historische Folianten hier in Feenland kosten teilweise ein echtes Vermögen. Was glaubst du denn, warum ich jeden verdammten Samstag zu Olli gehe und stundenlang dort lese? So viel Taschengeld bekomme ich von meinem Herrn Papa aus dem Elfental nun auch nicht, dass ich mir die alle leisten könnte, um meine Bibliothek zu füllen.“

Der Bücherwurm riss den Kopf hoch, seine großen Augen hinter der Brille funkelten.

„Ach?! DU ernährst dich auch von Büchern? Dann geht es dir exakt wie mir! Verstehst du das Leid? Einmal gelesen, hat man den gesamten Inhalt in magische Energie verwandelt, und dann ist das Buch wertlos für einen!“

Funny lachte hell und herzlich.

„Nein, nein, mein kleiner Freund. Ich brauche die Bücher nicht wegen der Magie zu lesen. Ich lese sie, weil mir das Lesen einfach unglaublichen Spaß macht! Es entführt mich in andere Welten.“

Lily, die beim bloßen Wort „Lesen“ bereits begann, das Gewicht ihres Kopfes in ihrer Hand abzustützen, weil ihr chronisch langweilig wurde, mischte sich lautstark ein.

„Okay, stoppt mal diesen Buch-Nerd-Talk! Warum machst du es nicht einfach wie Funny? Geh zu Olli in den Laden, setz dich in seine super gemütliche Lese-Ecke, friss – ich meine, lies – ein Buch vor Ort und trink dazu einen seiner leckeren Tees? Das kostet dich höchstens ein paar läppische Kupferlinge!“

Der Bücherwurm blinzelte Lily an, völlig perplex.

„Das… das geht? Darf man das?“

„Klar!“, bestätigte Funny sofort. „Das mache ich doch, wie gesagt, jede Woche so. Olli ist ein herzensguter Mann. Er liebt es, wenn man seine Bücher mit Leidenschaft liest. Er sagt immer: ‚Bücher müssen für alle Wesen erschwinglich sein. Wer sich keines kaufen kann, soll es trotzdem lesen dürfen.‘ Das ist genau das gleiche Prinzip wie bei der Großen Bibliothek im Elfental. Die steht auch allen Einwohnern offen!“

Darin, der gedanklich bereits den Inventarplatz in der Itembox berechnete, fasste zusammen: „Okay. Wenn das so ist, brauchst du all diese gestohlenen Bücher hier eigentlich gar nicht?“

Das kleine, grüne Würmchen schüttelte heftig den Kopf.

„Sehr gut“, sagte Darin pragmatisch. „Dann packen wir die jetzt alle feinsäuberlich ein und kehren zu Olli zurück. Und du kommst mit. Wie heißt du eigentlich?“

Der Bücherwurm rückte seine Brille zurecht.

„Ich bin Floh.“

Lily konnte sich ein lautes, prustendes Kichern nicht verkneifen.

„Ein Bücherwurm, der Floh heißt. Das kann man sich nicht ausdenken.“

Darin ignorierte sie und lächelte Floh aufmunternd an. „Also, Floh. Du kommst mit, stehst wie ein Elf – oder eben wie ein Wurm – dazu und entschuldigst dich aufrichtig bei Olli. Wir geben ihm alle Bücher unversehrt zurück. Und dann vereinbarst du mit ihm feste Termine, wo du zu ihm kommen kannst, um in Ruhe zu lesen.“

Floh nickte eifrig. Doch dann trübte sich sein Blick. Er sah sich in seinem knuffigen, runden Zuhause um.

„Aber… was mache ich mit meinem Haus? Diese schrecklichen Orkkrähen lauern doch überall. Wenn ich nicht da bin, kann jeder das Haus einfach angreifen und kaputt machen.“

Darin schnalzte mit der Zunge, als hätte er nur auf dieses Problem gewartet.

„Dafür, mein kleiner Freund, gibt es Runenzauber. Ein absolut narrensicheres System.“

Lily kicherte wieder, warf die Arme in die Luft und rief theatralisch: „Oh mein Gott! Darin löst ein Problem mit Runen! Wer hätte das jemals gedacht?!“

Darin warf ihr einen vernichtenden, eiskalten Blick zu, der jedoch völlig an Lilys Grinsen abprallte. Er wandte sich wieder Floh zu und fuhr ruhig fort: „Ich kann dir ein paar Runenplättchen dalassen, die als Verteidigungsmatrix dienen. Sie setzen ein wenig magische Abwehrenergie frei und halten solche niedrigstufigen Monster fern. Sie sind nicht teuer und leicht zu warten.“

„Womit verdienst du eigentlich dein Geld, Floh?“, fragte Funny neugierig.

Floh richtete sich stolz auf.

„Ich habe einen sehr wichtigen Job! Ich führe verirrte Wanderer und Händler sicher aus dem Nachtschattenwald heraus. Da ich fast im Dunkeln sehen kann, bin ich ein exzellenter Pfadfinder. Das bringt immer ein paar Silberlinge. Aber eben zu wenig, um davon Berge von Büchern zu kaufen.“

„Für die regelmäßige Wartung meiner Schutzzauber genügt das absolut“, entschied Darin geschäftsmäßig. Dann schnippte er lässig mit den Fingern. Ein bläuliches Leuchten erfüllte den Raum, und in sekundenschnelle verschwanden hunderte von Büchern in perfekten Stapeln in der Dimension seiner Itembox.

Das kleine Haus wirkte plötzlich sehr leer, aber Floh schien erleichert zu sein, diese Last loszuwerden.

Die drei Abenteurer gingen gemeinsam mit dem kleinen Bücherwurm zurück auf die Lichtung, stellten sich an die Stelle, an der sie angekommen waren und Darin aktivierte den Teleportationskreis erneut.

Mit einem Plopp materialisierten sie sich wieder im halbdunklen, nach Staub und Tee riechenden Laden in Civitas Aurelia.

Olli, der gerade dabei war, ein Regal abzustauben, drehte sich um. Er bekam Augen so groß wie Wagenräder und ließ seinen Staubwedel fallen, als Darin anfing, einen makellosen Turm aus wertvollen Büchern nach dem anderen aus der Itembox neben den Ladentisch zu stapeln.

Während Olli noch nach Worten rang, übernahm Funny das Reden. Sie erklärte die Situation im Nachtschattenwald, berichtete von den Orkkrähen und stellte schließlich Floh vor, der beschämt, aber tapfer die Verantwortung übernahm und sich ausgiebig entschuldigte.

Olli hörte schweigend zu. Dann glitt ein warmes, verständnisvolles Lächeln über sein wettergegerbtes Gesicht. Er beugte sich zu dem kleinen Bücherwurm hinab.

„Ein Dieb aus Hunger nach Wissen. Nun gut. Schwamm drüber, Kleiner. Alle Bücher sind wieder da und unversehrt. Komm zu mir in die Lese-Ecke, wann immer dir der Magen knurrt.“

Lily warf sofort breit grinsend ein: „Und lass dir unbedingt diesen genialen Gebirgskräutertee servieren! Der ist ein absoluter Traum, Mann! Damit schmeckt jedes noch so trockene Buch nach Abenteuer!“

Das Eis war gebrochen und die kleine Gruppe lachte laut auf.

Lily rieb sich theatralisch den Bauch und wandte sich zur Tür.

„So. Mission erfüllt. Geheimnis gelüftet. Bücher zurückgebracht. Jetzt aber im Sturmschritt ab zu Lydia! Orkkrähen zu vertreiben und Nerd-Gesprächen zuzuhören, macht unfassbar hungrig!“

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Samstag Morgen um halb 10

Es war ein lauer Freitagnachmittag an der Akademie von Civitas Aurelia. Das nahende Wochenende lag bereits wie ein spürbares Versprechen in der Luft. Die Sonne tauchte den Innenhof in ein goldenes Licht, das die zarte Haut der Blumenelfen streichelte.

Lily lag auf einer breiten Steinbank, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ihr knallroter Bikini leuchtete in der Sonne, und sie hatte die Augen genüsslich geschlossen. Darin saß im Schneidersitz auf dem Rasen daneben, sein unvermeidliches, weites T-Shirt flatterte leicht im Wind. Er war völlig in die Justierung eines kleinen, metallischen Zylinders vertieft, in den er winzige Runen ritzte.

Aus dem Nichts durchbrach Lily die idyllische Stille.

„Weißt du eigentlich“, fragte sie in den blauen Himmel hinein, ohne die Augen zu öffnen, „wohin Funny jeden Samstagvormittag verschwindet?“

Darin hielt in seiner Bewegung inne. Der Gravierstift in seiner Hand schwebte gefährlich nah über einer explosiven Feuerrune. Er blinzelte verwirrt und sah zu Lily hinauf.

„Was? Funny verschwindet?“

Lily schlug die Augen auf und fixierte ihn mit einem ungläubigen Blick. Dann stieß sie ein langes, dramatisches Seufzen aus.

„War ja wieder völlig klar, dass du, unser absoluter Tech-Nerd, von absolut gar nichts auch nur den leisesten Plan hast! Die Welt könnte untergehen, und du würdest dich beschweren, dass die Asche deine Zahnräder verklebt.“

Darin lief leicht rosa an, hob aber entschuldigend die Hände.

„Hey, Moment mal! Ich habe jeden Samstagvormittag das große Runenlabor ganz für mich allein. Favien lässt mich dort in Ruhe arbeiten. Woher beim großen Weltenbaum soll ich denn wissen, was ihr beide da treibt, während ich Magiespulen kalibriere?“

Lily schloss das Auge wieder und grinste selbstzufrieden in die Sonne.

„Naja, bei mir ist das ja nun wirklich kein Geheimnis…“

Darin schnaubte leise.

„Ja, bei dir ist das allgemein bekannt. Ich kann deine Wochenend-Routine wissenschaftlich belegen: Du schläfst tief und fest bis zur Mittagszeit. Und wenn dann nicht zufällig immer Miri, zusammen mit Lydia unser Lieblings-Catgirl, mit einer riesigen Kanne Kaffee an deinem Bett vorbeikommt und dich rettet, schläfst du nahtlos weiter bis zum Abendbrot!“

„Exakt!“, rief Lily und schnippte anerkennend mit den Fingern. „Eine absolut perfekte Existenz.“

Sie rollte sich auf die Seite und stützte den Kopf auf die Hand, um Darin direkt anzusehen.

Darin dachte kurz nach: „Wenn weder du noch ich überhaupt mitbekommen, dass Funny jeden Samstag in aller Herrgottsfrühe das Weite sucht… woher weiß du das dann?“

„Ich habe zufällig den Knilch Aris mal sagen hören, als er sich mit seinen hochnäsigen Freunden unterhalten hat…“

„Du hast ihn belauscht!“, warf Darin anklagend, aber mit einem amüsierten Unterton ein.

Lily setzte sich kerzengerade auf und tat empört.

„Ich verbitte mir diese Wortwahl! Ich habe ihn nicht belauscht. Ich habe lediglich in einem öffentlichen Raum meine überlegenen elfischen Sinne genutzt und feindliche Audiosignale strategisch geschickt abgehört! Das ist ein taktischer Vorteil!“

„Klar“, sagte Darin trocken. „Strategisch geschicktes Abhören. So nennt man das also heute, wenn man sich hinter einer Säule versteckt.“

„Wie auch immer!“, wischte Lily seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. „Fakt ist: Aris lässt sie anscheinend beschatten, oder er hat es zumindest versucht und sich darüber beschwert, dass sie in der Stadt verschwindet. Also, kluger Kopf, was machen wir nun mit unserer mysteriösen Fun-chan?“

Darin dachte einen Moment nach. Sein analytischer Verstand ratterte.

„Ganz logisch. Wir folgen ihr am Samstag. Heimlich. Wir decken das Geheimnis auf.“

Lily starrte ihn an, als wäre ihm gerade ein zweiter Kopf gewachsen.

„Äh… wie hast du dir das vorgestellt? Aus dem Bett heraus? Ich habe eine strikte Liege-Quote zu erfüllen!“

Darin rieb sich verlegen den Nacken.

„Hmmmm… da hast du recht. Und um ehrlich zu sein, ich habe da auch einen ziemlich langwierigen Versuchsaufbau mit magischen Kondensatoren am Laufen. Wenn ich den am Samstagmorgen unterbreche, fliegt mir wahrscheinlich das halbe Labor um die Ohren.“

Lily knabberte an ihrer Unterlippe.

„Sag mal… können wir ihr nicht einfach am Sonntag folgen? Sonntags will ich nämlich Lydias tolles Pfannkuchen-Frühstück nicht verpassen, da bin ich sowieso wach. Sonntag wäre strategisch viel besser.“

Darin sah sie vollkommen todernst an.

„Klar. Das ist ein hervorragender Plan, Lily. Ich gehe gleich zu Funny und frage sie, ob es ihr vielleicht genehm ist, ihr Verschwinden künftig erst am Sonntag zu erledigen, damit du ausschlafen kannst.“

„Wer soll erst am Sonntag verschwinden?“

Die melodische, sanfte Stimme kam direkt hinter ihnen. Lily zuckte so heftig zusammen, dass sie fast von der Steinbank kippte, und Darin ließ beinahe seinen Gravierstift fallen. Wie aus dem Licht geboren – was bei einer Blumenelfe gar nicht so weit hergeholt war – stand Funny plötzlich zwischen ihnen. Sie trug ihr ruhiges, wissendes Lächeln.

Lily, die im Improvisieren unschlagbar war, fing sich in Bruchteilen einer Sekunde.

„Du!“, sagte sie und zeigte anklagend auf Funny. „Du sollst erst am Sonntag verschwinden. Der Tech-Nerd und ich sind nämlich am Samstag mit extrem wichtigen, lebensverändernden Dingen beschäftigt…“

Funny verschränkte die Arme vor der Brust und grinste.

„Lass mich raten: Du mit Schlafen und Darin im Labor?“

Lily klappte der Mund auf. „Woher weißt du das?! Du bist samstags doch nie da!“

Funny brach in ein helles, fröhliches Lachen aus.

„Ach Lily. Dass meine liebste Freundin immer schläft, wenn keine Akademie ist, ist wirklich das am schlechtesten gehütete Geheimnis von ganz Feenland. Das weiß jeder.“

Sie drehte sich zu Darin um und ihr Lächeln wurde etwas breiter.

„Und dass Darin jeden Samstag im Runenlabor verschwindet, ist schon seit Wochen das Gesprächsthema Nummer eins auf den Fluren. Vor allem Professor Favien tönt überall lauthals herum, dass er schon sehr gespannt ist, was sein Lieblingsschüler dort Bahnbrechendes entwickelt.“

Darin erstarrte. Die Farbe in seinem Gesicht wechselte schlagartig von rosa zu einem leuchtenden Tomatenrot. Dass er – ausgerechnet er, der Unsichtbare! – das Gesprächsthema der ganzen Schule war, hatte er in seiner hermetisch abgeriegelten Nerd-Blase überhaupt nicht mitbekommen. Er sank stöhnend in sich zusammen.

Lily hielt sich den Bauch vor Lachen, als sie Darins leidendes Gesicht sah.

„Also“, sagte Funny und sah die beiden amüsiert an.

„Wenn ihr beide Hobby-Detektive wirklich wissen wollt, wo ich samstags hingehe, dann kommt doch einfach mit! Ich habe nämlich…“

„Stop! Stop! Stop!“, rief Lily hysterisch und ruderte wild mit den Händen in der Luft herum. „Spoiler-Pause! Verrat mir jetzt nichts! Wenn ich schon meinen heiligen Samstag aufgeben und in aller Herrgottsfrühe aufstehen muss, dann will ich auch die volle Überraschung erleben!“

Funny lachte leise.

„In Ordnung, keine Spoiler. Um 10 Uhr möchte ich in der Stadt sein. Kommt mit, wenn ihr meint, dass dieses schreckliche Geheimnis so wichtig ist. Seid einfach morgen früh um 9:45 Uhr am Akademie-Tor!“

Lilys Arme fielen schlaff herab. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Maske des reinsten Leids. Sie warf den Kopf in den Nacken und stöhnte laut auf.

„Dreiviertel Zehn?! Och nööööö! Funny, das ist doch mitten in der Nacht! Wer ist um diese Uhrzeit am Wochenende überhaupt schon am Leben?!“

Funny trat einen Schritt vor, beugte sich hinab und tätschelte Lily mit gespieltem Mitleid den Kopf, so wie man einen bockigen Welpen streichelt.

„Tja, Li-chan. Das ist das harte Leben einer Detektivin. Das musst du jetzt selbst entscheiden: Deine brennende Neugier befriedigen… oder schlafen.“

Mit einem fröhlichen Zwinkern drehte sich Funny um und ließ ihre beiden völlig überrumpelten Freunde im sonnigen Innenhof zurück. Lily starrte ihr entsetzt nach, während Darin immer noch versuchte, den Schock zu verdauen, dass Professor Favien ihn zur Schul-Berühmtheit gemacht hatte.

***

Es war Samstagmorgen, exakt 9:30 Uhr, in den Wohnquartieren der Akademie. Vor der massiven Holztür zu Lilys Zimmer stand Miri, das junges Dienstmädchen aus der Kantine mit flauschigen Katzen-Ohren und einem langen Schwanz, der amüsiert hin und her zuckte. In den Händen balancierte sie ein Tablett mit einer dampfenden, überdimensionalen Kanne Kaffee und einer großen Tasse.

Sie klopfte vorsichtig an. Nichts. Sie lauschte an den Holzbohlen. Plötzlich gab es drinnen einen lauten, dumpfen RUMMS, als wäre ein mittelschwerer Troll aus dem Bett gefallen. Dann wieder absolute Stille.

Miri grinste, hob die freie Hand und klopfte ein zweites Mal, diesmal etwas energischer. Einen Moment später wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen. Im Türrahmen stand eine völlig zerzauste Lily. Ihr feuerrotes Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab, ihre Augen waren nur schmale Schlitze, und in der rechten Hand hielt sie, noch völlig desorientiert, ihr knallrotes Bikini-Oberteil. Als Blumenelfe und Lichtwesen kannte sie keine Kälte, doch die Zivilisation von Civitas Aurelia verlangte zumindest ein Minimum an Bekleidung.

Miri kicherte hell auf und schob die schlaftrunkene Elfe mit sanftem Druck wieder zurück ins Zimmer.

„Hier, trink das erst einmal, das macht dich munter“, zwitscherte das Katzenmädchen fröhlich und stellte das Tablett ab. „Und wenn der Nebel sich lichtet, merkst du vielleicht auch, was du da gerade vergessen hast anzuziehen.“

Lily blinzelte verwirrt, nickte langsam und ließ sich auf die Bettkante plumpsen. Miri goss die erste Tasse ein. Der Duft von tiefschwarzem, starkem Kaffee füllte den Raum. Lily griff nach der Tasse wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring im stürmischen Ozean.

Miri schaute gebannt auf Lilys rechte Hand, aus der immer noch das rote Stück Stoff baumelte. Sie hob die Finger und zählte mit einem schelmischen Grinsen rückwärts: „Drei… zwei… eins…“

Der erste Schluck Koffein erreichte Lilys Gehirn. Sie sah an sich herab, riss die Augen auf und quiekte erschrocken auf. In Nullkommanix, mit einer fließenden Bewegung, die fast zu schnell für das Auge war, legte sie das Bikini-Oberteil an. Dann schüttelte sie den Kopf. Wie von Zauberhand fiel ihre wilde, feuerrote Mähne glatt und perfekt geordnet über ihre Schultern.

Miri lächelte zufrieden.

„So ist’s brav. Noch eine Tasse von dem Lebenselixier und dann Abmarsch! Fina müsste in der Zwischenzeit Darin aus seinem Labor gekratzt haben…“


Währenddessen, im Runen-Turm in einem der abgedunkelten Labore.

Darin, der am Vortag noch weise vorausschauend Miri gebeten hatte, Lily pünktlich aus den Federn zu holen, war selbst schon vor Sonnenaufgang in sein Element abgetaucht. Er stand vor einem komplexen Versuchsaufbau. Blaue Runen schwebten flirrend in der Luft, während er an einem metallischen Zylinder Parameter feinjustierte und magische Fluktuationen künstlich verzögerte. Er war so tief in die Matrix aus Magie und Technik versunken, dass die reale Welt für ihn aufgehört hatte zu existieren.

Ein lautes, rhythmisches Klopfen an der schweren Eisentür des Labors riss ihn schlagartig aus seiner Trance. Fina, ein Fuchsmädchen, stand vor der Tür – genau wie Lily es am Vortag für den absoluten Notfall bestellt hatte. Die Freunde wussten halt, wo die Schwächen des jeweils anderen waren.

„Gleich! Nur noch eine Sekunde, gleich, gleich, gleich!“, rief Darin hastig und versuchte, eine instabile Manaspule mit dem Schraubenzieher zu fixieren.

„Darin“, rief Fina durch den Türspalt, „es ist gleich halb zehn! Funny und Lily warten schon am Haupttor auf dich!“

Darin erstarrte. Der Schraubenzieher entglitt beinahe seinen Fingern. Lily war vor ihm marschbereit?! Das verstieß gegen alle Naturgesetze! In Windeseile fixierte er die fluktuierenden Spulen. Mit einer schnellen Handbewegung und einer gemurmelten Formel zog er ein bläulich schimmerndes Stasis-Feld über die kritischsten seiner Experimente. Die Zeit innerhalb der magischen Glocke fror augenblicklich ein. Nur zehn Minuten später stand er, das weite T-Shirt hastig glattgezogen, an der Tür.

Fina lächelte breit und klatschte in die Hände.

„Los, los, los, tapferer Abenteurer!“

Darin erwiderte das Grinsen.

„Alles klar. Lily habe ich deinen Erinnerungsservice zu verdanken?“

Fina nickte eifrig.

„Miri müsste sie pünktlich wachbekommen haben. Aber jetzt mach hinne! Du hast noch exakt fünf Minuten bis zum Tor!“

Darin spurtete los. Fina sah ihm mit einem liebevollen Lächeln hinterher. Die drei von „Adiuva et Protege“ waren beim Personal, insbesondere bei den Tiermenschen, außerordentlich beliebt. Obwohl an der Akademie gepredigt wurde, dass bei wahren Abenteurern Adel und Abstammung keine Rolle spielten – einem wütenden Troll war schließlich egal, welch blauen Blutes der Schädel war, den er gerade einschlug – war arroganter Standesdünkel an der Tagesordnung. Viele Elfen und Adlige sahen auf die Tiermenschen herab. Funny, Lily und Darin jedoch interessierten sich null für diese primitiven Machtspielchen. Sie halfen dem Personal, behandelten sie mit Respekt und ergriffen ihre Partei bei Streitigkeiten. Die Tiermenschen von Civitas Aurelia liebten sie dafür abgöttisch.


Völlig außer Atem und leicht keuchend kamen Lily und Darin gleichzeitig am großen schmiedeeisernen Haupttor an. Funny lehnte bereits entspannt gegen das Mauerwerk, die Sonne ließ ihr blaues Haar leuchten.

„Na, seid ihr dann auch mal wach?“, schmunzelte Funny. „Dann lasst uns losgehen.“

Die drei schlugen den Weg in das Gewirr aus verwinkelten Gassen und kopfsteingepflasterten Straßen von Civitas Aurelia ein. Nach einigen Minuten passierten sie die „Schnurrende Katze“, Lydias gemütliche Herberge, aus der bereits der verlockende Duft von Bratkartoffeln drang.

Lily blieb abrupt stehen und schnüffelte. Sie fragte betont beiläufig: „Ist unser geheimes Ziel eigentlich noch weit? Sind wir bald da? Und vor allem: Können wir danach bei Lydia Mittag essen?“

Funny kicherte hinter vorgehaltener Hand.

„Nein. Ja. Und ja. Ich habe gestern Abend schon bei Lydia unseren Lieblingstisch reserviert.“

Lilys Gesicht leuchtete auf, als hätte jemand eine Sonne in ihr angeknipst. Sie umarmte Funny stürmisch.

„Du bist die absolut Beste, Fun-chan!“

Und tatsächlich, nicht einmal eine Gasse weiter, verborgen zwischen einer lautstarken Schmiede und einem Teeladen, blieb Funny vor einem völlig unscheinbaren, schmalen Gebäude stehen. Das verstaubte Schaufenster gab den Blick auf gestapelte Zauberbücher, Talismane, gravierte Runenplättchen und geheimnisvoll leuchtende Kristalle frei.

Lily starrte auf das Schaufenster, als hätte Funny sie gerade verraten. Sie schnaufte empört.

„Du hast uns um zehn Uhr morgens aus dem Bett geholt… für einen BUCHLADEN?! Einen verdammten Buchladen?!“

Darin hingegen drückte sich bereits die Nase an der Scheibe platt. Seine Augen waren tellergroß.

„Wahnsinn… reines Runen-Zubehör. Silberstaub, Gravur-Nadeln aus Drachenknochen… Wie hast du diesen Ort überhaupt gefunden, Funny?“

„Zum Beginn des Trimesters bin ich einem Drachen gefolgt…“, antwortete Funny schulterzuckend.

„EINEM DRACHEN?!“, rief Lily, nun doch etwas interessierter.

Funny lachte hell auf.

„Ja, einem Drachen auf Papier. Bei Lydia an der Theke lag ein kleiner Flyer, der hierher führte. Der Laden heißt ‚Ollis Drachenstube‘. Ich dachte mir, vielleicht finde ich hier etwas Besonderes für deinen Geburtstag, Lily.“

Lilys Augen weiteten sich vor Erkenntnis.

„Ah! Der magische Drachenring für meine Naginata! Der Ring, der die Klinge komplett unzerstörbar gegen Hitze und Feuer macht!“

„Genau der“, lächelte Funny.

„Kommt schon, rein da“, drängelte Darin ungeduldig. „Ich muss wissen, was es da hinten für Runenkreide gibt.“

Er drückte die schwere Holztür auf. Statt einer normalen Glocke kündigte ein magisches Windspiel, das wie das ferne Brüllen kleiner Drachen klang, ihr Eintreten an. Im Inneren roch es nach altem Pergament, Ozon und exotischen Kräutern.

Aus der staubigen Tiefe des Ladens rief eine tiefe, brummende Stimme: „Fräulein Funny! Das Übliche wie jeden Samstag?“

Funny trat ein und kicherte.

„Ja, bitte! Den Bergkräutertee aus dem südlichen Gebirge. Aber heute drei Tassen, bitte. Ich habe meine Freunde mitgebracht.“

Aus dem Halbdunkel kam ein bestätigendes Grunzen.

Funny führte die beiden zu einer kleinen, gemütlichen Nische, wo sie für gewöhnlich saß, ihren Tee trank und in Ruhe historische Zauberbücher wälzte. Darin warf nicht einmal einen Blick auf die Sessel, sondern steuerte wie ferngesteuert direkt auf das Regal mit den Runen-Komponenten zu.

Lily schaute sich eher gelangweilt als interessiert um.

„Drachen. Ich will Drachen sehen.“

„Hinten, letztes Regal, dritte Reihe links“, grollte plötzlich die tiefe Stimme direkt aus der Dunkelheit hinter ihr. Lily zuckte zusammen und drehte sich um. Außer Funny, die sich gerade setzte, und Darin, der ein Stück magische Kreide analysierte, war niemand zu sehen. Sie zuckte mit den Schultern und schlenderte zu dem angesprochenen Regal.

Und tatsächlich: Da standen sie. Die Drachenbücher. Prächtige Bildbände über Feuerwyrmer, uralte Folianten mit Schuppen-Einband und dicke Lexika über noch ältere Magie. Und direkt daneben, in hübsch verzierten Holzkisten, lagen kleine, knochenartige Gebilde.

Drachenleckerlis.

Lily kicherte, griff nach einer kleinen Schachtel und schüttelte sie.

„Perfekt. Fürs nächste Mal, wenn wir zufällig ins Drachental spazieren.“

„Eine exzellente Wahl, junges Fräulein.“

Lily wirbelte erschrocken herum. An der massiven Eichenkasse stand plötzlich ein Mann. Er war ein absoluter Schrank von einem Kerl, fast zwei Meter groß, mit breiten Schultern, einem wettergegerbten Gesicht und Armen wie Baumstämme.

Funny, die entspannt an ihrem Tisch saß, kicherte leise. „Das ist Olli. Ihm gehört dieser Laden. Er ist zwar fast nur in seinem Lager hinten, weiß aber dank seiner Spürzauber immer haargenau, was in seinem Laden vor sich geht. Ehemaliger Abenteurer, B-Rang. Ein absoluter Drachen- und Runenspezialist. Er weiß meistens, was ich haben will, bevor ich überhaupt den Mund aufmache.“

Aus den Tiefen des Ladens ertönte Darins trockene Stimme, gedämpft von einem Regal voller Kristallkugeln: „Um fair zu sein, Olli: Bei Funny ist das auch wirklich extrem offensichtlich. Zaubertränke, Abenteuergeschichten und historische Magie. Die statistische Wahrscheinlichkeit, bei ihr das Richtige zu treffen, liegt bei fast 33 Prozent.“

Lily grinste breit.

„Ja, Fun-chan. Dich kann man wirklich lesen wie ein offenes Buch. Also… das könnte ich, wenn ich gelegentlich Bücher lesen würde.“

Sie setzte sich zu Funny an den kleinen Holztisch, auf dem Olli bereits dampfende Tassen platziert hatte. Lily hob die Tasse an die Lippen. Der Tee hatte ihre Zunge noch nicht einmal berührt, da stieg ihr der ätherische Duft in die Nase. Sofort hatte sie das Gefühl, mitten in den eisigen, zerklüfteten Tälern des südlichen Gebirges zu stehen, den kalten Wind im Haar und den Geruch seltener Alpenkräuter in der Lunge.

„Wahnsinn!“, japste Lily und riss die Augen auf. „Das ist mal ein Tee!“

Olli, der sich an ein Regal lehnte, lächelte stolz, doch sein Blick war ernst.

„Danke. Es wird leider immer schwerer, diese Kräuter zu beschaffen. Jetzt, wo die Monster aus den tiefen Höhlen viel stärker und aggressiver ins Vorland strömen, wird die Ernte zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.“

Funny setzte ihre Tasse ab, ihr Gesicht wurde nachdenklich.

„Lydia hat mir erzählt, dass Kaelan persönlich an der Sache dran ist. Aber sie haben wohl noch keine konkrete Spur, warum diese Wanderungen der Monster gerade jetzt so massiv zunehmen.“

Olli seufzte tief und strich sich über den dichten Bart. „Es braut sich etwas zusammen. Aber Funny… wo wir gerade von unerklärlichen Dingen sprechen. Darf ich dich und deine Freunde vielleicht um einen kleinen, aber dringenden Gefallen bitten? Bei mir im Laden verschwinden seit Tagen auf völlig unerklärliche Weise wertvolle Bücher…“

Noch bevor Funny antworten konnte, erklang Darins Stimme aus dem hintersten, dunkelsten Winkel des Ladens. Er klang plötzlich nicht mehr wie der schüchterne Nerd, sondern fokussiert und analytisch. „Leute? Ich habe hier eine stark fluktuierende Magie-Signatur. Olli, wussten Sie, dass unter diesem Regal ein Teleportkreis verborgen ist? Er ist beschädigt, aber ich könnte ihn mit ein paar Runen-Brücken rekonstruieren. Ich weiß allerdings nicht, wo er hinführt.“

Lilys Langeweile verflüchtigte sich im Bruchteil einer Sekunde. Ihre Augen blitzten gefährlich auf. Sie sprang aus dem Sessel, vollführte eine präzise Handbewegung – ihr geistiger Zugriff auf die Itembox, die Darin bei sich trug – und mit einem metallischen Surren materialisierte sich ihre gewaltige Naginata in ihren Händen. Die scharfe Klinge fing das spärliche Licht des Ladens ein.

Sie schwang die Waffe einmal testend durch die Luft und grinste kampflustig.

„Worauf warten wir dann noch? Hiebe für Diebe!“

Funny kicherte, stellte ihre Teetasse ordentlich ab und stand ebenfalls auf.

„Darin, rekonstruier den Kreis. Lasst uns losgehen.“

Funny und Lily traten zu Darin, der bereits mit magischer Kreide fehlende Linien auf dem Holzboden ergänzte. Plötzlich surrte die Luft. Ein leuchtender Kreis aus alten, glühenden Runen baute sich pulsierend um ihre Füße herum auf. Das Surren wurde zu einem hohen Pfeifen, das Licht flammte blendend hell auf – und mit einem leisen Plopp verschwanden die drei Freunde.

Olli blieb allein in seinem Laden zurück, nahm Funnys leere Teetasse und murmelte in die plötzliche Stille: „Viel Glück, Adiuva et Protege. Ihr werdet es brauchen.“

***

Das Gefühl der Teleportation war stets dasselbe: Ein kurzer Moment der völligen Schwerelosigkeit, gefolgt vom Gefühl, durch ein enges, eiskaltes Rohr gesaugt zu werden. Dann schlugen ihre Füße auf weichem, feuchtem Boden auf.

Es war dunkel. Sehr dunkel. Die massiven, uralten Stämme des Waldes, in dem sie gelandet waren, ragten wie steinerne Säulen in die Höhe. Ihre dichten, fast schwarzen Blätterkronen waren so undurchdringlich miteinander verwoben, dass selbst das hellste Tageslicht es schwer hatte, den Waldboden zu erreichen. Es roch nach modrigem Laub, feuchter Erde und… noch etwas anderem. Etwas Fauligem.

Darin reagierte instinktiv. Kaum hatten sich ihre Körper vollständig materialisiert, zog er ein bleigraues Runenplättchen aus seiner Itembox heraus und schleuderte es auf den Boden. Ein leises Zischen ertönte, und augenblicklich legte sich eine schimmernde, unsichtbare Kuppel über die drei Freunde. Sie waren nun vor den Augen und Nasen all derer verborgen, die hier lauern mochten.

Und es war keine Sekunde zu früh. Es knackte. Erst leise, tief im Unterholz links von ihnen, dann etwas lauter von rechts. Das Geräusch von klackenden Krallen auf feuchtem Holz erklang.

Dann sahen sie sie. Aus den Schatten schälten sich Dutzende groteske Gestalten.

„Orkkrähen“, flüsterte Darin und verzog angewidert das Gesicht.

Es waren abstoßende Kreaturen. Sie besaßen die gedrungenen, muskulösen und glitschig-grünen Körper kleiner Orks, doch anstelle von Köpfen saßen ihnen riesige, aschgraue Krähenschädel auf den Schultern, deren Schnäbel bedrohlich klapperten. Aus ihren Rücken wuchsen pechschwarze Krähenflügel, die allerdings so zerfetzt, verkrüppelt und löchrig waren, dass diese Missgeburten der Natur die Fähigkeit zum Fliegen entweder längst verloren hatten oder nie besaßen.

Unter dem Schutz von Darins Unsichtbarkeits- und Geruchsbann folgten die drei Freunde dem abstoßenden Schwarm in sicherem Abstand. Langsam, Schritt für Schritt, lichtete sich der erdrückende Wald, bis sie an den Rand einer beinahe surreal idyllischen Lichtung traten.

In der Mitte der Senke plätscherte ein kristallklarer Bach, der in einen kleinen, silbernen See mündete. Doch das Verwunderlichste war das Gebäude, das dort stand. Es bot einen absoluten, fast schon schmerzhaften Kontrast zum dunklen, verwitterten Albtraumwald: Ein kleines, zweistöckiges Häuschen, so bunt, rund und seltsam knuffig, dass es wirkte, als wäre es geradewegs aus einem Märchenbuch für Kleinkinder gefallen. Die Fensterläden waren herzförmig, das Dach schimmerte in sanften Pastellfarben und der Schornstein hatte eine leichte Schieflage.

Lily, die – wenn man ihre sonstige Vorliebe für tödliche Klingen, brachiale Gewalt und feuerspeiende Drachen bedachte – eine sehr seltsame Schwäche für niedliche, fluffige und bunte Dinge besaß, riss die Augen auf.

„Ohhh… wie süüüüß!“, quietschte sie und wollte begeistert aus der Deckung stürzen.

Sowohl Funny als auch Darin packten sie links und rechts an den Schultern und rissen sie gerade noch rechtzeitig in den Bannkreis zurück.

„Bist du wahnsinnig?“, zischte Darin. „Schau doch hin!“

Die Orkkrähen hatten sich im Kreis um das niedliche Häuschen postiert. Begleitet von heiserem Krächzen und gutturalem Grunzen begannen sie, das Gebäude mit allem zu bewerfen, was der Waldboden hergab: Schwere Steine, fauliger Dreck, scharfkantige Äste und stinkender Unrat prasselten auf die bunte Fassade ein. Doch das Haus wehrte sich. Wann immer ein Stein einen herzförmigen Fensterladen zerschmetterte oder Dreck die pastellfarbene Wand beschmutzte, leuchtete die Stelle kurz auf, und das Haus reparierte und reinigte sich wie durch Zauberei von selbst.

Doch die drei Beobachter erkannten schnell das Problem. Je länger dieser asymmetrische Belagerungskrieg andauerte, desto langsamer erfolgten die Reparaturen. Das Aufleuchten wurde schwächer.

Darin, der die gesamte Zeit über einen feinen, goldenen Magiesensor, der wie ein Monokel vor seinem Auge schwebte, auf das Haus gerichtet hatte, flüsterte besorgt: „Die Aura der Magie nimmt rapide ab. Langsamere Reparaturen bedeuten, dass weniger Magie-Aufwand betrieben werden kann. Ich glaube, der geheimnisvolle Eigentümer dieses kleinen Wunders ist absolut an die Grenzen seiner Reserven gekommen. Wenn das so weitergeht, bricht der Schutz in wenigen Minuten zusammen.“

Er sah zu Funny.

„Wollen wir eingreifen?“

Funny knabberte nachdenklich an ihrer Unterlippe.

„Es ist heikel. Normalerweise lautet die eiserne Regel der Gilde, dass Außenstehende niemals ungefragt in einen Konflikt Dritter eingreifen sollten. Man weiß in der Wildnis nie genau, wer wirklich der Schuldige und wer der Unschuldige ist…“

Lily riss sich empört aus ihrem Griff los.

„Hallo?!“, zischte sie wütend. „Machst du Witze, Funny? Wer so ein unfassbar knuffiges, herziges Haus baut, kann einfach nicht böse sein! Das ist ein ungeschriebenes Naturgesetz!“

Darin seufzte.

„Ausnahmsweise würde ich mich Lilys eher unwissenschaftlicher Logik anschließen. Der Angegriffene verteidigt sich ausschließlich passiv. Die Magie wehrt nur ab, er fügt den Krähen keinerlei Schaden zu. Und wir wissen, was Orkkrähen sind: Eine absolute Landplage. Sie fallen gerne wie Heuschrecken über abgelegene Höfe her. Sie töten selten, aber sie plündern alles. Und nicht wenige Höfe müssen danach für immer aufgegeben werden, weil diese Übelkrähen mit ihrem Unrat das Land verseuchen und den Boden oft auf Jahre hinweg unbebaubar machen.“

Lily zog ein teuflisches Grinsen auf und ließ ihre Knöchel knacken.

„Dann ist die Sache ja wohl klar. Auf sie mit Gebrüll!“

Sprach’s und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, stürzte die rothaarige Elfe aus dem schützenden Bannkreis heraus und rannte, einen markerschütternden Kampfschrei ausstoßend, geradewegs in die Mitte der angreifenden Orkkrähen.

Funny und Darin warfen sich nur einen kurzen, resignierten Blick zu.

„So viel zur taktischen Planung“, murmelte Darin.

„Immerhin ist sie enthusiastisch“, erwiderte Funny lächelnd.

Dann stürzten auch sie los. Das Training der Akademie und ihre monatelange Erfahrung als Gruppe zahlten sich aus. Es bedurfte keiner Worte, keiner Absprache. Sie fielen in einen Rhythmus, der so natürlich war wie das Atmen. Lily fungierte als rasender, roter Wirbelwind in der Mitte. Ihre Naginata schnitt durch die feige Masse, dass schwarze Federn wie Schnee durch die Luft wirbelten. Funny flankierte sie auf der linken Seite. Mit atemberaubender Geschwindigkeit ließ sie ihre leuchtenden Energiedolche fliegen, die jede Orkkrähe aufspießten, die versuchte, Lily in den Rücken zu fallen. Darin mit seiner schweren Doppelaxt deckte Lilys rechte Seite. Jeder Hieb seiner Waffe, verstärkt durch feine, aufglühende Runen, warf die Kreaturen meterweit durch die Luft.

Die Orkkrähen, von Natur aus feige Opportunisten, stoben bei dem überraschenden Angriff panisch kreischend auseinander. Als sie jedoch erkannten, dass die Angreifer „nur“ drei leicht bekleidete Blumenelfen waren, formierten sie sich neu und dachten, aufgrund ihrer schieren Überzahl Widerstand leisten zu können.

Ein fataler Fehler. Was sind schon ein paar Dutzend marodierende, halb verhungerte Orkkrähen gegen einen perfekt abgestimmten Bilderbuchangriff von Adiuva et Protege? Lily mähte die Vögel mit brutaler Effizienz nieder. Wer nicht schnell genug in den Wald humpelte, fiel. Nach nicht einmal zehn Minuten intensiven Kampfes regte sich auf der Lichtung nichts mehr, abgesehen vom sanften Plätschern des Bachs. Die überlebenden Orkkrähen waren winselnd in die Dunkelheit des Waldes geflohen.

Die drei Freunde ließen ihre Waffen verschwinden und gingen vorsichtig auf das niedliche Haus zu.

Lily hob bereits den Fuß, um die herzförmige Tür standesgemäß mit einem Tritt aufzustoßen. Doch Funny griff ihr sanft an den Arm und zog sie zurück.

„Lily. Manieren. Wir klopfen höflich an!“

Funny trat vor und klopfte behutsam an das Holz. Zu ihrer Überraschung schwang die Tür sofort lautlos auf. Das Haus war innen, falls das überhaupt möglich war, noch bunter und runder als von außen. Es gab keine Ecken. Die Wände flossen in sanften Bögen ineinander über. Doch der Blickfang war ein anderer: In der Mitte der runden Eingangshalle saß auf einem übergroßen, flauschigen Sessel eine kleine, sichtlich entkräftete Gestalt. Sie trug eine viel zu große Brille und hatte einen langen, flauschigen und weich wirkenden Körper, der stark an eine übergroße Raupe erinnerte.

„Ein Bücherwurm?“, fragte Funny, und ihre Augenbrauen wanderten nach oben. Sie erkannte sofort, womit sie es hier zu tun hatten.

Lily stemmte die Hände in die Hüften und schnaubte.

„Also, dazu braucht man nun wirklich keine Akademie-Ausbildung, um das zu wissen.“

Sie machte eine weite Geste durch den Raum. Überall – in der Halle, in den angrenzenden runden Zimmern, auf Treppenstufen und Fensterbänken – türmten sich gigantische Stapel von Büchern.

Darin nickte langsam.

„Ich glaube, wir haben Ollis mysteriösen Bücherdieb gefunden…“

Plötzlich ließ der Bücherwurm ein schwaches, herzzerreißendes Stöhnen hören. Seine Gestalt begann heftig zu flackern und wurde für einen Moment fast komplett durchsichtig, als würde er sich auflösen.

„Bücher…“, wisperte er schwach. „Ich brauche… Bücher…“

Funny reagierte sofort. Mit einem kurzen mentalen Befehl an Darins Itembox materialisierte sie ein dickes, in Leder gebundenes Buch in ihrer Hand. Darin blinzelte.

„Die Kinder des Kapitän Grant? Wirklich?“

Funny lächelte entschuldigend.

„Ein absolut tolles Buch. Ich habe es schon siebenmal gelesen, es kann also weg.“

Sie trat an den Sessel heran und legte das Buch sanft in die zittrigen Händchen des Wurms. Was dann passierte, ließ selbst die ungeduldige Lily staunen. In einer rasenden, fast schon absurden Geschwindigkeit schlug der Wurm das Buch auf. Seine Augen huschten über die Seiten, so schnell, dass sie nur ein unscharfer Fleck waren. Er blätterte nicht, er schien den Text förmlich in sich hineinzusaugen. Und je weiter er las, desto stärker nahmen seine Konturen wieder Gestalt an. Die durchsichtige Blässe verschwand und eine gesunde Farbe kehrte in seinen Körper zurück.

Als er die letzte Seite erreicht hatte, schlug er das Buch mit einem befriedigten Seufzen zu und legte es sorgfältig auf einen der kleineren Stapel neben sich.

„D-Danke!“, hauchte er mit einer hellen, glockenklaren Stimme. „Das war köstlich. Ein bisschen salzig wegen des Meeres-Themas, aber sehr nahrhaft.“

Darin verschränkte die Arme und zeigte auf die gigantischen Türme aus Papier.

„Sind das alles Bücher aus Ollis Drachenladen?“

Der Bücherwurm rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her, schaute beschämt auf den Boden und nickte langsam.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht stehlen. Aber ich brauche Bücher zum Überleben! Meine Spezies ernährt sich ausschließlich durch das Lesen. Das Problem ist… ich kann jedes Buch nur ein einziges Mal lesen. Wenn ich denselben Text erneut lese, extrahiere ich keine Energie mehr und bleibe hungrig.“

„Und warum verdammt noch mal kaufst du die Bücher nicht einfach, wie jeder normale Mensch oder Elf?“, fragte Lily mit ihrer üblichen direkten Art.

Funny antwortete an seiner Stelle, ihre Stimme war weich und verständnisvoll.

„Weil Bücher, Lily, nur in der Welt der Menschen preiswert sind. Magische Bücher und historische Folianten hier in Feenland kosten teilweise ein echtes Vermögen. Was glaubst du denn, warum ich jeden verdammten Samstag zu Olli gehe und stundenlang dort lese? So viel Taschengeld bekomme ich von meinem Herrn Papa aus dem Elfental nun auch nicht, dass ich mir die alle leisten könnte, um meine Bibliothek zu füllen.“

Der Bücherwurm riss den Kopf hoch, seine großen Augen hinter der Brille funkelten.

„Ach?! DU ernährst dich auch von Büchern? Dann geht es dir exakt wie mir! Verstehst du das Leid? Einmal gelesen, hat man den gesamten Inhalt in magische Energie verwandelt, und dann ist das Buch wertlos für einen!“

Funny lachte hell und herzlich.

„Nein, nein, mein kleiner Freund. Ich brauche die Bücher nicht wegen der Magie zu lesen. Ich lese sie, weil mir das Lesen einfach unglaublichen Spaß macht! Es entführt mich in andere Welten.“

Lily, die beim bloßen Wort „Lesen“ bereits begann, das Gewicht ihres Kopfes in ihrer Hand abzustützen, weil ihr chronisch langweilig wurde, mischte sich lautstark ein.

„Okay, stoppt mal diesen Buch-Nerd-Talk! Warum machst du es nicht einfach wie Funny? Geh zu Olli in den Laden, setz dich in seine super gemütliche Lese-Ecke, friss – ich meine, lies – ein Buch vor Ort und trink dazu einen seiner leckeren Tees? Das kostet dich höchstens ein paar läppische Kupferlinge!“

Der Bücherwurm blinzelte Lily an, völlig perplex.

„Das… das geht? Darf man das?“

„Klar!“, bestätigte Funny sofort. „Das mache ich doch, wie gesagt, jede Woche so. Olli ist ein herzensguter Mann. Er liebt es, wenn man seine Bücher mit Leidenschaft liest. Er sagt immer: ‚Bücher müssen für alle Wesen erschwinglich sein. Wer sich keines kaufen kann, soll es trotzdem lesen dürfen.‘ Das ist genau das gleiche Prinzip wie bei der Großen Bibliothek im Elfental. Die steht auch allen Einwohnern offen!“

Darin, der gedanklich bereits den Inventarplatz in der Itembox berechnete, fasste zusammen: „Okay. Wenn das so ist, brauchst du all diese gestohlenen Bücher hier eigentlich gar nicht?“

Das kleine, grüne Würmchen schüttelte heftig den Kopf.

„Sehr gut“, sagte Darin pragmatisch. „Dann packen wir die jetzt alle feinsäuberlich ein und kehren zu Olli zurück. Und du kommst mit. Wie heißt du eigentlich?“

Der Bücherwurm rückte seine Brille zurecht.

„Ich bin Floh.“

Lily konnte sich ein lautes, prustendes Kichern nicht verkneifen.

„Ein Bücherwurm, der Floh heißt. Das kann man sich nicht ausdenken.“

Darin ignorierte sie und lächelte Floh aufmunternd an. „Also, Floh. Du kommst mit, stehst wie ein Elf – oder eben wie ein Wurm – dazu und entschuldigst dich aufrichtig bei Olli. Wir geben ihm alle Bücher unversehrt zurück. Und dann vereinbarst du mit ihm feste Termine, wo du zu ihm kommen kannst, um in Ruhe zu lesen.“

Floh nickte eifrig. Doch dann trübte sich sein Blick. Er sah sich in seinem knuffigen, runden Zuhause um.

„Aber… was mache ich mit meinem Haus? Diese schrecklichen Orkkrähen lauern doch überall. Wenn ich nicht da bin, kann jeder das Haus einfach angreifen und kaputt machen.“

Darin schnalzte mit der Zunge, als hätte er nur auf dieses Problem gewartet.

„Dafür, mein kleiner Freund, gibt es Runenzauber. Ein absolut narrensicheres System.“

Lily kicherte wieder, warf die Arme in die Luft und rief theatralisch: „Oh mein Gott! Darin löst ein Problem mit Runen! Wer hätte das jemals gedacht?!“

Darin warf ihr einen vernichtenden, eiskalten Blick zu, der jedoch völlig an Lilys Grinsen abprallte. Er wandte sich wieder Floh zu und fuhr ruhig fort: „Ich kann dir ein paar Runenplättchen dalassen, die als Verteidigungsmatrix dienen. Sie setzen ein wenig magische Abwehrenergie frei und halten solche niedrigstufigen Monster fern. Sie sind nicht teuer und leicht zu warten.“

„Womit verdienst du eigentlich dein Geld, Floh?“, fragte Funny neugierig.

Floh richtete sich stolz auf.

„Ich habe einen sehr wichtigen Job! Ich führe verirrte Wanderer und Händler sicher aus dem Nachtschattenwald heraus. Da ich fast im Dunkeln sehen kann, bin ich ein exzellenter Pfadfinder. Das bringt immer ein paar Silberlinge. Aber eben zu wenig, um davon Berge von Büchern zu kaufen.“

„Für die regelmäßige Wartung meiner Schutzzauber genügt das absolut“, entschied Darin geschäftsmäßig. Dann schnippte er lässig mit den Fingern. Ein bläuliches Leuchten erfüllte den Raum, und in sekundenschnelle verschwanden hunderte von Büchern in perfekten Stapeln in der Dimension seiner Itembox.

Das kleine Haus wirkte plötzlich sehr leer, aber Floh schien erleichert zu sein, diese Last loszuwerden.

Die drei Abenteurer gingen gemeinsam mit dem kleinen Bücherwurm zurück auf die Lichtung, stellten sich an die Stelle, an der sie angekommen waren und Darin aktivierte den Teleportationskreis erneut.

Mit einem Plopp materialisierten sie sich wieder im halbdunklen, nach Staub und Tee riechenden Laden in Civitas Aurelia.

Olli, der gerade dabei war, ein Regal abzustauben, drehte sich um. Er bekam Augen so groß wie Wagenräder und ließ seinen Staubwedel fallen, als Darin anfing, einen makellosen Turm aus wertvollen Büchern nach dem anderen aus der Itembox neben den Ladentisch zu stapeln.

Während Olli noch nach Worten rang, übernahm Funny das Reden. Sie erklärte die Situation im Nachtschattenwald, berichtete von den Orkkrähen und stellte schließlich Floh vor, der beschämt, aber tapfer die Verantwortung übernahm und sich ausgiebig entschuldigte.

Olli hörte schweigend zu. Dann glitt ein warmes, verständnisvolles Lächeln über sein wettergegerbtes Gesicht. Er beugte sich zu dem kleinen Bücherwurm hinab.

„Ein Dieb aus Hunger nach Wissen. Nun gut. Schwamm drüber, Kleiner. Alle Bücher sind wieder da und unversehrt. Komm zu mir in die Lese-Ecke, wann immer dir der Magen knurrt.“

Lily warf sofort breit grinsend ein: „Und lass dir unbedingt diesen genialen Gebirgskräutertee servieren! Der ist ein absoluter Traum, Mann! Damit schmeckt jedes noch so trockene Buch nach Abenteuer!“

Das Eis war gebrochen und die kleine Gruppe lachte laut auf.

Lily rieb sich theatralisch den Bauch und wandte sich zur Tür.

„So. Mission erfüllt. Geheimnis gelüftet. Bücher zurückgebracht. Jetzt aber im Sturmschritt ab zu Lydia! Orkkrähen zu vertreiben und Nerd-Gesprächen zuzuhören, macht unfassbar hungrig!“

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