Spaß mit Anime und japanischer Kultur

Kontakt: per Mail Kontakt aufnehmen
Kasse: zur Kasse gehen
Warenkorb: Anschauen, was alles im Warenkorb ist
Konto: zu den persönlichen Konto-EInstellungen

Kostenlos abonnieren

RSS Feed abonnieren
WhatsApp Kanal abonnieren

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 3

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 3

Ein blendend heller Lichtblitz, ein Geräusch wie das Zerreißen von massiver Seide und die Realität spuckte sie wieder aus.

Funny, Lily und Darin schossen aus dem Nichts und krachten unsanft auf das Pflaster einer engen, düsteren Seitengasse. Die Luft war stickig. Statt der kühlen, salzigen Morgenbrise von Marinburg oder der staubigen Kälte der unterirdischen Halle schlug ihnen eine flirrende, drückende Wand aus Hitze entgegen.

Lily raffte sich stöhnend auf, rieb sich ihren schmerzende Po und schüttelte ihre roten Haare aus.

„Bei allen heiligen Drachen von Feenland… das nächste Mal nehme ich die verdammte Treppe! Wo sind wir? Und warum fühlt sich die Luft an, als würde man in einen glühenden Backofen schauen?“

Darin schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Er blickte an den hohen, sonnenbeschienenen Fassaden empor. Seine magischen Sensoren im Brillenglas flackerten wild und warfen nervöse, rote Warnsignale ab.

„Wir sind in Civitas Aurelia. Aber… die Temperatur, der Sonnenstand, die Luftfeuchtigkeit… das stimmt hinten und vorne nicht. Als wir vor zwei Tagen nach Marinburg aufgebrochen sind, hatten wir milden Frühling. Das hier ist tiefster Hochsommer.“

Funny klopfte sich den Steinstaub von ihrem hellblauen Bikini. Ihre himmelblauen Augen verengten sich analytisch.

„Eine magische Teleportation über weite Strecken kann desorientierend sein, Darin. Aber selbst die stärkste Raumkrümmung ändert nicht die Jahreszeit. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht.“

Darin trat an einen übervollen Papierkorb am Rande der Gasse heran. Ein zerknülltes Stück Zeitungspapier hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Mit spitzen Fingern zog er die Zeitung heraus, strich sie auf seinem Unterarm glatt und suchte nach dem Datum. Die Farbe wich schlagartig aus seinem Gesicht. Er stand wie versteinert da.

„Darin?“, fragte Funny alarmiert. Sie spürte sofort, wie sich die Aura ihres Freundes verdichtete. „Was steht da?“

Darin schluckte hart. Seine Stimme klang fremd, fast mechanisch: „Schlagzeile: 5. Jahrestag der historischen Entdeckung der Tiefenruinen unter Marinburg.“

„Fünf Jahre?!“, kreischte Lily, sprang auf ihn zu und riss ihm das Blatt aus der Hand. „Das ist doch ein schlechter Scherz von Bartley! Hat der Idiot jetzt eine eigene Druckerei aufgemacht, nur um uns zu ärgern?!“

Darin schüttelte langsam den Kopf: „Der Jahrestag war letzten Sommer“, er deutete mit einem zitternden Finger auf eine schwarz eingerahmte Kolumne auf der unteren Hälfte der Seite. „Lies das hier, Lily. Direkt darunter.“

Lily las laut vor und mit jedem Wort wurde ihre sonst so laute Stimme leiser, bis sie nur noch ein brüchiges Flüstern war: „In stillem, unvergessenem Gedenken: Zum fünften Todestag der Abenteurergruppe Adiuva et Protege. Die Krone trauert noch immer um die jüngsten und tapfersten S-Rang-Wächter Feenlands – Funny, Lily und Darin –, die vor genau fünf Jahren bei der ersten, verhängnisvollen Erkundung der Gewölbe unter Marinburg ihr Leben ließen, als sie eine einstürzende Barriere hielten…“

Eiskalte Stille legte sich über die Gasse im flirrenden Sommer.

„Wir sind… tot?“, flüsterte Lily und starrte ihre Hände an, als erwarte sie, dass sie sich zu Staub auflösten. Funny schloss für eine Sekunde die Augen. Ihr strategischer Verstand kämpfte mit eiserner Disziplin gegen die aufsteigende Panik.

„Nein, Lily. Wir stehen hier. Wir atmen. Wir müssen sofort zu unserem Haus. Wenn wir verstehen wollen, was passiert ist, dann dort.“

Ohne ein weiteres Wort entfalteten sie ihre schillernden Libellenflügel. Sie verließen die Hauptstadt in einem schnellen, tiefen Flug, darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden. Ihr Ziel war der einzige Ort in Feenland, der ihnen absolut gehörte: ihr kleines WG-Häuschen am Rande des Waldes.

Als sie in den Landeanflug gingen, verschlug es selbst der gefassten Funny den Atem. Das Grundstück war völlig verwahrlost. Das Gras stand meterhoch, Unkraut wucherte wild über die Steinwege und dicke Efeuranken hatten sich wie Würgeschlangen um die Veranda geschlungen. Es sah aus wie ein vergessenes Monument in der tiefsten Ödnis.

„Mein… mein schönes Rosenbeet“, murmelte Funny traurig.

Darin trat vor.

„Vorsicht. Die Schutzzauber.“

Tatsächlich knisterte die Luft plötzlich bedrohlich. Die massiven Abwehr- und Schutzzauber, die sie vor fast sechs Jahren verhängt hatten, waren mit tödlicher Präzision aktiv. Eine schimmernde Barriere baute sich auf. Doch als die magischen Felder die unverkennbaren Auren der drei Blumenelfen erfassten, erstarben die Blitze sofort. Das Gartentor schwang mit einem unheimlichen, rostigen Quietschen auf. Der Zauber erkannte seine rechtmäßigen Meister.

Sie betraten das Haus. Es war wie eine unberührte Zeitkapsel. Ein dicker Staubschleier lag auf allen Möbeln. Im Wohnzimmer lag noch genau die Zeitschrift auf dem Tisch, die Lily damals gelesen hatte. In der Küche stand Funnys Lieblingstasse im Spülbecken.

„Erinnert ihr euch noch?“, brach Lily die Stille, während sie mit dem Finger durch den Staub auf dem Esstisch fuhr. „Als diese ganze Marinburg-Geschichte für uns los ging? Erinnert ihr euch, wie ich getobt habe? Wie ich geschimpft habe wie ein Rohrspatz, weil wir als Erste in dieses elende Rattenloch von Ruinenstadt mussten?“

Darin nickte langsam.

„Und ich bin runter in meine Werkstatt gegangen, um die Itemboxen für eine archäologische Expedition zu packen.“

„Aber denkt doch mal genau nach!“, rief Funny und trat in die Mitte des Raumes. Ihr Blick pendele zwischen Darin und Lily. „Erinnert euch an unsere Mission vor fünf, naja, für uns sechs Jahren! Als wir damals nach Marinburg flogen, war die Mission… völlig unspektakulär! Und absolut langweilig!“

„Stimmt!“, rief Lily aus und schnippte mit den Fingern. „Da waren überhaupt keine Monster! Da war nur eine leere, verstaubte alte Höhle mit vielen geräumten Gängen unter der Stadt! Wir haben dort unten nur eine Stunde lang Korridor um Korridor durchstreift, sind zurück zur Gilde, haben Renni den Wisch gegeben und die Punkte kassiert! Fertig, aus, Mickey Maus!“

„Exakt!“, bestätigte Funny. „Auf unserem Lebensweg war diese Ruine absolut irrelevant. Wir haben überlebt, wir sind knapp sechs Jahre älter geworden, haben unzählige Missionen gelöst… bis Aurelia uns vor zwei Tagen rief, weil in den Ruinen plötzlich ein Siegel aufgetaucht war und Lumina in diesen verfluchten Torbogen stolperte! Warum also, bei allen guten Geistern von Feental, steht hier in der Zeitung, wir seien heute vor fünf Jahren bei genau jener unspektakulären Ersterkundung gestorben?!“

„Das müssen wir herausfinden!“, knurrte Lily. „Suchen wir das ganze Haus ab! Vielleicht gibt es irgendwelche Aufzeichnungen die uns Hintergrundinfos geben können.“

Während Funny und Lily das Erdgeschoss und die Schlafzimmer auf den Kopf stellten, stieg Darin hinab in sein Reich: die magisch-technische Werkstatt im Keller. Hier unten roch es noch immer nach altem Maschinenöl und Ozon. Er räumte eine Flipcharttafel frei, schnappte sich einen Stift und begann wie ein Besessener zu schreiben und zu zeichnen. Vektoren, magische Fluktuationen, temporale Achsen, Runenfolgen. Sein Verstand filetierte die Unmöglichkeit.

Nach knapp zwei Stunden kamen Funny und Lily frustriert, verschwitzt und voller Staub im Wohnzimmer wieder zusammen.

„Nichts“, seufzte Funny und ließ sich auf das verstaubte Sofa fallen. „Es gibt hier absolut nichts, was wir nicht ohnehin schon wussten. Natürlich nicht! Das hier ist unser Haus von vor fünf Jahren! Alles liegt genau da, wo wir es damals hingelegt haben, bevor wir nach Marinburg aufgebrochen sind.“

***

Schwere Schritte hallten auf der Kellerstiege. Darin wuchtete seine Tafel nach oben und stellte sie im Wohnzimmer auf. Seine Augen hinter den geputzten Brillengläsern leuchteten triumphierend.

Funny und Lily setzten sich sofort kerzengerade auf. Wenn jemand dieses physikalische Albtraum-Puzzle lösen konnte, dann ihr Tech-Nerd.

„Also gut, ihr beiden. Gehirne einschalten, das wird jetzt komplexe theoretische Magie“, begann Darin und klopfte mit dem Stift gegen die Tafel. „Das Problem ist: Ihr denkt in einer einzigen, linearen Zeitlinie. Ihr denkt: Vergangenheit -> Gegenwart -> Zukunft. Das ist falsch! Das Universum funktioniert nach der Zeitstrahltheorie der tanzenden Seile!“

Lily blinzelte.

„Der tanzenden was? Hat dir der Staub da unten die Synapsen verknotet, Darin?“

„Zuhören, Lily!“, wies er sie streng an, was Funny ein leises Schmunzeln entlockte. Darin zeichnete mehrere senkrechte, gewellte Linien nebeneinander auf die Tafel, die sich wie Schlangen wanden.

„Stellt euch die Zeitstrahlen des Universums wie viele nebeneinander hängende Seile vor, die im magischen Wind tanzen und schwingen. Jedes Seil repräsentiert eine eigenständige Realität mit ihren eigenen, spezifischen Kausalitäten.“

Er zog eine feste, weiße Linie nach.

„Das hier ist Seil A. Das ist unser Heimatstrahl! Auf Seil A sind wir vor fast sechs Jahren nach Marinburg geflogen. Die Ruine war langweilig, wir haben sie erforscht, sind zurückgekehrt und haben sechs wunderschöne Jahre gelebt. Auf Seil A wurden wir vor zwei Tagen von Aurelia gerufen, weil man ein versiegeltes Tor fand. Wir gingen rein, Lily rettete Lumina, fiel durch den Bogen und Funny und ich sprangen hinterher.“

Dann zog er eine dicke, rote Linie direkt daneben.

„Und das hier… ist Seil B! Das Seil, auf dem wir uns jetzt genau in diesem Moment befinden!“

Funny schnappte nach Luft.

„Ein paralleler Zeitstrahl…“

„Nein, nicht parallel. Ein sich teilender Zeitstrahl“, rief Darin. „Vor fünf Jahren teilte sich der Zeitstrahl in zwei unabhängige Linien.“

Er markierte einen Punkt von dem aus die weisse und die rote Linie ihren Anfang nahmen.

„Auf Seil B verlief die Geschichte vor fünf Jahren anders! Auf Seil B war die Ruine bei der Ersterkundung damals nicht langweilig! Auf Seil B gab es damals ein heftiges Erdbeben, unsere alternativen Ichs wurden verschüttet und starben vor genau fünf Jahren! Deswegen feiern sie heute hier ihren fünften Todestag!“

Lily klappte der Unterkiefer herunter. Sie stand auf und starrte auf die roten und weißen Striche.

„Heiliger Drachenmist! Das bedeutet… als wir vor zwei Tagen auf unserem Seil A in diesen dämlichen Torbogen gesprungen sind, hat das Ding uns nicht einfachein knappes Jahr in die Vergangenheit geschickt! Der Bogen hat uns quer über den Abgrund von Seil A auf Seil B geworfen! Direkt in eine Welt, in der wir seit fünf Jahren tot sind!“

„Zwischen den dimensionellen Seilen geschleudert“, flüsterte Funny fasziniert. Die schiere Genialität der Mechanik beeindruckte selbst ihren S-Rang-Verstand. Dann schluckte sie schwer.

„Wir sind Fremdkörper auf einer alternativen Zeitlinie. Das wird die Magie nicht lange zulassen.“

„Richtig“, nickte Darin stoisch. „Und genau daraus formuliert sich unsere primäre, logische Aufgabe: Wir müssen einen Weg finden, von Seil B herunterzuspringen und wieder auf unser Heimatseil A zu gelangen!“

Funny stand auf, ihre Augen blitzten vor Entschlossenheit.

„Wenn der Torbogen uns von Seil A hierher auf Seil B gebracht hat… dann ist dieser Torbogen unsere einzige Brücke zwischen den Seilen. Wir müssen den Ruinen unter Marinburg hier auf Seil B einen sofortigen Besuch abstatten.“

„Ganz meine Meinung!“, knurrte Lily und schwang ihre Naginata durch die staubige Luft. „Wir finden diesen Portal-Bogen und…“ „…analysieren seine arkanen Signaturen und subatomaren Frequenzen“, vollendete Darin ihren Satz, bevor sie vorschlagen konnte, das Monument in handliche Stücke zu hacken.

Sie verließen ihr Haus. Als sie die Veranda betraten, schlossen sich die Schutzzauber hinter ihnen wieder lautlos. Das Haus versank wieder in seinem Dornröschenschlaf – sicher vor allen Eindringlingen dieser Welt.

***

Der Flug nach Marinburg verlief in absoluter Konzentration. Das „nach Fisch stinkende Rattenloch“, wie Lily es für gewöhnlich nannte, lag in der Sommersonne vor ihnen. Doch als sie die Ruinenstadt am Küstenrand erreichten, bot sich ihnen ein trostloses Bild.

„Verdammt“, fluchte Lily im Schwebeflug. „Seht euch das an! Der Haupteingang zu den Tiefenruinen… er ist komplett verschüttet!“

Wo vor sechs Jahren auf ihrem Seil noch ein offener Steinbruch gewesen war, türmte sich hier auf Seil B ein gewaltiger, von Unkraut überwucherter Berg aus massiven Felsbrocken.

Funny landete grazil auf einem Felsen.

„Das war das Erdbeben vor fünf Jahren auf Seil B. Genau das Beben, das unsere alternativen Ichs hier begraben hat. Der gesamte Hauptgang ist kollabiert.“

Lily grinste plötzlich teuflisch auf.

„Wie gut, dass ihr eine Meisterin des Chaos und der unkonventionellen Wege dabei habt! Erinnert ihr euch an das archäologische Kartenmaterial, das Renni uns vor ein paar Tagen gegeben hat?“ Sie griff in ihre magische Itembox und zog ein abgegriffenes Pergament hervor. „Die alten Bauherren des unterirdischen Marinburg waren Schmuggler und Diebe! Es gab mehrere versteckte Notausgänge und Schleichwege, die von der Küste aus in die Tiefen führten!“

Sie folgten Lilys Finger auf der Karte.

Ihr Weg führte sie zu einer verlassenen, halb verfallenen Fischerhütte an den steilen Klippen. Im Keller der Hütte, hinter einigen morschen Weinfässern, verbarg sich tatsächlich ein schmaler, feuchter Spalt im nackten Fels.

Sie schlüpften in die absolute Dunkelheit. Funny schnippte mit den Fingern und beschwor eine hell leuchtende, magische Lichtkugel, die vor ihnen her schwebte. Darin öffnete eine kleine Messingkapsel und entließ einen winzigen Sensor-Käfer in die Luft, der mit roten Laserstrahlen die Statik der Gänge abtastete.

„Äußerste Vorsicht“, warnte Darin, während er auf die Daten auf seinem Brillenglas starrte. „Der Sensor meldet extreme geologische Instabilität. Das Erdbeben vor fünf Jahren hat die tragenden Deckenwölbungen hier massiv beschädigt. Ein unkontrollierter Zauber und wir enden genau wie unsere Ichs auf diesem Seil.“

Sie bahnten sich im Schneckentempo ihren Weg durch das unterirdische Labyrinth. Schließlich erreichten sie genau jenen Punkt, an dem in ihrer eigenen Zeit (Seil A) der Durchbruch zum Torbogen gewesen war. Doch hier war der Gang mit tonnenschwerem Geröll und Fels massiv blockiert.

Darin trat an die Schuttwand heran. Seine Finger huschten über die kalten Steine.

„Gebt mir zehn Minuten.“

Mit chirurgischer Präzision befestigte er leuchtend blaue Stabilitäts-Runen an den Seitenwänden und der Decke, die das Gestein wie unsichtbare Stahlträger sicherten. Dann verankerte er eine hochkomplexe, violett glimmende Auflösungsrune genau im Zentrum der Blockade. Ein leises, hochfrequentes Zisch, ein kurzes Aufleuchten und der massive Fels schmolz lautlos wie Butter in der Sonne dahin, bis ein schmaler, sauberer Gang freigelegt war.

Sie schlüpften hindurch und standen im Vorraum. Dort war es: Das gewaltige Tor aus dunklem Metall. Es stand einen Spalt breit offen! Es gab hier kein rotes Wappen von Prinzessin Aurelia auf dem Metall. Nichts war versiegelt worden!

Mit rasendem Puls schoben sie die schweren Torflügel auf und betraten den kreisrunden Hauptraum.

Es war ein absolutes Déjà-vu. In der Mitte der perfekten Halle stand der schwarze Torbogen. Er war intakt! Keine Risse, kein Einsturz. Er pulsierte leise vor sich hin, der graue, unheimliche Schleier im Inneren waberte wie zäher Nebel.

Funny zog ein schweres, in Leder gebundenes Runenbuch aus ihrer Tasche, das sie vorsorglich aus der WG mitgebracht hatte. Sie trat ganz nah an die verwitterten Schriftzeichen am Bogen heran und blätterte hastig.

„Ich versuche, diese Runen zu dechiffrieren… vielleicht verraten sie uns, ob wir das Tor steuern können.“

Nach einer Weile seufzte sie frustriert auf.

„Die Runen entsprechen keiner bekannten Grammatik. Weder Elfisch noch die uralte Sprache der Drachen oder Zwerge. Die sind mir vollkommen unbekannt.“

Darin hielt seine Scanner direkt an das schwarze Gestein. Er schüttelte den Kopf.

„Keine magischen Signaturen im messbaren Spektrum. Der Stein absorbiert jede Scannerwelle wie ein schwarzes Loch. Analytisch gesehen sind wir am Ende unseres Lateins.“

Die Verzweiflung begann in der Halle zu kriechen. Stundenlanges Analysieren brachte rein gar nichts.

Da schob Darin seine Brille hoch. Seine Augen blickten nachdenklich auf die Rückseite des Bogens. Seine Stimme klang plötzlich uncharakteristisch vage, fast schon spekulativ: „Leute… was wäre, wenn wir einfach von der anderen Seite hindurchschreiten?“

Lily starrte ihn an.

„Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?! Du hängst uns erst eine halbe Stunde an der Tafel auf und dein großer Masterplan ist jetzt andersrum durch die Tür gehen?!“

„Denk doch mal logisch nach, Lily!“, hielt Darin leidenschaftlich dagegen und seine Wangen röteten sich leicht vor Aufregung. „Als du vor zwei Tagen von unserem Seil gefallen bist, bist du von vorne nach hinten durch den Schleier gestürzt. Wir sind dir genau in derselben Richtung gefolgt! Was, wenn dieser Bogen eine polarisierte Richtungsmechanik hat? Von vorne nach hinten wirft es dich auf ein anderes Seil in die Vergangenheit! Was, wenn von hinten nach vorne ein Weg zurück ist?! Ein temporaler Rücklauf?!“

Lily nickte nachdenklich.

Funny blickte auf den wabernden Schleier. Das war kein mathematisch abgesicherter Plan, das war ein gewaltiges Glücksspiel.

„Darin… wenn du dich irrst, werden unsere molekularen Strukturen vielleicht zwischen den Dimensionen zerrieben.“

„Haben wir eine bessere Idee, Fun-chan?“, fragte Lily sanft. Sie trat an Funnys Seite und nahm ihre Hand. „Wir gehören nicht auf Seil B. Unsere Ichs sind hier tot. Ich vertraue unserem Tech-Nerd.“

Darin trat an Funnys andere Seite und nahm ihre linke Hand. Ein warmes Kribbeln breitete sich in den drei Wächtern aus. Sie standen nun auf der Rückseite des Monumentes, genau entgegengesetzt zu dem Moment der Katastrophe auf Seil A.

„Auf meine Anweisung“, sagte Funny mit fester Stimme. „Eins… zwei… DREI!“

Gleichzeitig, mit verschränkten Händen, schritten die Drei von hinten nach vorne durch den grauen Schleier.

***

Ein blendend weißer Lichtblitz explodierte vor ihren Augen. Ein schmerzhafter Ruck ging durch ihre Knochen, als würde man sie durch einen zu engen Tunnel aus Eis pressen.

Als sie blinzelnd die Augen aufschlugen, standen sie wieder auf hartem Stein. Sie blickten sich um: Es war genau dieselbe, enge Seitengasse in Civitas Aurelia! Doch die flirrende Hochsommerhitze war wie weggewischt. Ein angenehm kühler, nach Frühling und blühenden Kirschbäumen duftender Wind wehte durch die Gasse.

Darin stürzte zum nächstgelegenen Papierkorb. Er wühlte im Müll, wischte eine Bananenschale beiseite und zog eine fast taufrische Zeitung heraus. Er starrte auf das Datum. Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Und?!“, rief Lily ungeduldig und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. „Sind wir wieder auf unserem richtigen Seil A?! Haben wir es geschafft?!“

„Wir sind fast wieder in der richtigen Zeit! Wir haben den Zeitsprung rückgängig gemacht!“

Funny trat an seine Seite und überflog das Datum. Ihre strategische Miene verfinsterte sich jedoch sofort.

„Nicht ganz, Darin. Sieh genau hin! Wir sind drei Tage zu früh! Heute ist genau drei Tage vor unserer Mission mit Aurelia und Lumina, um das versiegelte Tor zu erkunden. Uns gibt es hier jetzt zweimal! Was machen wir nun?“

„Ist doch genial einfach!“, rief Lily, schnippte mit dem Finger und grinste breit. „Wir fliegen zu unserem WG-Häuschen, setzen uns an den Küchentisch und warten auf uns selbst! Wenn unsere Ichs zur Tür reinkommen, warnen wir sie: Hey, geht bloß nicht in diese verdammten Ruinen in Marinburg, sonst stirbt dort jemand oder bricht ein Zeitparadoxon vom Zaun! Problem gelöst!“

„Nein! Das geht auf gar keinen Fall!“, rief Darin entsetzt aus und wedelte wild mit den Händen. „Lily, denk doch einmal für fünf Sekunden an die kausalen Gesetzmäßigkeiten! Kannst du dich auch nur eine Sekunde daran erinnern, dass wir vor zwei Tagen in unserer WG Besuch von uns selbst hatten?!“

Lily hielt inne. Sie blinzelte.

„Ähm… nö. Wir sind gerade von einer Mission zurückgekehrt, ihr wart in der Gilde, ich hab mir ein Marmeladenbrot gemacht und dann kam der Feen-Post-Kurier und hat einen Packen Dokumente über die Ruinen in Marinburg gebracht. Und dann kamt ihr auch schon zurück.“

„Ganz genau!“, bestätigte Funny ernst. „Wenn wir zu unserem Haus gehen und unsere Vergangenheits-Ichs warnen, ändern wir den linearen Verlauf dieses Seils. Wir würden die Vergangenheit aktiv manipulieren! Dann würde es uns dauerhaft zweimal auf diesem Zeitstrahl geben – und die universelle Magie würde uns wegen paradoxer Duplikation vermutlich einfach auslöschen!“

Darin begann in der Gasse auf und ab zu gehen. Seine Stirn lag in tiefen Falten, sein Gehirn lief heiß.

„Moment… überlegen wir doch mal rein analytisch, was vor drei Tagen passiert ist. Oder passieren wird“, rannte Darin gedanklich los. „Morgen Nacht wird es unter Marinburg ein leichtes, natürliches Erdbeben geben! Dieses Beben öffnet historisch gesehen erst den tiefen Zugang zum Torbogen-Raum!“

Funny ergänzte: „Dort wird das versiegelte Tor entdeckt und die Ruinen sofort gesperrt.“

„Und Renni sagte“, flüsterte Darin, dem der Atem stockte, „dass niemand in Feenland wusste, wer dieses Siegel dort angebracht hatte! Selbst Prinzessin Aurelia hatte keine Ahnung, wer es war!“

Lily schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Das Echo hallte in der Gasse. „Heiliger Drachenmist und alle Götter Feenlands… WIR WARN DAS?!“

„Exakt!“, strahlte Funny mit purer Ehrfurcht vor der perfekten Logik der Magie. „Wir sind nicht zufällig drei Tage zu früh hier gelandet! Als S-Rang-Wächter haben wir das gesetzliche Recht und die magische Befugnis, Prinzessin Aurelias königliches Siegel in Ausnahmesituationen zu verwenden, wenn wir es einstimmig beschließen! Wir müssen heute Nacht nach Marinburg fliegen und das Siegel auf das Tor brennen! So verhindern wir, dass irgendjemand durch das Tor in den Raum mit dem Portal gelangen kann.“

„Unsere Ichs dieser Zeit kommen dann vor ein verschlossenes, königlich versiegeltes Tor!“, rief Darin begeistert. „Aurelia löst das Siegel. Wir gehen durch den Torbogen, der Torbogen stürzt ein. Voila, nur wir sind noch auf unserem Zeitstrahl.“

„Aber…“, wandte Lily verwirrt ein und knotete die Stirn zusammen. „Wenn wir das jetzt tun… dann ist das doch eine unendliche Zeitschleife! Unsere Ichs gehen übermorgen mit Aurelia in die Ruine, fallen durch den Bogen, reisen in der Zeit zurück fliegen nach Marinburg, gehen durch das Tor zurück und brennen wieder das Siegel… das hört doch niemals auf!“

„Ich glaube nicht, dass das passiert“, sagte Funny mit einer Ruhe, die aus tiefstem Urvertrauen in ihre Welt stammte. „Ich vertraue auf die Gesetze der Magie. Zeitschleifen sind kein reguläres magisches Konstrukt – die Natur verabscheut Stagnation! Wenn unsere Vergangenheits-Ichs durch den Bogen springen, wird die universelle Magie das Vakuum kompensieren. Das Universum webt das Seil einfach nahtlos neu. Wenn wir den Kreislauf heute Nacht schließen, wird es am Ende wieder nur uns auf unserem Heimatstrahl Seil A geben! So lautet jedenfalls meine unbewiesene, aber höchst elegante Theorie.“

Lily grinste breit und wirbelte ihre Naginata durch die Luft.

„Ihr beide macht mich echt fertig mit eurer Logik. Aber na gut! Auf nach Marinburg!“

***

Die drei Wächter verloren keine Zeit. Im Schutz der einbrechenden Dämmerung flogen sie nach Marinburg. Da der offizielle Eingang der Ruinen erst nach der Entdeckung von den Stadtwachen gesichert werden würde, war das Areal in dieser Nacht noch völlig unbewacht. Sie schlüpften ungesehen in die Tiefen.

In der Mitte der Nacht erzitterte der Fels unter ihren Füßen. Es war genau das leichte, natürliche Erdbeben, das Darin vorhergesagt hatte. Mit einem lauten Grollen brachen im Hauptkorridor alte Mauerteile ein und legten den tiefen Zugang zum Torbogen-Raum frei.

Die drei traten in den kleinen Vorraum und standen vor dem massiven Metalltor. „Einstimmiger Beschluss der Wächter?“, fragte Funny und hob die Hand.

„Beschlossen!“, sagten Darin und Lily absolut synchron.

Funny schloss die Augen und bündelte ihre enorme Wächter-Magie. Aus ihren zierlichen Fingerspitzen schoss ein strahlender, tiefroter Lichtstrahl, der sich mit zischender Hitze in das dunkle Metall des Tores brannte. Zentimeter für Zentimeter formte sich das unverkennbare, magisch leuchtende Wappen von Kronprinzessin Aurelia. Als das Werk vollbracht war, glühte das Siegel bedrohlich auf und versiegelte das Tor mit einer absolut undurchdringlichen Barriere.

„Und jetzt?“, flüsterte Lily im roten Schimmer des Siegels. „Verstecken wir uns hinter einer Säule und rufen Überraschung, wenn wir selbst morgen hier auftauchen?“

Funny zog den alten Bauplan der Ruinen aus ihrer Ledertasche und studierte ihn beim Licht des Siegels.

„Auf keinen Fall. Wir dürfen unseren anderen Ichs unter keinen Umständen begegnen. Seht mal hier: Direkt neben diesem Vorraum führt ein schmaler Seitengang ab, der in einigen versteckten, ehemals als Vorratskammern genutzten Räumen endet. Dort können wir warten, bis das Siegel gebrochen ist und wir durch den Torbogen gegangen sind.“

Sie schlüpften in den dunklen Seitengang, kauerten sich auf alte Steinkisten und warteten in der Enge. Zwei Nächte mussten sie ausharren. Zum Glück hatte Darin ausreichende Notrationen in den Itemboxen verstaut. Trotzdem waren es die langweiligsten zwei Tage in ihrem Leben. Dafür bekamen sie hautnah mit, wie das versiegelte Tor entdeckt wurde und die Stadtwache die unterirdischen Ruinen abriegelten.

Am zweiten Morgen hörten sie plötzlich raue, gedämpfte Stimmen aus den Gängen ganz in der Nähe.

Darin spähte vorsichtig um die Ecke des Seitenganges. Ein breites Lächeln flog über sein Gesicht. Er drehte sich zu den Mädchen um und flüsterte: „Ihr werdet es nicht glauben. Das sind diese zwielichtigen Grabräuber! Genau die Jungs, die bei unserer Ankunft vor zwei Tagen oben an der Kutsche so panisch aus der Ruine gestürzt sind und dann draußen von Aurelias Rittern gefällt wurden!“

Funny kniff die Augen zusammen.

„Moment mal… warum sind die damals vor zwei Tagen eigentlich so panisch aus der Ruine geflohen? Und warum starrten sie uns oben vor der Kutsche mit so schreckgeweiteten Augen an, dass sie sogar ihre Schwerter fallen ließen?“

Darin deutete mit einem Daumen über seine Schulter in den Gang.

„Vermutlich, weil sich eine gewisse rot-haarige Blumenelfe genau in diesem Moment wie der leibhaftige, blutrünstige Teufel auf sie gestürzt hat?“

Funny schaute zur Seite. Der Platz neben ihr war leer. Lily war offensichtlich etwas schneller als Darin und Funny zum selben Schluss gelangt und hatte bereits ihre Naginata gezogen. Mit einem wilden Kriegsschrei schoss sie aus dem Versteck direkt in die Gruppe der lungernden Grabräuber.

„LOS! HINTERHER!“, rief Darin, zückte seine schwere Doppelaxt und stürmte los. „Mit den Jungs war nicht zu spaßen! Sie haben schwere magische Items.“

Was folgte, war ein kurzer, heftiger und brutaler Kampf in der Enge des Korridors. Die Grabräuber, völlig überrumpelt von drei scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Elfen, wehrten sich mit giftigen Pfeilen und schmutzigen Schockzaubern. Doch gegen ein perfekt eingespieltes S-Rang-Wächter-Trio hatten sie nicht den Hauch einer Chance.

Lily wirbelte wie ein roter Wirbelsturm durch die Reihen, zertrümmerte mit dem Schaft ihrer Naginata Knie und Handgelenke. Darin fing eine magische Feuerkugel mit seiner Doppelaxt ab und schleuderte die Energie als Schockwelle zurück.

„WAAAH! WAS SIND DAS FÜR MONSTER?!“, brüllte der Anführer der Räuber in panischer Todesangst. „RÜCKZUG! RAUS HIER! LAUFT UM EUER LEBEN!“

Wie von Sinnen warfen die Räuber ihre Beutesäcke weg und rannten schreiend und stolpernd den Hauptkorridor hinauf in Richtung Ausgang – genau ihrem unausweichlichen Schicksal, durch die Klingen von Aurelias Rittern zu sterben, entgegen!

Plötzlich hallten von oben aus den Hauptgängen laute, helle Stimmen herab. Die schweren Stiefel von Ritterpanzern klackerten auf dem Stein.

„Haltet sie auf! Haltet sie auf! Sie dürfen nicht zur Kutsche kommen!“, brüllte die Stimme des Kommandanten aus der Ferne. Die Expedition von Aurelia war oben eingetroffen!

Funny riss die Arme hoch und zischte in lautem, panischem Flüsterton: „LILY! DARIN! SOFORTIGER RÜCKZUG! Wir müssen zurück in die Vorratskammer! Die Ritter von Aurelia sind oben! Sie dürfen uns auf keinen Fall entdecken!“

Wie geschmeidige Katzen sprangen die drei zurück in die Dunkelheit der geheimen Kammer im Seitengang und pressten sich flach gegen die feuchten Felswände. Ihr Atem ging schnell, ihre Herzen hämmerten wild gegen ihre Rippen.

***

Darin lehnte an der Wand, schob seine Brille hoch und starrte ins Leere. Ein kalter Schauer lief ihm plötzlich den Rücken hinunter. Die Zahnräder seines analytischen Verstandes drehten sich schneller und schneller – bis sie mit einem grausamen Ruck einrasteten.

„Verdammt… wir machen einen Fehler“, flüsterte er und sein Gesicht wurde kreidebleich. „Irgendwas machen wir hier gerade gewaltig falsch!“

Funny überlegte fieberhaft, ihre Gedanken rasten durch alle möglichen strategischen Variablen. Lily kratzte sich am Kopf.

„Was meinst du, Tech-Nerd? Hat doch super geklappt! Die Räuber rennen oben in ihr Verderben, wir haben das Siegel angebracht, gleich kommen Aurelia und Lumina aus unserer Gegenwart von vor zwei Tagen vorbei!“

Lily hielt mitten im Satz inne. Ihre Augen weiteten sich. Sie starrte an die Decke der kleinen Kammer, aus der gerade ein riesiger Klumpen feuchter Lehm auf ihre Schulter fiel.

„Heilige Mutter aller Drachen…“, krächzte Lily. „Wenn Lumina da drüben gleich ausrutscht… und wir durch den Bogen springen… dann… dann…“

„DANN WIRD DIE ERDE BEBEN!“, vollendete Funny panisch und erfasste die tödliche Falle, in die sie sich selbst manövriert hatten. „Der Torbogen im Hauptraum wird kollabieren! Der gesamte verdammte Haupttrakt wird einstürzen! Und wir sitzen hier in einer abgeriegelten Vorratskammer direkt daneben fest… WIR WERDEN HIER LEBENDIG VERSCHÜTTET!“

Es begann zu grummeln. Nicht irgendwo weit weg. Es war das markerschütternde, infernalische Grollen von genau jenem Erdbeben, das den Torbogen im Hauptraum zerschmetterte und das Lumina und Aurelia oben zur Flucht zwang! Die Wand neben ihnen bekam sofort einen fetten, klaffenden Riss.

Darin reagierte schnell.

„Keine Zeit für Panik! Wir müssen diesen gesamten Bereich hier sofort mit allem stabilisieren, was wir haben, sonst enden wir als Pfannkuchen unter tausend Tonnen Fels!“

In Windeseile riss Darin alle Runen-Plättchen aus seiner Itembox heraus. Mit blitzenden Händen verteilte er im Sekundentakt leuchtende Stabilitäts- und Verstärkungsrunen an allen vier Wänden und der Decke. Funny trat in die Mitte der kleinen Kammer, hob die Arme empor und baute ihren allerstärksten, ultimativen S-Rang-Schutzschirm auf – die goldene Barriere erstrahlte so hell wie eine kleine Sonne. Darin und Lily legten ihre Hände von hinten auf Funnys Schultern und leiteten ihre gesamte, rohe Magie in ihre Freundin, um den Schirm zu verstärken.

Und dann brach die Hölle los.

Der Berg explodierte förmlich über ihnen. Das ohrenbetäubende Krachen von zerberstendem Quaderstein, das Heulen von splitternder Felsen und das schrille Knirschen der Erdkruste übertönte alles. Durch den gewaltigen Lärm des Einsturzes hindurch hörten sie schwach die gedämpften, panischen Schreie aus dem Hauptkorridor: „RAUS HIER! Der Raum stürzt ein! Der Gang ist instabil! Eure Hoheiten, WIR MÜSSEN GEHEN!“

Sie hörten das herzzerreißende Schluchzen von Lumina und die energische, treibende Stimme von Prinzessin Aurelia, die ihre Schwester aus dem einstürzenden Raum zerrte.

Tonnen um Tonnen von massivem Gestein donnerten vom Hauptgang herab und prallten von außen mit titanischer Wucht gegen Funnys magischen Schutzschirm. Funny schrie vor Anstrengung auf, Blut tropfte aus ihrer Nase, während Lily und Darin sie mit letzter Kraft auf den Beinen hielten. Die Runen an den Wänden glühten weiß auf, kurz vor dem Überhitzen.

Dann, nach endlosen, grausamen Minuten, war es vorbei.

Das Rumpeln ebbte ab. Ein letzter, schwerer Steinbrocken krachte von außen gegen den Schirm. Dann herrschte wieder diese tödliche, gespenstische Stille. Ihre Zauber hatten gehalten! Die kleine Vorratskammer war intakt geblieben, wie eine rettende Luftblase in einem Ozean aus Fels.

Funny ließ den Schild schnaufend zusammenbrechen und sank auf die Knie. Lily fiel rückwärts auf den Boden und pumpte wild Luft in ihre Lungen.

„Leben wir noch?“, fragte sie keuchend.

„Wir leben“, bestätigte Darin, der seine zerbrochene Brille vom Boden aufhob und notdürftig flickte.

Doch Funny stellte fest: „Aber der Zugang von unserem Seitengang zum Hauptkorridor ist durch den Einsturz völlig verschüttet. Wir sind eingesperrt.“

Sie deutete auf eine Wand aus massiven, schwarzgrauen Trümmern, die den Ausgang versperrte. Darin seufzte jedoch nur lässig und zog ein paar ganz spezielle, violett leuchtende Runen-Plättchen aus der Itembox.

„Für meine Auflösungsrunen ist das Gott sei Dank überhaupt kein Problem. “

Ein gezielter magischer Impuls, ein greller Lichtblitz, und ein riesiges Loch fraß sich lautlos und sauber direkt durch die Trümmerwand hinab in den Hauptkorridor!

***

Sie kletterten durch die rauchende Öffnung hinab in den Haupteingangsbereich der Ruine. Der feine Steinstaub des Einsturzes lag noch wie dicker Nebel in der Luft.

Dort, nur wenige Meter vor ihnen im fahlen Licht des Ausgangs, saßen Kronprinzessin Aurelia und Prinzessin Lumina auf dem staubigen Steinboden. Die beiden Prinzessinnen waren schwer ramponiert. Ununterbrochen kullerten dicke Tränen über Luminas verstaubte Wangen. Aurelia hielt ihre Schwester eng umschlungen, ihr perlmuttfarbenes Kleid war zerrissen und voller Schmutz. Sie trauerten um Adiuva et Protege, die gerade vor ihren Augen im Portal verschwunden waren!

„Wir können jetzt nichts mehr tun, Lumina…“, hörten sie Aurelias gebrochene Stimme flüstern. „Lass uns erst einmal nach Marinburg zurückkehren… dort überlegen wir uns in Ruhe unsere nächsten Schritte.“

Gerade als die beiden Prinzessinnen sich mühsam voneinander lösten, um aufzustehen und den verstaubten Gang in Richtung der wartenden Kutsche zu verlassen, trat Funny aus dem Schatten der Trümmer.

Sie strich sich elegant ihren hellblauen Bikini glatt, wischte sich einen Tropfen Blut von der Nase und räusperte sich mit ihrer allerhöflichsten, glockenhellen Stimme: „Eure Hoheit? Wenn ich kurz stören dürfte?“

Lumina und Aurelia erstarrten mitten in der Bewegung. Wie in Zeitlupe drehten sie die Köpfe zu der Trümmerwand um.

Da standen sie. Funny, leicht verstaubt, aber lächelnd. Darin, mit einem schief sitzenden T-Shirt und einer geklebten Brille. Und Lily, die frech grinste und ihre Naginata locker auf der Schulter trug.

Für einen Bruchteil einer Sekunde glaubten die Prinzessinnen an Geister. Doch bevor Aurelia auch nur nach Luft schnappen konnte, hatte Lumina die Distanz mit einem Sprung überbrückt.

„LILY!!“

Mit einem quietschenden Jauchzer warf sich die jüngere Prinzessin auf die rot-haarige Blumenelfe und hing ihr dermaßen heftig am Hals, dass beide rückwärts in den Steinstaub purzelten und gleichzeitig lachend und weinend übereinander rollten.

Aurelia, die unangefochtene, stets kühle Regentin des magischen Vielvölkerstaates, saß auf dem Boden und starrte mit offenem Mund auf das Trio. Sie war absolut, völlig und restlos verdattert.

„Ihr… ihr wart… der Torbogen… der Einsturz… wie um alles in der Welt…?!“

Funny trat auf sie zu und reichte der Kronprinzessin höflich die Hand, um ihr aufzuhelfen. Ein warmes Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Eure Hoheit, dieser verstaubte Gang ist wahrlich nicht der richtige Ort für eine solch komplexe temporal-magische Erläuterung. Wenn ich vorschlagen dürfte: Lasst uns unverzüglich ins Hotel zurückkehren. Ein heißes Bad, neue Kleider und eine große Kanne Tee erscheinen mir höchst angemessen.“

Aurelia nickte stumm, völlig aus dem Konzept gebracht. Sie ergriff Funnys Hand und ließ sich hochziehen. Lily hatte derweil eine überglückliche Lumina einfach auf ihre Arme geladen und trug sie wie ein Kind in Richtung Ausgang.

„Keine Sorge, Prinzesschen! Wir sind wieder da!“

Als sie den Ausgang erreichten und ins Tageslicht traten, klappte auch den Dutzenden Schwertelfen-Rittern buchstäblich der Unterkiefer bis auf die Brustpanzer herunter. Der Kommandant ließ vor Erstaunen sein Schwert scheppernd auf die Steine fallen.

Aurelia, die ihre königliche Fassung blitzschnell wiedererlangt hatte, trat mit flammenden blauen Augen vor ihre Garde.

„Hört mich an!“, rief sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Ich erlasse hiermit eine unbrechbare Anweisung unter dem Kodex der Krone: Niemand, absolut niemand außerhalb dieses engsten Kreises wird jemals auch nur ein einziges Wort über die genauen Ereignisse, das Verschwinden oder das Wiederauftauchen von Adiuva et Protege bei dieser Expedition verlieren! Für die Welt da draußen war dies eine erfolgreiche, reguläre Inspektion bei der wir das Siegel brechen konnten und einen völlig verschütteten Raum vorfanden! Verstanden?!“

Die Ritter schlugen die Fäuste auf ihre Brustpanzer und nickten synchron in tiefster Ehrfurcht.

***

Es ging in Windeseile zurück nach Marinburg. Im Royal zogen sich Aurelia, Lumina und die drei Blumenelfen nach einem schnellen Bad sofort in die abgeriegelte, königliche Luxussuite zurück. Während draußen vor der Tür doppelte Wachposten aufgezogen wurden, saßen sie in bequemen Sesseln im Wohnbereich.

Bei reichlich heißem Tee, Sandwiches und kleinen Törtchen berichteten Funny, Lily und Darin in allen Einzelheiten von ihrer wilden Odyssee. Sie erzählten vom Sprung auf das fremde Seil B, von der staubigen Gasse im Hochsommer, vom fünften Todestag, von Darins genialer Theorie der tanzenden Seile und von der Flucht zurück durch den Bogen.

Als Funny schließlich erklärte, wie sie vor zwei Nächten heimlich den Felsgang betreten und das rote Wappen der Kronprinzessin auf das Metalltor gebrannt hatten, nickte Aurelia langsam. Ein tiefer Ausdruck von Respekt und Bewunderung lag in ihrem königlichen Blick.

„Ihr wart es also selbst“, murmelte Aurelia und schüttelte amüsiert den Kopf. „Ihr habt das Siegel angebracht, wegen dem wir hierher gerufen wurden. Wahrlich… S++ Rang ist für euch noch zu niedrig bemessen.“

Lumina, die die ganze Zeit auf dem Sofa saß und sich eng an Lilys Seite gekuschelt hatte, als hätte sie Angst, die rot-haarige Elfe würde sich wieder in Luft auflösen, hob nachdenklich den Kopf.

„Offensichtlich ist Funnys Theorie absolut korrekt gewesen“, sagte sie. „Die Magie Feenlands lässt echte, zerstörerische Zeitschleifen nicht zu!“

Lumina hielt inne und sah in die Runde. „Aber eine Frage bleibt doch bestehen: Wer hat diese verdammten Torbögen überhaupt errichtet? Und warum?“

Darin schob seine frisch mit einem feinen Zauber geklebte Brille auf der Nase zurecht. Er klappte ein kleines Notizbuch auf und sortierte nüchtern die harten Fakten: „Wenn wir alle Spekulationen beiseite lassen, wissen wir eigentlich nur eines sicher: Es gibt in Feenland mindestens zwei von diesen dimensionalen Torbögen. Den in de verlorenen Bibliothek und den hier unten unter Marinburg. Und das Bibliotheksportal ist offensichtlich hochgradig mobil! Er kann an einem Ort auftauchen und dann einfach wieder verschwinden!“

„Und sie können kaputtgehen“, fügte Lumina leise hinzu, sich schaudernd an das Geräusch berstenden Steins erinnernd.

Darin, Funny und Lily sahen sich lange und intensiv an. Die lockere Atmosphäre wich einer gewissen Schwere. Trotz ihrer enormen magischen Stärke, trotz Darins technischem Genie, Funnys unübertrefflicher Taktik und Lilys unbändiger Kampfkraft: Sie wussten rein gar nichts über diese Torbögen. Wer immer sie erbaut hatte, war mit Mächten im Bunde, die selbst die Krone von Feenland in den Schatten stellten. Ein unsichtbarer, uralter Schatten lauerte über der Zukunft des Landes.

Die Stille drohte die Gruppe zu erdrücken.

Da zuckte Lily einfach herzerfrischend locker mit den Schultern. Sie schnappte sich die edle Porzellankanne, goss sich eine randvolle, neue Tasse Tee ein, nahm einen gewaltigen Schluck und lehnte sich grinsend zurück.

„Ach, weißt du was, Prinzesschen?“, sagte Lily mit einem Augenzwinkern in Richtung Lumina und grinste ihre beiden besten Freunde an. „Abwarten und Tee trinken! Wenn da draußen irgendein uralter, mysteriöser Architekt mit Zaubertoren umherwirft und Feenland ärgern will… dann wird er uns schon irgendwann über den Weg laufen. Und bis dahin? Wir werden unsere Chance schon bekommen, ihm gehörig in den Hintern zu treten! Denn wir sind schließlich Adiuva et Protege!“

Funny kicherte hell auf, Darin nickte schmunzelnd und selbst Aurelia stimmte in das befreite Lachen mit ein.

– E N D E –


Du möchtest „Die Akademie der Krone“ als gedrucktes Buch in den Händen halten? Dann bestelle es doch gleich hier ohne Versandkosten im FUNime-Shop!


Hat Dir der Beitrag gefallen? Dann teile ihn doch bitte!
Fediverse reactions

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 3

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 3

Ein blendend heller Lichtblitz, ein Geräusch wie das Zerreißen von massiver Seide und die Realität spuckte sie wieder aus.

Funny, Lily und Darin schossen aus dem Nichts und krachten unsanft auf das Pflaster einer engen, düsteren Seitengasse. Die Luft war stickig. Statt der kühlen, salzigen Morgenbrise von Marinburg oder der staubigen Kälte der unterirdischen Halle schlug ihnen eine flirrende, drückende Wand aus Hitze entgegen.

Lily raffte sich stöhnend auf, rieb sich ihren schmerzende Po und schüttelte ihre roten Haare aus.

„Bei allen heiligen Drachen von Feenland… das nächste Mal nehme ich die verdammte Treppe! Wo sind wir? Und warum fühlt sich die Luft an, als würde man in einen glühenden Backofen schauen?“

Darin schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Er blickte an den hohen, sonnenbeschienenen Fassaden empor. Seine magischen Sensoren im Brillenglas flackerten wild und warfen nervöse, rote Warnsignale ab.

„Wir sind in Civitas Aurelia. Aber… die Temperatur, der Sonnenstand, die Luftfeuchtigkeit… das stimmt hinten und vorne nicht. Als wir vor zwei Tagen nach Marinburg aufgebrochen sind, hatten wir milden Frühling. Das hier ist tiefster Hochsommer.“

Funny klopfte sich den Steinstaub von ihrem hellblauen Bikini. Ihre himmelblauen Augen verengten sich analytisch.

„Eine magische Teleportation über weite Strecken kann desorientierend sein, Darin. Aber selbst die stärkste Raumkrümmung ändert nicht die Jahreszeit. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht.“

Darin trat an einen übervollen Papierkorb am Rande der Gasse heran. Ein zerknülltes Stück Zeitungspapier hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Mit spitzen Fingern zog er die Zeitung heraus, strich sie auf seinem Unterarm glatt und suchte nach dem Datum. Die Farbe wich schlagartig aus seinem Gesicht. Er stand wie versteinert da.

„Darin?“, fragte Funny alarmiert. Sie spürte sofort, wie sich die Aura ihres Freundes verdichtete. „Was steht da?“

Darin schluckte hart. Seine Stimme klang fremd, fast mechanisch: „Schlagzeile: 5. Jahrestag der historischen Entdeckung der Tiefenruinen unter Marinburg.“

„Fünf Jahre?!“, kreischte Lily, sprang auf ihn zu und riss ihm das Blatt aus der Hand. „Das ist doch ein schlechter Scherz von Bartley! Hat der Idiot jetzt eine eigene Druckerei aufgemacht, nur um uns zu ärgern?!“

Darin schüttelte langsam den Kopf: „Der Jahrestag war letzten Sommer“, er deutete mit einem zitternden Finger auf eine schwarz eingerahmte Kolumne auf der unteren Hälfte der Seite. „Lies das hier, Lily. Direkt darunter.“

Lily las laut vor und mit jedem Wort wurde ihre sonst so laute Stimme leiser, bis sie nur noch ein brüchiges Flüstern war: „In stillem, unvergessenem Gedenken: Zum fünften Todestag der Abenteurergruppe Adiuva et Protege. Die Krone trauert noch immer um die jüngsten und tapfersten S-Rang-Wächter Feenlands – Funny, Lily und Darin –, die vor genau fünf Jahren bei der ersten, verhängnisvollen Erkundung der Gewölbe unter Marinburg ihr Leben ließen, als sie eine einstürzende Barriere hielten…“

Eiskalte Stille legte sich über die Gasse im flirrenden Sommer.

„Wir sind… tot?“, flüsterte Lily und starrte ihre Hände an, als erwarte sie, dass sie sich zu Staub auflösten. Funny schloss für eine Sekunde die Augen. Ihr strategischer Verstand kämpfte mit eiserner Disziplin gegen die aufsteigende Panik.

„Nein, Lily. Wir stehen hier. Wir atmen. Wir müssen sofort zu unserem Haus. Wenn wir verstehen wollen, was passiert ist, dann dort.“

Ohne ein weiteres Wort entfalteten sie ihre schillernden Libellenflügel. Sie verließen die Hauptstadt in einem schnellen, tiefen Flug, darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden. Ihr Ziel war der einzige Ort in Feenland, der ihnen absolut gehörte: ihr kleines WG-Häuschen am Rande des Waldes.

Als sie in den Landeanflug gingen, verschlug es selbst der gefassten Funny den Atem. Das Grundstück war völlig verwahrlost. Das Gras stand meterhoch, Unkraut wucherte wild über die Steinwege und dicke Efeuranken hatten sich wie Würgeschlangen um die Veranda geschlungen. Es sah aus wie ein vergessenes Monument in der tiefsten Ödnis.

„Mein… mein schönes Rosenbeet“, murmelte Funny traurig.

Darin trat vor.

„Vorsicht. Die Schutzzauber.“

Tatsächlich knisterte die Luft plötzlich bedrohlich. Die massiven Abwehr- und Schutzzauber, die sie vor fast sechs Jahren verhängt hatten, waren mit tödlicher Präzision aktiv. Eine schimmernde Barriere baute sich auf. Doch als die magischen Felder die unverkennbaren Auren der drei Blumenelfen erfassten, erstarben die Blitze sofort. Das Gartentor schwang mit einem unheimlichen, rostigen Quietschen auf. Der Zauber erkannte seine rechtmäßigen Meister.

Sie betraten das Haus. Es war wie eine unberührte Zeitkapsel. Ein dicker Staubschleier lag auf allen Möbeln. Im Wohnzimmer lag noch genau die Zeitschrift auf dem Tisch, die Lily damals gelesen hatte. In der Küche stand Funnys Lieblingstasse im Spülbecken.

„Erinnert ihr euch noch?“, brach Lily die Stille, während sie mit dem Finger durch den Staub auf dem Esstisch fuhr. „Als diese ganze Marinburg-Geschichte für uns los ging? Erinnert ihr euch, wie ich getobt habe? Wie ich geschimpft habe wie ein Rohrspatz, weil wir als Erste in dieses elende Rattenloch von Ruinenstadt mussten?“

Darin nickte langsam.

„Und ich bin runter in meine Werkstatt gegangen, um die Itemboxen für eine archäologische Expedition zu packen.“

„Aber denkt doch mal genau nach!“, rief Funny und trat in die Mitte des Raumes. Ihr Blick pendele zwischen Darin und Lily. „Erinnert euch an unsere Mission vor fünf, naja, für uns sechs Jahren! Als wir damals nach Marinburg flogen, war die Mission… völlig unspektakulär! Und absolut langweilig!“

„Stimmt!“, rief Lily aus und schnippte mit den Fingern. „Da waren überhaupt keine Monster! Da war nur eine leere, verstaubte alte Höhle mit vielen geräumten Gängen unter der Stadt! Wir haben dort unten nur eine Stunde lang Korridor um Korridor durchstreift, sind zurück zur Gilde, haben Renni den Wisch gegeben und die Punkte kassiert! Fertig, aus, Mickey Maus!“

„Exakt!“, bestätigte Funny. „Auf unserem Lebensweg war diese Ruine absolut irrelevant. Wir haben überlebt, wir sind knapp sechs Jahre älter geworden, haben unzählige Missionen gelöst… bis Aurelia uns vor zwei Tagen rief, weil in den Ruinen plötzlich ein Siegel aufgetaucht war und Lumina in diesen verfluchten Torbogen stolperte! Warum also, bei allen guten Geistern von Feental, steht hier in der Zeitung, wir seien heute vor fünf Jahren bei genau jener unspektakulären Ersterkundung gestorben?!“

„Das müssen wir herausfinden!“, knurrte Lily. „Suchen wir das ganze Haus ab! Vielleicht gibt es irgendwelche Aufzeichnungen die uns Hintergrundinfos geben können.“

Während Funny und Lily das Erdgeschoss und die Schlafzimmer auf den Kopf stellten, stieg Darin hinab in sein Reich: die magisch-technische Werkstatt im Keller. Hier unten roch es noch immer nach altem Maschinenöl und Ozon. Er räumte eine Flipcharttafel frei, schnappte sich einen Stift und begann wie ein Besessener zu schreiben und zu zeichnen. Vektoren, magische Fluktuationen, temporale Achsen, Runenfolgen. Sein Verstand filetierte die Unmöglichkeit.

Nach knapp zwei Stunden kamen Funny und Lily frustriert, verschwitzt und voller Staub im Wohnzimmer wieder zusammen.

„Nichts“, seufzte Funny und ließ sich auf das verstaubte Sofa fallen. „Es gibt hier absolut nichts, was wir nicht ohnehin schon wussten. Natürlich nicht! Das hier ist unser Haus von vor fünf Jahren! Alles liegt genau da, wo wir es damals hingelegt haben, bevor wir nach Marinburg aufgebrochen sind.“

***

Schwere Schritte hallten auf der Kellerstiege. Darin wuchtete seine Tafel nach oben und stellte sie im Wohnzimmer auf. Seine Augen hinter den geputzten Brillengläsern leuchteten triumphierend.

Funny und Lily setzten sich sofort kerzengerade auf. Wenn jemand dieses physikalische Albtraum-Puzzle lösen konnte, dann ihr Tech-Nerd.

„Also gut, ihr beiden. Gehirne einschalten, das wird jetzt komplexe theoretische Magie“, begann Darin und klopfte mit dem Stift gegen die Tafel. „Das Problem ist: Ihr denkt in einer einzigen, linearen Zeitlinie. Ihr denkt: Vergangenheit -> Gegenwart -> Zukunft. Das ist falsch! Das Universum funktioniert nach der Zeitstrahltheorie der tanzenden Seile!“

Lily blinzelte.

„Der tanzenden was? Hat dir der Staub da unten die Synapsen verknotet, Darin?“

„Zuhören, Lily!“, wies er sie streng an, was Funny ein leises Schmunzeln entlockte. Darin zeichnete mehrere senkrechte, gewellte Linien nebeneinander auf die Tafel, die sich wie Schlangen wanden.

„Stellt euch die Zeitstrahlen des Universums wie viele nebeneinander hängende Seile vor, die im magischen Wind tanzen und schwingen. Jedes Seil repräsentiert eine eigenständige Realität mit ihren eigenen, spezifischen Kausalitäten.“

Er zog eine feste, weiße Linie nach.

„Das hier ist Seil A. Das ist unser Heimatstrahl! Auf Seil A sind wir vor fast sechs Jahren nach Marinburg geflogen. Die Ruine war langweilig, wir haben sie erforscht, sind zurückgekehrt und haben sechs wunderschöne Jahre gelebt. Auf Seil A wurden wir vor zwei Tagen von Aurelia gerufen, weil man ein versiegeltes Tor fand. Wir gingen rein, Lily rettete Lumina, fiel durch den Bogen und Funny und ich sprangen hinterher.“

Dann zog er eine dicke, rote Linie direkt daneben.

„Und das hier… ist Seil B! Das Seil, auf dem wir uns jetzt genau in diesem Moment befinden!“

Funny schnappte nach Luft.

„Ein paralleler Zeitstrahl…“

„Nein, nicht parallel. Ein sich teilender Zeitstrahl“, rief Darin. „Vor fünf Jahren teilte sich der Zeitstrahl in zwei unabhängige Linien.“

Er markierte einen Punkt von dem aus die weisse und die rote Linie ihren Anfang nahmen.

„Auf Seil B verlief die Geschichte vor fünf Jahren anders! Auf Seil B war die Ruine bei der Ersterkundung damals nicht langweilig! Auf Seil B gab es damals ein heftiges Erdbeben, unsere alternativen Ichs wurden verschüttet und starben vor genau fünf Jahren! Deswegen feiern sie heute hier ihren fünften Todestag!“

Lily klappte der Unterkiefer herunter. Sie stand auf und starrte auf die roten und weißen Striche.

„Heiliger Drachenmist! Das bedeutet… als wir vor zwei Tagen auf unserem Seil A in diesen dämlichen Torbogen gesprungen sind, hat das Ding uns nicht einfachein knappes Jahr in die Vergangenheit geschickt! Der Bogen hat uns quer über den Abgrund von Seil A auf Seil B geworfen! Direkt in eine Welt, in der wir seit fünf Jahren tot sind!“

„Zwischen den dimensionellen Seilen geschleudert“, flüsterte Funny fasziniert. Die schiere Genialität der Mechanik beeindruckte selbst ihren S-Rang-Verstand. Dann schluckte sie schwer.

„Wir sind Fremdkörper auf einer alternativen Zeitlinie. Das wird die Magie nicht lange zulassen.“

„Richtig“, nickte Darin stoisch. „Und genau daraus formuliert sich unsere primäre, logische Aufgabe: Wir müssen einen Weg finden, von Seil B herunterzuspringen und wieder auf unser Heimatseil A zu gelangen!“

Funny stand auf, ihre Augen blitzten vor Entschlossenheit.

„Wenn der Torbogen uns von Seil A hierher auf Seil B gebracht hat… dann ist dieser Torbogen unsere einzige Brücke zwischen den Seilen. Wir müssen den Ruinen unter Marinburg hier auf Seil B einen sofortigen Besuch abstatten.“

„Ganz meine Meinung!“, knurrte Lily und schwang ihre Naginata durch die staubige Luft. „Wir finden diesen Portal-Bogen und…“ „…analysieren seine arkanen Signaturen und subatomaren Frequenzen“, vollendete Darin ihren Satz, bevor sie vorschlagen konnte, das Monument in handliche Stücke zu hacken.

Sie verließen ihr Haus. Als sie die Veranda betraten, schlossen sich die Schutzzauber hinter ihnen wieder lautlos. Das Haus versank wieder in seinem Dornröschenschlaf – sicher vor allen Eindringlingen dieser Welt.

***

Der Flug nach Marinburg verlief in absoluter Konzentration. Das „nach Fisch stinkende Rattenloch“, wie Lily es für gewöhnlich nannte, lag in der Sommersonne vor ihnen. Doch als sie die Ruinenstadt am Küstenrand erreichten, bot sich ihnen ein trostloses Bild.

„Verdammt“, fluchte Lily im Schwebeflug. „Seht euch das an! Der Haupteingang zu den Tiefenruinen… er ist komplett verschüttet!“

Wo vor sechs Jahren auf ihrem Seil noch ein offener Steinbruch gewesen war, türmte sich hier auf Seil B ein gewaltiger, von Unkraut überwucherter Berg aus massiven Felsbrocken.

Funny landete grazil auf einem Felsen.

„Das war das Erdbeben vor fünf Jahren auf Seil B. Genau das Beben, das unsere alternativen Ichs hier begraben hat. Der gesamte Hauptgang ist kollabiert.“

Lily grinste plötzlich teuflisch auf.

„Wie gut, dass ihr eine Meisterin des Chaos und der unkonventionellen Wege dabei habt! Erinnert ihr euch an das archäologische Kartenmaterial, das Renni uns vor ein paar Tagen gegeben hat?“ Sie griff in ihre magische Itembox und zog ein abgegriffenes Pergament hervor. „Die alten Bauherren des unterirdischen Marinburg waren Schmuggler und Diebe! Es gab mehrere versteckte Notausgänge und Schleichwege, die von der Küste aus in die Tiefen führten!“

Sie folgten Lilys Finger auf der Karte.

Ihr Weg führte sie zu einer verlassenen, halb verfallenen Fischerhütte an den steilen Klippen. Im Keller der Hütte, hinter einigen morschen Weinfässern, verbarg sich tatsächlich ein schmaler, feuchter Spalt im nackten Fels.

Sie schlüpften in die absolute Dunkelheit. Funny schnippte mit den Fingern und beschwor eine hell leuchtende, magische Lichtkugel, die vor ihnen her schwebte. Darin öffnete eine kleine Messingkapsel und entließ einen winzigen Sensor-Käfer in die Luft, der mit roten Laserstrahlen die Statik der Gänge abtastete.

„Äußerste Vorsicht“, warnte Darin, während er auf die Daten auf seinem Brillenglas starrte. „Der Sensor meldet extreme geologische Instabilität. Das Erdbeben vor fünf Jahren hat die tragenden Deckenwölbungen hier massiv beschädigt. Ein unkontrollierter Zauber und wir enden genau wie unsere Ichs auf diesem Seil.“

Sie bahnten sich im Schneckentempo ihren Weg durch das unterirdische Labyrinth. Schließlich erreichten sie genau jenen Punkt, an dem in ihrer eigenen Zeit (Seil A) der Durchbruch zum Torbogen gewesen war. Doch hier war der Gang mit tonnenschwerem Geröll und Fels massiv blockiert.

Darin trat an die Schuttwand heran. Seine Finger huschten über die kalten Steine.

„Gebt mir zehn Minuten.“

Mit chirurgischer Präzision befestigte er leuchtend blaue Stabilitäts-Runen an den Seitenwänden und der Decke, die das Gestein wie unsichtbare Stahlträger sicherten. Dann verankerte er eine hochkomplexe, violett glimmende Auflösungsrune genau im Zentrum der Blockade. Ein leises, hochfrequentes Zisch, ein kurzes Aufleuchten und der massive Fels schmolz lautlos wie Butter in der Sonne dahin, bis ein schmaler, sauberer Gang freigelegt war.

Sie schlüpften hindurch und standen im Vorraum. Dort war es: Das gewaltige Tor aus dunklem Metall. Es stand einen Spalt breit offen! Es gab hier kein rotes Wappen von Prinzessin Aurelia auf dem Metall. Nichts war versiegelt worden!

Mit rasendem Puls schoben sie die schweren Torflügel auf und betraten den kreisrunden Hauptraum.

Es war ein absolutes Déjà-vu. In der Mitte der perfekten Halle stand der schwarze Torbogen. Er war intakt! Keine Risse, kein Einsturz. Er pulsierte leise vor sich hin, der graue, unheimliche Schleier im Inneren waberte wie zäher Nebel.

Funny zog ein schweres, in Leder gebundenes Runenbuch aus ihrer Tasche, das sie vorsorglich aus der WG mitgebracht hatte. Sie trat ganz nah an die verwitterten Schriftzeichen am Bogen heran und blätterte hastig.

„Ich versuche, diese Runen zu dechiffrieren… vielleicht verraten sie uns, ob wir das Tor steuern können.“

Nach einer Weile seufzte sie frustriert auf.

„Die Runen entsprechen keiner bekannten Grammatik. Weder Elfisch noch die uralte Sprache der Drachen oder Zwerge. Die sind mir vollkommen unbekannt.“

Darin hielt seine Scanner direkt an das schwarze Gestein. Er schüttelte den Kopf.

„Keine magischen Signaturen im messbaren Spektrum. Der Stein absorbiert jede Scannerwelle wie ein schwarzes Loch. Analytisch gesehen sind wir am Ende unseres Lateins.“

Die Verzweiflung begann in der Halle zu kriechen. Stundenlanges Analysieren brachte rein gar nichts.

Da schob Darin seine Brille hoch. Seine Augen blickten nachdenklich auf die Rückseite des Bogens. Seine Stimme klang plötzlich uncharakteristisch vage, fast schon spekulativ: „Leute… was wäre, wenn wir einfach von der anderen Seite hindurchschreiten?“

Lily starrte ihn an.

„Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?! Du hängst uns erst eine halbe Stunde an der Tafel auf und dein großer Masterplan ist jetzt andersrum durch die Tür gehen?!“

„Denk doch mal logisch nach, Lily!“, hielt Darin leidenschaftlich dagegen und seine Wangen röteten sich leicht vor Aufregung. „Als du vor zwei Tagen von unserem Seil gefallen bist, bist du von vorne nach hinten durch den Schleier gestürzt. Wir sind dir genau in derselben Richtung gefolgt! Was, wenn dieser Bogen eine polarisierte Richtungsmechanik hat? Von vorne nach hinten wirft es dich auf ein anderes Seil in die Vergangenheit! Was, wenn von hinten nach vorne ein Weg zurück ist?! Ein temporaler Rücklauf?!“

Lily nickte nachdenklich.

Funny blickte auf den wabernden Schleier. Das war kein mathematisch abgesicherter Plan, das war ein gewaltiges Glücksspiel.

„Darin… wenn du dich irrst, werden unsere molekularen Strukturen vielleicht zwischen den Dimensionen zerrieben.“

„Haben wir eine bessere Idee, Fun-chan?“, fragte Lily sanft. Sie trat an Funnys Seite und nahm ihre Hand. „Wir gehören nicht auf Seil B. Unsere Ichs sind hier tot. Ich vertraue unserem Tech-Nerd.“

Darin trat an Funnys andere Seite und nahm ihre linke Hand. Ein warmes Kribbeln breitete sich in den drei Wächtern aus. Sie standen nun auf der Rückseite des Monumentes, genau entgegengesetzt zu dem Moment der Katastrophe auf Seil A.

„Auf meine Anweisung“, sagte Funny mit fester Stimme. „Eins… zwei… DREI!“

Gleichzeitig, mit verschränkten Händen, schritten die Drei von hinten nach vorne durch den grauen Schleier.

***

Ein blendend weißer Lichtblitz explodierte vor ihren Augen. Ein schmerzhafter Ruck ging durch ihre Knochen, als würde man sie durch einen zu engen Tunnel aus Eis pressen.

Als sie blinzelnd die Augen aufschlugen, standen sie wieder auf hartem Stein. Sie blickten sich um: Es war genau dieselbe, enge Seitengasse in Civitas Aurelia! Doch die flirrende Hochsommerhitze war wie weggewischt. Ein angenehm kühler, nach Frühling und blühenden Kirschbäumen duftender Wind wehte durch die Gasse.

Darin stürzte zum nächstgelegenen Papierkorb. Er wühlte im Müll, wischte eine Bananenschale beiseite und zog eine fast taufrische Zeitung heraus. Er starrte auf das Datum. Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Und?!“, rief Lily ungeduldig und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. „Sind wir wieder auf unserem richtigen Seil A?! Haben wir es geschafft?!“

„Wir sind fast wieder in der richtigen Zeit! Wir haben den Zeitsprung rückgängig gemacht!“

Funny trat an seine Seite und überflog das Datum. Ihre strategische Miene verfinsterte sich jedoch sofort.

„Nicht ganz, Darin. Sieh genau hin! Wir sind drei Tage zu früh! Heute ist genau drei Tage vor unserer Mission mit Aurelia und Lumina, um das versiegelte Tor zu erkunden. Uns gibt es hier jetzt zweimal! Was machen wir nun?“

„Ist doch genial einfach!“, rief Lily, schnippte mit dem Finger und grinste breit. „Wir fliegen zu unserem WG-Häuschen, setzen uns an den Küchentisch und warten auf uns selbst! Wenn unsere Ichs zur Tür reinkommen, warnen wir sie: Hey, geht bloß nicht in diese verdammten Ruinen in Marinburg, sonst stirbt dort jemand oder bricht ein Zeitparadoxon vom Zaun! Problem gelöst!“

„Nein! Das geht auf gar keinen Fall!“, rief Darin entsetzt aus und wedelte wild mit den Händen. „Lily, denk doch einmal für fünf Sekunden an die kausalen Gesetzmäßigkeiten! Kannst du dich auch nur eine Sekunde daran erinnern, dass wir vor zwei Tagen in unserer WG Besuch von uns selbst hatten?!“

Lily hielt inne. Sie blinzelte.

„Ähm… nö. Wir sind gerade von einer Mission zurückgekehrt, ihr wart in der Gilde, ich hab mir ein Marmeladenbrot gemacht und dann kam der Feen-Post-Kurier und hat einen Packen Dokumente über die Ruinen in Marinburg gebracht. Und dann kamt ihr auch schon zurück.“

„Ganz genau!“, bestätigte Funny ernst. „Wenn wir zu unserem Haus gehen und unsere Vergangenheits-Ichs warnen, ändern wir den linearen Verlauf dieses Seils. Wir würden die Vergangenheit aktiv manipulieren! Dann würde es uns dauerhaft zweimal auf diesem Zeitstrahl geben – und die universelle Magie würde uns wegen paradoxer Duplikation vermutlich einfach auslöschen!“

Darin begann in der Gasse auf und ab zu gehen. Seine Stirn lag in tiefen Falten, sein Gehirn lief heiß.

„Moment… überlegen wir doch mal rein analytisch, was vor drei Tagen passiert ist. Oder passieren wird“, rannte Darin gedanklich los. „Morgen Nacht wird es unter Marinburg ein leichtes, natürliches Erdbeben geben! Dieses Beben öffnet historisch gesehen erst den tiefen Zugang zum Torbogen-Raum!“

Funny ergänzte: „Dort wird das versiegelte Tor entdeckt und die Ruinen sofort gesperrt.“

„Und Renni sagte“, flüsterte Darin, dem der Atem stockte, „dass niemand in Feenland wusste, wer dieses Siegel dort angebracht hatte! Selbst Prinzessin Aurelia hatte keine Ahnung, wer es war!“

Lily schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Das Echo hallte in der Gasse. „Heiliger Drachenmist und alle Götter Feenlands… WIR WARN DAS?!“

„Exakt!“, strahlte Funny mit purer Ehrfurcht vor der perfekten Logik der Magie. „Wir sind nicht zufällig drei Tage zu früh hier gelandet! Als S-Rang-Wächter haben wir das gesetzliche Recht und die magische Befugnis, Prinzessin Aurelias königliches Siegel in Ausnahmesituationen zu verwenden, wenn wir es einstimmig beschließen! Wir müssen heute Nacht nach Marinburg fliegen und das Siegel auf das Tor brennen! So verhindern wir, dass irgendjemand durch das Tor in den Raum mit dem Portal gelangen kann.“

„Unsere Ichs dieser Zeit kommen dann vor ein verschlossenes, königlich versiegeltes Tor!“, rief Darin begeistert. „Aurelia löst das Siegel. Wir gehen durch den Torbogen, der Torbogen stürzt ein. Voila, nur wir sind noch auf unserem Zeitstrahl.“

„Aber…“, wandte Lily verwirrt ein und knotete die Stirn zusammen. „Wenn wir das jetzt tun… dann ist das doch eine unendliche Zeitschleife! Unsere Ichs gehen übermorgen mit Aurelia in die Ruine, fallen durch den Bogen, reisen in der Zeit zurück fliegen nach Marinburg, gehen durch das Tor zurück und brennen wieder das Siegel… das hört doch niemals auf!“

„Ich glaube nicht, dass das passiert“, sagte Funny mit einer Ruhe, die aus tiefstem Urvertrauen in ihre Welt stammte. „Ich vertraue auf die Gesetze der Magie. Zeitschleifen sind kein reguläres magisches Konstrukt – die Natur verabscheut Stagnation! Wenn unsere Vergangenheits-Ichs durch den Bogen springen, wird die universelle Magie das Vakuum kompensieren. Das Universum webt das Seil einfach nahtlos neu. Wenn wir den Kreislauf heute Nacht schließen, wird es am Ende wieder nur uns auf unserem Heimatstrahl Seil A geben! So lautet jedenfalls meine unbewiesene, aber höchst elegante Theorie.“

Lily grinste breit und wirbelte ihre Naginata durch die Luft.

„Ihr beide macht mich echt fertig mit eurer Logik. Aber na gut! Auf nach Marinburg!“

***

Die drei Wächter verloren keine Zeit. Im Schutz der einbrechenden Dämmerung flogen sie nach Marinburg. Da der offizielle Eingang der Ruinen erst nach der Entdeckung von den Stadtwachen gesichert werden würde, war das Areal in dieser Nacht noch völlig unbewacht. Sie schlüpften ungesehen in die Tiefen.

In der Mitte der Nacht erzitterte der Fels unter ihren Füßen. Es war genau das leichte, natürliche Erdbeben, das Darin vorhergesagt hatte. Mit einem lauten Grollen brachen im Hauptkorridor alte Mauerteile ein und legten den tiefen Zugang zum Torbogen-Raum frei.

Die drei traten in den kleinen Vorraum und standen vor dem massiven Metalltor. „Einstimmiger Beschluss der Wächter?“, fragte Funny und hob die Hand.

„Beschlossen!“, sagten Darin und Lily absolut synchron.

Funny schloss die Augen und bündelte ihre enorme Wächter-Magie. Aus ihren zierlichen Fingerspitzen schoss ein strahlender, tiefroter Lichtstrahl, der sich mit zischender Hitze in das dunkle Metall des Tores brannte. Zentimeter für Zentimeter formte sich das unverkennbare, magisch leuchtende Wappen von Kronprinzessin Aurelia. Als das Werk vollbracht war, glühte das Siegel bedrohlich auf und versiegelte das Tor mit einer absolut undurchdringlichen Barriere.

„Und jetzt?“, flüsterte Lily im roten Schimmer des Siegels. „Verstecken wir uns hinter einer Säule und rufen Überraschung, wenn wir selbst morgen hier auftauchen?“

Funny zog den alten Bauplan der Ruinen aus ihrer Ledertasche und studierte ihn beim Licht des Siegels.

„Auf keinen Fall. Wir dürfen unseren anderen Ichs unter keinen Umständen begegnen. Seht mal hier: Direkt neben diesem Vorraum führt ein schmaler Seitengang ab, der in einigen versteckten, ehemals als Vorratskammern genutzten Räumen endet. Dort können wir warten, bis das Siegel gebrochen ist und wir durch den Torbogen gegangen sind.“

Sie schlüpften in den dunklen Seitengang, kauerten sich auf alte Steinkisten und warteten in der Enge. Zwei Nächte mussten sie ausharren. Zum Glück hatte Darin ausreichende Notrationen in den Itemboxen verstaut. Trotzdem waren es die langweiligsten zwei Tage in ihrem Leben. Dafür bekamen sie hautnah mit, wie das versiegelte Tor entdeckt wurde und die Stadtwache die unterirdischen Ruinen abriegelten.

Am zweiten Morgen hörten sie plötzlich raue, gedämpfte Stimmen aus den Gängen ganz in der Nähe.

Darin spähte vorsichtig um die Ecke des Seitenganges. Ein breites Lächeln flog über sein Gesicht. Er drehte sich zu den Mädchen um und flüsterte: „Ihr werdet es nicht glauben. Das sind diese zwielichtigen Grabräuber! Genau die Jungs, die bei unserer Ankunft vor zwei Tagen oben an der Kutsche so panisch aus der Ruine gestürzt sind und dann draußen von Aurelias Rittern gefällt wurden!“

Funny kniff die Augen zusammen.

„Moment mal… warum sind die damals vor zwei Tagen eigentlich so panisch aus der Ruine geflohen? Und warum starrten sie uns oben vor der Kutsche mit so schreckgeweiteten Augen an, dass sie sogar ihre Schwerter fallen ließen?“

Darin deutete mit einem Daumen über seine Schulter in den Gang.

„Vermutlich, weil sich eine gewisse rot-haarige Blumenelfe genau in diesem Moment wie der leibhaftige, blutrünstige Teufel auf sie gestürzt hat?“

Funny schaute zur Seite. Der Platz neben ihr war leer. Lily war offensichtlich etwas schneller als Darin und Funny zum selben Schluss gelangt und hatte bereits ihre Naginata gezogen. Mit einem wilden Kriegsschrei schoss sie aus dem Versteck direkt in die Gruppe der lungernden Grabräuber.

„LOS! HINTERHER!“, rief Darin, zückte seine schwere Doppelaxt und stürmte los. „Mit den Jungs war nicht zu spaßen! Sie haben schwere magische Items.“

Was folgte, war ein kurzer, heftiger und brutaler Kampf in der Enge des Korridors. Die Grabräuber, völlig überrumpelt von drei scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Elfen, wehrten sich mit giftigen Pfeilen und schmutzigen Schockzaubern. Doch gegen ein perfekt eingespieltes S-Rang-Wächter-Trio hatten sie nicht den Hauch einer Chance.

Lily wirbelte wie ein roter Wirbelsturm durch die Reihen, zertrümmerte mit dem Schaft ihrer Naginata Knie und Handgelenke. Darin fing eine magische Feuerkugel mit seiner Doppelaxt ab und schleuderte die Energie als Schockwelle zurück.

„WAAAH! WAS SIND DAS FÜR MONSTER?!“, brüllte der Anführer der Räuber in panischer Todesangst. „RÜCKZUG! RAUS HIER! LAUFT UM EUER LEBEN!“

Wie von Sinnen warfen die Räuber ihre Beutesäcke weg und rannten schreiend und stolpernd den Hauptkorridor hinauf in Richtung Ausgang – genau ihrem unausweichlichen Schicksal, durch die Klingen von Aurelias Rittern zu sterben, entgegen!

Plötzlich hallten von oben aus den Hauptgängen laute, helle Stimmen herab. Die schweren Stiefel von Ritterpanzern klackerten auf dem Stein.

„Haltet sie auf! Haltet sie auf! Sie dürfen nicht zur Kutsche kommen!“, brüllte die Stimme des Kommandanten aus der Ferne. Die Expedition von Aurelia war oben eingetroffen!

Funny riss die Arme hoch und zischte in lautem, panischem Flüsterton: „LILY! DARIN! SOFORTIGER RÜCKZUG! Wir müssen zurück in die Vorratskammer! Die Ritter von Aurelia sind oben! Sie dürfen uns auf keinen Fall entdecken!“

Wie geschmeidige Katzen sprangen die drei zurück in die Dunkelheit der geheimen Kammer im Seitengang und pressten sich flach gegen die feuchten Felswände. Ihr Atem ging schnell, ihre Herzen hämmerten wild gegen ihre Rippen.

***

Darin lehnte an der Wand, schob seine Brille hoch und starrte ins Leere. Ein kalter Schauer lief ihm plötzlich den Rücken hinunter. Die Zahnräder seines analytischen Verstandes drehten sich schneller und schneller – bis sie mit einem grausamen Ruck einrasteten.

„Verdammt… wir machen einen Fehler“, flüsterte er und sein Gesicht wurde kreidebleich. „Irgendwas machen wir hier gerade gewaltig falsch!“

Funny überlegte fieberhaft, ihre Gedanken rasten durch alle möglichen strategischen Variablen. Lily kratzte sich am Kopf.

„Was meinst du, Tech-Nerd? Hat doch super geklappt! Die Räuber rennen oben in ihr Verderben, wir haben das Siegel angebracht, gleich kommen Aurelia und Lumina aus unserer Gegenwart von vor zwei Tagen vorbei!“

Lily hielt mitten im Satz inne. Ihre Augen weiteten sich. Sie starrte an die Decke der kleinen Kammer, aus der gerade ein riesiger Klumpen feuchter Lehm auf ihre Schulter fiel.

„Heilige Mutter aller Drachen…“, krächzte Lily. „Wenn Lumina da drüben gleich ausrutscht… und wir durch den Bogen springen… dann… dann…“

„DANN WIRD DIE ERDE BEBEN!“, vollendete Funny panisch und erfasste die tödliche Falle, in die sie sich selbst manövriert hatten. „Der Torbogen im Hauptraum wird kollabieren! Der gesamte verdammte Haupttrakt wird einstürzen! Und wir sitzen hier in einer abgeriegelten Vorratskammer direkt daneben fest… WIR WERDEN HIER LEBENDIG VERSCHÜTTET!“

Es begann zu grummeln. Nicht irgendwo weit weg. Es war das markerschütternde, infernalische Grollen von genau jenem Erdbeben, das den Torbogen im Hauptraum zerschmetterte und das Lumina und Aurelia oben zur Flucht zwang! Die Wand neben ihnen bekam sofort einen fetten, klaffenden Riss.

Darin reagierte schnell.

„Keine Zeit für Panik! Wir müssen diesen gesamten Bereich hier sofort mit allem stabilisieren, was wir haben, sonst enden wir als Pfannkuchen unter tausend Tonnen Fels!“

In Windeseile riss Darin alle Runen-Plättchen aus seiner Itembox heraus. Mit blitzenden Händen verteilte er im Sekundentakt leuchtende Stabilitäts- und Verstärkungsrunen an allen vier Wänden und der Decke. Funny trat in die Mitte der kleinen Kammer, hob die Arme empor und baute ihren allerstärksten, ultimativen S-Rang-Schutzschirm auf – die goldene Barriere erstrahlte so hell wie eine kleine Sonne. Darin und Lily legten ihre Hände von hinten auf Funnys Schultern und leiteten ihre gesamte, rohe Magie in ihre Freundin, um den Schirm zu verstärken.

Und dann brach die Hölle los.

Der Berg explodierte förmlich über ihnen. Das ohrenbetäubende Krachen von zerberstendem Quaderstein, das Heulen von splitternder Felsen und das schrille Knirschen der Erdkruste übertönte alles. Durch den gewaltigen Lärm des Einsturzes hindurch hörten sie schwach die gedämpften, panischen Schreie aus dem Hauptkorridor: „RAUS HIER! Der Raum stürzt ein! Der Gang ist instabil! Eure Hoheiten, WIR MÜSSEN GEHEN!“

Sie hörten das herzzerreißende Schluchzen von Lumina und die energische, treibende Stimme von Prinzessin Aurelia, die ihre Schwester aus dem einstürzenden Raum zerrte.

Tonnen um Tonnen von massivem Gestein donnerten vom Hauptgang herab und prallten von außen mit titanischer Wucht gegen Funnys magischen Schutzschirm. Funny schrie vor Anstrengung auf, Blut tropfte aus ihrer Nase, während Lily und Darin sie mit letzter Kraft auf den Beinen hielten. Die Runen an den Wänden glühten weiß auf, kurz vor dem Überhitzen.

Dann, nach endlosen, grausamen Minuten, war es vorbei.

Das Rumpeln ebbte ab. Ein letzter, schwerer Steinbrocken krachte von außen gegen den Schirm. Dann herrschte wieder diese tödliche, gespenstische Stille. Ihre Zauber hatten gehalten! Die kleine Vorratskammer war intakt geblieben, wie eine rettende Luftblase in einem Ozean aus Fels.

Funny ließ den Schild schnaufend zusammenbrechen und sank auf die Knie. Lily fiel rückwärts auf den Boden und pumpte wild Luft in ihre Lungen.

„Leben wir noch?“, fragte sie keuchend.

„Wir leben“, bestätigte Darin, der seine zerbrochene Brille vom Boden aufhob und notdürftig flickte.

Doch Funny stellte fest: „Aber der Zugang von unserem Seitengang zum Hauptkorridor ist durch den Einsturz völlig verschüttet. Wir sind eingesperrt.“

Sie deutete auf eine Wand aus massiven, schwarzgrauen Trümmern, die den Ausgang versperrte. Darin seufzte jedoch nur lässig und zog ein paar ganz spezielle, violett leuchtende Runen-Plättchen aus der Itembox.

„Für meine Auflösungsrunen ist das Gott sei Dank überhaupt kein Problem. “

Ein gezielter magischer Impuls, ein greller Lichtblitz, und ein riesiges Loch fraß sich lautlos und sauber direkt durch die Trümmerwand hinab in den Hauptkorridor!

***

Sie kletterten durch die rauchende Öffnung hinab in den Haupteingangsbereich der Ruine. Der feine Steinstaub des Einsturzes lag noch wie dicker Nebel in der Luft.

Dort, nur wenige Meter vor ihnen im fahlen Licht des Ausgangs, saßen Kronprinzessin Aurelia und Prinzessin Lumina auf dem staubigen Steinboden. Die beiden Prinzessinnen waren schwer ramponiert. Ununterbrochen kullerten dicke Tränen über Luminas verstaubte Wangen. Aurelia hielt ihre Schwester eng umschlungen, ihr perlmuttfarbenes Kleid war zerrissen und voller Schmutz. Sie trauerten um Adiuva et Protege, die gerade vor ihren Augen im Portal verschwunden waren!

„Wir können jetzt nichts mehr tun, Lumina…“, hörten sie Aurelias gebrochene Stimme flüstern. „Lass uns erst einmal nach Marinburg zurückkehren… dort überlegen wir uns in Ruhe unsere nächsten Schritte.“

Gerade als die beiden Prinzessinnen sich mühsam voneinander lösten, um aufzustehen und den verstaubten Gang in Richtung der wartenden Kutsche zu verlassen, trat Funny aus dem Schatten der Trümmer.

Sie strich sich elegant ihren hellblauen Bikini glatt, wischte sich einen Tropfen Blut von der Nase und räusperte sich mit ihrer allerhöflichsten, glockenhellen Stimme: „Eure Hoheit? Wenn ich kurz stören dürfte?“

Lumina und Aurelia erstarrten mitten in der Bewegung. Wie in Zeitlupe drehten sie die Köpfe zu der Trümmerwand um.

Da standen sie. Funny, leicht verstaubt, aber lächelnd. Darin, mit einem schief sitzenden T-Shirt und einer geklebten Brille. Und Lily, die frech grinste und ihre Naginata locker auf der Schulter trug.

Für einen Bruchteil einer Sekunde glaubten die Prinzessinnen an Geister. Doch bevor Aurelia auch nur nach Luft schnappen konnte, hatte Lumina die Distanz mit einem Sprung überbrückt.

„LILY!!“

Mit einem quietschenden Jauchzer warf sich die jüngere Prinzessin auf die rot-haarige Blumenelfe und hing ihr dermaßen heftig am Hals, dass beide rückwärts in den Steinstaub purzelten und gleichzeitig lachend und weinend übereinander rollten.

Aurelia, die unangefochtene, stets kühle Regentin des magischen Vielvölkerstaates, saß auf dem Boden und starrte mit offenem Mund auf das Trio. Sie war absolut, völlig und restlos verdattert.

„Ihr… ihr wart… der Torbogen… der Einsturz… wie um alles in der Welt…?!“

Funny trat auf sie zu und reichte der Kronprinzessin höflich die Hand, um ihr aufzuhelfen. Ein warmes Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Eure Hoheit, dieser verstaubte Gang ist wahrlich nicht der richtige Ort für eine solch komplexe temporal-magische Erläuterung. Wenn ich vorschlagen dürfte: Lasst uns unverzüglich ins Hotel zurückkehren. Ein heißes Bad, neue Kleider und eine große Kanne Tee erscheinen mir höchst angemessen.“

Aurelia nickte stumm, völlig aus dem Konzept gebracht. Sie ergriff Funnys Hand und ließ sich hochziehen. Lily hatte derweil eine überglückliche Lumina einfach auf ihre Arme geladen und trug sie wie ein Kind in Richtung Ausgang.

„Keine Sorge, Prinzesschen! Wir sind wieder da!“

Als sie den Ausgang erreichten und ins Tageslicht traten, klappte auch den Dutzenden Schwertelfen-Rittern buchstäblich der Unterkiefer bis auf die Brustpanzer herunter. Der Kommandant ließ vor Erstaunen sein Schwert scheppernd auf die Steine fallen.

Aurelia, die ihre königliche Fassung blitzschnell wiedererlangt hatte, trat mit flammenden blauen Augen vor ihre Garde.

„Hört mich an!“, rief sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Ich erlasse hiermit eine unbrechbare Anweisung unter dem Kodex der Krone: Niemand, absolut niemand außerhalb dieses engsten Kreises wird jemals auch nur ein einziges Wort über die genauen Ereignisse, das Verschwinden oder das Wiederauftauchen von Adiuva et Protege bei dieser Expedition verlieren! Für die Welt da draußen war dies eine erfolgreiche, reguläre Inspektion bei der wir das Siegel brechen konnten und einen völlig verschütteten Raum vorfanden! Verstanden?!“

Die Ritter schlugen die Fäuste auf ihre Brustpanzer und nickten synchron in tiefster Ehrfurcht.

***

Es ging in Windeseile zurück nach Marinburg. Im Royal zogen sich Aurelia, Lumina und die drei Blumenelfen nach einem schnellen Bad sofort in die abgeriegelte, königliche Luxussuite zurück. Während draußen vor der Tür doppelte Wachposten aufgezogen wurden, saßen sie in bequemen Sesseln im Wohnbereich.

Bei reichlich heißem Tee, Sandwiches und kleinen Törtchen berichteten Funny, Lily und Darin in allen Einzelheiten von ihrer wilden Odyssee. Sie erzählten vom Sprung auf das fremde Seil B, von der staubigen Gasse im Hochsommer, vom fünften Todestag, von Darins genialer Theorie der tanzenden Seile und von der Flucht zurück durch den Bogen.

Als Funny schließlich erklärte, wie sie vor zwei Nächten heimlich den Felsgang betreten und das rote Wappen der Kronprinzessin auf das Metalltor gebrannt hatten, nickte Aurelia langsam. Ein tiefer Ausdruck von Respekt und Bewunderung lag in ihrem königlichen Blick.

„Ihr wart es also selbst“, murmelte Aurelia und schüttelte amüsiert den Kopf. „Ihr habt das Siegel angebracht, wegen dem wir hierher gerufen wurden. Wahrlich… S++ Rang ist für euch noch zu niedrig bemessen.“

Lumina, die die ganze Zeit auf dem Sofa saß und sich eng an Lilys Seite gekuschelt hatte, als hätte sie Angst, die rot-haarige Elfe würde sich wieder in Luft auflösen, hob nachdenklich den Kopf.

„Offensichtlich ist Funnys Theorie absolut korrekt gewesen“, sagte sie. „Die Magie Feenlands lässt echte, zerstörerische Zeitschleifen nicht zu!“

Lumina hielt inne und sah in die Runde. „Aber eine Frage bleibt doch bestehen: Wer hat diese verdammten Torbögen überhaupt errichtet? Und warum?“

Darin schob seine frisch mit einem feinen Zauber geklebte Brille auf der Nase zurecht. Er klappte ein kleines Notizbuch auf und sortierte nüchtern die harten Fakten: „Wenn wir alle Spekulationen beiseite lassen, wissen wir eigentlich nur eines sicher: Es gibt in Feenland mindestens zwei von diesen dimensionalen Torbögen. Den in de verlorenen Bibliothek und den hier unten unter Marinburg. Und das Bibliotheksportal ist offensichtlich hochgradig mobil! Er kann an einem Ort auftauchen und dann einfach wieder verschwinden!“

„Und sie können kaputtgehen“, fügte Lumina leise hinzu, sich schaudernd an das Geräusch berstenden Steins erinnernd.

Darin, Funny und Lily sahen sich lange und intensiv an. Die lockere Atmosphäre wich einer gewissen Schwere. Trotz ihrer enormen magischen Stärke, trotz Darins technischem Genie, Funnys unübertrefflicher Taktik und Lilys unbändiger Kampfkraft: Sie wussten rein gar nichts über diese Torbögen. Wer immer sie erbaut hatte, war mit Mächten im Bunde, die selbst die Krone von Feenland in den Schatten stellten. Ein unsichtbarer, uralter Schatten lauerte über der Zukunft des Landes.

Die Stille drohte die Gruppe zu erdrücken.

Da zuckte Lily einfach herzerfrischend locker mit den Schultern. Sie schnappte sich die edle Porzellankanne, goss sich eine randvolle, neue Tasse Tee ein, nahm einen gewaltigen Schluck und lehnte sich grinsend zurück.

„Ach, weißt du was, Prinzesschen?“, sagte Lily mit einem Augenzwinkern in Richtung Lumina und grinste ihre beiden besten Freunde an. „Abwarten und Tee trinken! Wenn da draußen irgendein uralter, mysteriöser Architekt mit Zaubertoren umherwirft und Feenland ärgern will… dann wird er uns schon irgendwann über den Weg laufen. Und bis dahin? Wir werden unsere Chance schon bekommen, ihm gehörig in den Hintern zu treten! Denn wir sind schließlich Adiuva et Protege!“

Funny kicherte hell auf, Darin nickte schmunzelnd und selbst Aurelia stimmte in das befreite Lachen mit ein.

– E N D E –


Du möchtest „Die Akademie der Krone“ als gedrucktes Buch in den Händen halten? Dann bestelle es doch gleich hier ohne Versandkosten im FUNime-Shop!


Hat Dir der Beitrag gefallen? Dann teile ihn doch bitte!
Fediverse reactions

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert