Es war ein herrlich friedlicher Nachmittag, irgendwann mitten in der Woche.
Funny hegte und pflegte ihre Rosen. Mit sanftem Blick, aber bestimmter Stimme, wandelte sie zwischen den Beeten: Sie lobte die eine für ihre samtigen Blütenblätter, forderte eine andere keck heraus, endlich ihr volles Rot zu zeigen und tadelte eine dritte mit gerunzelter Stirn wegen eines unschönen Blattlausbefalls. Die Rosen honorierten Funnys ungeteilte Fürsorge aufs Wort – Lob spornte sie an, Herausforderungen wurden mit Stolz angenommen und einen Tadel ließ ohnehin keine Rose von Welt auf sich sitzen. So blühten und strahlten die Blumen mit der Nachmittagssonne um die Wette.

Ab und an zuckte Funny jedoch kurz zusammen, wenn aus einem weit entfernten Winkel des Anwesens ein dumpfes, bedrohliches Krachen ertönte.
Dort experimentierte Lily. Mit Dornenranken. Mit hochgradig gefährlichen Dornenranken. Lily lobte die eine, forderte die andere heraus … nun ja, Lily hatte sich eben vieles von Funny abgeschaut. Entsprechend wurden die pechschwarzen Dornenranken, die die Chaos-Queen befehligte, mit jedem Experiment größer, dorniger und furchterregender.
Bei Darin hingegen ging es ungleich leiser zu. Doch auch hier war die Konzentration regelrecht mit Händen zu greifen. Umgeben von surrenden Messgeräten tüftelte er an neuen Runen-Technik-Kombinationen, feinst geschliffenen Magie-Steinen und Fluktuations-Kompressions-Artefakten mit negativer Polarität – als Kontrapunkt zum Masse-induzierten reverse-ablaufenden Inversen Phasen-Induktor. Nur Darin allein verstand, was diese Bezeichnungen überhaupt bedeuteten. Und was das Konstrukt am Ende tatsächlich tat, wusste vermutlich zu Beginn nicht einmal er selbst.
So war jeder tief in seine Lieblingsbeschäftigung versunken, als plötzlich…
DING-DONG-DING-DING-GEFAHR-GEFAHR-DONG-DONG!
Die Türklingel schien sich fast die Seele aus ihren magisch-technischen Innereien zu läuten.
Drei Köpfe ruckten simultan in Richtung Eingangshalle. Einen Wimpernschlag später standen drei Blumenelfen vor der Tür – synchron per Elfensprung materialisiert.
Funny riss die Tür auf.
Draußen stand eine junge, zierliche Blumenelfe, die Funny sofort schluchzend um den Hals fiel. An ihren Händen hielten sich zwei kleine Tiermenschenkinder fest, denen dicke Tränen über die samtigen Wangen kullerten.
Lilys Herz schmolz augenblicklich dahin. Sie ließ sich sofort auf die Knie fallen, schlang ihre Arme um die beiden Kleinen und drückte sie fest an sich. Aus purer Solidarität schwammen auch in Lilys Augen sofort glitzernde Tränen.
Niemand auf der ganzen Welt konnte so herrlich wild mit den Kindern der Nachbarschaft toben wie Lily. Und niemand stand schneller mit gezogener Waffe bereit, wenn es galt, die Kleinen vor jeglicher Gefahr zu beschützen.
Tief in ihrem Herzen hegte Lily schon lange einen ganz geheimen Wunsch: Wie wunderbar wäre es, wenn eines Tages eine ganze Rasselbande kleiner Funnys und kleiner Darins durch ihr eigenes Haus fegen würde – mit Lily an der Spitze des Schabernacks, versteht sich!
Darin fackelte nicht lange. Mit gewohnter Effizienz wandte er sich zur Küche um. Becher flogen durch die Luft, heißer Kakao dampfte und extra große, fluffige Marshmallows landeten punktgenau auf den Schaumkronen. Augenblicke später bekam jeder der vier Schluchzenden eine dampfende Tasse in die Hände gedrückt.

Offensichtlich hatte Darin ein paar hauseigene, magische Beruhigungskräuter in das Getränk geschmuggelt, denn das Schluchzen ebbte rasch ab und verwandelte sich in ein deutlich leiseres Schniefen.
Alle nahmen im gemütlichen Wohnzimmer Platz. Lily dachte gar nicht daran, die beiden Tiermenschenkinder von ihrem Schoß zu lassen und Funny hielt weiterhin sanft die Hand der jungen Erzieherin.
„Erzähl uns, was passiert ist, Liebes“, forderte Funny sie mit ruhiger Stimme auf.
Die Elfe nahm einen tiefen Schluck Kakao und begann mit zittriger Stimme: „Heute war Maltag im Kindergarten. Wir haben unser großes, bauchiges Tintenfässchen geholt und mit den Kindern bunte Bilder gemalt. Puppen, Spielzeugmonster, kleine Drachen … Als wir die Zeichnungen zum Trocknen an die Leine gehängt haben, sind sie plötzlich… lebendig geworden! Sie sind von den Blättern gesprungen und verwüsten jetzt das ganze Zimmer!“
Erneut schossen ihr die Tränen in die Augen.
Darin legte nachdenklich die Stirn in Falten.
„Habt ihr denn etwas Neues ausprobiert? Neue Federn? Neues Papier? Neue Tinte?“
Die Elfe schüttelte verzweifelt den Kopf.
Funny sprang entschlossen auf: „Wir schauen uns das an. Und zwar sofort.“
Darin und Lily nickten synchron.
Der Kindergarten lag nur wenige Straßen entfernt. Vor dem bunt bemalten Häuschen hatte sich bereits eine aufgeregte Menge versammelt: Kinder, Betreuer und neugierige Nachbarn blickten sorgenvoll zu den Fenstern, aus denen verdächtiges Poltern drang.
Als die drei B-Rang Abenteurer von Adiuva et Protege auftauchten, teilte sich die Menge ehrfürchtig.
Lily setzte die beiden Kinder behutsam ab. Mit einem leisen, metallischen Zischen materialisierte sich ihre elegante Naginata in ihren Händen. In Funnys Händen leuchteten zeitgleich die vertrauten, eisblauen Dolche auf.
Darin blieb vor dem Gebäude stehen und zog seinen Scanner hervor. Seine Augen glitten über die Anzeigen, die rhythmische, magische Wogen registrierten.
„Im Gebäude ist niemand mehr“, stellte er ruhig fest. „Alle Kinder und Betreuer wurden rechtzeitig evakuiert.“
Er warf einen letzten prüfenden Blick auf das Display.
„Wir können rein.“
Funny nickte: „Lily, du gehst vor. Ich sichere links, Darin rechts.“
Mit einem feinen Lichtblitz materialisierte sich in Darins Händen seine gewaltige Doppelaxt.
Mit einem präzisen, meisterhaften Roundhouse-Kick öffnete Lily die Eingangstür – schwungvoll, aber perfekt dosiert, sodass das Holz heil und die Scharniere intakt blieben. Auch eine Chaos-Queen lernte schließlich dazu!

Lautlos glitt das Trio hinein. Funny und Darin flankierten Lily wie zwei schützende Schatten. Der Flur war menschenleer, doch hinter der Tür zum großen Gruppenraum direkt gegenüber tobte das reinste Chaos.
Lily holte schon wieder mit dem Bein aus, um auch diese Tür „elegant“ aus den Angeln zu hebeln, doch Darin hielt sie zurück.
„Lass uns erst sehen, was uns erwartet“, mahnte er. Er griff in seine Itembox und zog ein fein graviertes Plättchen hervor. „Ich bringe die… Schau-durch-mich-hindurch-Rune an.“
Darin spuckte den Namen regelrecht voller Verachtung aus. Er hasste es aus tiefster Seele, wenn Lily seine hochwissenschaftlich benannten Konstrukte mit derart infantilen Begriffen belegte.
Lily grinste über das ganze Gesicht. Sie liebte es einfach, Darins Erfindungen zweckmäßig und lautmalerisch umzutaufen.
Kaum haftete die Rune am Holz, wurde die Tür vollkommen durchsichtig.
Drinnen steppte der Bär – und zwar buchstäblich! Ein von Kinderhand gezeichneter Bär tanzte vergnügt auf den Tischen Stepptanz. Ein windschiefes, zweiköpfiges Buntstift-Monster drosch wütend auf die Wandspiegel ein, offenbar unfähig, den eigenen Anblick zu ertragen.
Plötzlich quietschte Lily verzückt auf. Hoch oben kreiste ein kleiner, pummeliger Drache um den Kronleuchter und stieß winzige, herzförmige Rauchwölkchen aus.
Weniger niedlich waren die Dutzenden Mini-Trolle und Mini-Oger: Krumm und schief gezeichnet, fuchtelten sie mit gemalten Äxten und Messern herum und zerlegten genüsslich Stühle, Regale und Spielzeugkisten.
Darin brummte nachdenklich: „Die Zeichnungen zu besiegen, wird ein Kinderspiel. Aber wir müssen die magische Ursache eliminieren.“
Lily schwang ihre Naginata kampflustig: „Also stürmen wir rein, hauen alles kurz und klein und gucken danach weiter?“
Darin seufzte leise und nickte: „Ich fürchte, eine pragmatischere Taktik fällt mir im Moment nicht ein.“
Funny lächelte strahlend, während ihre Dolche bedrohlich aufblitzten: „Dann los! Lily, go, go, go!“
Keine Sekunde später krachte die Tür auf.
Lily wirbelte wie ein Wirbelsturm in den Raum. Ihr erster Schwung fegte eine ganze Horde zappelnder Mini-Trolle von den Stühlen. Darins gewaltige Doppelaxt sauste durch die Reihen der Oger, während Funnys blaue Klingen blitzschnell durch die Luft zischten und die übrigen Kritzelmonster im Handumdrehen in harmlose Farbpartikel auflösten.

Darin wandte sich ab, sah den Drachen durch die Luft sausen und holte mit der Axt zu einem vernichtenden Streich aus.
TSCHING!
Funken stoben durch den Raum. Stahl traf mit ohrenbetäubendem Klang auf Stahl.
Lily hatte Darins Axtschlag mit ihrer Naginata pariert. Sie funkelte ihn mit blitzenden Augen böse an.
Hinter Lilys Beinen kauerte jetzt der kleine, runde Drache, zitterte am ganzen Leib und schaute mit riesigen Kulleraugen ängstlich an ihren Beinen vorbei.
„Hey!“, fauchte Lily empört. „Der tut doch überhaupt nichts! Schau ihn dir doch an!“
Darin setzte zu einer logischen Erwiderung an: „Lily, das ist ein unkontrolliertes, magisches Konstrukt, das—“
Funny legte Darin sanft, aber bestimmt eine Hand auf den Arm und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Lass gut sein, Großer. Wir suchen lieber die Ursache.“
Darin atmete tief durch, ließ die Axt sinken und holte vier flache Kristalle hervor. „Ich verteile die Magie-Resonanz-Detektions-…“
„Find-die-Magie-Runen!“, krähte Lily fröhlich dazwischen, während sie bereits auf allen Vieren saß und den kleinen Drachen kraulte, der wohlig schnurrend Rauchkringel gegen ihre Wange pustete.
Darin ignorierte den Einwurf stoisch und aktivierte die Runen.
Der gesamte Raum erstrahlte in einem bunten Farbenmeer. Da es sich um einen magischen Kindergarten handelte, pulsierte fast jedes Bauklötzchen und jedes Bilderbuch in sanftem Licht. Funny ging zügig durch den Raum und tippte die bekannten Spielsachen an, deren Leuchten daraufhin erlosch.
Am Ende blieb nur ein einziges, seltsam irisierendes Pulsieren hinter einem der großen Spielzeugregale übrig.
Funny bückte sich vorsichtig und streckte die Hand aus. Als sie sich wieder aufrichtete, krabbelte ein kleines, flauschiges Wesen auf ihrer Handfläche.
„Huch? Wie hast du dich denn hierher verirrt, Kleines?“

Darin trat heran und musterte das Tierchen mit zusammengekniffenen Augen.
„Wenn die zwei zusätzlichen Beine nicht wären, wäre es eine gewöhnliche Seidenspinne, wie wir sie zur Herstellung unserer unzerreißbaren Magiefäden nutzen.“
Er trat an die Wand und scannte die Wäscheleine, an der die Bilder befestigt gewesen waren. „Sehr interessant! Die Leine selbst ist unmagisch, aber…“
Funny hatte längst ein dickes Folianten-Lexikon aus ihrer Itembox beschworen und blätterte routiniert darin.
„Hier steht es! Seidenspinnen können durch seltene magische Strahlung mutieren. Wachsen ihnen zusätzliche Beine, wandelt sich ihr Spinnfaden in einen hochgradigen Wunsch-Multiplikator. Werden in der Nähe dieses Fadens starke Wünsche geäußert, manifestieren sie sich in der Realität.“
Darin nickte verstehend: „Und Kinder wünschen sich beim Malen von Monstern und Drachen natürlich nichts sehnlicher, als dass ihre Bilder lebendig werden.“
Er zeigte auf den Haken an der Wand: „Hier in der Ecke hat die Spinne ein kleines Netz gesponnen. Dadurch hat sich die Multiplikator-Magie direkt auf die gesamte Schnur übertragen.“
Funny zückte ein feines Tuch und entfernte das Spinnennetz behutsam von der Wand.
Darin zog einen feinen Kreidestift hervor: „Halt das Spinnlein ruhig, Funny. Ich zeichne eine Reverse-Mutations-…“
„Eine Ich-mach’s-rückgängig-Rune!“, gluckste Lily aus der anderen Ecke des Zimmers, wo sie dem Drachen gerade beibrachte, durch einen Reifen aus ihren Armen zu springen.
Darin vollendete seinen Satz unbeirrt: „…Rune darauf. Das wird die überzähligen Gliedmaßen sicher zurückbilden. Danach übergeben wir das Tier der Tierschutzbehörde. Die wissen genau, wie man solche Mutationen artgerecht behandelt.“
Gesagt, getan.
Kaum war die Rune auf dem Körper der Spinne aktiviert, lösten sich die zusätzlichen Beinchen in blauem Glitzer auf. Die nun wieder vollkommen normale Seidenspinne krabbelte friedlich in eine gepolsterte Transportbox und wurde wenig später draußen an einen erleichterten Tierbändiger übergeben.
Als die Kinder und Erzieherinnen endlich wieder ihr Spielzimmer betreten durften, hallte ein riesiger Jubel durch das Haus. Die zerstörten Möbel waren dank Funnys und Darins Reparatur-Zaubern wieder wie neu und die Gefahr war gebannt.
Und der kleine, gemalte Buntstift-Drache?
Lily hatte sich mit Händen und Füßen geweigert, ihn wieder in ein flaches Blatt Papier zu verwandeln – und Funny und Darin hatten lachend nachgegeben.
Von diesem Tag an hatte der Kindergarten nicht nur die besten Beschützer der Stadt auf Abruf, sondern auch ein echtes, handgemaltes Maskottchen, das den Kindern beim Malen half und den Raum mit funkelnden Seifenblasen und Rauchringen verzauberte.
Der Kindergarten wurde noch am selben Nachmittag feierlich umbenannt:
In den Kindergarten „Zum lustigen Drachen“.
– E N D E –
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