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Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

Die Sonne war kaum mehr als ein blasser, roter Strich am Horizont, als der Tross der Kronprinzessin das Hotel verließ. Marinburg war noch in dichten, Nebel gehüllt, der wie klamme Watte an den Häuserfassaden klebte. Das Hufgeklapper der königlichen Pferde hallte unheimlich und dumpf durch die leeren Straßen.

In der Luft surrten drei Paar Libellenflügel. Diesmal hatte auch Lily darauf bestanden, die Kutsche von oben zu sichern. Lumina hatte kurz vor der Abfahrt noch an Lilys rotem Bikini gezupft und versucht, sie mit großen Rehaugen in die Kutsche zu locken. Doch Lily hatte sich sanft, aber bestimmt losgemacht, ihre Naginata geschultert und war sehr deutlich geworden: „Lumina, dein Schutz und deine Sicherheit gehören zum Wichtigsten überhaupt… gleich nach…“, sie hatte das Kinn gehoben und einen verschmitzten, unfassbar warmen Blick zu Funny und Darin geworfen, „naja, du weißt schon.“

Lumina hatte daraufhin die Arme verschränkt und pro forma ein wenig geschmollt. Doch die Prinzessin wusste genau, wo Lilys absolute Prioritäten lagen. Sie wusste, dass die rothaarige Blumenelfe für sie und Aurelia bis zum Umfallen kämpfen würde, aber für Funny und Darin würde Lily lächelnd die Welt in Asche verwandeln.

Bis zum Rand der Ruinenstadt blieb es ruhig – fast zu ruhig. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch. Der Eingang zu den Gewölben, ein gewaltiges, halb verfallenes Steintor im Fels, lag wie ein aufgerissener Schlund vor ihnen. War es wirklich erst zwei Tage her, dass das königliche Siegel hier gefunden worden war? Die Luft um den Eingang herum fühlte sich alt, schwer und irgendwie krank an.

***

Am Eingang schwärmten die Schwertelfen-Ritter der Krone sofort aus. Mit gezogenen Klingen und aktivierten Spürzaubern sicherten sie die Gegend und prüften das Terrain auf versteckte magische oder mechanische Fallen. Funny, Lily und Darin landeten lautlos und hielten sich in einer engen, dreieckigen Formation direkt an der königlichen Kutsche.

Plötzlich durchbrach ein hallendes Echo die Morgenstille.

„Haltet sie auf! Haltet sie auf! Sie dürfen nicht zur Kutsche kommen!“, brüllten die Stimmen der Vorhut aus der Dunkelheit der Ruine.

Funnys Instinkte übernahmen. Ihre blauen Augen verengten sich. Mit einer fließenden Handbewegung riss sie einen massiven, golden schimmernden Schutzschild hoch, der sich wie eine Halbkugel über die gesamte Kutsche stülpte. Darin trat sofort hinter sie. Seine Hände glitten durch die Luft, zeichneten leuchtende Magie-Sammel-Runen, die sich wie Zahnräder in Funnys Schild einklinkten und ihn massiv verstärkten. Lily sprang vor die beiden, die Naginata fest im Griff.

Und dann brach das Chaos aus dem Eingang. Ein kleiner Trupp von vielleicht fünf oder sechs Männern stürzte aus der Dunkelheit. Grabräuber. Ruinen-Plünderer. Zwilichtige, in abgerissene Lederpanzer gehüllte Gestalten, die aus allen Poren nach Angstschweiß stanken.

Sie schlitterten über den feuchten Steinbruch, hoben ihre Waffen – und sahen die drei jungen Blumenelfen von Adiuva et Protege vor der Kutsche stehen. Die Reaktion der Räuber war völlig irrational. Sie griffen nicht an. Sie stutzten. Sie starrten Funny, Lily und Darin mit schreckgeweiteten Augen an. Einer von ihnen ließ wimmernd sein Schwert fallen.

Dieser eine, kurze Moment der absoluten Erstarrung genügte den Rittern der Krone. Gedrillt darauf, kein noch so kleines Risiko für die Regentin einzugehen, ließen sie ihre Klingen gnadenlos herabfahren.

Ein dumpfes Gurgeln, das Klirren von Stahl auf Knochen und alle fünf Räuber fielen leblos zu Boden. Ihr Blut mischte sich dunkel mit dem Morgentau auf den Steinen.

Funny atmete scharf ein. Ihre magische Aura flackerte vor plötzlichem, unkontrolliertem Zorn. Sie ließ den Schild nicht fallen, wandte sich aber mit blitzenden Augen an den Anführer der Ritter. Sie hatte sichtlich damit zu kämpfen, ihren sonst so gewählten, höflichen und diplomatischen Tonfall zu wahren.

„Hätte es nicht gereicht, sie kampfunfähig zu machen, Kommandant?“, zischte Funny kalt. „Das waren Menschen, keine hirnlosen Monster! Jetzt können wir sie nicht mehr verhören!“

Mit einem unwilligen Kopfschütteln wandte sie sich ab und starrte wütend in die Dunkelheit der Ruine.

Darin trat mit der stoischen Ruhe eines Analytikers an die Ritter heran. Er ignorierte das Blut auf den Steinen und befragte den Kommandanten sachlich. Der hochgewachsene Schwertelf zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Sie kamen plötzlich aus einer versteckten Seitenhöhle gestürzt, Herr Wächter. Aber sie griffen uns nicht an… sie rannten, als ob der Teufel selbst hinter ihnen her war. Wir nahmen sofort die Verfolgung auf. Diese Kerle waren echt gut, haben uns mit verschiedenen, hochkomplexen Abwehrzaubern auf Distanz gehalten. Wären sie hier draußen nicht aus irgendeinem Grund überrascht stehen geblieben, wären sie uns vermutlich entkommen.“

Darin schob seine runde Brille hoch. Sein Verstand speicherte diese Information ab, filetierte sie und zog unheilvolle Schlüsse. Sie waren geflohen. Sie hatten mächtige Magie. Und etwas da unten hatte ihnen noch mehr Angst gemacht als eine königliche Elitetruppe.

„Ist der Weg zum Siegel jetzt frei?“, fragte Funny schneidend, ohne den Kommandanten anzusehen.

Der Ritter nickte knapp.

„Alle Zugänge in den bekannten Bereichen sind gesichert.“

Hinter dem magischen Schild öffnete sich die Tür der Kutsche. Aurelia und Lumina stiegen aus. Aurelia sagte kein Wort, aber ihr tiefer, königlicher Blick traf Funny und die Kronprinzessin nickte kaum merklich. Sie konnte Funnys Ärger absolut nachvollziehen. Die Mission war soeben drastisch gefährlicher geworden. Wenn diese Banditen es trotz der royalen Absperrungen in die Ruinen geschafft hatten, war es nicht ausgeschlossen, dass noch andere – oder etwas anderes – in der Dunkelheit lauerte.

***

Der Tross setzte sich wieder in Bewegung. Funny ging auf Nummer sicher. Sie weigerte sich, ihren Schutzschild aufzulösen und ließ ihn wie eine leuchtend goldene Blase mit der Gruppe mitwandern. Der Schweiß auf ihrer Stirn verriet die immense magische Konzentration, die es erforderte, den Zauber in Bewegung und stabil zu halten.

Je tiefer sie in die Ruinen vordrangen, desto kälter und beklemmender wurde es. Die Wände waren aus massiven, schwarzen Quadern gehauen, die das goldene Licht von Funnys Schild fast gierig zu schlucken schienen. Das stete Tropfen von Wasser klang wie ein tickendes Uhrwerk. Ab und zu knurrte Lily leise, wenn ein Schatten sich seltsam bewegte und schwang ihre Naginata drohend in die Dunkelheit.

Irgendwann endete der bearbeitete Korridor abrupt. Sie standen vor einer frisch eingestürzten Wand, deren grobe Felsbrocken bereits von den Rittern provisorisch gesichert worden waren. Ein modriger, eiskalter Luftzug wehte ihnen aus dem Loch entgegen.

„Hier befindet sich der Zugang zum neuen, unentdeckten Teil“, meldete einer der Ritter gedämpft, als hätte er Angst, etwas aufzuwecken.

Darin und Funny nickten sich zu. Sie gingen als Vorhut durch den Durchbruch. Darin ließ kleine, mechanische Lichtkugeln aufsteigen, die den neuen Bereich ausleuchteten, während Funny jeden Quadratzentimeter magisch abtastete. Erst als sich beide völlig sicher waren, dass der Weg vorerst frei war, stiegen Aurelia und Lumina elegant über die Trümmer. Lily schloss die Formation und sicherte von hinten, die Augen wachsam auf den Weg gerichtet, aus dem sie gerade gekommen waren.

***

Sie betraten eine kleine, perfekt quadratische Halle. Es gab hier keinen Schutt, keinen Staub, keinen Verfall. Die Architektur war nicht menschlich, nicht elfisch, nicht zwergisch. Es wirkte… fremd und unsagbar alt. Am Ende der Halle befand sich nur ein einziges, gewaltiges Tor aus einem dunklen, beinahe öligen Metall.

Und in der Mitte dieses Tores, tief in das Metall gebrannt, leuchtete in einem pulsierenden, bedrohlichen Blutrot das unverkennbare Siegel der Kronprinzessin.

Die Luft in der Halle summte. Niemand konnte sich dem Tor nähern. Ungefähr einen Schritt davor stießen Darins mechanische Lichtkugeln gegen eine unsichtbare Wand und prallten funkensprühend ab. Es war eine undurchdringliche, magische Barriere, die vor reiner, unterdrückter Kraft knisterte.

Aurelia schritt mit langsamen, erhabenen Bewegungen nach vorn. Lumina, die plötzlich sehr still geworden war, folgte ihrer Schwester dicht auf den Fersen. Das perlmuttfarbene Seidenkleid der Regentin raschelte auf dem kalten Stein.

Als Aurelia auf die Barriere zuging, geschah das Unfassbare. Die unsichtbare Wand schien die Signatur ihrer Herrscherin zu erkennen. Sie begann zu flirren, teilte sich wie ein Vorhang aus Wasser und gab den Weg frei.

Aurelia und Lumina traten an das Tor heran.

Ein tiefes, ohrenbetäubendes Grollen erschütterte die Halle, als würde das Herz der Erde selbst schlagen. Der leuchtend rote Siegelabdruck glühte grell auf, zersprang in tausend magische Splitter – und das uralte Tor schwang mit einem markerschütternden Kreischen langsam nach innen auf.

Kalte, absolute Finsternis starrte ihnen entgegen.

***

Die Dunkelheit jenseits des Tores schien förmlich in die Halle zu kriechen, kalt und hungrig. Doch Darin ließ sich von der drückenden Atmosphäre nicht einschüchtern. Ruhig und überlegt schnippte er drei mechanische Leuchtkugeln in den Raum, die mit einem leisen Surren an die unsichtbare Decke schossen und die Finsternis in ein kühles, blaues Licht tauchten. Fast zeitgleich warf er einen kleinen, spinnenartigen Fallen-Detektor auf den Boden.

Das metallische Klicken des Detektors hallte unnatürlich laut von den Wänden wider, während er in rasantem Tempo den Boden abtastete. Ein leises, grünes Piepen signalisierte: Keine Fallen.

Darin und Funny traten als Erste über die Schwelle. Der Raum war gigantisch und perfekt kreisrund. Die Wände waren glatt und ohne jegliche Verzierungen. Doch was ihre Aufmerksamkeit sofort fesselte, stand exakt in der Mitte des Raumes: Ein massiver, uralter Torbogen aus schwarzem Stein, übersät mit kaum noch erkennbaren, verwitterten Runen.

Als die beiden Blumenelfen den Bogen erblickten, zuckten sie synchron zurück. Die Art des Bauwerkes, die unverkennbare Geometrie – es kam ihnen erschreckend bekannt vor.

Lily, die mit gezückter Naginata dicht hinter ihnen den Raum betrat, ließ die Waffe sinken und stöhnte theatralisch auf.

„Och nööööö!“, rief sie aus, und der Hall trug ihre Stimme durch das Gewölbe. „Leute, nicht im Ernst, oder? Was macht denn der Eingang zu einer extrem langweiligen, staubigen Bibliothek bitteschön hier unten in diesem Rattenloch?“

Aurelia, die mit Lumina dicht hinter der Vorhut geblieben war, runzelte königlich die Stirn.

„Bibliothek?“

Funny wandte sich halb zu der Kronprinzessin um, ihre himmelblauen Augen musterten das Gestein jedoch weiterhin misstrauisch.

„Wir hatten vor einiger Zeit ein… sagen wir, recht intensives Abenteuer mit einer verlorenen Bibliothek. Der Eingang dorthin war ein Torbogen, der diesem hier architektonisch verblüffend ähnlich sah.“

Darin schob seine Brille hoch, trat einen halben Schritt näher und kniff die Augen zusammen. Sein analytischer Verstand ratterte.

„Es gibt signifikante Ähnlichkeiten“, merkte er nüchtern an, „aber die Bögen sind nicht identisch. Die magischen Knotenpunkte sind verschoben.“

Während Funny und Darin den Bogen aus sicherer Entfernung analysierten, hatte Lily mit Lumina bereits begonnen, das unheimliche Bauwerk einmal zu umrunden. Das blaue Licht der Leuchtkugeln schien sich im Inneren des Bogens auf unnatürliche Weise zu brechen.

„Also, der Bogen ist zum einen schwer beschädigt“, stellte Lily sachlich fest und zeigte auf feine, tiefe Haarrisse im schwarzen Stein. „Zum anderen… man kann da nicht ohne Weiteres hindurchschauen. Es wirkt, als würde einem der Blick verschleiert. Wie eine zähe, graue Suppe.“

Lumina beugte sich fasziniert vor. Der wabernde Schleier innerhalb des Steinbogens schien sie förmlich zu rufen. Fasziniert hob die junge Prinzessin die Hand. Ihre Fingerkuppen waren nur noch Millimeter von der unnatürlichen Barriere entfernt…

„NICHT ANFASSEN, Lumina!“

Der Ruf knallte wie ein Peitschenhieb durch die Halle. Doch es war weder Funnys höfliche Strenge noch war die sonst so analytische Stimme Darins. Es war Lily. Ihre Stimme war schneidend, autoritär und duldete nicht den geringsten Widerspruch.

Lumina fuhr erschrocken zurück und presste beide Hände an die Brust. Sie starrte die rothaarige Blumenelfe mit großen Augen an. Auch Funny und Darin warfen sich einen kurzen, lächelnden Blick zu. Ein Anflug von Stolz erwärmte die sonst so eisige Atmosphäre des Raumes. Ihre wilde, chaotische Lily war wirklich erwachsen geworden.

Lily verschränkte die Arme vor der Brust, als sie die Blicke ihrer Freunde bemerkte. Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Trotz und Wachsamkeit.

„Was guckt ihr so?“, fragte sie und konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken, aber ihre Augen blieben auf den wabernden Schleier gerichtet. „Ich kann mich verdammt noch mal auch an unser letztes Abenteuer erinnern! Man fummelt nicht an uralten, magischen Dimensionsportalen herum, die aussehen, als würden sie gleich in sich zusammenbrechen!“

In genau diesem Moment antwortete die Ruine.

Ein tiefes, markerschütterndes Grummeln erhob sich weit unter ihren Füßen. Es war kein gewöhnliches Geräusch – es war, als würde das Fundament der Welt selbst aufstöhnen. Der Steinboden vibrierte, erst sanft, dann mit brutaler, bösartiger Wucht. Staub rieselte von der Decke.

Funny reagierte als Erste. Ihre Instinkte schrien Alarm.

„RAUS HIER! Ein Erdbeben! Alle sofort zurück!“

Die Schwankungen des Bodens nahmen dramatisch zu. Risse bildeten sich rasend schnell im harten Stein, zuckten wie steinerne Blitze durch den Raum. Eine dieser Spalten riss den Boden direkt unter Luminas Füßen auf.

Ein spitzer, von purer Todesangst erfüllter Schrei zerriss die Luft. Lumina verlor den Halt. Der Boden unter ihr kippte weg. Sie ruderte wild und panisch mit den Armen, doch die Schwerkraft zog sie unerbittlich nach hinten.

Dummerweise stand sie genau vor dem Torbogen. Sie fiel rückwärts, direkt auf den wabernden, grauen Schleier zu.

Alles schien für einen Sekundenbruchteil in grausamer Zeitlupe abzulaufen. Funny riss die Arme hoch, um einen telekinetischen Fangzauber zu weben, Darin sprintete los, doch sie waren zu weit entfernt.

Lily, die der Prinzessin am nächsten stand, dachte nicht nach. Sie handelte. Mit einer explosiven Kraftentfaltung sprang sie ab. Darin hätte später unter Eid schwören können, dass sie in ihrer Verzweiflung instinktiv einen Elfensprung – eine fast unmögliche, blitzartige Teleportation – ausführte. Lily materialisierte sich förmlich zwischen Lumina und dem tödlichen Sog des Portals. Mit beiden Händen rammte sie die Prinzessin gnadenlos hart zur Seite, stieß sie in Sicherheit auf den festen Boden.

Doch die Physik forderte ihren Tribut. Lily konnte ihren eigenen, gewaltigen Schwung nicht mehr abbremsen. Ihr rotes Haar peitschte durch die Luft, ihre Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde – und dann schoss sie selbst durch den grauen Schleier des Torbogens.

Der Schleier flackerte einmal grell auf. Und Lily verschwand.

„LILY!!!“

Der zeitgleiche Schrei von Funny und Darin übertönte das ohrenbetäubende Dröhnen des Erdbebens. Ein widerliches Knacken hallte durch den Raum. Der ohnehin schon beschädigte Torbogen hielt dem magischen Rückstoß von Lilys Durchtritt nicht stand. Leuchtend rote Risse zogen sich wie glühende Adern durch den schwarzen Stein. Er begann sich zu neigen, die Runen schrien in einem hochfrequenten, magischen Todeskampf auf.

Funny und Darin zögerten nicht den Bruchteil eines Augenblicks. Keine Strategie, keine Analyse, keine kühle Logik. Dort drin war ihre Lily. Ihre beste Freundin. Ihr Herz. Sie sahen sich nicht einmal an. Mit einem synchronen, verzweifelten Satz sprangen die beiden S-Rang-Wächter ihrer besten Freundin hinterher.

Ihre Körper trafen auf den flackernden Schleier. Ein Blitz aus reiner, blauer Magie explodierte im Raum. Funny und Darin verschwanden im Nichts.

Im selben Moment gab der Torbogen auf. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen, das die Trommelfelle regelrecht zum Platzen brachte, brach das uralte Monument in sich zusammen und verwandelte sich in einen gewaltigen Schutthaufen aus schwarzem Gestein.

Mit schreckgeweiteten Augen, die Hände vor den Mund gepresst, lag Lumina auf dem bebenden Boden und starrte in die Staubwolke. Die drei jüngsten Wächter Feenlands… einfach ausgelöscht. Verschluckt.

Doch für Trauer blieb keine Zeit. Der Untergang des Torbogens war der Auslöser für den endgültigen Kollaps der Ruine. Massive, tonnenschwere Felsbrocken lösten sich aus der Dunkelheit der Decke und schlugen wie Meteoriten um sie herum ein.

Die Ritter der Krone, deren eiserne Disziplin selbst in diesem Weltuntergangsszenario hielt, stürzten mit gezogenen Schilden in den Raum.

„RAUS HIER!“, brüllte der Kommandant, dessen Stimme sich fast überschlug. „Der Raum stürzt ein! Der Gang ist instabil! Eure Hoheiten, WIR MÜSSEN GEHEN!“

Lumina kauerte auf dem Boden, völlig unfähig sich zu bewegen. Tränen bahnten sich weiße Rinnen durch den feinen Steinstaub auf ihrem Gesicht.

„LILY!“, schluchzte sie herzzerreißend und streckte die Hand nach den Trümmern des Bogens aus. „Wir können sie nicht zurücklassen!“

Doch Aurelia ließ das nicht zu. Die Kronprinzessin packte ihre kleine Schwester mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte. Energisch, fast grob, riss sie Lumina auf die Beine.

„Lauf!“, presste Aurelia hervor.

Es dröhnte gewaltig, als wäre ein riesiges Ungeheuer unter ihnen erwacht. Die Elfen rannten um ihr Leben. Der Staub brannte in ihren Lungen, das Grollen verschluckte jeden Laut. Ein Ritter wurde beinahe von einer herabstürzenden Säule zerschmettert und nur im letzten Moment von einem Kameraden weitergezerrt.

Kaum hatten sie die kreisrunde Halle verlassen und den Korridor erreicht, brach das Felsengewölbe hinter ihnen mit infernalischer Gewalt zusammen. Der Luftdruck der Einsturzwelle warf sie alle zu Boden. Eine Wolke aus feinem Staub wälzte sich über sie hinweg.

Dann… nichts.

Der Lärm ebbte ab. Das Beben der Erde kam zu einem abrupten, unnatürlichen Halt. Eine gespenstische Stille breitete sich im zerstörten Gang aus. Das einzige Geräusch war das raue, keuchende Atmen der Überlebenden. Es schien fast, als würden die uralten Ruinen zufrieden durchatmen, froh darüber, die Eindringlinge vertrieben – oder verschlungen – zu haben.

Im fahlen Licht einer magischen Fackel der Ritter saßen die beiden Prinzessinnen auf dem staubigen Steinboden. Ununterbrochen kullerten dicke Tränen über Luminas Wangen. Sie zitterte am ganzen Körper, der Schock saß tief in ihren Knochen.

Aurelia zog ihre kleine Schwester eng an sich. Selbst die stets beherrschte Kronprinzessin Feenlands hatte glitzernde Tränen in den Augen. Der Verlust von Adiuva et Protege wog schwerer als der Verlust einer ganzen Armee. Sie strich Lumina über das verschmutzte Haar und flüsterte mit brüchiger Stimme in die erdrückende Stille der Ruine:

„Wir können jetzt nichts mehr tun, Lumina… Lass uns erst einmal nach Marinburg zurückkehren. Dort… dort überlegen wir uns in Ruhe unsere nächsten Schritte.“

Fortsetzung folgt…

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

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Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

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Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

Die Sonne war kaum mehr als ein blasser, roter Strich am Horizont, als der Tross der Kronprinzessin das Hotel verließ. Marinburg war noch in dichten, Nebel gehüllt, der wie klamme Watte an den Häuserfassaden klebte. Das Hufgeklapper der königlichen Pferde hallte unheimlich und dumpf durch die leeren Straßen.

In der Luft surrten drei Paar Libellenflügel. Diesmal hatte auch Lily darauf bestanden, die Kutsche von oben zu sichern. Lumina hatte kurz vor der Abfahrt noch an Lilys rotem Bikini gezupft und versucht, sie mit großen Rehaugen in die Kutsche zu locken. Doch Lily hatte sich sanft, aber bestimmt losgemacht, ihre Naginata geschultert und war sehr deutlich geworden: „Lumina, dein Schutz und deine Sicherheit gehören zum Wichtigsten überhaupt… gleich nach…“, sie hatte das Kinn gehoben und einen verschmitzten, unfassbar warmen Blick zu Funny und Darin geworfen, „naja, du weißt schon.“

Lumina hatte daraufhin die Arme verschränkt und pro forma ein wenig geschmollt. Doch die Prinzessin wusste genau, wo Lilys absolute Prioritäten lagen. Sie wusste, dass die rothaarige Blumenelfe für sie und Aurelia bis zum Umfallen kämpfen würde, aber für Funny und Darin würde Lily lächelnd die Welt in Asche verwandeln.

Bis zum Rand der Ruinenstadt blieb es ruhig – fast zu ruhig. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch. Der Eingang zu den Gewölben, ein gewaltiges, halb verfallenes Steintor im Fels, lag wie ein aufgerissener Schlund vor ihnen. War es wirklich erst zwei Tage her, dass das königliche Siegel hier gefunden worden war? Die Luft um den Eingang herum fühlte sich alt, schwer und irgendwie krank an.

***

Am Eingang schwärmten die Schwertelfen-Ritter der Krone sofort aus. Mit gezogenen Klingen und aktivierten Spürzaubern sicherten sie die Gegend und prüften das Terrain auf versteckte magische oder mechanische Fallen. Funny, Lily und Darin landeten lautlos und hielten sich in einer engen, dreieckigen Formation direkt an der königlichen Kutsche.

Plötzlich durchbrach ein hallendes Echo die Morgenstille.

„Haltet sie auf! Haltet sie auf! Sie dürfen nicht zur Kutsche kommen!“, brüllten die Stimmen der Vorhut aus der Dunkelheit der Ruine.

Funnys Instinkte übernahmen. Ihre blauen Augen verengten sich. Mit einer fließenden Handbewegung riss sie einen massiven, golden schimmernden Schutzschild hoch, der sich wie eine Halbkugel über die gesamte Kutsche stülpte. Darin trat sofort hinter sie. Seine Hände glitten durch die Luft, zeichneten leuchtende Magie-Sammel-Runen, die sich wie Zahnräder in Funnys Schild einklinkten und ihn massiv verstärkten. Lily sprang vor die beiden, die Naginata fest im Griff.

Und dann brach das Chaos aus dem Eingang. Ein kleiner Trupp von vielleicht fünf oder sechs Männern stürzte aus der Dunkelheit. Grabräuber. Ruinen-Plünderer. Zwilichtige, in abgerissene Lederpanzer gehüllte Gestalten, die aus allen Poren nach Angstschweiß stanken.

Sie schlitterten über den feuchten Steinbruch, hoben ihre Waffen – und sahen die drei jungen Blumenelfen von Adiuva et Protege vor der Kutsche stehen. Die Reaktion der Räuber war völlig irrational. Sie griffen nicht an. Sie stutzten. Sie starrten Funny, Lily und Darin mit schreckgeweiteten Augen an. Einer von ihnen ließ wimmernd sein Schwert fallen.

Dieser eine, kurze Moment der absoluten Erstarrung genügte den Rittern der Krone. Gedrillt darauf, kein noch so kleines Risiko für die Regentin einzugehen, ließen sie ihre Klingen gnadenlos herabfahren.

Ein dumpfes Gurgeln, das Klirren von Stahl auf Knochen und alle fünf Räuber fielen leblos zu Boden. Ihr Blut mischte sich dunkel mit dem Morgentau auf den Steinen.

Funny atmete scharf ein. Ihre magische Aura flackerte vor plötzlichem, unkontrolliertem Zorn. Sie ließ den Schild nicht fallen, wandte sich aber mit blitzenden Augen an den Anführer der Ritter. Sie hatte sichtlich damit zu kämpfen, ihren sonst so gewählten, höflichen und diplomatischen Tonfall zu wahren.

„Hätte es nicht gereicht, sie kampfunfähig zu machen, Kommandant?“, zischte Funny kalt. „Das waren Menschen, keine hirnlosen Monster! Jetzt können wir sie nicht mehr verhören!“

Mit einem unwilligen Kopfschütteln wandte sie sich ab und starrte wütend in die Dunkelheit der Ruine.

Darin trat mit der stoischen Ruhe eines Analytikers an die Ritter heran. Er ignorierte das Blut auf den Steinen und befragte den Kommandanten sachlich. Der hochgewachsene Schwertelf zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Sie kamen plötzlich aus einer versteckten Seitenhöhle gestürzt, Herr Wächter. Aber sie griffen uns nicht an… sie rannten, als ob der Teufel selbst hinter ihnen her war. Wir nahmen sofort die Verfolgung auf. Diese Kerle waren echt gut, haben uns mit verschiedenen, hochkomplexen Abwehrzaubern auf Distanz gehalten. Wären sie hier draußen nicht aus irgendeinem Grund überrascht stehen geblieben, wären sie uns vermutlich entkommen.“

Darin schob seine runde Brille hoch. Sein Verstand speicherte diese Information ab, filetierte sie und zog unheilvolle Schlüsse. Sie waren geflohen. Sie hatten mächtige Magie. Und etwas da unten hatte ihnen noch mehr Angst gemacht als eine königliche Elitetruppe.

„Ist der Weg zum Siegel jetzt frei?“, fragte Funny schneidend, ohne den Kommandanten anzusehen.

Der Ritter nickte knapp.

„Alle Zugänge in den bekannten Bereichen sind gesichert.“

Hinter dem magischen Schild öffnete sich die Tür der Kutsche. Aurelia und Lumina stiegen aus. Aurelia sagte kein Wort, aber ihr tiefer, königlicher Blick traf Funny und die Kronprinzessin nickte kaum merklich. Sie konnte Funnys Ärger absolut nachvollziehen. Die Mission war soeben drastisch gefährlicher geworden. Wenn diese Banditen es trotz der royalen Absperrungen in die Ruinen geschafft hatten, war es nicht ausgeschlossen, dass noch andere – oder etwas anderes – in der Dunkelheit lauerte.

***

Der Tross setzte sich wieder in Bewegung. Funny ging auf Nummer sicher. Sie weigerte sich, ihren Schutzschild aufzulösen und ließ ihn wie eine leuchtend goldene Blase mit der Gruppe mitwandern. Der Schweiß auf ihrer Stirn verriet die immense magische Konzentration, die es erforderte, den Zauber in Bewegung und stabil zu halten.

Je tiefer sie in die Ruinen vordrangen, desto kälter und beklemmender wurde es. Die Wände waren aus massiven, schwarzen Quadern gehauen, die das goldene Licht von Funnys Schild fast gierig zu schlucken schienen. Das stete Tropfen von Wasser klang wie ein tickendes Uhrwerk. Ab und zu knurrte Lily leise, wenn ein Schatten sich seltsam bewegte und schwang ihre Naginata drohend in die Dunkelheit.

Irgendwann endete der bearbeitete Korridor abrupt. Sie standen vor einer frisch eingestürzten Wand, deren grobe Felsbrocken bereits von den Rittern provisorisch gesichert worden waren. Ein modriger, eiskalter Luftzug wehte ihnen aus dem Loch entgegen.

„Hier befindet sich der Zugang zum neuen, unentdeckten Teil“, meldete einer der Ritter gedämpft, als hätte er Angst, etwas aufzuwecken.

Darin und Funny nickten sich zu. Sie gingen als Vorhut durch den Durchbruch. Darin ließ kleine, mechanische Lichtkugeln aufsteigen, die den neuen Bereich ausleuchteten, während Funny jeden Quadratzentimeter magisch abtastete. Erst als sich beide völlig sicher waren, dass der Weg vorerst frei war, stiegen Aurelia und Lumina elegant über die Trümmer. Lily schloss die Formation und sicherte von hinten, die Augen wachsam auf den Weg gerichtet, aus dem sie gerade gekommen waren.

***

Sie betraten eine kleine, perfekt quadratische Halle. Es gab hier keinen Schutt, keinen Staub, keinen Verfall. Die Architektur war nicht menschlich, nicht elfisch, nicht zwergisch. Es wirkte… fremd und unsagbar alt. Am Ende der Halle befand sich nur ein einziges, gewaltiges Tor aus einem dunklen, beinahe öligen Metall.

Und in der Mitte dieses Tores, tief in das Metall gebrannt, leuchtete in einem pulsierenden, bedrohlichen Blutrot das unverkennbare Siegel der Kronprinzessin.

Die Luft in der Halle summte. Niemand konnte sich dem Tor nähern. Ungefähr einen Schritt davor stießen Darins mechanische Lichtkugeln gegen eine unsichtbare Wand und prallten funkensprühend ab. Es war eine undurchdringliche, magische Barriere, die vor reiner, unterdrückter Kraft knisterte.

Aurelia schritt mit langsamen, erhabenen Bewegungen nach vorn. Lumina, die plötzlich sehr still geworden war, folgte ihrer Schwester dicht auf den Fersen. Das perlmuttfarbene Seidenkleid der Regentin raschelte auf dem kalten Stein.

Als Aurelia auf die Barriere zuging, geschah das Unfassbare. Die unsichtbare Wand schien die Signatur ihrer Herrscherin zu erkennen. Sie begann zu flirren, teilte sich wie ein Vorhang aus Wasser und gab den Weg frei.

Aurelia und Lumina traten an das Tor heran.

Ein tiefes, ohrenbetäubendes Grollen erschütterte die Halle, als würde das Herz der Erde selbst schlagen. Der leuchtend rote Siegelabdruck glühte grell auf, zersprang in tausend magische Splitter – und das uralte Tor schwang mit einem markerschütternden Kreischen langsam nach innen auf.

Kalte, absolute Finsternis starrte ihnen entgegen.

***

Die Dunkelheit jenseits des Tores schien förmlich in die Halle zu kriechen, kalt und hungrig. Doch Darin ließ sich von der drückenden Atmosphäre nicht einschüchtern. Ruhig und überlegt schnippte er drei mechanische Leuchtkugeln in den Raum, die mit einem leisen Surren an die unsichtbare Decke schossen und die Finsternis in ein kühles, blaues Licht tauchten. Fast zeitgleich warf er einen kleinen, spinnenartigen Fallen-Detektor auf den Boden.

Das metallische Klicken des Detektors hallte unnatürlich laut von den Wänden wider, während er in rasantem Tempo den Boden abtastete. Ein leises, grünes Piepen signalisierte: Keine Fallen.

Darin und Funny traten als Erste über die Schwelle. Der Raum war gigantisch und perfekt kreisrund. Die Wände waren glatt und ohne jegliche Verzierungen. Doch was ihre Aufmerksamkeit sofort fesselte, stand exakt in der Mitte des Raumes: Ein massiver, uralter Torbogen aus schwarzem Stein, übersät mit kaum noch erkennbaren, verwitterten Runen.

Als die beiden Blumenelfen den Bogen erblickten, zuckten sie synchron zurück. Die Art des Bauwerkes, die unverkennbare Geometrie – es kam ihnen erschreckend bekannt vor.

Lily, die mit gezückter Naginata dicht hinter ihnen den Raum betrat, ließ die Waffe sinken und stöhnte theatralisch auf.

„Och nööööö!“, rief sie aus, und der Hall trug ihre Stimme durch das Gewölbe. „Leute, nicht im Ernst, oder? Was macht denn der Eingang zu einer extrem langweiligen, staubigen Bibliothek bitteschön hier unten in diesem Rattenloch?“

Aurelia, die mit Lumina dicht hinter der Vorhut geblieben war, runzelte königlich die Stirn.

„Bibliothek?“

Funny wandte sich halb zu der Kronprinzessin um, ihre himmelblauen Augen musterten das Gestein jedoch weiterhin misstrauisch.

„Wir hatten vor einiger Zeit ein… sagen wir, recht intensives Abenteuer mit einer verlorenen Bibliothek. Der Eingang dorthin war ein Torbogen, der diesem hier architektonisch verblüffend ähnlich sah.“

Darin schob seine Brille hoch, trat einen halben Schritt näher und kniff die Augen zusammen. Sein analytischer Verstand ratterte.

„Es gibt signifikante Ähnlichkeiten“, merkte er nüchtern an, „aber die Bögen sind nicht identisch. Die magischen Knotenpunkte sind verschoben.“

Während Funny und Darin den Bogen aus sicherer Entfernung analysierten, hatte Lily mit Lumina bereits begonnen, das unheimliche Bauwerk einmal zu umrunden. Das blaue Licht der Leuchtkugeln schien sich im Inneren des Bogens auf unnatürliche Weise zu brechen.

„Also, der Bogen ist zum einen schwer beschädigt“, stellte Lily sachlich fest und zeigte auf feine, tiefe Haarrisse im schwarzen Stein. „Zum anderen… man kann da nicht ohne Weiteres hindurchschauen. Es wirkt, als würde einem der Blick verschleiert. Wie eine zähe, graue Suppe.“

Lumina beugte sich fasziniert vor. Der wabernde Schleier innerhalb des Steinbogens schien sie förmlich zu rufen. Fasziniert hob die junge Prinzessin die Hand. Ihre Fingerkuppen waren nur noch Millimeter von der unnatürlichen Barriere entfernt…

„NICHT ANFASSEN, Lumina!“

Der Ruf knallte wie ein Peitschenhieb durch die Halle. Doch es war weder Funnys höfliche Strenge noch war die sonst so analytische Stimme Darins. Es war Lily. Ihre Stimme war schneidend, autoritär und duldete nicht den geringsten Widerspruch.

Lumina fuhr erschrocken zurück und presste beide Hände an die Brust. Sie starrte die rothaarige Blumenelfe mit großen Augen an. Auch Funny und Darin warfen sich einen kurzen, lächelnden Blick zu. Ein Anflug von Stolz erwärmte die sonst so eisige Atmosphäre des Raumes. Ihre wilde, chaotische Lily war wirklich erwachsen geworden.

Lily verschränkte die Arme vor der Brust, als sie die Blicke ihrer Freunde bemerkte. Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Trotz und Wachsamkeit.

„Was guckt ihr so?“, fragte sie und konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken, aber ihre Augen blieben auf den wabernden Schleier gerichtet. „Ich kann mich verdammt noch mal auch an unser letztes Abenteuer erinnern! Man fummelt nicht an uralten, magischen Dimensionsportalen herum, die aussehen, als würden sie gleich in sich zusammenbrechen!“

In genau diesem Moment antwortete die Ruine.

Ein tiefes, markerschütterndes Grummeln erhob sich weit unter ihren Füßen. Es war kein gewöhnliches Geräusch – es war, als würde das Fundament der Welt selbst aufstöhnen. Der Steinboden vibrierte, erst sanft, dann mit brutaler, bösartiger Wucht. Staub rieselte von der Decke.

Funny reagierte als Erste. Ihre Instinkte schrien Alarm.

„RAUS HIER! Ein Erdbeben! Alle sofort zurück!“

Die Schwankungen des Bodens nahmen dramatisch zu. Risse bildeten sich rasend schnell im harten Stein, zuckten wie steinerne Blitze durch den Raum. Eine dieser Spalten riss den Boden direkt unter Luminas Füßen auf.

Ein spitzer, von purer Todesangst erfüllter Schrei zerriss die Luft. Lumina verlor den Halt. Der Boden unter ihr kippte weg. Sie ruderte wild und panisch mit den Armen, doch die Schwerkraft zog sie unerbittlich nach hinten.

Dummerweise stand sie genau vor dem Torbogen. Sie fiel rückwärts, direkt auf den wabernden, grauen Schleier zu.

Alles schien für einen Sekundenbruchteil in grausamer Zeitlupe abzulaufen. Funny riss die Arme hoch, um einen telekinetischen Fangzauber zu weben, Darin sprintete los, doch sie waren zu weit entfernt.

Lily, die der Prinzessin am nächsten stand, dachte nicht nach. Sie handelte. Mit einer explosiven Kraftentfaltung sprang sie ab. Darin hätte später unter Eid schwören können, dass sie in ihrer Verzweiflung instinktiv einen Elfensprung – eine fast unmögliche, blitzartige Teleportation – ausführte. Lily materialisierte sich förmlich zwischen Lumina und dem tödlichen Sog des Portals. Mit beiden Händen rammte sie die Prinzessin gnadenlos hart zur Seite, stieß sie in Sicherheit auf den festen Boden.

Doch die Physik forderte ihren Tribut. Lily konnte ihren eigenen, gewaltigen Schwung nicht mehr abbremsen. Ihr rotes Haar peitschte durch die Luft, ihre Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde – und dann schoss sie selbst durch den grauen Schleier des Torbogens.

Der Schleier flackerte einmal grell auf. Und Lily verschwand.

„LILY!!!“

Der zeitgleiche Schrei von Funny und Darin übertönte das ohrenbetäubende Dröhnen des Erdbebens. Ein widerliches Knacken hallte durch den Raum. Der ohnehin schon beschädigte Torbogen hielt dem magischen Rückstoß von Lilys Durchtritt nicht stand. Leuchtend rote Risse zogen sich wie glühende Adern durch den schwarzen Stein. Er begann sich zu neigen, die Runen schrien in einem hochfrequenten, magischen Todeskampf auf.

Funny und Darin zögerten nicht den Bruchteil eines Augenblicks. Keine Strategie, keine Analyse, keine kühle Logik. Dort drin war ihre Lily. Ihre beste Freundin. Ihr Herz. Sie sahen sich nicht einmal an. Mit einem synchronen, verzweifelten Satz sprangen die beiden S-Rang-Wächter ihrer besten Freundin hinterher.

Ihre Körper trafen auf den flackernden Schleier. Ein Blitz aus reiner, blauer Magie explodierte im Raum. Funny und Darin verschwanden im Nichts.

Im selben Moment gab der Torbogen auf. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen, das die Trommelfelle regelrecht zum Platzen brachte, brach das uralte Monument in sich zusammen und verwandelte sich in einen gewaltigen Schutthaufen aus schwarzem Gestein.

Mit schreckgeweiteten Augen, die Hände vor den Mund gepresst, lag Lumina auf dem bebenden Boden und starrte in die Staubwolke. Die drei jüngsten Wächter Feenlands… einfach ausgelöscht. Verschluckt.

Doch für Trauer blieb keine Zeit. Der Untergang des Torbogens war der Auslöser für den endgültigen Kollaps der Ruine. Massive, tonnenschwere Felsbrocken lösten sich aus der Dunkelheit der Decke und schlugen wie Meteoriten um sie herum ein.

Die Ritter der Krone, deren eiserne Disziplin selbst in diesem Weltuntergangsszenario hielt, stürzten mit gezogenen Schilden in den Raum.

„RAUS HIER!“, brüllte der Kommandant, dessen Stimme sich fast überschlug. „Der Raum stürzt ein! Der Gang ist instabil! Eure Hoheiten, WIR MÜSSEN GEHEN!“

Lumina kauerte auf dem Boden, völlig unfähig sich zu bewegen. Tränen bahnten sich weiße Rinnen durch den feinen Steinstaub auf ihrem Gesicht.

„LILY!“, schluchzte sie herzzerreißend und streckte die Hand nach den Trümmern des Bogens aus. „Wir können sie nicht zurücklassen!“

Doch Aurelia ließ das nicht zu. Die Kronprinzessin packte ihre kleine Schwester mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte. Energisch, fast grob, riss sie Lumina auf die Beine.

„Lauf!“, presste Aurelia hervor.

Es dröhnte gewaltig, als wäre ein riesiges Ungeheuer unter ihnen erwacht. Die Elfen rannten um ihr Leben. Der Staub brannte in ihren Lungen, das Grollen verschluckte jeden Laut. Ein Ritter wurde beinahe von einer herabstürzenden Säule zerschmettert und nur im letzten Moment von einem Kameraden weitergezerrt.

Kaum hatten sie die kreisrunde Halle verlassen und den Korridor erreicht, brach das Felsengewölbe hinter ihnen mit infernalischer Gewalt zusammen. Der Luftdruck der Einsturzwelle warf sie alle zu Boden. Eine Wolke aus feinem Staub wälzte sich über sie hinweg.

Dann… nichts.

Der Lärm ebbte ab. Das Beben der Erde kam zu einem abrupten, unnatürlichen Halt. Eine gespenstische Stille breitete sich im zerstörten Gang aus. Das einzige Geräusch war das raue, keuchende Atmen der Überlebenden. Es schien fast, als würden die uralten Ruinen zufrieden durchatmen, froh darüber, die Eindringlinge vertrieben – oder verschlungen – zu haben.

Im fahlen Licht einer magischen Fackel der Ritter saßen die beiden Prinzessinnen auf dem staubigen Steinboden. Ununterbrochen kullerten dicke Tränen über Luminas Wangen. Sie zitterte am ganzen Körper, der Schock saß tief in ihren Knochen.

Aurelia zog ihre kleine Schwester eng an sich. Selbst die stets beherrschte Kronprinzessin Feenlands hatte glitzernde Tränen in den Augen. Der Verlust von Adiuva et Protege wog schwerer als der Verlust einer ganzen Armee. Sie strich Lumina über das verschmutzte Haar und flüsterte mit brüchiger Stimme in die erdrückende Stille der Ruine:

„Wir können jetzt nichts mehr tun, Lumina… Lass uns erst einmal nach Marinburg zurückkehren. Dort… dort überlegen wir uns in Ruhe unsere nächsten Schritte.“

Fortsetzung folgt…

Kapitelverzeichnis

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 1

Durch den Schleier und wieder zurück – Teil 2

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