Kaum waren die vier Freunde durch das leuchtend grüne Portal in die absolute Schwärze des Raumes geschritten, blieb Ina-chan abrupt stehen. Ihre Fuchsohren stellten sich kerzengerade auf, und ihre Augen weiteten sich.
„Funny!“, schrie die kleine Fuchsgöttin plötzlich auf. „Sie ist hier! Sie lebt!“
Darin, Lily und Ami rissen gleichzeitig die Köpfe hoch. Ein kollektives, erleichtertes Lächeln huschte über ihre Gesichter. Das war die erste gute Nachricht seit vierundzwanzig Stunden.
Ina hob zitternd die Hände.
„Aber… ihre Lebenszeichen sind furchtbar schwach. Es ist, als würden sie flackern. Es ist alles so diffus. Ich kann durch dieses Schwanken ihren genauen Ort noch nicht feststellen.“
Das Lächeln gefror. Und die zweite, noch viel schlechtere Nachricht war der Raum selbst.
Ina erzeugte eine Lichtkugel. Der Raum war wirklich leer. Also, so richtig leer. Es gab vier nackte Betonwände, eine unebene Decke und den staubigen Fußboden. Das war alles. Es gab keine Fenster. Es gab nur die Tür, aus der sie ursprünglich den Raum betreten hatten. Keine einzige Steckdose, keine Reste der Server, keine herumliegenden Kabel. Nur graue, glatte Leere.

Darin kniff die Augen zusammen und zog sofort ein Runenplättchen aus der Itembox.
„Vorsicht. Das ist eine Falle!“
In exakt diesem Moment brach das flimmernde grüne Portal hinter ihnen lautlos zusammen und verschwand. Inas Licht flackerte und erlosch. Es wurde dunkel. So absolut, erdrückend dunkel, wie ein Raum ohne Fenster und Lichtquellen, der tief unter der Erde liegt, nur sein kann.
Und dann hörten sie es. Ein hohes, sirrendes Summen. Es schien aus den Wänden selbst zu kommen. Der Ton wurde in Sekundenschnelle ohrenbetäubend lauter und gleichzeitig unnatürlich tiefer, bis er tief in der Brust vibrierte.
„Ina-chan!“, brüllte Darin gegen den Lärm an. „Kinetische Schutzschilde! Sofort! Sonst werden wir gleich von diesem Infraschall ausgeknockt und unsere Organe zerreißen!“
Ina riss die Hände hoch und rief den Gegenzauber.
„Tamamo-no-Mae, schütze uns!“
Eine strahlende, goldene Blase wuchs rasant aus dem kleinen Mädchen heraus und umschloss die Gruppe. Der Raum um sie herum begann in einem bedrohlichen, roten Alarmlicht zu flackern. Der tödliche Ton, der eben noch die Luft zerrissen hatte, wurde mit zunehmender Stabilität von Inas magischem Schutzschirm immer leiser, bis er an der Barriere völlig erstarb.
Darin atmete schwer durch und verlor keine Sekunde. Er rannte zu der nackten Wand, an der bei Amis und Inas letztem Aufenthalt noch das Portal des Cyber-Yokai gepulst hatte. Er klebte das Runen-Plättchen auf den Beton und aktivierte es. Die Rune flammte zischend auf, veränderte ihre Form und schrieb drei leuchtende Zahlen auf den Stein: 1, 100, 1.
„Resonanz-Rune“, erklärte Darin knapp. „Misst die exakte Dicke von Mauern und die Größe des dahinterliegenden Raumes und ob es geöffnete Türen gibt. Habe ich vor Jahren von einem nordamerikanischen Schamanen gelernt. Die Zahlen sind allerdings alte imperiale Maßangaben. Es sind Angaben in Fuss.“
Er schüttelte den Kopf.
„In moderne allgemein üblichen Maßangaben bedeutet das: Die Mauer vor uns ist ungefähr 30 cm dick. Der Raum dahinter ist etwa 30 Meter tief – also eher eine Halle. Und die 1 bedeutet: Es gibt dort nur einen offenen Ausgang.“
Er drehte sich zu den Mädchen um, in der Hand ein unscheinbares, aber bedrohlich glühendes Glasfläschchen.
„Zurücktreten. Ich durchbreche diese Wand. Lily, du sicherst nach der Sprengung sofort die Flanken – Dornenhecke, Flächenbrand, was auch immer du am liebsten machst. Ina-chan, du achtest auf die Decke und den Ausgang und alles, was im Raum überlebt, verbannst du in die Geisterwelt. Ami, bleib dicht hinter mir.“
Darin holte aus und warf eines der Fläschchen hart gegen den Beton. Das Glas zerbrach und die zähflüssige, silberne Flüssigkeit darin verteilte sich wie von Zauberhand rasend schnell kreisförmig über der Wand. Dann leuchtete die silbrige Substanz in einem aggressiven Purpur auf. Die Wand wölbte sich wie Gummi nach außen.
Und zerbarst in einer ohrenbetäubenden, gigantischen Explosion.
Staub und Betonbrocken flogen in die Halle. Lily zögerte nicht eine Millisekunde. Sie sprang als Erste mit einem wilden Kampfschrei durch die klaffende Bresche.
„Natura Vincit!“
Aus dem nackten Betonboden links und rechts von ihr brachen augenblicklich monströse, peitschende Dornenhecken hervor. Die dicken Ranken waren extrem aktiv und schnappten wie tollwütige Schlangen nach den Unmengen von modifizierten Cyber-Trollen, die im dichten Staub hinter der Wand bereits auf sie gelauert hatten.

Die Hecke leistete ganze Arbeit. Mehr als die Hälfte der tonnenschweren Trolle wurde in Sekundenschnelle zu handlichen, brüllenden Päckchen verschnürt, ehe Ina überhaupt eingreifen musste. Doch als Ina vortrat, erging es dem Rest nicht viel besser. Die kleine Göttin hob die Hand, ihre Augen leuchteten golden. Sie erweiterte ihren Bannspruch auf den gesamten Raum. Eine Schockwelle aus göttlicher Energie fegte durch die Halle. Die verbliebenen Trolle schrien stumm auf, wurden transparent und in die Geisterwelt gesaugt.
Nach nicht einmal einer Minute war der riesige Raum komplett geräumt.
Ina ließ die Arme sinken und atmete schwer, ihr Brustkorb hob und senkte sich rasend schnell. Darin trat besorgt an ihre Seite.
„Ina-chan? Geht es noch? Dein magischer Vorrat?“
Ina wischte sich den Schweiß von der Stirn und nickte tapfer.
„Es geht. Ich… ich versuche genauer zu dosieren. Ich wende nur noch exakt so viel Kraft auf, wie nötig ist und keine wilden Flächenzauber mehr.“
Darin zeigte ihr anerkennend den Daumen hoch und lächelte beruhigend.
Lily, die inzwischen durch den dichten Staub bis an das andere Ende der Halle gerannt war, rief zurück: „Hier ist eine Tür! Verdammt! Sie führt nur in einen Wandschrank. Und der ist leer.“
Sie trat frustriert gegen das Holz.
„Und nun, Boss? Wieder mit Gewalt durchbrechen?“
Darin schüttelte sofort den Kopf und lief zu ihr.
„Nein. Zu gefährlich. Wenn wir hier unten noch mehr meterdicke, tragende Wände sprengen, verliert das Gebäude seine statische Integrität und wir begraben Funny unter hunderten Tonnen Schutt. Ina-chan? Was spürst du?“
Ina schloss die Augen und drehte den Kopf, wie ein Hund, der Witterung aufnimmt.
„Funnys Lebenszeichen sind weiter schwach… furchtbar schwach. Aber ich kann sie jetzt deutlich besser orten. Offenbar kommen wir ihr näher. Die Quelle ist direkt vor uns.“
Darin nickte grimmig. Er zog drei weitere Resonanz-Runen aus der Tasche und klebte sie blitzschnell an die linke, die rechte und die vordere Wand des leeren Schrankraumes. Die Wände zur Rechten und Linken zeigten sofort nur eine leuchtend grüne, liegende Acht.
„Unendlich“, übersetzte Darin. „Links und rechts sind die Wände so massiv in den Fels gehauen, da ist kein Durchkommen, ohne den Block zu sprengen.“
Die Rune an der Stirnseite zeigte jedoch andere Zahlen: 1, 10, 1.
Darin grinste humorlos. „Der Wandschrank ist eine simple Attrappe. Das hier vor uns ist eine versteckte Tür, nur 30 Zentimeter dick. Dahinter liegt ein kurzer, drei Meter tiefer Flur mit einer weiteren Tür am Ende. Hier reicht eine ganz normale Sprengrune aus.“
Lily holte Luft und setzte mit einem schelmischen Kichern an.
„Du meinst wohl eher eine…“
Darin hob sofort abwehrend und leicht unwirsch die Hand.
„Nein, Lily! Wir nennen sie nicht Wir-brechen-durch-Rune! Sprengrune ist ein kurzer, präziser, etablierter Fachbegriff. Ende der Diskussion.“
Lily verschränkte die Arme und schmollte theatralisch. Ami und Ina kicherten leise in die angespannte Stille hinein.
Darin brachte die Rune an der falschen Rückwand an, aktivierte sie mit einem Fingerschnippen und die Wand fiel fast lautlos, zu feinem Sand zerbröselnd, in sich zusammen.
„Ich gehe voran“, befahl Lily sofort, die Schmoll-Attacke war vergessen. „Reihenfolge bleibt wie bisher. Augen auf.“
Vorsichtig, mit gezogenen Waffen gingen die vier den kurzen, dunklen Flur weiter, bis sie vor der nächsten, massiven Stahltür standen. Darin trat vor.
„Hier können wir nun exzellent meine Phasenverschiebungs-Transparenz-Matrix…“
Lily beugte sich rasch zu Ami hinüber und flüsterte laut vernehmlich: „Schau-durch-mich-hindurch-Rune.“
Darin knurrte ungehalten wie ein gereizter Bär. Aber er sparte sich den Atem, klebte wortlos das entsprechende Runenplättchen an die eiskalte Tür und aktivierte es. Das Metall flimmerte, verschwand für ihre Augen und wurde vollständig transparent.
Der Raum, der sich dahinter offenbarte, war riesig und halbrund. Von diesem Raum aus gingen unzählige, identische Stahltüren strahlenförmig ab. Und vor jeder einzelnen Tür standen drei schwer bewaffnete, muskelbepackte Kampftrolle mit leuchtenden Cyber-Implantaten. Das Schlimmste aber war: Alle Trolle blickten geschlossen und absolut reglos genau auf die Tür, hinter der die vier Freunde standen. Obwohl die Drei wussten, dass die Trolle sie durch die Tarn-Rune unmöglich sehen konnten, kroch es ihnen kalt den Rücken hinunter. Sie hatten das furchtbare, erdrückende Gefühl, ihrerseits von dutzenden feindlichen Augenpaaren fixiert zu werden.
Ami schluckte schwer.
„Die Trolle erwarten uns. Sie lauern auf den Durchbruch. Das Überraschungsmoment wird dieses Mal nicht auf unserer Seite sein.“

Darin sah sich die taktische Lage durch die Scheibe an. Sein Verstand raste.
„Wir ziehen uns in den Flur auf die gegenüberliegende Seite zurück“, flüsterte er. „Wir bringen eine zeitverzögerte Sprengrune an der Tür an. Sobald die Tür in den halbrunden Raum explodiert, werfen wir alle jeder zwei Spreng-Fläschchen – und nein, Lily, wir sagen auch jetzt nicht Molotow-Cocktails dazu! – durch die Öffnung.“
Lily grinste breit und gefährlich.
„Ein toller Plan, Boss. Die paar Trolle, die nach dieser Begrüßung dann noch geradeaus schauen können, machen Ina und ich im Nahkampf ganz leicht platt.“
Sie wandte sich an Ami.
„Ami-chan, du hältst dich strickt im Hintergrund. Ich sichere jetzt noch die Tür, aus der wir gerade gekommen sind, damit wir keine Überraschung von hinten bekommen.“
Sprach’s, rammte ihre Naginata in den Boden und sehr dicke, sehr dichte und mit fiesen Dornen versehene Ranken wucherten den hinteren Eingang des Flurs komplett zu.
Darin zählte mit den Fingern lautlos einen Countdown herunter. Drei. Zwei. Eins. Er gab das Signal.
Die Tür explodierte mit einem infernalischen Knall nach außen. Im exakt selben Moment flogen acht glühende Sprengfläschchen in weitem Bogen durch die rauchende Öffnung in den halbrunden Raum. Die aufeinanderfolgenden Explosionen waren gigantisch. Feuer, Druckwellen und magische Blitze füllten die Halle. Ina sicherte mit einem Schutzfeld, dass keine Brocken zu ihnen flogen.
Als der Qualm sich nach wenigen Sekunden verzogen hatte, stürmten Lily und Ina hinein. Der Plan war perfekt aufgegangen. Nur wenige Trolle konnten sich noch hustend und geblendet aufrecht halten. Mit einem Hagel aus Naginata-Schlägen und gezielten Bann-Zaubern waren die Reste der Wache extrem schnell bezwungen.
Dann standen die vier schwer atmend im Zentrum des halbrunden Raumes vor den unzähligen verschlossenen Türen.
Ina schloss die Augen und drehte sich langsam im Kreis. Dann riss sie die Augen auf und zeigte mit zitterndem Finger auf eine Stahltür auf der rechten Seite.
„Da!“, rief sie panisch. „Von dort empfange ich Funnys Lebenszeichen. Aber… sie sind nur noch ein glimmender Funke. Sie stirbt. Wir müssen uns beeilen, wir dürfen nicht zu spät kommen!“
Lily stieß einen wütenden Schrei aus, machte eine Handbewegung und hatte aus der Itembox ein weiteres Sprengfläschchen in der Hand, rannte los und warf es direkt gegen die bezeichnete Tür. Es rummste gewaltig. Eine schwarze Rauchwolke stieg auf. Aber als der Qualm sich verzog, war die Tür völlig intakt. Nicht einmal ein Kratzer war zu sehen. Allerdings zog sich ein tiefer Riss über die Decke zur Tür.
Darin rannte zu ihr und schüttelte heftig den Kopf.
„Lily! Verdammt! Erst denken, dann handeln! Du rüttelst an der Statik!“
Lily nickte völlig zerknirscht, Tränen der Wut standen in ihren Augen. Sie wollte doch nur schnell zu ihrer allerbesten Freundin vordringen.
Darin trat dicht an das Metall heran.
„Wenn diese Tür zu Funny führt, dann ist sie nicht nur mechanisch, sondern auch tiefenmagisch gesichert. Simple Sprengstoffe prallen hier ab.“
Er zog eine Analyse-Rune aus seiner Itembox, klebte sie an die Tür und verband sie mit einem kleinen, klobigen Display in seiner Hand. Er las die flackernden Messwerte ab und erläuterte düster: „Die Tür ist aus massivem, magisch legiertem Stahl und Titan-Beton. Ich denke, das ist eine Art Tresorraum oder eine Quarantäne-Zelle. Die Tür zu sprengen wird uns hier absolut nichts bringen, im Gegenteil, die Magie würde zurückschlagen. Wir brauchen den physischen Schlüssel.“
Ami, die bei dem Wort „Tresorraum“ hellhörig geworden war, trat dicht an die Tür heran und suchte die scheinbar glatte Fläche ab. Ihre Finger strichen über den Stahl.
„Oder eine Zahlenkombination“, sagte Ami leise und klappte einen kleinen Verschluss auf, der ein winziges, kaum sichtbares Tastenfeld, das bündig im Metall eingelassen war, offenbarte.
Darin drehte sich überrascht um.
„Man muss einen simplen Zahlencode tippen, um diese Höllentür zu öffnen?“
Ami nickte.
Darin dachte fieberhaft nach.
„Wartet. Ich hätte hier einen Magie-Signatur-Repeater. Damit kann ich die Reste magischer Signaturen im Raum sichtbar machen und ihre Bewegungen in der Vergangenheit verfolgen – auch wenn die Handlung bereits einige Zeit her ist.“
Er holte einen kleinen Scanner, der aussah wie eine alte Polaroid-Kamera mit Antennen, aus der Itembox. Er richtete ihn direkt auf das versteckte Zahlenschloss, das Ami ihm gezeigt hatte, und aktivierte den Scanner.
Ein holografisches, gräuliches Licht flimmerte auf. Sie sahen die verschwommenen Umrisse eines Trolls, der aus der Tür herauskam.
„Weiter zurück in der Zeit“, murmelte Darin und drehte an einem Rad des Scanners.
Das Hologramm spulte zurück.
„Ah!“, rief Ina und deutete auf das Bild. „Hier! Hier steht der Troll vor dem Schloss und will hineingehen!“
Ami drückte sich fast an das Hologramm heran und beobachtete aufmerksam, auf welche Tasten die klobigen Finger des Geister-Trolls tippten.
„Ich hab’s“, flüsterte sie und trat an das echte Tastenfeld.
„5 – 7 – 3 – 3 – 9 – 7.“
Sie probierten es aus. Ami tippte den Code ein und drückte die Bestätigungstaste. Ein tiefes, schweres Klacken hallte durch den Raum, als würden massive Riegel zurückspringen. Ami packte das kleine Drehrad, das aus der Tür sprang, und drehte es mit aller Kraft.
Laut und markerschütternd kreischend schwang die schwere Tresortür endlich auf.
***
Und dann sahen sie sie.
Funny saß in einer dunklen Ecke, reglos zusammengesunken und mit dem Kopf auf den Knien gegen die feuchte Steinwand gelehnt. Vor ihr thronte eine albtraumhafte Maschine, deren Zähne und Runen bedrohlich surrten. Aber das Schlimmste war nicht die Maschine. Das Schlimmste war Funny selbst. Ihre Körperkonturen flackerten wie ein schlechtes Hologramm im Wind. Sie war fast transparent. Sie war dabei, sich aufzulösen.
„Funny!“, schrie Lily mit tränenerstickter Stimme auf. Sie liess ihre Naginata fallen, drückte sich vom Boden ab und wollte sich blindlings auf ihre sterbende Freundin stürzen, um sie da rauszuholen.
„STOP!“
Der Befehl peitschte so unfassbar hart, laut und kompromisslos durch den Raum, dass Lily mitten in der Vorwärtsbewegung einfror und fast über ihre eigenen Füße stolperte.
Lily wirbelte herum, die Augen weit aufgerissen.
„Aber… aber… da ist Funny! Wir müssen…“
„Und da ist eine verdammte Maschine!“, schnitt Darin ihr das Wort ab.
Ina, die nach Darins Ausruf ganz vorsichtig ein paar Schritte näher geschlichen war, keuchte auf.
„Die Maschine saugt ihre absolute Essenz ein und umhüllt Funny wie einen Käfig aus reiner Energie. Jede Berührung von uns würde fatale Folgen haben.“
Darin starrte auf die flackernde Elfe. Heiße, unkontrollierte Tränen liefen in Strömen über seine Wangen und tropften auf sein Hemd, doch er ignorierte sie völlig. Sein Verstand schaltete in einen eiskalten Overdrive.
„Wir müssen zuerst die Maschine neutralisieren und dann den Käfig öffnen.“
Ina biss sich auf die Lippen.
„Oder umgekehrt. Erst den magischen Käfig irgendwie aufbrechen und dann die Maschine neutralisieren.“
Darin atmete scharf ein.
„Lily, blockiere den Eingang. Niemand kommt hier rein. Ami, schau den Boden ab, ob hier irgendwo eine Steuerungseinheit liegt, aber komm der Maschine auf gar keinen Fall zu nahe! Ina-chan… lass uns ein schnelles Was-wäre-wenn-Spiel spielen.“
„Was wäre, wenn wir die Maschine einfach zerstören?“, feuerte Ina sofort los, während sie die Energiewerte scannte.
„Die gesammelte Magie wird sofort explosionsartig freigesetzt“, konterte Darin wie aus der Pistole geschossen.
„Funny ist magisch extrem stark, es ist unglaublich viel Energie in diesen Kristallen.“
Er schluckte hart, holte tief Luft und fügte mit zitternder, leiser Stimme hinzu: „Die magische Druckwelle würde Funnys letzte Reste augenblicklich zerstreuen. Sie würde aufhören zu existieren.“
Ina schauderte.
„Was wäre, wenn wir einen starken Schutzschirm zwischen Funny und die Maschine setzen, um den Fluss zu kappen?“
„Die Maschine würde die Magie deines Schirmes sofort als neue Nahrungsquelle einsaugen und Funny den Rest geben.“
Darin und Ina warfen sich immer schneller Möglichkeiten zu und konterten brutal mit den tödlichen Folgen. Die Zeit rannte ihnen davon. Mit jedem Herzschlag wurde Funny ein Stückchen durchsichtiger. Die Maschine brummte hungrig.
Ami, die dem rasanten Dialog hochkonzentriert gefolgt war, hob plötzlich die Hand.
„Wartet!“, rief sie. „Was wäre, wenn zwischen Funny und der Maschine eine harte, rein physische Wand entsteht, Funny gleichzeitig in ein absolutes Schutzschild eingehüllt wird und eine physische Explosion die Maschine zerstört?“
Ina und Darin stoppten ihren Wortwechsel abrupt und starrten Ami völlig überrascht an.
Ami deutete auf den Boden vor dem Energiekäfig.
„Denkt doch logisch! Der magische Käfig verhindert nur, dass etwas von innen nach außen entkommt. Aber von außen nach innen muss physische Materie hindurchgehen können, sonst hätte man Funny gestern oder heute nichts zu Essen hineinwerfen können. Also können wir ohne Magie eine massive, physische Wand direkt vor ihr hochziehen. Das unterbricht sofort die Sichtlinie und den Sog des Käfigs. Wir hüllen Funny im selben Sekundenbruchteil in ein Schutzfeld – das stärkste, was ihr aufbieten könnt! Und genau dann wird die Maschine physisch zerstört. Nicht mit Magie, die sie einfach nur absorbieren würde, sondern mit Feuer und purer Wucht! Runen-Magie existiert von sich aus ohne Magie-Abgabe nach außen!“
Darin starrte sie an. Sein Verstand raste durch die Gleichung. Es war perfekt.
„Genau so machen wir es!“, rief Darin aus.
Trotz der fließenden Tränen stahl sich ein wildes Lächeln auf sein Gesicht.
„Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du absolut genial bist, Ami?“
Ami wurde etwas verlegen und strich sich durch die blauen Haare.
„Ja… du. Vorhin erst.“
Darin wirbelte herum.
„Ina-chan! Du hüllst Funny in deinen absolut stärksten göttlichen Schirm. Ich habe hier in meiner Itembox eine…“
Vom anderen Ende des Raumes, wo sie die Tür bewachte, krähte Lily dazwischen: „Eine Giganto-Mauer-Rune?!“ Darin rollte nur kurz mit den Augen. „Von mir aus. Aber was können wir Schweres auf diese Bestie von Maschine krachen lassen, das ohne magische Reste explodiert?“
Er scrollte im Kopf rasend schnell durch das gewaltige Inventar seiner Taschendimension.
„Brandgelee!“, rief er aus. „Das ist fast rein chemisch. Das könnte man wachsen lassen. Und sobald man die winzige magische Schutzschicht drumherum auflöst, reagiert es mit dem Sauerstoff und verwandelt sich in einen gleißenden Feuerball.“
„Das mach ich!“, schrie Lily und sprintete zu ihnen. „Gib es mir! Sag mir nur, wann ich es fallen lassen soll!“
Darin wurde todernst.
„Ina-chan. Dein Schutzzauber muss Funny und auch uns erfassen. Sonst verglühen wir in diesem engen Raum gleich mit. Wissen alle, was zu tun ist?“
Die drei Mädchen nickten heftig. Die Entschlossenheit in ihren Augen brannte heißer als jedes Feuer.
Darin griff in die Itembox, holte vorsichtig einen kleinen, wabbeligen Klumpen Brandgelee heraus und gab ihn in Lilys Hände.
„Lily, vergrößern!“
Lily fokussierte ihre Magie, stupste das wabbelige Gelee an, und es wuchs rasant auf eine furchteinflößende Größe von gut einem Meter Durchmesser an. Sie hob die Arme und steuerte die wabernde Masse mit ein paar geschickten Handbewegungen direkt unter die Decke, exakt über die surrende Maschine.
Darin riss die Giganto-Mauer-Rune aus der Tasche und hob sie hoch.
„Bei Drei! Schutzzauber, Gelee herunterkrachen lassen und Mauer bauen! Alles klar?!“
Heftiges Nicken war die Antwort.
„EINS!“
„ZWEI!“
„DREI!“
Darin warf die Rune. Mit einem markerschütternden Krachen wuchs eine massive, dicke Betonmauer aus dem Nichts exakt zwischen Funny und der Maschine aus dem Boden. Lily ließ im selben Moment die magische Hülle des Gelees fallen. Die gewaltige Masse stürzte ab. Ina-chan schrie auf und warf eine gleißende, goldene Kuppel über Funny und eine zweite über die vier Retter.
Eine gigantische, apokalyptische Explosion folgte.
Trotz des göttlichen Schutzschildes wurden sie von dem strahlenden Inferno der Geleebombe und der explosionsartigen, wilden Magie-Entladung der berstenden Maschine brutal geblendet. Die Hitze, die durch den Schirm drang, war unerträglich. Der Stein um sie herum begann rot zu glühen.
„Ina-chan!“, brüllte Darin gegen das Tosen des Feuers an. „Abkühlen! Halt den Schirm, der Raum fängt an zu schmelzen!“
Darin blinzelte durch das grelle Licht und sah, wie Ina-chan heftig zitterte. Sie brach unter der Belastung fast zusammen. Er riss blitzschnell einen der königlichen Magie-Speicherfläschchen aus der Tasche und stürzte zu dem kleinen Fuchsmädchen.
„Ina-chan, Mund auf!“
Er drückte ihr das Fläschchen an die Lippen. Tropfen um Tropfen reiner Magie wanderte in Inas Mund. Mit jedem einzelnen Schluck flammte das goldene Schutzschild heller auf. Es wurde stabil wie Diamant und die mörderische Temperatur im Raum kühlte drastisch ab.
Und dann… war es vorbei. Das Feuer erstickte. Die Maschine war nur noch ein Haufen geschmolzener, harmloser Schlacke.
Darin zögerte keine Sekunde. Er rannte um die frisch erschaffene Mauer herum, die zweite königliche Magie-Ampulle bereits fest in der Hand.
Funny lag auf der Seite. Sie war fast völlig transparent, flackerte und bewegte sich nicht. Darin fiel neben ihr auf die Knie. Er legte einen Arm sanft unter ihren Kopf, stützte sie vorsichtig ab, als wäre sie aus zerbrechlichem Glas, und träufelte den leuchtenden Trank behutsam in ihren halb geöffneten Mund.
„Bitte…“, flüsterte Darin verzweifelt. „Bitte, komm zurück zu mir.“
Die Wirkung der uralten Magie setzte sofort ein. Funnys blasse, durchsichtige Konturen zogen sich zusammen. Das Flackern stoppte. Sie wurde wieder fest, real und farbig. Ein tiefer, rasselnder Atemzug hob ihre Brust. Und nach ein paar weiteren Tropfen flatterten ihre Wimpern. Sie schlug die Augen auf.
Müde, ozeanblaue Augen versanken in tränengefüllten, warmen braunen.
Darins Beherrschung brach endgültig. Er griff fester zu, riss sie sanft, aber bestimmt an sich und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Ein endloser Strom aus Tränen der puren Erleichterung stürzte aus seinen Augen. Er zitterte am ganzen Körper, während er sie hielt, als wolle er sie vor der ganzen restlichen Welt abschirmen.
Ami, Lily und Ina, die hastig um die Mauer gelaufen waren, blieben abrupt stehen. Sie sahen sich an, lächelten durch ihre eigenen Tränen hindurch und wichen lautlos einen Schritt zurück, um den beiden ein paar kostbare Minuten zu geben, sich wieder zu fangen.
Ina-chan schniefte leise, lächelte sanft, hob die Finger und schnippte kurz. Wie von Zauberhand verschwanden der Ruß, der eklige Dreck und das feuchte Moos von Funnys Haut. Sowohl die Blumenelfe als auch ihr himmelblauer Bikini strahlten wieder sauber und makellos.
Darin hob langsam den Kopf. Er sah Funny an, strich ihr sanft eine blaue Haarsträhne aus dem Gesicht und flüsterte : „Willkommen zurück… Ich lass dich nie wieder los. Hörst du? Nie wieder.“
Funny hob schwach die Hand, legte sie an seine feuchte Wange und lächelte ein weiches, liebevolles Lächeln.
„Das hoffe ich doch.“
Darin lächelte zurück, drückte ihr hastig das Fläschchen in die Hand und wischte sich über die Augen.
„Hier. Trink den Rest. Das stellt deinen Magie-Kern wieder vollständig her.“
Funny setzte an und leerte die Flasche. Ein warmes Glühen durchströmte ihren Körper. Die Kraft kehrte in ihre Gliedmaßen und ihre Flügel zurück. Sie seufzte wohlig auf.
Sie sah zu Darin auf, der sie immer noch fest im Arm hielt, ihr Lächeln wurde breiter und ein vertrautes, schelmisches Funkeln trat in ihre Augen.
„Setzt du mich jetzt bitte wieder ab?“, fragte sie sanft.
Darin hielt sie nur noch ein kleines bisschen fester.
„Nur sehr ungern!“, antwortete er ehrlich und weigerte sich standhaft, sie auf den kalten Boden zu setzen. Er zog sie einfach mit sich nach oben, als er aufstand und behielt sie sicher in seinen Armen.
Das war das Stichwort für den Rest. Lily stieß einen lauten, freudigen Schrei aus, rannte los und warf sich auf die beiden. Ami und Ina stürzten ebenfalls hinzu. Und Funny wurde in eine so kräftige, chaotische und unfassbar warme Gruppenumarmung gezogen, dass ihr fast die Luft wegblieb. Bei keinem einzigen der vier Mädchen – und auch nicht bei dem brillanten Technik-Nerd in ihrer Mitte – blieben die Augen in diesem Moment trocken. Sie hatten es geschafft. Sie waren wieder vereint.

***
Als die ersten Tränen endlich getrocknet waren, wischte sich Funny über das Gesicht. Ein tiefer Atemzug und ihre Haltung straffte sich augenblicklich. Kaum hatte sie sich emotional wieder gefangen, übernahm die professionelle Wächterin in ihr das Kommando.
„Gut“, sagte Funny mit fester Stimme. „Ich brauche jetzt eine ganz kurze, knackige Lagebeschreibung. Was ist hier unten passiert, während ich, äh, schlief?“
Die drei Mädchen drehten sofort synchron die Köpfe und blickten erwartungsvoll zu Darin. Lily grinste frech und gab ihm einen Knuff in die Seite.
„Ey, Tech-Nerd. Du schaffst es am besten, dieses ganze Chaos halbwegs verständlich zusammenzufassen. Schieß los.“
Darin rückte lächelnd seine Brille zurecht und nickte. Mit ruhigen, sachlichen Worten brachte er Funny in wenigen Minuten auf den aktuellen Stand: Der gigantische Haupt-Server, der sie in diesen Dimensionstrichter gesaugt hatte, war spurlos verschwunden. Keine Spur von den codierenden Schatten-Yokai, keine Spur von den abertausenden HTML-Zeilen, die das Netz gelöscht hatten. Das feindliche Hauptquartier war geräumt worden.
Funny starrte auf den Boden und dachte einen langen Moment nach. Die taktischen Zahnräder in ihrem Kopf begannen zu greifen.
„Wir müssen zurück in den großen Raum, wo das Computerkabinett war“, entschied sie entschlossen. „Von dort sind ja noch zwei weitere Türen abgegangen, durch die wir noch nicht gegangen sind. Ina-chan? Was sagt deine göttliche Intuition?“
Ina schloss die Augen, hob die Hände leicht an und reichte mit ihren feinen, unsichtbaren Sinnen hinaus in die kalte Finsternis des Gebäudes. Sie öffnete die Augen wieder, ein unsicherer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
„Es… es ist seltsam. Es muss hier definitiv noch etwas sein. Denn an absolut keinem Platz in Tokyo ist so furchtbar wenig Magie oder Präsenz zu spüren wie genau hier. Ich denke, irgendwer – oder irgendetwas – schirmt diese Ebene massiv nach außen hin ab.“
„Gut“, sagte Funny grimmig. „Dann werden wir genau hier unsere Nachforschungen fortsetzen. Die perfekte Tarnung ist der beste Hinweis.“
Die Gruppe verließ den aufgesprengten Tresorraum und ließ die geschmolzene Maschine hinter sich. Der Weg zurück zum Computer-Kabinett war unspektakulär und trotzdem unheimlich. Alle Räume, die sie passierten, waren leer und sahen unendlich verfallen aus. Von den dicken Kabelsträngen, die gestern noch am Boden gelegen hatten, gab es keine Spur mehr. Selbst das riesige Computer-Kabinett war komplett verlassen und penibel geräumt. Und bis auf die Stahltür, durch die sie gerade wieder hereingekommen waren, gab es augenscheinlich keine weiteren abgehenden Türen.
Funny musterte die glatten, staubigen Betonwände und zeigte bestimmt nach links und rechts.
„Darin? Könntest du mal bitte?“
Das Ergebnis der Resonanz-Rune kam schnell und eindeutig: Die Türen waren noch vorhanden. Allerdings waren sie durch eine magische Illusion recht stümperhaft mit einer Projektion von nacktem Beton überzogen worden.
Ina trat vor, legte den Kopf schief und schnippte fast beiläufig mit dem Finger gegen die unsichtbare Magie. Die Illusion flimmerte kurz auf, fiel wie feiner Staub in sich zusammen und gab den Blick auf die zwei weiteren, schweren Stahltüren frei.
Funny verschränkte die Arme.
„Die haben hier unten extrem schnell geräumt und sich offensichtlich nicht viel Zeit genommen. Das Interessanteste ist jedoch, dass die Magie dieser Illusion absolut nicht zu spüren war, nicht einmal für mich als Spür-Antenne. Die technischen und magischen Fähigkeiten des Feindes sind zwar gigantisch, aber sie werden bei der Flucht nur sehr stümperhaft und hastig eingesetzt. Und das könnte unsere große Chance sein! Unser Feind wird nachlässig, weil er in Panik ist!“
Der rechte Raum war schnell überprüft. Es handelte sich lediglich um einen alten Abstellraum, der so leer war wie alles andere in dieser Ebene. Die linke Tür jedoch führte in einen langen, schmalen und dunklen Gang.
„Neue Formation“, ordnete Funny an. „Ina-chan geht mit erhobenem Schutzschirm voran. Lily sichert Ina direkt im Rücken ab. Ich folge in der Mitte und schütze Ami, falls Angriffe von der Seite kommen. Und Darin, du bildest wie immer die Nachhut und sicherst den Rückweg.“
Sie mussten in dem düsteren Flur nicht lange gehen, da gabelte sich der Weg zum ersten Mal in ein perfektes T-Stück. Sie entschieden sich für Links und folgten dem Gang. Nach wenigen Metern folgte die nächste Gabelung. Sie hielten sich dieses Mal rechts, um nicht im Kreis zu gehen. So ging es eine gute Stunde weiter.
Nach der x-ten Gabelung, die exakt so aussah wie alle anderen davor, blieb Funny abrupt stehen. Mittlerweile war allen fünf schmerzlich klar geworden, wo sie sich hier befanden: in einem gigantischen, unterirdischen Labyrinth. In einem gigantischen, völlig leeren Labyrinth! Denn bisher war ihnen weder ein Troll, noch ein Yokai oder irgendein anderes feindliches Monster begegnet. Es gab nur feuchten Beton und Abzweigungen.
Funny drehte sich zur Gruppe um. „Was machen wir? Umkehren und den rechten Weg ganz am Anfang probieren?“
Darin wischte sich Staub von der Brille. „Das bedeutet eine volle Stunde Rückweg. Und wenn wir auf dem Rückweg nur an einer einzigen Abzweigung falsch abbiegen – und glaub mir, hier sieht jeder Gang exakt gleich aus – kommen wir ohnehin nicht mehr an unserem ursprünglichen Ausgangspunkt im Kabinett an.“
Ami sah hoffnungsvoll zu Funny.
„Können wir nicht einfach mit einem von Darins Elfenportalen an unseren Ausgangspunkt im WG-Häuschen zurückkehren und von vorn anfangen?“
„Leider nein“, antwortete Funny kopfschüttelnd. „Eine zwingende Voraussetzung für den Elfensprung – und auch für Darins Kristalle – ist, dass wir ganz genau wissen, wo wir sind und wo wir hinspringen. Der Sprung überbrückt eine genaue Strecke mit einem absolut exakten Ausgangspunkt in Raum und Dimension und einem exakten Zielpunkt. Fehlt nur ein einziger dieser Vektoren, funktioniert die Magie nicht. Und aktuell ist uns zwar das Ziel bekannt… aber der Startpunkt…“
„Wir wissen schlichtweg nicht, wo wir sind“, vollendete Darin düster. Ami seufzte und nickte verstehend.
Lily zuckte unbekümmert mit den Schultern.
„Tja, dann laufen wir eben einfach weiter! Augen zu und durch! Irgendwann rennen wir schon gegen eine Tür oder einen Troll!“
Funny musste trotz der verfahrenen Situation lächeln.
„Ja, genau das machst du am allerliebsten, Lily. Und wir kommen vielleicht tatsächlich darauf zurück, wenn alle Stricke reißen. Darin? Wie viel Proviant haben wir eigentlich noch in der Itembox?“
Darin scrollte im Kopf sein Inventar durch.
„Wir haben meine selbstreplizierende, unleerbare Wasserflasche dabei. Verdursten werden wir also nicht. Und mein komprimierter Notfallproviant in Riegelform ist eigentlich für fast ein Jahr berechnet. Okay, unsere Gruppe ist deutlich größer als geplant, also sagen wir: für ein halbes Jahr. Wobei ich stark davon ausgehe, dass uns allen schon nach exakt zwei Tagen der immer gleiche Proteinriegel massiv zu den Ohren herauskommen wird. Und da ist es dann völlig egal, ob die künstlichen Aromen nach Banane, Apfel, Birne oder trockener Pflaume schmecken.“
Funny nickte langsam.
„Okay, die Grundversorgung steht. Darin, was weißt du theoretisch über Labyrinthe?“
Der Nerd blühte auf und ignorierte Lilys theatralisches Aufstöhnen.
„Es gibt prinzipiell zwei Typen. Typ 1 ist ein endloser, stark verschlungener Weg, bei dem man nach kurzer Zeit vollständig seinen Orientierungssinn verliert. Aber irgendwann endet der Weg zwangsläufig. Man weiß nur vorher nicht, wo man herauskommt. Der Typ 2 hingegen bildet gezielte Verzweigungen, Endlos-Schleifen und tödliche Sackgassen. In einem solchen Labyrinth soll man sich gewollt verlaufen, den Verstand verlieren und niemals wieder herausfinden. Nach allem, was ich hier messe: In einem solchen Typ 2 befinden wir uns gerade.“
Lily stemmte die Hände in die Hüften.
„Deinen magischen Faden der Ariadne, den du mal für die Grotte der Tränen gebaut hast… den hast du nicht zufällig dabei?“
Darin grinste schief.
„Oha! Da hat sich unser roter Wirbelwind tatsächlich mal was aus der griechischen Mythologie gemerkt? Respekt.“
Lily streckte ihm grinsend die Zunge heraus.
„Ich habe den Faden der Ariadne tatsächlich dabei“, fuhr Darin fort. „Aber aufgrund der gewaltigen Ausmaße dieses unterirdischen Komplexes wäre die magische Spule schon vor dreißig Minuten komplett abgerollt gewesen.“
Ami meldete sich zu Wort.
„Dann markieren wir ab jetzt absolut jede Weggabelung mit einem Zeichen. Hast du Kreide oder so etwas Ähnliches?“
„Ja“, nickte Darin. „Ist zwar extrem teure Runenkreide und eigentlich für simple Richtungszeichen viel zu schade, aber da wir hier unten nichts Besseres haben…“
Er hielt inne und dachte intensiv nach.
„Wartet. Ich könnte auch eine Art magische Auto-Map erstellen. Ich muss meinen Runensensor nur auf die spezifische Frequenz der Runenkreide eichen. Dann können wir uns alle markierten Punkte wie auf einer kleinen GPS-Karte anzeigen lassen.“
Funny klatschte in die Hände.
„Perfekt! Dann gehen wir weiter. Ich gehe vor und markiere systematisch unseren Weg an den Wänden. Darin, du kontrollierst hinten im Sensor, ob wir im Kreis laufen.“
Sie gingen weiter in die Dunkelheit. Nach einer weiteren anstrengenden Stunde stoppte Funny erneut an einer Kreuzung.
„Darin, wie sieht es aus?“
Darin tippte eine Weile konzentriert auf seinem klobigen Sensor herum und projizierte dann eine bläulich schimmernde Karte an die Wand, die ihren bisherigen Zick-Zack-Weg zeigte. Kleine, durchnummerierte Zahlen markierten die von Funny gesetzten Kreide-Punkte.
Ami trat dicht an die Wandprojektion heran, ihr analytischer Verstand glühte.
„Wir laufen quasi wie in einem Orbit um ein zentrales Zentrum herum! Schaut hier!“
Sie tippte mit dem Finger mehrere Punkte auf dem Hologramm an.
„Wir sind quasi schon dreimal auf verschiedenen Ebenen um dieses Zentrum im Inneren herumgelaufen. Das Labyrinth lenkt uns physisch und optisch immer wieder ab. Wir kommen dem Kern nicht einen Meter näher.“
Darin strich sich übers Kinn und dachte fieberhaft nach. Dann stahl sich ein breites, fasziniertes Lächeln auf seine Lippen.
„Wenn das hier wieder so ein psychologischer Abschirmungszauber ist, wie bei euch bei dem äußeren Gebäude, das euch durch simple Suggestion nicht hereinlassen wollte… dann schalten wir unseren manipulierbaren, menschlichen Willen doch einfach ab. Nicht wir entscheiden, wo wir langgehen. Die fehlerfreie, kühle Maschine soll entscheiden, wie wir laufen müssen.“
Er deutete auf die unbetretene Mitte der Auto-Map.
„Und unser Ziel… ist exakt hier in der Mitte.“
Ein paar hastige, magische Programmierungen und Umkalibrierungen an seinem Sensor später gingen sie zielstrebig weiter. Sobald der menschliche Wille in die Irre geführt werden sollte, korrigierte der Sensor unbestechlich den Weg.
Und dann, nach einer letzten Biegung, kamen sie zum allerersten Mal in diesem Betonirrgarten an eine verschlossene, extrem dicke Sicherheitstür.
Lily trat grinsend vor und verbeugte sich übertrieben galant.
„Darin? Bitte einmal eine Schau-durch-mich-hindurch-Rune, bitte sehr!“
Darin atmete hörbar durch die Nase aus, klebte das Plättchen wortlos an die Tür und aktivierte es. Der Stahl wurde durchsichtig wie Glas. Und der Anblick verschlug ihnen den Atem.
Es war ein Serverraum. Aber kein normaler. Es war eine gewaltige, schier endlose Kathedrale aus schwarzen Towern, leuchtenden Kabeln und summenden Kühlsystemen, die sich in gigantischen Reihen bis zum Horizont des Raumes erstreckten.
Ami stützte sich gegen das kalte Metall der Tür.
„Das… das müssen viele tausende, wenn nicht zehntausende Racks sein! Hier ist eine gigantische, völlig irre Kapazität an Rechen- und Magie-Leistung angehäuft.“
Die fünf Freunde starrten nach oben. Über den breiten Gängen zwischen den endlosen Server-Reihen hingen riesige, leuchtende Schilder von der Decke.
TOKYO stand auf dem ersten.
NEW YORK auf dem zweiten.
MOSKAU.
RIO.
…
Ami und Darin sahen sich mit aufgerissenen Augen an und sagten exakt im selben Moment mit vor Schreck belegter Stimme: „Weltsteuerung!“

Funny legte den Kopf schief und runzelte die Stirn.
„Bitte was?“
Ami drehte sich langsam zu ihrer Freundin um. Ihre Stimme zitterte leicht, als das ganze furchtbare Ausmaß des Plans in ihr Gehirn sickerte.
„Offenbar wird von hier unten aus etwas weltweit magisch und digital gesteuert. Die Namen an der Decke geben vermutlich die Großstädte oder Knotenpunkte an, die von diesem Serverraum aus kontrolliert und korrumpiert werden. Das ist kein lokales Yokai-Problem in Japan mehr, Funny.“
Ami deutete durch die Scheibe in das elektronische Labyrinth.
„Hier drinnen sitzt die Spinne im Zentrum ihres weltweiten Netzes.“
Lily stützte sich auf den Schaft ihrer Naginata, wippte ungeduldig mit den Füßen und grinste breit.
„Also, stürmen wir rein? Ich bin bereit, ein paar Server zu Kleinholz zu verarbeiten!“
Darin schob seine Brille mit dem Zeigefinger auf die Nasenwurzel und sah sie leicht schnippisch an.
„Wenn du diese Tür aufbekommst, Lily, dann können wir sehr gerne darüber reden. Aber die ist so massiv und magisch verstärkt, für ein solches Monstrum habe ich schlichtweg keine passenden Runenplättchen dabei. Wir kommen da physisch nicht durch.“
Ami starrte durch die transparente Tür auf das blinkende, gigantische Datenzentrum. Ihr Verstand ratterte.
„Und wenn wir… wenn wir es dort drinnen einfach regnen lassen?“
Alle Köpfe drehten sich zu ihr. Ami zuckte leicht mit den Schultern.
„Technik und Wasser vertragen sich bekanntlich nicht besonders gut. Schon gar nicht bei dieser immensen Kapazität. Wir könnten diese gesamte, weltweite Halle lahmlegen, ohne auch nur einen Fuß hineinzusetzen. Irgendwer wird dann kommen. Er muss kommen, um das System zu retten!“
Über Darins Gesicht huschte ein geradezu diabolisches Lächeln. Seine Augen leuchteten auf.
„Ami… hat dir eigentlich schon mal jemand…“
„Ja!“, rief Lily laut grinsend dazwischen und klatschte in die Hände. „Du, Darin! Und zwar jetzt exakt zum dritten Mal in den letzten 24 Stunden! Wir wissen es: Sie ist genial. Weiter im Text!“
Darin räusperte sich hastig und wandte sich an die kleine Fuchsgöttin.
„Ina-chan? Kannst du es da drinnen regnen lassen? Notfalls müssten Funny, Lily und ich unsere magischen Ressourcen bündeln und eine komplexe Natur-Regenbeschwörung versuchen. Aber das dauert ewig und es wird sich kaum verheimlichen lassen.“
Ina legte den Kopf schief und lächelte süß.
„Regen ist leicht! Ich bin schließlich die Schutzgöttin. Aber ich muss dafür diesen starken Schutzschild um uns herum herunterlassen, sonst blockiert er meine Wetter-Magie. Und dann sind wir auf allen feindlichen Sensoren sofort sichtbar.“
Funny nickte verstehend: „Lily, du sicherst den Gang hinter uns. Darin, du und ich bündeln unsere Kräfte und übernehmen sofort das Schutzschild von Ina-chan. Ami-chan, du behältst die Server im Auge und sagst uns, ob sich irgendetwas ändert.“
Gesagt, getan. Funny und Darin traten dicht zusammen und lösten Inas gigantische goldene Barriere durch einen eigenen, schimmernden Schild ab. Ihr gemeinsamer Schirm war zwar bei Weitem nicht so stark wie der einer waschechten Göttin – Ina hatte definitiv nicht übertrieben, als sie sagte, dass Schutzzauber und Verschleierung ihre absoluten Paradedisziplinen waren –, aber um ihre Anwesenheit für ein paar Minuten zu verschleiern, reichte die vereinte Kraft von Blumenelfe und Tech-Nerd allemal aus.
Als der neue, bläuliche Schutzschirm stand, ließ Ina ihren goldenen fallen. Das kleine Fuchsmädchen stellte sich theatralisch vor die durchsichtige Tresortür, schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie hob ihre kleinen Arme anmutig an und schnippte einmal laut mit den Fingern.
Ami, die direkt neben Ina vor der Tür stand, klappte sprichwörtlich der Kiefer herunter. Im Serverraum bildeten sich urplötzlich dichte, sturmgraue Wolken direkt unter der Betondecke. Sie wirbelten und ballten sich drohend zusammen. Ina wartete einen perfekten, dramatischen Moment ab – dann schnippte sie mit der anderen Hand.
Die Wolken öffneten ihre Schleusen. Ein Wolkenbruch von geradezu biblischem Ausmaß entlud sich krachend über dem Serverraum. Wassermassen stürzten wie Wasserfälle auf die endlosen Reihen der Hightech-Schränke. Das brutale Zischen, das wilde Brzzzeln durchbrennender Platinen, das Knallen platzender Firewall-Racks und explodierende Switches waren so ohrenbetäubend laut, dass man sie selbst durch die meterdicke, geschlossene Tresortür hören konnte. Grelle Kurzschluss-Blitze erhellten den dunklen Flur.
Ami riss die Augen auf.
„Dichtet vorsorglich die Tür ab!“, schrie sie gegen den Lärm an. „Wir dürfen auf gar keinen Fall im Wasser stehen, falls das hier rüberschwappt! Bei den extrem hohen Strömen, die da drinnen gerade frei werden, würden wir einen Stromschlag nicht überleben!“
Lily wirbelte sofort zur Tür herum.
„Kommt sofort!“
Sie rammte ihre Hände auf den Betonboden. Kleine, extrem dichte Dornenranken schossen wie aus dem Nichts empor und verflochten sich in Sekundenschnelle zu einer wasserdichten, organischen Barriere rund um den Türrahmen.
Darin kniff plötzlich die Augen zusammen.
„Verdammt. Jemand testet unsere Schilde! Die wissen jetzt natürlich, dass ihre Weltsteuerung absäuft. Er kann uns zwar durch unsere Magie nicht direkt orten, aber der Feind weiß hundertprozentig, dass hier auf dem Flur irgendetwas versteckt ist. Wir werden sehr bald ungemütlichen Besuch bekommen. Lily! Versiegel den hinteren Gang! Mit den stärksten Dornen, die du aufbieten kannst!“
Lily salutierte zackig, ein strahlendes, kampflustiges Grinsen auf den Lippen.
„SIR, JA SIR!“
Man sah dem rothaarigen Wirbelwind regelrecht an, wie unendlich viel Spaß sie wieder hatte, seit sie wusste, dass mit ihrer besten Freundin Funny alles in Ordnung war. Dicke, dornenbesetzte Baumstämme schossen aus den Wänden und blockierten den kompletten Flur.
Die gewaltige Dornenhecke war keine Sekunde zu früh aufgebaut. Aus den schwarzen Tiefen des Labyrinths hörten sie ein dumpfes, rhythmisches Getrappel. Der Boden begann zu beben.
„Der Feind ist im Anmarsch!“, rief Lily und wirbelte ihre Naginata kampfbereit durch die Luft. „Wie sieht es im Saal aus?“
Ami spähte durch die Scheibe.
„Die Technik ist lahmgelegt! Die Blitze haben aufgehört. Der Raum ist absolut tot.“
Und dann hörten sie das tiefe, unnatürliche Grollen. Schwere, ohrenbetäubende Schritte ließen den Staub von der Decke rieseln.
Lily umklammerte den Schaft ihrer Waffe.
„Etwas Großes kommt! Das ist mindestens ein Kriegstroll. Wenn nicht sogar mehrere. Meine Hecke wird diesem Gewicht nicht lange standhalten!“
Funny drehte sich zu Ina um.
„Ina-chan! Du kannst den Regen jetzt abstellen!“
„Das, liebe Funny“, antwortete Ina mit einem entschuldigenden Achselzucken, „geht leider nicht. Eine beschworene Naturgewalt ist stur. Die Wolken müssen sich komplett leer regnen. Vorher hört es nicht auf.“
Funny schluckte und sah zu Ami.
„Ami-chan? Läuft das Wasser in der Halle eigentlich irgendwo ab?“
„Ja“, rief Ami und spähte wieder durch das „Glas“.
„Es steht vielleicht eine Armlänge hoch, steigt aber nicht weiter. Die Notfall-Drainagen scheinen zu funktionieren. Ich beobachte das und berichte!“
„Funny-chan! Darin!“, kommandierte Ina plötzlich mit ihrer göttlichen Stimme. „Lasst den Schirm fallen! Wir müssen jetzt unsere magischen und physischen Ressourcen bündeln, um die Gegner abzuwehren!“
Der bläuliche Tarnschirm flackerte und verschwand. Funny zückte sofort ihre beiden tiefblau leuchtenden Dolche und glitt mit einer fließenden Bewegung direkt neben Lily in Kampfposition. Darin riss eine Handvoll leuchtender Runen aus seiner Itembox und verteilte sie mit Höchstgeschwindigkeit auf dem Boden vor dem Eingang, der noch von Lilys ächzenden Dornen verdeckt war.
Man konnte mit bloßem Auge sehen, wie die dicken Ranken extrem belastet wurden. Irgendetwas unfassbar Schweres donnerte unaufhörlich, Schlag um Schlag, gegen Lilys magisches Holz.
Und dann geschah es. Mit einem fürchterlichen, reißenden Geräusch splitterten die Ranken. Holzteile flogen durch die Luft.
„GOLEM!“, schrie Lily aus voller Lunge.
Ein gewaltiges Konstrukt aus Fels, magischem Stahl und glühenden Runen brach durch die Barriere. Ohne auch nur eine Zehntelsekunde zu zögern, sprang Lily vor. Zischend fuhr die scharfe Klinge ihrer Naginata durch den wuchtigen Hals des Ungetüms und trennte den Steinkopf sauber vom Rumpf. Der Kopf polterte dumpf auf den Beton.

„Lily, NEIN!“, brüllte Darin panisch. „Nichts abtrennen! Golems regenerieren sich durch Spaltung! Wir müssen den leuchtenden roten Kristall in seiner Brust durchstoßen!“
Mit blankem Entsetzen sah Lily, wie aus dem massiven Steinkopf auf dem Boden sofort ein neuer Rumpf, kräftige Arme und Beine brachen. Nach nicht einmal drei Sekunden stand ein zweiter, identischer Golem vor ihnen im Flur.
„Funny! JETZT!“, rief Darin.
Funny nahm Anlauf, trat auf Lilys dargebotene Schulter und wirbelte mit unglaublicher, elfischer Eleganz in einem Salto hoch über den heranrauschenden zweiten Golem hinweg. Noch in der Luft im Rückwärtsfallen stach sie blitzschnell mit beiden Dolchen zu – und traf den blutroten Kristall exakt in der Mitte der steinernen Brust. Der Golem war noch nicht einmal in der Lage, eine Abwehrbewegung zu machen, da erlosch sein Kristall mit einem klirrenden Geräusch. Das gesamte, tonnenschwere Monstrum fiel augenblicklich zu einem riesigen Sandberg in sich zusammen.
Darin hatte in der Zwischenzeit seine schwere Kampfaxt gezogen und stellte sich schützend vor Ami, die sich gegen die Stahltür drückte.
Der erste Golem, dessen Kopf mittlerweile vollständig und noch hässlicher nachgewachsen war, zerriss nun brüllend die allerletzten Ranken und stürzte blindlings vor.
„Aktivier die Runen, Ina-chan!“, rief Darin.
Das Fuchsmädchen hob die Hand und schnippte. Die von Darin auf dem Boden platzierten Runen glühten gleißend golden auf. Der Golem verharrte für den Bruchteil einer Sekunde, völlig irritiert. Für einen Sekundenbruchteil war der Gang für ihn völlig leer. Sein steinerner Kopf drehte sich verwundert und träge nach links und rechts. Lily sah ihre Chance.
Mit einem grotesk lauten, wilden Kampfschrei – „FÜR FEENLAAAAAAAAAND!“ – rammte sie die Klinge ihrer Naginata mit ihrer gesamten Kraft tief in die Brust des Ungetüms, direkt durch den roten Kristall.
Der Kristall zersplitterte. Der Golem erstarrte, bröckelte und zerfiel krachend zu feinem Staub, der sich langsam im Flur legte.
Dann wurde es still. Totenstill.
Alle atmeten schwer. Lily stützte sich auf ihre Waffe, die Brust hob und senkte sich rasch. Ina lehnte sich erschöpft an die Wand. Ami ließ ein langes, zittriges Ausatmen hören.
Darin ließ seine schwere Axt sinken. Sie entglitt seinen Fingern und schepperte achtlos auf den Betonboden. Sein Blick suchte sofort nur eine einzige Person im Raum.
Funny stand ein paar Meter entfernt auf dem Sandberg des zerstörten Golems. Ihre blauen Dolche verschwanden mit einem sanften Schimmern in der Itembox. Sie wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und sah zu Darin hinüber. Ihr Atem ging noch flach, aber das vertraute, warme Leuchten war zurück in ihren Augen.
Darin überwand die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten. Er blieb dicht vor ihr stehen, so nah, dass er ihre Körperwärme spüren konnte. Behutsam hob er die Hände und legte sie an ihre Wangen, seine Daumen strichen zärtlich über ihre Haut, als müsste er sich noch einmal physisch davon überzeugen, dass sie wirklich echt, wirklich hier und unverletzt war.
„Geht es dir gut?“, flüsterte er. Die kühle, analytische Fassade des Technik-Nerds war vollständig weggeschmolzen.
Funny sah zu ihm auf. Die Anspannung des Kampfes fiel von ihr ab. Sie legte ihre Hände sanft über seine und schenkte ihm ein Lächeln, das so unendlich viel tiefer ging als Worte.
„Mir geht es wunderbar“, hauchte sie.
Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich heran. Darin schloss die Augen, legte seine Arme fest um ihre Taille und erwiderte den Kuss. Es war kein stürmischer, verzweifelter Kuss, sondern einer voller tiefer, inniger Erleichterung. In diesem kurzen, perfekten Moment verschwand das kalte Betonlabyrinth, die zerstörten Golems und die überschwemmten Server völlig aus ihrer Wahrnehmung. Es gab nur noch sie beide.
Lily, die sich den Staub von der Kleidung klopfte, sah zu den beiden hinüber. Ein breites, liebevolles Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. Sie stieß Ami leicht mit dem Ellenbogen an und flüsterte laut genug, dass die beiden es hören mussten: „Also… wenn wir die Welt öfter retten müssen, damit die zwei Turteltauben endlich mal zur Sache kommen, dann übernehme ich ab jetzt freiwillig die Frühschicht bei den Golems.“
Funny löste sich langsam, aber nur ein kleines Stück von Darin. Sie lachte leise auf, ihre Stirn lag noch immer an seiner. Darin schmunzelte, ein glückliches, entspanntes Leuchten in den Augen und gab ihr noch einen sanften Kuss auf die Nasenspitze.
Die Welt war für den Moment gerettet. Und dieser Augenblick gehörte nur ihnen.
Doch die angespannte Stille nach dem Kampf wurde jäh unterbrochen.
Ami, die sich noch einmal prüfend zur Tresortür und dem dahinterliegenden, überfluteten Server-Labyrinth umgedreht hatte, stieß plötzlich einen spitzen Schrei aus.
„Schaut mal!“, rief sie und zeigte mit zitterndem Finger durch die Scheibe tief in die Dunkelheit der Halle. „Ganz hinten am Ende des Ganges… da ist ein dunkles, rotes Glühen! Es ist noch nicht vorbei!“
Darin wirbelte herum. Sein Blick verhärtete sich, als er das unheilvolle, pochende Licht durch die zerstörten Server-Reihen blitzen sah.
„Wir müssen da rein. Wir müssen durch diese verdammte Tür“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
Er trat hastig vor, riss erneut eine kleine, leuchtende Rune aus der Tasche und klebte sie direkt auf den dicken Stahl. Dann schaute er gespannt auf das flackernde Display seines Sensors. Sein Gesichtsausdruck hellte sich minimal auf.
„Ha! Wie ich es mir dachte. Der gigantische Kurzschluss durch Inas Regen hat das System überlastet. Die tiefenmagischen Verschlusskomponenten sind komplett weggebrochen. Es ist jetzt nur noch eine Tür. Eine verdammt dicke, massive Tresortür… aber eben nur noch eine Tür.“
Er kratzte sich am Kopf und musterte den glatten Stahl.
„Allerdings sehe ich keinen Drehgriff, kein Schloss, keine Tastatur. Nichts“
Ami starrte erst auf die Tür, dann auf Darin. Plötzlich schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die eigene Stirn.
„Ist es wirklich so einfach?“, murmelte sie fassungslos. „Darin, wenn das hier eine Standard-Schutztür für Serverräume ist, dann wird sie elektronisch verschlossen. Ein gewaltiger Elektromagnet hält sie im Rahmen. Aber wir haben gerade die gesamte verdammte Elektronik in diesem Komplex gebruzzelt! Wenn das eine reine Magnetismus-Tür ist… Darin! Drück einfach mal dagegen!“
Darin blickte Ami völlig ungläubig an. Ein Tech-Nerd aus Feenland, der von einer menschlichen Studentin gezeigt bekam, wie man eine Tür öffnete. Aber er fackelte nicht lange und befolgte ihre Aufforderung. Er legte beide Hände flach auf den feuchten Stahl und drückte mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen.
Es knirschte laut und rostig und dann… schwang die tonnenschwere Tür tatsächlich ein kleines Stück nach innen auf!
Darin ließ die Arme sinken und sah Ami mit einer Mischung aus absolutem Respekt und Ehrfurcht an.
„Ami… hat dir…“
Ami grinste breit, hielt sich einen Finger vor die Lippen und unterbrach ihn sofort: „Sag es nicht! Ich glaube ja.“
Darin schmunzelte, holte tief Luft und stieß die Tür weit auf. Sofort schlug ihnen ein widerlicher, beißender Gestank von durchgeschmorter Technik, geschmolzenem Plastik entgegen. Das Wasser, das in der Halle stand, war bereitss abgeflossen.
Funny trat vor, die blauen Dolche in den Händen: „Standardformation! Ina-chan, mit Schutzschild voran. Lily und ich sichern die Seiten. Ami folgt uns in der Mitte. Und Darin sichert unseren Rücken ab.“
Langsam, Schritt für Schritt, schritten die Fünf durch die zerstörte Halle auf das rote Leuchten zu. Funny kniff die Augen zusammen. Sie hatte bereits eine sehr dunkle Ahnung, worauf sie da gerade zumarschierten.
„Seid bereit“, flüsterte sie leise in die Gruppe. „Ich denke, dort vorne wartet der Cyber-Yokai auf uns. Unser Boss-Gegner.“
Vorsichtig näherten sie sich dem Ende der gewaltigen Halle. Als sie nur noch wenige Meter entfernt standen, sprang Tür auf.
Vor ihnen thronte der schwarze Server-Monolith des Cyber-Yokais – exakt die gleiche monströse Maschine, die Funny verschlungen hatte. Das riesige Display flammte blutrot auf. Und genau wie beim letzten Mal verflüssigte sich das Glas. Ein gezahntes, rotes Portal riss auf und ein gnadenloser Sog baute sich auf, der versuchte, die gesamte Gruppe in den Abgrund zu reißen.
Allerdings hatte der Yokai seine Rechnung ohne eine echte Göttin gemacht.
Dieses Mal war Ina nicht am Ende ihrer Kräfte und ihr goldener Schild um ein Vielfaches stärker. Die kleine Fuchsgöttin stemmte die Füße in den Boden. Der tödliche Sog prallte völlig nutzlos an der göttlichen Barriere ab. Ina knurrte leise, ging wütend auf das klaffende Portal zu und blieb direkt davor stehen, die Hände in die Hüften gestemmt.
Das Portal schloss sich unvermittelt und wurde wieder zu einem gigantischen Bildschirm. Eine widerliche, wabernde Fratze erschien – das Gesicht des hässlichsten, bösartigsten Cyber-Yokai, den man sich auch nur in seinen wildesten Albträumen vorstellen konnte.
Der Yokai riss das digitale Maul auf und begann, Ina-chan mit einer ohrenbetäubenden, kratzigen Lautsprecher-Stimme aufs Übelste zu beschimpfen. Er fluchte, drohte und spuckte digitale Galle.
Und Ina? Das kleine Mädchen legte den Kopf schief. Sie tippte sich nur kurz und geringschätzig an die Stirn. Dann ballte sie ihre winzige, linke Hand zu einer Faust. Ein gleißender Goldschimmer breitete sich über ihre Fingerkuppen aus. Sie holte unaufgeregt aus und schnippte mit ihrer kleinen Faust direkt gegen den massiven Bildschirm.

Ein goldenes Netz aus reiner, göttlicher Energie explodierte über dem Glas. Der Yokai stieß einen kurzen, überraschten Schrei aus – und verschwand mit einem grellen Blitz lautlos in die Geisterwelt. Der Bildschirm wurde schwarz. Die rote Notbeleuchtung erlosch. Der Raum war endgültig tot.
Dass die anderen Vier hinter ihr überrascht waren, wäre die absolute Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. Lily ließ fast ihre Naginata fallen, Darins Mundwinkel hingen irgendwo in Kniehöhe, und Funnys Augen waren so groß wie Untertassen.
Ina drehte sich seelenruhig zu ihnen um, pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn und zuckte mit den Schultern.
„Was guckt ihr denn so?“, fragte sie unschuldig. „Ein Cyber-Yokai ist am Ende auch nur ein Yokai, egal wie viele Kabel er sich in den Hintern steckt. Und meine offizielle Aufgabe als Schutzgöttin von Tokyo ist es nun mal, Yokai, die sich in meiner Stadt nicht benehmen können, zurück in die Geisterwelt zu schicken. Der Bannzauber an sich ist total simpel. Je nach Größe und Stärke des Gegners kostet es eben nur mehr oder weniger magische Kraft.“
Sprach’s – und rollte mit den Augen, bevor sie wie ein gefällter Baum einfach nach hinten umkippte.
Lily war so reaktionsschnell, dass es fast wie eine Teleportation wirkte. Sie hechtete nach vorn und fing die kleine Fuchsgöttin sanft auf, Millisekunden bevor sie hart auf den Betonboden aufschlagen konnte.
Darin war sofort an ihrer Seite. Eine fließende Handbewegung, und er hielt die dritte und allerletzte königliche Magie-Flasche in der Hand. Er öffnete sie hastig und flößte der ohnmächtigen Ina behutsam ein paar leuchtende Tropfen ein. Als das Fuchsmädchen blinzelnd wieder zu sich kam, schnappte sie sich die Flasche und trank den Rest in einem einzigen Zug leer.
Lily, die Ina immer noch sicher im Arm hielt und ihr übers Haar strich, blickte besorgt, aber mit einem liebevollen Lächeln auf sie herab.
„Oh, Ina-chan, Ina-chan… wenn das hier vorbei ist, müssen wir unbedingt mal hart an deiner körperlichen Kondition und deiner Magie-Dosierung arbeiten. So geht das echt nicht weiter.“
Ina kuschelte sich an Lilys Brust und lächelte erschöpft.
„Ich freu mich drauf.“
Funny steckte ihre Dolche weg und sah sich in dem finsteren, stinkenden Raum um.
„Okay. Der Boss ist besiegt. Aber wie kommen wir hier eigentlich wieder raus? Wir haben uns tief in einem Labyrinth verlaufen.“
Ami lächelte.
„Manchmal sind die einfachsten Lösungen die besten. Wir folgen einfach den grünen, leuchtenden ‚EXIT‘-Schildern.“
Tatsächlich leuchteten über ein paar unscheinbaren Nebentüren die klassischen, unzerstörbaren Notausgangs-Schilder. Gesagt, getan. Die Schilder führten sie aus dem Raum heraus und direkt in ein schmales, trockenes und staubiges Treppenhaus.
Sie stiegen zahllose Stufen hinauf. Die Luft wurde mit jedem Stockwerk spürbar besser, wärmer und klarer. Der Gestank nach verschmorter Technik verblasste. Ein paar Etagen höher stießen sie eine schwere Metalltür auf – und traten blinzelnd ins Freie.
Sie waren am Rand eines wunderschönen, weitläufigen Parks herausgekommen. Es war ein ruhiger Nachmittag in Tokyo. Die Sonne schien golden durch vereinzelte, weiße Wolken, und die Luft war angenehm warm. Das entfernte Summen der Megametropole wirkte friedlich und gebändigt.
Ina zog ihre Zouri und Tabi aus und rannte Barfuß ein paar Schritte über das weiche, grüne Gras.
„Nein, wie schön!“, rief das kleine Fuchsmädchen begeistert aus und strahlte über das ganze Gesicht.
Sie zeigte nach oben. Direkt vor ihnen stand ein paar uralte, gigantische Kirschbäume, die in absoluter, prächtiger Vollblüte standen.
Die fünf Retter traten lächelnd näher. Die Erschöpfung der vergangenen, höllischen Stunden fiel plötzlich wie ein schwerer Mantel von ihren Schultern. Sie ließen sich ohne ein weiteres Wort einfach nebeneinander in das weiche, duftende Gras fallen.
Ein warmer Windzug rauschte durch die Äste. Alle fünf legten sich auf den Rücken und schauten still nach oben, wie Hunderte von zartrosa Blütenblättern sich von den Bäumen lösten und sanft im goldenen Sonnenlicht tanzten.
Niemand musste mehr etwas sagen. Funny griff nach Darins Hand, Lily lachte leise auf, Ami schloss entspannt die Augen, und Ina atmete tief den Duft ihrer Stadt ein.
Tokyo, nein, die Welt war gerettet.

– E N D E –


































Schreiben Sie einen Kommentar