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Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten – Teil 4

Fortsetzung von Teil 3

Es war ein ungewöhnlich ruhiger Nachmittag im WG-Häuschen von Adiuva et Protege.

Lily lag auf dem Sofa und wippte im Takt zu lauter Musik mit dem Fuß. Aus dem Keller hörte man das leise, rhythmische Surren von Maschinen. Darin machte das, was ein Darin eben so machte, wenn er nicht gerade die Welt rettete: Er tüftelte an hochkomplexen, neuen Runenplättchen. Alles schien friedlich.

Bis ein ohrenbetäubendes, schrilles Heulen die Wände erzittern ließ.

Eine magische Sirene, grellrot und pulsierend, flammte neben ihrem Kommunikationssystem auf.

„NOTFALL-PORTAL!“, brüllte Darin aus dem Keller und im exakt selben Atemzug stand er bereits mitten im Wohnzimmer.

Lily, die sich die Kopfhörer vom Kopf gerissen hatte, starrte ihn an. Wenn sie später die Ruhe gehabt hätte, darüber nachzudenken, hätte sie vermutlich kopfschüttelnd gesagt: „Das muss Magie gewesen sein. Niemand kann so schnell die Kellertreppe hochkommen.“

Doch für solche Gedanken war keine Zeit. Lily sprang alarmiert auf und blickte mit blankem Entsetzen auf die Mitte des Raumes.

Dort riss die Luft auf. Ein gleißendes, hellgrünes Portal materialisierte sich knisternd auf dem Teppich. Die Ränder fransen wild aus, als würde die Magie auf der anderen Seite brutal abgewürgt. Kaum war der Riss vollständig geöffnet, schoss etwas Kleines, Rotes heraus.

Lily fing es instinktiv auf. Ein heftig schluchzendes Fuchsmädchen flog ihr direkt in die Arme und klammerte sich mit winzigen Fingern an Lily fest. Nicht einmal eine Sekunde später stolperte ein Mädchen mit kurzen blauen Haaren aus dem Riss und stürzte fast vornüber auf den Boden.

Darin riss ein kompliziert aussehendes Gerät aus seiner Itembox – seinen Interphasen-Lokalisator – und richtete es auf das grüne Leuchten. Er drückte hastig ein paar Knöpfe, doch das Portal implodierte mit einem lauten Zapp, schloss sich und löste sich in einen Hauch von Ozongeruch auf.

Die Stille, die darauf folgte, hielt nur einen Herzschlag lang. Das kleine Fuchsmädchen, das noch nicht lange in Lilys Armen lag, hob den Kopf, riss die Augen auf und begann markerschütternd zu schreien: „Funny ist tot! Funny ist tot! Funny ist TOOOOOT!“

Lily erstarrte. Ihr Herz schien in ihrer Brust einfach stehen zu bleiben. Sie drückte das kleine Mädchen fest an sich, aber sie konnte keinen Muskel mehr rühren. Ihre Augen weiteten sich in blanker Panik.

Das blauhaarige Mädchen, das schwankend auf dem Teppich stand, schluchzte einmal herzzerreißend auf, rollte die Augen nach oben und brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Sie wäre hart mit dem Kopf auf dem Tisch aufgeschlagen, wenn Darin nicht mit unnatürlicher Schnelligkeit reagiert hätte. Er fing sie geschickt auf und setzte sie behutsam auf die Couch.

Dann drehte sich Darin zu Lily und ihrem kleinen, schreienden Gast um. Er sah, wie sich Lilys Augen mit Tränen füllten. Die unerschütterliche Frontkämpferin verlor die Farbe im Gesicht und begann gefährlich zu schwanken.

„Lily. Hinsetzen“, befahl Darin. Seine Stimme war ruhig und ließ absolut keinen Widerspruch zu.

Lily ließ sich schwer auf den Sessel fallen, das Fuchsmädchen immer noch schützend an die Brust gepresst. Darin wirbelte zur offenen Küche herum. Er verzichtete auf jede Technologie, murmelte eine hastige Beschwörung und schnippte mit den Fingern. So schnell hatte er noch nie gezaubert. Drei große Tassen mit dampfendem, duftendem Kakao, in denen riesige Marshmallows schwammen, schwebten durch den Raum und landeten auf dem kleinen Couchtisch.

Dann wandte sich Darin dem fremden Mädchen auf der Couch zu, bei der Darin bereits eine sehr starke Ahnung hatte, wer das sein könnte und ergriff tröstend ihre Hände. Sie blinzelte gerade schwach und öffnete wieder die Augen.

„Ami“, sagte Darin weich, aber bestimmt, und sah das fremde Mädchen an. „Trink einen Schluck. Und dann erzähle bitte, was gerade passiert ist.“

Darin musste heimlich eine beträchtliche Menge beruhigender Feen-Kräuter in den Kakao geschummelt haben. Der Effekt trat fast augenblicklich ein. Ami atmete tief durch, fasste sich an den Kopf und setzte sich langsam auf. Auch vom Fuchsmädchen hörte man nur noch ein leises, rhythmisches Schniefen. Und Lily? Lily klammerte sich nicht an den Kakao. Sie hielt das kleine Mädchen wie eine Ertrinkende fest und strich ihr pausenlos, fast mechanisch, über den Rücken.

„Ich… ich bin Ami“, begann das Mädchen mit brüchiger Stimme.

Sie deutete auf Lilys Arme.

„Das ist Ina-chan. Sie ist die Schutzgöttin von Tokyo. Sie hat erst heute das Erbe von Opa-Kami angetreten. Funny… Funny wohnt bei mir, solange sie in Japan ist.“

Darin nickte langsam, sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. Er kniete sich vor Ina-chan, sodass er auf Augenhöhe mit dem weinenden Fuchsmädchen war.

„Zuerst einmal zu dir, Ina-chan“, sagte er mit einer absoluten, Gewissheit in der Stimme. „In Feenland kannst du keine magischen Wesen in der realen Menschenwelt spüren. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz. Auch eine Göttin unterliegt den Gesetzen der Natur! Feenland ist durch unüberwindbare Barrieren hart von der Menschenwelt getrennt. Beide Welten existieren komplett unabhängig voneinander. Dass du Funnys Präsenz nicht mehr spürst, bedeutet nicht, dass sie tot ist. Es bedeutet nur, dass die Verbindung zwischen unseren Dimensionen abgerissen ist.“

Ina-chan hörte auf zu weinen. Sie blickte Darin mit riesigen, weit aufgerissenen Augen an. Darin lächelte ihr sanft zu. Er beschloss in diesem Moment, dass absolut niemand in diesem Raum je erfahren durfte, dass ihm selbst beinahe das Herz stehen geblieben wäre, als Ina vorhin so kläglich geschrien hatte.

Er stand auf und nestelte fahrig an seinem Lokalisator herum. Die Knöpfe klickten metallisch.

„Ich werde noch etwas Zeit und Energie brauchen“, murmelte er konzentriert, „aber ich werde mit den gespeicherten Koordinaten ein stabiles Portal aufbauen können. Doch bevor ich das tue, müsst ihr mir mehr erzählen. Erzählt mir alles. Jedes winzige Detail kann über Leben und Tod entscheiden.“

Und Ami erzählte. Sie sprach mit belegter Stimme, gelegentlich unterbrochen von Ina-chan, die mit piepsiger Stimme Details zu den magischen Schilden oder den Cyber-Trollen ergänzte. Zwischendurch stand Darin kurz auf, zauberte mit schnellen Handgriffen ein schnelles Abendbrot auf den Tisch und hörte sonst schweigend und hochaufmerksam zu. Als Ami bei dem Punkt mit den Computerterminals und der gigantischen Server-Batterie ankam, zog er ein Notizbuch hervor und schrieb fieberhaft mit.

Doch als Ami schließlich auf den Serverraum, das blutrote Portal und Funnys Opfer zu sprechen kam, brach ihre Stimme. Dicke Tränen kullerten unaufhaltsam über ihre Wangen. Lily setzte erst Ina behutsam in ihrem Sessel ab und setzte sich dann neben das schluchzende Mädchen. Sie nahm Ami fest in den Arm.

„Hey, hey, nicht weinen“, flüsterte Lily und drückte Ami an sich. Sie sah zu Darin, und ihr Blick war voller unerschütterlichem Vertrauen. „Wenn Darin sagt, alles wird gut, dann wird auch alles gut. Darin irrt sich nie.“

Lily dachte einen Moment nach. Die Sonne war draußen längst untergegangen. Es war ein dunkler, schwerer Abend geworden.

„Darin“, sagte Lily, „ich denke, du brauchst Ruhe und bereitest alles vor?“

Darin, dessen Augen bereits über komplizierte Berechnungen auf seinem Notizbuch flogen, nickte stumm.

„Gut“, bestimmte Lily. „Dann bringe ich euch beide jetzt in mein Zimmer.“ Sie drehte sich zu Ina und Ami um. „Ihr sollt heute Nacht auf gar keinen Fall alleine schlafen!“

Ina, die körperlich noch immer völlig geschafft vom Kampf und emotional völlig ausgelaugt von der Angst um Funny war, nickte bereits alle paar Sekunden ein.

Lily nahm die beiden Gäste sanft bei den Händen und führte sie in ihr Zimmer im oberen Stockwerk. Sie richtete flugs ihre große, weiche Couch zu einem bequemen Doppelbett her. Dann schob sie die beiden ins Badezimmer.

„Hier, macht euch frisch. Morgen wird Darin einen brillanten Plan haben. Und dann holen wir Funny zurück… so wahr ich Lily heiße!“

Als die beiden Mädchen kurze Zeit später zurück ins Zimmer kamen, fielen sie erschöpft in das weiche Bett. Lily breitete die dicken Decken sorgfältig über sie aus. Es klopfte leise an der Tür.

Darin steckte den Kopf herein.

„Ich bin’s. Ich habe hier noch etwas zum Ruhigschlafen.“

Er brachte zwei dampfende Becher mit einem süßlich riechenden Schlaftrank. Ami und Ina tranken gehorsam und keine fünf Minuten später lagen beide eng aneinander gekuschelt da und schliefen tief und fest.

Auch Lily legte sich in ihr eigenes Bett. Doch so sehr sie sich auch herumwälzte, sie konnte stundenlang kein Auge schließen. Sie war viel zu aufgewühlt. Die Bilder der Erzählung kreisten in ihrem Kopf. Wie ging es Funny in dieser roten Finsternis? Würde Darin morgen wirklich einen rettenden Plan aus dem Hut zaubern können?

Darin saß derweil unten im abgedunkelten Wohnzimmer. Die Baupläne für das Portal lagen unbeachtet auf dem Tisch. Er schloss die Augen und presste die Handballen gegen die Stirn. Er versuchte verzweifelt, seine zum Zerreißen gespannten Nerven zu beruhigen. Jetzt, wo er völlig allein war, sickerte die brutale Wahrheit der Nachricht so richtig tief in seinen Verstand.

Heute hatten sie Funny verloren. Hoffentlich nicht für immer.

Eine einzelne, heiße Träne löste sich und kullerte langsam über Darins Wange. Er ließ sie gewähren. Dann riss er die Augen auf und sprang abrupt auf.

„Keine Zeit für Gefühlsduseleien“, schimpfte er leise und rau mit sich selbst.

Er wischte die Träne energisch weg.

Er ging mit schnellen Schritten zum magischen Kommunikationssystem an der Wand und rief die geheime Frequenz der Wächter-Zentrale in Feenland an. Darin ließ sich sofort und ohne Umschweife mit Kaelan verbinden.

Der Hüne, ehemaliger Anführer der Wächter und jetzt oberster Sicherheitschef von Kronprinzessin Aurelia, erschien auf dem Display des Systems. Er hörte sich Darins extrem knappen, aber präzisen Bericht über den Cyber-Dämon in Tokyo und Funnys Verschwinden schweigend an. Kaelans Gesicht verhärtete sich.

„Morgen um 10 Uhr, kommt zum Palast“, sagte Kaelan mit seiner tiefen, unerschütterlichen Stimme. „Aurelia wird euch persönlich empfangen. Dort werden wir im kleinsten Kreis beraten, was zu tun ist. Wir lassen niemanden zurück.“

Mit einem knappen Nicken trennte Kaelan die Verbindung.

Darin ließ die Schultern sinken und stieß einen schweren Seufzer aus. Den allerschlimmsten Anruf hatte er aber noch vor sich. Er zitterte leicht, als er den Palast im Elfental anwählte.

Vienna, Funnys Mutter, war noch wach. Das Bild der schönen Fürstin erschien auf dem Display. Doch sie brauchte keine Erklärung. Sie sah nur für den Bruchteil einer Sekunde in das todernste, blasse Gesicht von Darin und schon kullerten ihr die Tränen aus den Augen. Die mütterliche Intuition hatte ihr die schreckliche Nachricht bereits überbracht, bevor Darin auch nur ein Wort sagen konnte.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, aber Darin informierte Vienna ruhig, sachlich und mit einer Festigkeit in der Stimme, die er selbst kaum fühlte. Er schaffte es, die Fürstin zu beruhigen und ihr zu versichern, dass er nicht ruhen würde, bis Funny wieder zu Hause war.

Als er schließlich auch diese Verbindung trennte, war er völlig erschöpft. Er schleppte sich in sein Zimmer, fiel auf sein Bett und starrte an die Decke. Morgen würde der Tag besonders lang werden. Und er durfte sich keinen einzigen Fehler erlauben.

***

Es war das absolut Unangenehmste, Widerwärtigste und Panikauslösendste, was Funny in ihrer gesamten Laufbahn als S-Rang-Wächterin je passiert war. Mit den Füßen voran in einen interdimensionalen Schlund eingesaugt zu werden, fühlte sich an, als würde man durch eisigen, zähen Schlamm gezogen, der einem gleichzeitig die Luft aus den Lungen presste und sämtliche Wärme entzog.

In der allerletzten Sekunde, bevor die Dunkelheit sie verschlang, hatte sie den rettenden Notfall-Portal-Kristall geworfen. Ein grimmiges, tapferes Lächeln war über ihr Gesicht gehuscht, als sie dabei an Darin dachte. An seine endlose Verehrung für diese alte menschliche Ringe-Sage.

„Flieht, ihr Narren“, hätte sie in diesem epischen Moment fast gesagt, genau wie der alte Zauberer in dem Buch. Aber die rote Magie schnürte ihr bereits die Kehle zu. Ein simples, raues „Flieht!“ musste reichen. Und dann schlossen sich die digitalen Zähne des Portals. Es wurde dunkel. Endlos, eisig und totenstill.

Als Funny blinzelnd wieder zu sich kam, stank es nach Abfall, altem Stein und Verfall. Sie befand sich in einer fensterlosen Zelle, die offensichtlich tief in den Eingeweiden eines viel größeren, feuchten Verlieses lag. Das schwache, kränkliche Licht im Raum stammte nicht von Fackeln, sondern von einer albtraumhaften Konstruktion direkt vor ihr.

Es war eine merkwürdige Maschine. Ein rostiges, archaisch anmutendes Konstrukt aus schweren Zahnrädern, verwittertem Metall und leuchtenden, unheilvollen Runen. In der Mitte der Maschine schwebten zackige Kristalle, aus denen ein eiskalter, cyanblauer Energiestrom schoss. Dieses magische Band legte sich wie eine leuchtende, fließende Schlinge einmal komplett um Funnys Körper und floss pulsierend wieder in die Maschine zurück.

Funnys Instinkte setzten sofort ein. Bewaffnen. Ausbrechen. Sie konzentrierte sich und wollte auf ihre Itembox zugreifen, um ihre Dolche zu rufen. Doch es geschah nichts. Im Gegenteil.

Die Maschine vor ihr reagierte sofort auf den winzigen magischen Impuls. Die alten Zahnräder surrten ratternd auf, die Runen leuchteten blendend hell, und der cyanblaue Energiestrom um sie herum zog sich schmerzhaft zusammen. Funny keuchte auf. Sie hatte das furchtbare Gefühl, als würde ihr ein eiskalter Haken in die Brust gerammt, der ihr mit einem brutalen Ruck einen großen Teil ihrer magischen Energie absaugte. Panisch versuchte sie aufzuspringen und sich aus dem Kreis des Lichtbandes zu bewegen, aber die Maschine heulte auf. Das Energieband verhärtete sich wie eine Kette aus massivem Stahl und zwang sie unbarmherzig wieder auf den kalten Steinboden zurück. Jeder Widerstand wurde sofort im Keim erstickt.

Resigniert und schwer atmend zog Funny die Beine an, schlang die Arme darum und legte den Kopf auf ihre Knie. Sie dachte nach. Ihr ansonsten so scharfer, strategischer Verstand fühlte sich an wie in Watte gepackt.

Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie wusste weder, wie lange sie in diesem Gefängnis schon festsaß, noch wie viel Zeit draußen in Tokyo oder in Feenland vergangen war. Sie hob den Kopf leicht und musterte ihre Zelle. Es war schmutzig. Grauenvoll schmutzig. Die alten Steinblöcke waren von feuchtem Moos und Schleim überzogen. Auf dem Boden lag verrottetes Stroh, dazwischen verstreut lagen bleiche Knochen unbekannter Herkunft. Und das Schlimmste: Sie war selbst völlig verdreckt. Ihr himmelblauer Bikini und ihre zarte Haut waren überzogen mit dunklem Ruß, Schlamm und Staub. Selbst ihre wunderschönen, transparenten Elfenflügel hingen schlaff und dreckig herab. Aus diesem Ausmaß an Schmutz schloss sie bitter, dass sie nach dem Sturz durch das Portal wohl schon mehrere Stunden völlig ohne Bewusstsein auf diesem dreckigen Boden gelegen haben musste.

Seit sie wach war, hatte sich noch niemand blicken lassen. Es herrschte eine zermürbende Stille. Nach einer Weile der Isolation versuchte Funny es noch einmal. Nur ein klitzekleiner Spür-Zauber. Nur ein Funke, um den Raum abzutasten. Erneut röhrte die Maschine in ihrer Zelle auf wie ein hungriges Raubtier. Der kleine Zauber wurde förmlich aus ihren Fingerspitzen gerissen und verschwand knisternd in den Kristallen. Funny stöhnte auf. Sie merkte körperlich, wie ihre ohnehin schon schwindende Kraft noch weiter absackte. Ihr wurde schwindelig. Sie legte ihren Kopf wieder auf ihre Knie, schloss die Augen und zwang sich zur absoluten magischen und körperlichen Passivität. Die Geräusche der Maschine wurden wieder leiser, das Surren verebbte zu einem steten, hungrigen Summen.

Als Funny das nächste Mal die Augen öffnete, hörte sie schlurfende, schwere Schritte auf dem Steinboden des Korridors. Ein gigantischer Troll, dessen Haut wie rissiger Asphalt aussah, trat an die schweren Eisengitter ihrer Zelle.

„Frühstück, Eure Hoheit“, brummte der Troll mit einer tiefen, spöttischen Stimme. Er griff in eine speckige Tasche und warf etwas undefinierbar Graues, das entfernt an ein Stück Brot erinnerte, durch die Gitterstäbe. Es fiel mit einem dumpfen Klatschen auf den Boden – knapp außerhalb des Radius, den die Maschine Funny zugestand.

Funny streckte zitternd die Hand aus, doch sofort knisterte das Energieband warnend auf. Sie konnte den begrenzten Bereich nicht verlassen. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie musste hilflos zusehen, wie es im Stroh raschelte. Mehrere abscheuliche Ratten-Yokai mit glühend roten Augen huschten aus den Schatten heran, stürzten sich quiekend auf den Kanten Brot und fraßen ihn binnen Sekunden restlos auf. Der Troll lachte ein dreckiges Lachen und schlurfte wieder davon.

Wieder vergingen Stunden? Oder nur Minuten? Die Zeit war hier unten zu einer zähen, endlosen Qual geworden.

Auch wenn es ihr zutiefst widerstrebte und die Wände vor feuchtem Schmutz starrten, lehnte Funny sich irgendwann entkräftet gegen den kalten Stein. Von ihrer ewig gleichen, zusammengekauerten Haltung waren ihr längst die Füße und Beine eingeschlafen. Es kribbelte schmerzhaft, aber ausstrecken ging nicht – dafür reichte der spärliche Platz, den das leuchtende Energiefeld der Maschine ihr einräumte, einfach nicht aus.

Trotz der furchtbar unbequemen Lage, dem Hunger und der beißenden Kälte die ihre abfließende magische Energie hinterließ, spürte Funny, wie ihre Augenlider schwer wie Blei wurden. Die Maschine hatte ihr Summen verändert. Es war tiefer geworden. Sie spürte, dass der Apparat nicht mehr nur auf magische Ausbrüche wartete. Er war dazu übergegangen, leise, aber stetig ihre pure Lebensenergie abzusaugen. Jeder Atemzug fiel schwerer. Die Kälte kroch ihr bis in die Knochen.

Noch während sie langsam einschlief und die Schwärze an den Rändern ihres Sichtfeldes nagte, schoss ihr ein herzzerreißender, eiskalter Gedanke durch den Kopf: Noch einmal werde ich wohl nicht mehr wach werden.

Bei dieser endgültigen, hoffnungslosen Erkenntnis löste sich eine einzelne Träne. Sie kullerte langsam über Funnys Wange und hinterließ einen sauberen, nassen Streifen in dem dunklen Ruß und Schmutz auf ihrem Gesicht.

Ihr letzter, liebevoller Gedanke, bevor der eiskalte Nebel der Ohnmacht sie erneut und dieses Mal vielleicht für immer verschlang, galt nicht sich selbst. Er galt ihren besten Freunden. Lily, die jetzt vermutlich vor Wut kochte, und Darin, der hoffentlich nicht den Verstand verlor. Und Ami und Ina… hatten sie es geschafft? Waren sie sicher durch das Portal gekommen?

Bitte…, dachte Funny schwach. Bitte seid in Sicherheit.

Dann wurde alles dunkel.

***

Der Morgen nach Amis und Inas Flucht begann ruhig im kleinen Häuschen von Adiuva et Protege.

Darin war schon in den allerfrühesten Morgenstunden wach gewesen und wortlos in seiner Werkstatt im Keller verschwunden. Dort packte er seine Ausrüstung. Und die Dinge, die er mit grimmiger Miene in seine schier unendliche Itembox stopfte, konnten einem Angst und Bange machen. Wer nicht wusste, dass der stille Elf mit der Brille einer der „Guten“ war, hätte ernsthaft glauben können, die Vernichtung der Welt stünde kurz bevor. Mächtige, hochexplosive Spreng-Runen. Verwandlungs-Siegel. Spezielle Runen für kontrollierte (und unkontrollierte) Gebäudeeinstürze. Massive Zertrümmerungs-Apparate. Toxische Verwirrungs-Runen und feinste magische Verfolgungssensoren. Es gab absolut nichts an feenländischer Kampftechnik, das nicht in die Dimensionstasche wanderte, die Darin ohnehin schon mehrfach erweitert hatte. Er bereitete sich nicht auf einen Ausflug vor. Er rüstete für den dritten Weltkrieg.

Auch Ami war früh aufgewacht. Der Schlaftrunk hatte gewirkt, sie hatte durchschlafen können. Ihr Weg führte sie direkt in die kleine WG-Küche. Mit großem Erstaunen stellte die Medizinstudentin fest, dass diese Küche auf den ersten Blick gar nicht viel anders aussah als ihre eigene im Hightech-Mekka Tokyo. Es gab einen Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine schnurrende Kaffeemaschine, einen Backofen und einen Geschirrspüler. Der einzige – und für das menschliche Auge sehr verwirrende – Unterschied war, dass absolut keines der Geräte ein Stromkabels besaß. Trotzdem leuchteten kleine Runen, Tasten blinkten fröhlich vor sich hin, im Ofen dufteten frische Brötchen und der Kaffee blubberte leise und perfekt temperiert in der Glaskanne.

Ami lächelte. Es war das erste Mal seit dem furchtbaren gestrigen Tag. Denn ihr Blick war auf die lustigen, magisch animierten Kühlschrankmagnete von Funny, Lily und Darin gefallen. Sie trat näher und strich vorsichtig über einen Magneten, der eine sichtlich erboste kleine Funny zeigte. Diese warf wild gestikulierend Fluch um Fluch in Richtung des Magneten einer kleinen Lily, die wiederum gerade fröhlich grinsend ein gesamtes Rosenfeld flambierte.

„Du kannst den Magneten gerne behalten“, ertönte eine leise, leicht kratzige Stimme hinter ihr.

Ami drehte sich um. Auch Lily war, völlig entgegen ihrer sonstigen, sehr ausgeprägten Langschläfer-Gewohnheit, bereits wach.

„Komm“, sagte Lily und rieb sich die Augen, „decken wir den Tisch für ein ordentliches Frühstück. Und dabei hören wir uns dann mal an, was unser Tech-Nerd letzte Nacht so ausgeheckt hat.“

Ami nickte dankbar. Zusammen mit Lily deckten sie den großen Küchentisch. Frische Brötchen, süßes Obst, dampfender Kaffee. Dazu spuckte der magische Kühlschrank bereitwillig alles aus, worauf man an einem Morgen, bevor man in die buchstäbliche Schlacht zog, Appetit haben könnte.

Gerade als die Brötchen knusprig aus dem Ofen schwebten, tauchte auch Darin aus dem Keller auf. Er sah aus, als hätte er die Nacht durchgemacht (was er hatte), aber sein Blick war messerscharf. Kurze Zeit später schlich auch Ina-chan mit hängenden Ohren in die Küche und gesellte sich zu ihnen.

Die vier setzten sich an den Tisch. Die drei Mädchen griffen nicht nach dem Essen, sondern starrten auffordernd und schweigend auf Darin.

Darin blinzelte hinter seiner Brille.

„Was?“

„Wie lautet dein Plan?“, fragte Lily ohne Umschweife.

Darin nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse hart ab und sagte mit todernster, fast eisiger Miene: „Wir stürmen rein, hauen alles kurz und klein, holen sie raus und verschwinden wieder.“

Lily seufzte laut auf und verdrehte die Augen.

„Nein. Das tun wir definitiv nicht. Das ist das, was ich tue, wenn ich mich am Samstagnachmittag langweile.“

Ami musste trotz der bedrückenden Situation unwillkürlich schmunzeln. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich diese beiden völlig unterschiedlichen Freunde verstanden und ergänzten.

Darin schob seine Brille hoch und wurde noch ein Stückchen ernster.

„Fakt ist: Wir haben heute um 10 Uhr eine Audienz bei Aurelia.“

Lily lehnte sich zu Ami hinüber und flüsterte ihr verschwörerisch zu: „Das ist unsere Kronprinzessin. Wichtige Dame mit Krönchen.“

Ami nickte ehrfürchtig.

Darin sprach konzentriert weiter.

„Kaelan organisiert die Audienz. Funnys Eltern sind bereits von mir informiert worden. Meine Itembox ist bis an den absoluten Rand gepackt mit Feuerkraft und Schilden…“

„Nein, Darin!“, unterbrach Ina-chan plötzlich und schlug mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. „Wir werden nicht Tokyo in seine Einzelteile zerlegen! Das ist meine Stadt! Wir finden Funny auch ohne flächendeckende Zerstörung!“

Lily musste grinsen, biss sich aber sofort auf die Unterlippe. Sie wusste genau, was im Kopf des Tech-Nerds vorging und dass Inas panischer Einwurf durchaus berechtigt war. Darin war gerade auf dem ‚Niemand-fasst-Funny-an‘-Kriegspfad. Er hielt sich alle, wirklich alle Optionen offen.

Darin räusperte sich und ruderte ein winziges Stück zurück.

„Fein. Also… Ich habe die letzten Koordinaten des Serverraums von gestern rekonstruiert. Wir öffnen ein Interdimensionales-Obser…“

„Ein unsichtbares Beobachtungsportal!“, grätschte Lily fröhlich dazwischen.

Darin funkelte sie an.

„Wir platzieren durch den Riss einen Optischen-Phasen-Detektor…“

„Eine Schau-Dich-Um-Rune!“, korrigierte Lily strahlend.

Spätestens jetzt musste auch Ina lachen, insbesondere bei Darins schmerzverzerrtem Gesicht, als Lily völlig unbewegt seine hochtechnologischen Bezeichnungen so elegant und kleinkindgerecht entschärfte.

Darin atmete tief durch die Nase ein.

„…eine Schau-Dich-Um-Rune, ja. Fein. Mit der wir uns zum einen völlig unbemerkt einen Überblick verschaffen und zum anderen ein präventives, kinetisches Schutzfeld aufbauen können.“

Er beugte sich über den Tisch.

„Und dann stürmen wir mit allem, was wir tragen können, hinein, sichern den Raum ab und planen den nächsten Schritt. Wie wir danach exakt weitermachen, um in dieses Portal-Netzwerk zu gelangen, das entscheidet sich nach der Audienz bei der Krone. Dort wird autorisiert, wie weit wir gehen dürfen.“

Lily tätschelte Darins Kopf, als wäre er ein braver Welpe.

„Ein wirklich toller Plan, Darin! Der könnte glatt von mir sein! Deine neue Rein-und-drauf-los-Taktik gefällt mir außerordentlich gut.“

Nun lachten alle am Tisch. Aber Ami, mit ihrer feinen, psychologischen Beobachtungsgabe, merkte sehr genau, dass die gespielte Fröhlichkeit von Lily und Darin nicht ihre Augen erreichte. Hinter dem Humor lauerte pure Verzweiflung. Ami konnte fast körperlich erahnen, wie sehr die beiden alle dunklen, panischen Gedanken tief in sich hineinstopften, um sich voll und ganz auf nur ein einziges Ziel zu fokussieren: Funnys Rettung.

„Eine Frage“, meldete sich Ami zaghaft. „Wie kommen wir eigentlich zu diesem Kronpalast?“

Darin bewegte seine Hand, ein blauer Kristall erschien.

„Mit einem Spatial-Inter-Trans…“

„Mit einem Hüpf-an-einen-bekannten-Ort-Kristall!“, rief Lily triumphierend wieder dazwischen.

Darin stützte den Kopf in die Hände.

„Über deine Bezeichnungen müssen wir echt einmal ernsthaft reden, Lily… Darf nicht eigentlich der Erfinder den Namen vergeben?!“

Ami schmunzelte.

„Ja, schon. Aber nur, wenn man sich beim Lesen nicht den Kiefer ausrenkt.“

„Gimme Five, Schwester!“, rief Lily begeistert und klatschte mit Ami ab.

Auch Ina lachte. Doch schnell wurde die kleine Fuchsgöttin wieder ernst.

„Wenn wir später in diesem Serverraum angekommen sind… ich glaube, ich müsste dort orten können, wo genau Funny festgehalten wird. Die göttliche Verbindung zu meiner Stadt und ihren Eindringlingen sollte mir den Weg weisen.“

Darin nickte langsam und prägte sich das ein.

„Das werde ich im Kopf behalten. Gut zu wissen.“

Er blickte auf die Uhr.

„Dreiviertel zehn. Wir müssen los.“

Er legte den Kristall im Wohnzimmer auf den Boden.

Lily bemerkte Amis zögerlichen Blick und erklärte sanft: „Das Prinzip ist das gleiche. Ein echtes Notfall-Portal schirmt aber bei der Öffnung die umgebende Gegend extrem stark magisch ab. Deshalb hatte der furchtbare Sog der Maschine auf euch beide plötzlich keine Wirkung mehr, als Funny den Kristall warf.“

„Genau“, ergänzte Darin sachlich. „Ein solcher Notfall-Kristall braucht Unmengen an reiner magischer Kraft in der Herstellung. Er ist wirklich nur als letzter Ausweg zu verwenden, da er die Dimensionalität zerreißt. Normale Transport-Portale wie dieses hier sind viel simpler und harmonischer… sofern das Ziel den Portal-Aufbau autorisiert hat. Bei uns sollte Kaelan am Palast dafür gesorgt haben.“

Lily erhob sich und schnappte sich ihre Naginata und liess sie mit einer eleganten Bewegung in Darins Itembox verschwinden..

„So! Jetzt lasst uns gehen. Die Aufstellung ist wie immer, auch wenn es bei Aurelia nicht notwendig ist: Ich gehe als Tank vor und sichere. Ina-chan, Ami-chan, ihr folgt direkt hinter mir. Darin geht zum Schluss. Da es sein Portal ist, schließt es sich automatisch, wenn er als Letzter hindurchgeschritten ist.“

Darin aktivierte den Kristall. Ein sanftes, himmelblaues Portal faltete sich wie eine blühende Blume lautlos auf. Mit entschlossenen Schritten schritten die Vier hindurch, bereit, den ersten Schritt zu Funnys Rettung zu gehen.

***

Ein normales, traditionelles Elfenportal basierte eigentlich auf der komplexen Theorie des sogenannten Elfensprungs. Blumenelfen waren von Natur aus in der Lage, augenblicklich an jeden Ort zu springen, an dem sie bereits einmal gewesen waren und an den sie sich lebhaft erinnern konnten. Doch Darin wäre nicht Darin, wenn er diese natürliche Gabe nicht analysiert, zerlegt und technisiert hätte. Er hatte die Theorie weiterentwickelt und den Hüpf-an-einen-bekannten-Ort-Kristall erfunden. Der unschlagbare Vorteil dieser Erfindung: Durch das Portal konnten auch „Mithüpfende“ reisen, die selbst weder über Magie verfügten noch Blumenelfen sein mussten. Der kleine Nachteil: Der Kristall war unweigerlich an die Erinnerung seines Erschaffers gebunden. Man konnte diese praktischen Dinger also nicht einfach im freien Handel auf dem Markt von Civitas Aurelia erwerben. Um das Portal zu öffnen, musste das Genie, das es gebastelt hatte, höchstpersönlich vor Ort sein.

Für Ami, die bis gestern nur vollgestopfte Tokyoter U-Bahnen und lange Flugstrecken gewohnt war, war diese Art des Reisens eine absolute Offenbarung. Ein einziger Schritt, kein greller Blitz, keine flauen Gefühle im Magen, keine komischen magischen Nebeneffekte – es war buchstäblich so, als würde man einfach durch eine Zimmertür schreiten.

Allerdings blieb Ami, kaum dass sie den Fuß über die Schwelle in den Audienzsaal der Kronprinzessin gesetzt hatte, wie angewurzelt stehen. Die schiere, erdrückende Pracht des gewaltigen Raumes, die marmornen Säulen, die von goldenem Licht umflossen wurden, raubten der Medizinstudentin völlig den Atem.

Dummerweise war Ina-chan direkt hinter ihr. Das kleine Fuchsmädchen prallte gegen Amis Rücken.

„Huch!“, machte Ina, geriet ins Straucheln und ruderte mit den Armen. Direkt hinter Ina schritt Darin durch das Portal.

Umpf!“, machte Darin.

Mit einem lauten Scheppern, das in dem majestätischen Saal furchtbar unangebracht widerhallte, purzelten die drei übereinander und landeten als verworrener Haufen aus Gliedmaßen, Fuchsohren und eienem flauschigen Fuchsschwanz auf dem glänzenden Marmorboden. Es dauerte eine peinlich lange Weile, ehe die drei alle Körperteile wieder auseinandersortiert hatten. Ami wurde knallrot, Ina rieb sich die Nase und Darin rückte seufzend seine Brille zurecht.

Lily, die ganz vorne stand, schlug schockiert eine Hand an ihre Stirn.

„Heilige Makrele!“, flüsterte sie entsetzt.

Eigentlich war das doch ihr Part! Sie war die Chaos-Queen der Gilde! Sie war diejenige, die sonst aus Versehen über rote Teppiche stolperte, bei plötzlicher Aufregung riesige, pieksige Superdornen im Thronsaal wachsen ließ oder mit einem ungeschickten Schwung ihrer Naginata die kostbaren Wandteppiche „umdekorierte“. Aber dass die anderen drei ein solches Slapstick-Intro im Audienzsaal der Kronprinzessin hinlegten, verletzte fast schon ihren Stolz.

Plötzlich erklang ein heller, freudiger Schrei vom Thronpodest. Lily drehte sich hastig um und hatte in der nächsten Sekunde bereits eine kleine Elfenprinzessin am Hals hängen. Lumina, die kleine Schwester von Kronprinzessin Aurelia, klammerte sich an sie wie ein Äffchen. Lumina hatte energisch und nachdrücklich darauf bestanden, an dieser Audienz teilzunehmen, als sie gehört hatte, dass ihre geliebte Funny vermisst wurde. Lilys Gesicht, eben noch schockiert, zierte sofort ein breites, strahlendes Lächeln. Sie erwiderte die Umarmung fest. Sie liebte die kleine Lumina wie eine eigene kleine Schwester, die mit einem durch dick und dünn gehen würde.

Dann erklang ein dezentes, aber absolut autoritäres Räuspern vom Thron. Alle Blicke richteten sich augenblicklich auf Aurelia. Die Kronprinzessin saß in majestätischer Haltung da, ihr Blick war eine Mischung aus royaler Strenge und tiefer, persönlicher Sorge.

Ami, die sich hastig aufgerappelt hatte, verbeugte sich sofort so tief, wie man es ihr in Japan beigebracht hatte. Ina-chan hingegen, die gerade den Staub von ihrem Kimono klopfte, sah zu Aurelia hoch und deutete nur ein entspanntes Nicken an.

Der Zeremonienmeister, ein hochgewachsener Elf mit einem sehr spitzen Kinn und noch spitzeren Ohren, schnappte empört nach Luft. Er plusterte sich auf, trat einen Schritt vor und holte tief Luft, um Ina wegen dieses eklatanten Bruchs der Etikette lautstark anzuzählen. Doch in genau diesem Moment erhob sich Aurelia von ihrem Thron. Sie schritt die Stufen hinab, blieb vor dem kleinen Fuchsmädchen stehen und verneigte sich ihrerseits sehr tief und respektvoll vor Ina.

Die Verwirrung des Audienzmeisters war komplett. Sein spitzes Kinn klappte nach unten. Offensichtlich hatte ihm niemand in seinem strengen Protokoll-Büro mitgeteilt, dass heute die frischgebackene Schutzgöttin Tokyos an der Audienz teilnehmen würde.

Aurelia ließ mit einem eleganten Winken ihrer Hand vier bequeme, gepolsterte Stühle erscheinen.

„Bitte, setzt euch“, sagte sie mit warmer Stimme, bevor sie selbst auf den Thron zurückkehrte. Darin, Ina, Ami und Lily nahmen Platz.

„Kaelan hat mich bereits umfassend informiert“, begann Aurelia. „Die Rettung von Funny hat höchste Priorität für die Krone. Alle Mittel, die unsere Welt zu bieten hat, sind euch hiermit offiziell erlaubt…“

Ina, die sofort wieder Darins furchteinflößende Rucksäcke voller Zertrümmerungs-Runen vor Augen hatte, riss die Hände hoch und wollte panisch Einspruch erheben, doch Aurelia, die die Lage perfekt las, setzte nahtlos fort: „…alle Mittel, die mit Ina-Kami als Schutzpatronin der Menschenstadt abgesprochen wurden!“

Ina atmete hörbar aus und lächelte erleichtert. Darins Equipment hatte ihr doch sehr zu denken gegeben.

Darin nickte ernst, stand auf und straffte die Schultern.

„Wir haben folgenden Plan, Eure Hoheit. Wir öffnen ein Observ…“

Ein sehr lautes, sehr unauffälliges Räuspern von Lily unterbrach ihn. Darin schloss kurz die Augen.

„…wir öffnen ein Schau-Dich-Um-Portal. Wir sichern den Raum ab und gehen dann rein. Dort übernimmt Ina-chan die Führung. Es muss eine kleine, schnelle, hochpräzise Mission sein. Wenn wir mit zu vielen Personen in Tokyos Geister-Ebene eindringen, laufen wir nur Gefahr, früher als nötig vom System des Yokai entdeckt zu werden. Unsere Taktik muss still, schnell und ohne jedes Aufsehen erfolgen. Lily sichert von vorne als Frontkämpferin. Ina-chan versteckt uns vor feindlichen Spürzaubern. Ami und ich nutzen in der Zwischenzeit die vor Ort befindlichen digitalen Strukturen, um Funny punktgenau zu lokalisieren.“

Aurelia hörte ihm aufmerksam zu.

„Der Plan ist riskant, aber schlüssig. Was braucht ihr von uns für dieses Unterfangen?“

„Magie-Speicher“, antwortete Darin sofort. „Wir müssen unter allen Umständen vermeiden, im entscheidenden Fall nicht mehr zaubern zu können oder unsere eigenen Kräfte zu erschöpfen.“

Ein Raunen ging durch den Saal. Magiespeicher waren in Feenland unglaublich selten. Was in der Menschenwelt simple Batterien waren, waren Magiespeicher für Zauberer. Aber sie waren rar, denn auch wenn Feenland ein durch und durch magisches Land war – nur sehr wenige Einwohner besaßen einen Magiekern, den man einfach so anzapfen konnte, ohne Gefahr für Leib und Leben zu riskieren. Zapfte man zum Beispiel einer Blumenelfe ihre Magie ab, saugte man ihr unmittelbar das Leben aus den Adern. Darin hoffte insgeheim auf einen, wenn er Glück hatte vielleicht sogar zwei dieser kostbaren Speicher.

Aurelia gab Kaelan ein Zeichen. Der nickte und ging zum Lagermeister des Palastes. Dieser trat wenig später mit einem samtbezogenen Kissen vor die Kronprinzessin. Darauf ruhten nicht einer, nicht zwei, sondern drei gewaltige, hell leuchtende Speicherkristalle, prall gefüllt mit reinster Magie.

Darin stockte der Atem. Als er das Kissen entgegennahm, realisierte er in vollem Ausmaß, wie unendlich wichtig der Kronprinzessin ihre tapferen Wächter waren. Es war ein unbezahlbares Vermögen, welches urelia ihnewn zur Verfügung stellte. Er verneigte sich besonders tief und ehrfürchtig vor Aurelia.

Aurelia sah die vier an, und für einen Moment war sie keine Kronprinzessin, sondern einfach eine Freundin, die sich Sorgen machte.

„Nun geht“, sagte sie leise, aber mit fester Stimme. „Und bringt mir unsere Funny zurück!“

Darin umklammerte die Kristalle, zog einen weiteren Sprung-Stein aus der Itembox und öffnete erneut ein Portal. Die vier Helden schritten hindurch, bereit für das Unmögliche und kehrten in ihr WG-Häuschen zurück, um sich für die Schlacht zu rüsten.

***

Kaum waren sie durch das Portal zurück in das heimische Wohnzimmer ihres WG-Häuschens getreten, begann Darin sofort mit den Vorbereitungen. Ohne ein Wort zu sagen, schaffte er Platz im Wohnzimmer und baute drei fußballgroße, gläserne Apparate auf, die leuchtenden Kristalle enthielten: Magie-Resonanz-Induktoren.

Ami beugte sich fasziniert darüber und schaute hochinteressiert zu, wie Darin winzige Kristalle in den Fassungen überprüfte und teilweise austauschte.

Darin fühlte sich in seinem Element und erklärte von ganz allein: „Wenn wir ein Portal exakt an einem Ort aufbauen wollen, dessen Struktur bereits zusammengebrochen ist, müssen wir über eine klassische Triangulation mit den bekannten letzten Koordinaten eine punktgenaue Phasen-Interferenz aufbauen. Dadurch…“

„LANGWEILIG!“, rief Lily plötzlich von der anderen Seite des Raumes und hielt sich demonstrativ die Ohren zu. „Will irgendjemand einen Kaffee, bevor der Tech-Nerd hier jemanden mit seiner Akademie-Vorlesung in ein tödliches Koma quatscht?“

Da niemand protestierte und insgeheim jeder eine Dosis Koffein vertragen konnte, beschäftigte sich Lily mit der Kaffeemaschine. Was glücklicherweise nicht in einer epischen Schlacht mündete, weil man an der magischen Maschine tatsächlich nur einen einzigen, leuchtenden Knopf drücken musste.

Darin, völlig unbeeindruckt von Lilys Ausbruch, fuhr exakt an der Stelle fort, an der er unterbrochen worden war, als wäre nichts gewesen: „…öffnet sich das Portal erneut. Es ist dann aber extrem instabil, weil der Riss von der Gegenseite nicht gehalten wird.“

Ami hatte währenddessen ihren kleinen Taschencomputer gezückt. Ihre Finger flogen über die Tasten, Zahlenreihen und Graphen spiegelten sich in ihren Augen. Nach ein paar Minuten tippte sie mit dem Stift auf den Bildschirm und sagte vorsichtig: „Darin? Das Portal wird wesentlich stabiler, wenn du die Triangulation verdoppelst. Ein weiterer, zentraler Induktor in der Mitte sollte die Synchronisation der Frequenzen übernehmen. Schau mal hier… die magische Wellenlänge verhält sich fast wie ein elektromagnetisches Feld im Vakuum.“

Darin hielt mitten in der Bewegung inne und warf einen erstaunten Blick auf Amis schnelle Berechnungen. Seine Augen weiteten sich. Er rechnete die Formel im Kopf nach.

„Bei allen Zahnrädern…“, murmelte er ehrfürchtig. „Machen wir es genauso.“

Er holte schnell vier weitere Induktoren aus seiner Itembox heraus. Kaum waren diese im Raum aufgestellt und nach Amis Berechnungen exakt ausgerichtet, begann die Luft in der Mitte des Wohnzimmers bereits hörbar zu knistern. Ein unsichtbares Feld baute sich auf.

Mit einem tief anerkennenden Blick sah Darin Ami an.

„Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du genial bist? Du bist absolut genial!“

Ami lief leicht rot an und strich sich eine Strähne hinter das Ohr.

„Och… naja… Physik und Mathe eben.“

Darin wandte sich an Lily und Ina, die am Küchentresen standen.

„So! Wir haben jetzt exakt fünf Minuten Kaffeepause. Dank Amis brillanter Idee wird das Aufladen des Portals viel schneller und stabiler gehen. Also, Lily, wie sieht’s an der Kaffeefront aus?“

Lily stand vor der schnurrenden Kaffeemaschine und knurrte unwirsch.

„Diese Höllenmaschine hat sich gegen mich verschworen! Sie blubbert nur, dampft vor sich hin, spuckt aber keinen einzigen Tropfen Kaffee aus! Magie ist blöd!“

Darin seufzte tief, trat neben sie, lehnte sich an die Theke und sagte mit maximaler Trockenheit: „Vielleicht… und das ist jetzt nur so eine ganz wilde Theorie… klappt es, wenn du einmal Tassen drunterstellst?“

Lily erstarrte. Sie blickte auf das leere Gitter unter dem Ausguss. Dann wurde ihr Gesicht fast so rot wie ihre Haare. Sie schnappte sich wütend vier Tassen aus dem Schrank, knallte sie unter die Maschine und murmelte giftig vor sich hin: „Vielleicht wenn du Tassen drunterstellst… ja, ja, ja, Herr Schlaumeier… Elfenkriegerinnen trinken normalerweise aus den Schädeln ihrer Feinde und nicht aus Blümchentassen…

Das Eis war gebrochen. Nach ein paar herzhaften Lachern (die Lily mit tödlichen Blicken quittierte) war der dampfende Kaffee verteilt und in wenigen, großen Zügen getrunken.

Einer nach dem anderen begannen die sieben Induktoren im Wohnzimmer in einem satten, kräftigen Grün zu pulsieren. Das Summen im Raum schwoll zu einem tiefen Bass an.

Darin trat vor, holte einen unscheinbaren, glasklaren Kristall aus der Tasche – die von Lily liebevoll benannte Schau-Dich-Um-Rune – und warf ihn mitten in die wirbelnde Energie des Risses. Das Portal, das eben noch wie ein grüner Nebel ausgesehen hatte, wurde augenblicklich durchsichtig. Es spannte sich auf wie eine absolut klare Glasscheibe, die mitten im Raum schwebte.

Die vier traten dicht heran und musterten den dahinterliegenden Raum. Darin schob seine Brille hoch und runzelte die Stirn.

„Ein Serverraum? Bist du sicher, Ami?“

Ami starrte völlig verblüfft durch die magische Scheibe.

„Da… da ist nichts. Nur ein komplett leerer Raum.“

Der gigantische, monolithische Main-Server, der die rote Energie gebündelt und Funny in sich hineingesaugt hatte, war verschwunden. Keine Kabel, keine Bildschirme, kein rotes Pulsieren. Nur kahler, dreckiger Beton, der aussah, als wäre der Raum seit dreißig Jahren unberührt geblieben.

„Sie haben abgebaut und sind geflohen, als sie gemerkt haben, dass wir das Netz kappen“, schlussfolgerte Ami düster.

„Dann lasst uns sofort hineingehen und nach Spuren suchen!“, sagte Ina-chan drängend. Die Fuchsohren auf ihrem Kopf zuckten nervös.

„Moment“, hielt Darin sie zurück und hob eine Hand. „Wir stürmen nicht blind. Zuerst ein kinetisches Schutzschild. Es hält durch meine Induktoren zwar nicht lange auf der anderen Seite, sichert aber unser Eintreten gegen versteckte Sprengfallen ab.“ Er flüsterte eine kurze, scharfe Formel und eine blaue Energiewelle legte sich wie eine Haut über das Portal.

Lily nickte zustimmend. Dann zog sie mit einer fließenden Bewegung ihre Naginata vom Rücken. Das silbrig-blaue Metall der Klinge blitzte gefährlich auf. Die lustige, kaffeekochende Elfe war verschwunden. Der S-Rang-Tank der Wächtergilde war nun im Dienst.

„Ich gehe vor“, befahl Lily mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Ina-chan, du folgst direkt hinter mir und hältst die Spürzauber fern. Dann du, Ami-chan. Und du, Darin, sicherst wie üblich unseren Rücken und hältst das Portal offen.“

Alle nickten stumm. Der Ernst der Lage hing wieder schwer in der Luft. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, umfasste Lily den Schaft ihrer Waffe fester und schritt entschlossen durch das grüne Portal in die Dunkelheit Tokyos.

Fortsetzung folgt…

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Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten – Teil 4

Fortsetzung von Teil 3

Es war ein ungewöhnlich ruhiger Nachmittag im WG-Häuschen von Adiuva et Protege.

Lily lag auf dem Sofa und wippte im Takt zu lauter Musik mit dem Fuß. Aus dem Keller hörte man das leise, rhythmische Surren von Maschinen. Darin machte das, was ein Darin eben so machte, wenn er nicht gerade die Welt rettete: Er tüftelte an hochkomplexen, neuen Runenplättchen. Alles schien friedlich.

Bis ein ohrenbetäubendes, schrilles Heulen die Wände erzittern ließ.

Eine magische Sirene, grellrot und pulsierend, flammte neben ihrem Kommunikationssystem auf.

„NOTFALL-PORTAL!“, brüllte Darin aus dem Keller und im exakt selben Atemzug stand er bereits mitten im Wohnzimmer.

Lily, die sich die Kopfhörer vom Kopf gerissen hatte, starrte ihn an. Wenn sie später die Ruhe gehabt hätte, darüber nachzudenken, hätte sie vermutlich kopfschüttelnd gesagt: „Das muss Magie gewesen sein. Niemand kann so schnell die Kellertreppe hochkommen.“

Doch für solche Gedanken war keine Zeit. Lily sprang alarmiert auf und blickte mit blankem Entsetzen auf die Mitte des Raumes.

Dort riss die Luft auf. Ein gleißendes, hellgrünes Portal materialisierte sich knisternd auf dem Teppich. Die Ränder fransen wild aus, als würde die Magie auf der anderen Seite brutal abgewürgt. Kaum war der Riss vollständig geöffnet, schoss etwas Kleines, Rotes heraus.

Lily fing es instinktiv auf. Ein heftig schluchzendes Fuchsmädchen flog ihr direkt in die Arme und klammerte sich mit winzigen Fingern an Lily fest. Nicht einmal eine Sekunde später stolperte ein Mädchen mit kurzen blauen Haaren aus dem Riss und stürzte fast vornüber auf den Boden.

Darin riss ein kompliziert aussehendes Gerät aus seiner Itembox – seinen Interphasen-Lokalisator – und richtete es auf das grüne Leuchten. Er drückte hastig ein paar Knöpfe, doch das Portal implodierte mit einem lauten Zapp, schloss sich und löste sich in einen Hauch von Ozongeruch auf.

Die Stille, die darauf folgte, hielt nur einen Herzschlag lang. Das kleine Fuchsmädchen, das noch nicht lange in Lilys Armen lag, hob den Kopf, riss die Augen auf und begann markerschütternd zu schreien: „Funny ist tot! Funny ist tot! Funny ist TOOOOOT!“

Lily erstarrte. Ihr Herz schien in ihrer Brust einfach stehen zu bleiben. Sie drückte das kleine Mädchen fest an sich, aber sie konnte keinen Muskel mehr rühren. Ihre Augen weiteten sich in blanker Panik.

Das blauhaarige Mädchen, das schwankend auf dem Teppich stand, schluchzte einmal herzzerreißend auf, rollte die Augen nach oben und brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Sie wäre hart mit dem Kopf auf dem Tisch aufgeschlagen, wenn Darin nicht mit unnatürlicher Schnelligkeit reagiert hätte. Er fing sie geschickt auf und setzte sie behutsam auf die Couch.

Dann drehte sich Darin zu Lily und ihrem kleinen, schreienden Gast um. Er sah, wie sich Lilys Augen mit Tränen füllten. Die unerschütterliche Frontkämpferin verlor die Farbe im Gesicht und begann gefährlich zu schwanken.

„Lily. Hinsetzen“, befahl Darin. Seine Stimme war ruhig und ließ absolut keinen Widerspruch zu.

Lily ließ sich schwer auf den Sessel fallen, das Fuchsmädchen immer noch schützend an die Brust gepresst. Darin wirbelte zur offenen Küche herum. Er verzichtete auf jede Technologie, murmelte eine hastige Beschwörung und schnippte mit den Fingern. So schnell hatte er noch nie gezaubert. Drei große Tassen mit dampfendem, duftendem Kakao, in denen riesige Marshmallows schwammen, schwebten durch den Raum und landeten auf dem kleinen Couchtisch.

Dann wandte sich Darin dem fremden Mädchen auf der Couch zu, bei der Darin bereits eine sehr starke Ahnung hatte, wer das sein könnte und ergriff tröstend ihre Hände. Sie blinzelte gerade schwach und öffnete wieder die Augen.

„Ami“, sagte Darin weich, aber bestimmt, und sah das fremde Mädchen an. „Trink einen Schluck. Und dann erzähle bitte, was gerade passiert ist.“

Darin musste heimlich eine beträchtliche Menge beruhigender Feen-Kräuter in den Kakao geschummelt haben. Der Effekt trat fast augenblicklich ein. Ami atmete tief durch, fasste sich an den Kopf und setzte sich langsam auf. Auch vom Fuchsmädchen hörte man nur noch ein leises, rhythmisches Schniefen. Und Lily? Lily klammerte sich nicht an den Kakao. Sie hielt das kleine Mädchen wie eine Ertrinkende fest und strich ihr pausenlos, fast mechanisch, über den Rücken.

„Ich… ich bin Ami“, begann das Mädchen mit brüchiger Stimme.

Sie deutete auf Lilys Arme.

„Das ist Ina-chan. Sie ist die Schutzgöttin von Tokyo. Sie hat erst heute das Erbe von Opa-Kami angetreten. Funny… Funny wohnt bei mir, solange sie in Japan ist.“

Darin nickte langsam, sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. Er kniete sich vor Ina-chan, sodass er auf Augenhöhe mit dem weinenden Fuchsmädchen war.

„Zuerst einmal zu dir, Ina-chan“, sagte er mit einer absoluten, Gewissheit in der Stimme. „In Feenland kannst du keine magischen Wesen in der realen Menschenwelt spüren. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz. Auch eine Göttin unterliegt den Gesetzen der Natur! Feenland ist durch unüberwindbare Barrieren hart von der Menschenwelt getrennt. Beide Welten existieren komplett unabhängig voneinander. Dass du Funnys Präsenz nicht mehr spürst, bedeutet nicht, dass sie tot ist. Es bedeutet nur, dass die Verbindung zwischen unseren Dimensionen abgerissen ist.“

Ina-chan hörte auf zu weinen. Sie blickte Darin mit riesigen, weit aufgerissenen Augen an. Darin lächelte ihr sanft zu. Er beschloss in diesem Moment, dass absolut niemand in diesem Raum je erfahren durfte, dass ihm selbst beinahe das Herz stehen geblieben wäre, als Ina vorhin so kläglich geschrien hatte.

Er stand auf und nestelte fahrig an seinem Lokalisator herum. Die Knöpfe klickten metallisch.

„Ich werde noch etwas Zeit und Energie brauchen“, murmelte er konzentriert, „aber ich werde mit den gespeicherten Koordinaten ein stabiles Portal aufbauen können. Doch bevor ich das tue, müsst ihr mir mehr erzählen. Erzählt mir alles. Jedes winzige Detail kann über Leben und Tod entscheiden.“

Und Ami erzählte. Sie sprach mit belegter Stimme, gelegentlich unterbrochen von Ina-chan, die mit piepsiger Stimme Details zu den magischen Schilden oder den Cyber-Trollen ergänzte. Zwischendurch stand Darin kurz auf, zauberte mit schnellen Handgriffen ein schnelles Abendbrot auf den Tisch und hörte sonst schweigend und hochaufmerksam zu. Als Ami bei dem Punkt mit den Computerterminals und der gigantischen Server-Batterie ankam, zog er ein Notizbuch hervor und schrieb fieberhaft mit.

Doch als Ami schließlich auf den Serverraum, das blutrote Portal und Funnys Opfer zu sprechen kam, brach ihre Stimme. Dicke Tränen kullerten unaufhaltsam über ihre Wangen. Lily setzte erst Ina behutsam in ihrem Sessel ab und setzte sich dann neben das schluchzende Mädchen. Sie nahm Ami fest in den Arm.

„Hey, hey, nicht weinen“, flüsterte Lily und drückte Ami an sich. Sie sah zu Darin, und ihr Blick war voller unerschütterlichem Vertrauen. „Wenn Darin sagt, alles wird gut, dann wird auch alles gut. Darin irrt sich nie.“

Lily dachte einen Moment nach. Die Sonne war draußen längst untergegangen. Es war ein dunkler, schwerer Abend geworden.

„Darin“, sagte Lily, „ich denke, du brauchst Ruhe und bereitest alles vor?“

Darin, dessen Augen bereits über komplizierte Berechnungen auf seinem Notizbuch flogen, nickte stumm.

„Gut“, bestimmte Lily. „Dann bringe ich euch beide jetzt in mein Zimmer.“ Sie drehte sich zu Ina und Ami um. „Ihr sollt heute Nacht auf gar keinen Fall alleine schlafen!“

Ina, die körperlich noch immer völlig geschafft vom Kampf und emotional völlig ausgelaugt von der Angst um Funny war, nickte bereits alle paar Sekunden ein.

Lily nahm die beiden Gäste sanft bei den Händen und führte sie in ihr Zimmer im oberen Stockwerk. Sie richtete flugs ihre große, weiche Couch zu einem bequemen Doppelbett her. Dann schob sie die beiden ins Badezimmer.

„Hier, macht euch frisch. Morgen wird Darin einen brillanten Plan haben. Und dann holen wir Funny zurück… so wahr ich Lily heiße!“

Als die beiden Mädchen kurze Zeit später zurück ins Zimmer kamen, fielen sie erschöpft in das weiche Bett. Lily breitete die dicken Decken sorgfältig über sie aus. Es klopfte leise an der Tür.

Darin steckte den Kopf herein.

„Ich bin’s. Ich habe hier noch etwas zum Ruhigschlafen.“

Er brachte zwei dampfende Becher mit einem süßlich riechenden Schlaftrank. Ami und Ina tranken gehorsam und keine fünf Minuten später lagen beide eng aneinander gekuschelt da und schliefen tief und fest.

Auch Lily legte sich in ihr eigenes Bett. Doch so sehr sie sich auch herumwälzte, sie konnte stundenlang kein Auge schließen. Sie war viel zu aufgewühlt. Die Bilder der Erzählung kreisten in ihrem Kopf. Wie ging es Funny in dieser roten Finsternis? Würde Darin morgen wirklich einen rettenden Plan aus dem Hut zaubern können?

Darin saß derweil unten im abgedunkelten Wohnzimmer. Die Baupläne für das Portal lagen unbeachtet auf dem Tisch. Er schloss die Augen und presste die Handballen gegen die Stirn. Er versuchte verzweifelt, seine zum Zerreißen gespannten Nerven zu beruhigen. Jetzt, wo er völlig allein war, sickerte die brutale Wahrheit der Nachricht so richtig tief in seinen Verstand.

Heute hatten sie Funny verloren. Hoffentlich nicht für immer.

Eine einzelne, heiße Träne löste sich und kullerte langsam über Darins Wange. Er ließ sie gewähren. Dann riss er die Augen auf und sprang abrupt auf.

„Keine Zeit für Gefühlsduseleien“, schimpfte er leise und rau mit sich selbst.

Er wischte die Träne energisch weg.

Er ging mit schnellen Schritten zum magischen Kommunikationssystem an der Wand und rief die geheime Frequenz der Wächter-Zentrale in Feenland an. Darin ließ sich sofort und ohne Umschweife mit Kaelan verbinden.

Der Hüne, ehemaliger Anführer der Wächter und jetzt oberster Sicherheitschef von Kronprinzessin Aurelia, erschien auf dem Display des Systems. Er hörte sich Darins extrem knappen, aber präzisen Bericht über den Cyber-Dämon in Tokyo und Funnys Verschwinden schweigend an. Kaelans Gesicht verhärtete sich.

„Morgen um 10 Uhr, kommt zum Palast“, sagte Kaelan mit seiner tiefen, unerschütterlichen Stimme. „Aurelia wird euch persönlich empfangen. Dort werden wir im kleinsten Kreis beraten, was zu tun ist. Wir lassen niemanden zurück.“

Mit einem knappen Nicken trennte Kaelan die Verbindung.

Darin ließ die Schultern sinken und stieß einen schweren Seufzer aus. Den allerschlimmsten Anruf hatte er aber noch vor sich. Er zitterte leicht, als er den Palast im Elfental anwählte.

Vienna, Funnys Mutter, war noch wach. Das Bild der schönen Fürstin erschien auf dem Display. Doch sie brauchte keine Erklärung. Sie sah nur für den Bruchteil einer Sekunde in das todernste, blasse Gesicht von Darin und schon kullerten ihr die Tränen aus den Augen. Die mütterliche Intuition hatte ihr die schreckliche Nachricht bereits überbracht, bevor Darin auch nur ein Wort sagen konnte.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, aber Darin informierte Vienna ruhig, sachlich und mit einer Festigkeit in der Stimme, die er selbst kaum fühlte. Er schaffte es, die Fürstin zu beruhigen und ihr zu versichern, dass er nicht ruhen würde, bis Funny wieder zu Hause war.

Als er schließlich auch diese Verbindung trennte, war er völlig erschöpft. Er schleppte sich in sein Zimmer, fiel auf sein Bett und starrte an die Decke. Morgen würde der Tag besonders lang werden. Und er durfte sich keinen einzigen Fehler erlauben.

***

Es war das absolut Unangenehmste, Widerwärtigste und Panikauslösendste, was Funny in ihrer gesamten Laufbahn als S-Rang-Wächterin je passiert war. Mit den Füßen voran in einen interdimensionalen Schlund eingesaugt zu werden, fühlte sich an, als würde man durch eisigen, zähen Schlamm gezogen, der einem gleichzeitig die Luft aus den Lungen presste und sämtliche Wärme entzog.

In der allerletzten Sekunde, bevor die Dunkelheit sie verschlang, hatte sie den rettenden Notfall-Portal-Kristall geworfen. Ein grimmiges, tapferes Lächeln war über ihr Gesicht gehuscht, als sie dabei an Darin dachte. An seine endlose Verehrung für diese alte menschliche Ringe-Sage.

„Flieht, ihr Narren“, hätte sie in diesem epischen Moment fast gesagt, genau wie der alte Zauberer in dem Buch. Aber die rote Magie schnürte ihr bereits die Kehle zu. Ein simples, raues „Flieht!“ musste reichen. Und dann schlossen sich die digitalen Zähne des Portals. Es wurde dunkel. Endlos, eisig und totenstill.

Als Funny blinzelnd wieder zu sich kam, stank es nach Abfall, altem Stein und Verfall. Sie befand sich in einer fensterlosen Zelle, die offensichtlich tief in den Eingeweiden eines viel größeren, feuchten Verlieses lag. Das schwache, kränkliche Licht im Raum stammte nicht von Fackeln, sondern von einer albtraumhaften Konstruktion direkt vor ihr.

Es war eine merkwürdige Maschine. Ein rostiges, archaisch anmutendes Konstrukt aus schweren Zahnrädern, verwittertem Metall und leuchtenden, unheilvollen Runen. In der Mitte der Maschine schwebten zackige Kristalle, aus denen ein eiskalter, cyanblauer Energiestrom schoss. Dieses magische Band legte sich wie eine leuchtende, fließende Schlinge einmal komplett um Funnys Körper und floss pulsierend wieder in die Maschine zurück.

Funnys Instinkte setzten sofort ein. Bewaffnen. Ausbrechen. Sie konzentrierte sich und wollte auf ihre Itembox zugreifen, um ihre Dolche zu rufen. Doch es geschah nichts. Im Gegenteil.

Die Maschine vor ihr reagierte sofort auf den winzigen magischen Impuls. Die alten Zahnräder surrten ratternd auf, die Runen leuchteten blendend hell, und der cyanblaue Energiestrom um sie herum zog sich schmerzhaft zusammen. Funny keuchte auf. Sie hatte das furchtbare Gefühl, als würde ihr ein eiskalter Haken in die Brust gerammt, der ihr mit einem brutalen Ruck einen großen Teil ihrer magischen Energie absaugte. Panisch versuchte sie aufzuspringen und sich aus dem Kreis des Lichtbandes zu bewegen, aber die Maschine heulte auf. Das Energieband verhärtete sich wie eine Kette aus massivem Stahl und zwang sie unbarmherzig wieder auf den kalten Steinboden zurück. Jeder Widerstand wurde sofort im Keim erstickt.

Resigniert und schwer atmend zog Funny die Beine an, schlang die Arme darum und legte den Kopf auf ihre Knie. Sie dachte nach. Ihr ansonsten so scharfer, strategischer Verstand fühlte sich an wie in Watte gepackt.

Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie wusste weder, wie lange sie in diesem Gefängnis schon festsaß, noch wie viel Zeit draußen in Tokyo oder in Feenland vergangen war. Sie hob den Kopf leicht und musterte ihre Zelle. Es war schmutzig. Grauenvoll schmutzig. Die alten Steinblöcke waren von feuchtem Moos und Schleim überzogen. Auf dem Boden lag verrottetes Stroh, dazwischen verstreut lagen bleiche Knochen unbekannter Herkunft. Und das Schlimmste: Sie war selbst völlig verdreckt. Ihr himmelblauer Bikini und ihre zarte Haut waren überzogen mit dunklem Ruß, Schlamm und Staub. Selbst ihre wunderschönen, transparenten Elfenflügel hingen schlaff und dreckig herab. Aus diesem Ausmaß an Schmutz schloss sie bitter, dass sie nach dem Sturz durch das Portal wohl schon mehrere Stunden völlig ohne Bewusstsein auf diesem dreckigen Boden gelegen haben musste.

Seit sie wach war, hatte sich noch niemand blicken lassen. Es herrschte eine zermürbende Stille. Nach einer Weile der Isolation versuchte Funny es noch einmal. Nur ein klitzekleiner Spür-Zauber. Nur ein Funke, um den Raum abzutasten. Erneut röhrte die Maschine in ihrer Zelle auf wie ein hungriges Raubtier. Der kleine Zauber wurde förmlich aus ihren Fingerspitzen gerissen und verschwand knisternd in den Kristallen. Funny stöhnte auf. Sie merkte körperlich, wie ihre ohnehin schon schwindende Kraft noch weiter absackte. Ihr wurde schwindelig. Sie legte ihren Kopf wieder auf ihre Knie, schloss die Augen und zwang sich zur absoluten magischen und körperlichen Passivität. Die Geräusche der Maschine wurden wieder leiser, das Surren verebbte zu einem steten, hungrigen Summen.

Als Funny das nächste Mal die Augen öffnete, hörte sie schlurfende, schwere Schritte auf dem Steinboden des Korridors. Ein gigantischer Troll, dessen Haut wie rissiger Asphalt aussah, trat an die schweren Eisengitter ihrer Zelle.

„Frühstück, Eure Hoheit“, brummte der Troll mit einer tiefen, spöttischen Stimme. Er griff in eine speckige Tasche und warf etwas undefinierbar Graues, das entfernt an ein Stück Brot erinnerte, durch die Gitterstäbe. Es fiel mit einem dumpfen Klatschen auf den Boden – knapp außerhalb des Radius, den die Maschine Funny zugestand.

Funny streckte zitternd die Hand aus, doch sofort knisterte das Energieband warnend auf. Sie konnte den begrenzten Bereich nicht verlassen. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie musste hilflos zusehen, wie es im Stroh raschelte. Mehrere abscheuliche Ratten-Yokai mit glühend roten Augen huschten aus den Schatten heran, stürzten sich quiekend auf den Kanten Brot und fraßen ihn binnen Sekunden restlos auf. Der Troll lachte ein dreckiges Lachen und schlurfte wieder davon.

Wieder vergingen Stunden? Oder nur Minuten? Die Zeit war hier unten zu einer zähen, endlosen Qual geworden.

Auch wenn es ihr zutiefst widerstrebte und die Wände vor feuchtem Schmutz starrten, lehnte Funny sich irgendwann entkräftet gegen den kalten Stein. Von ihrer ewig gleichen, zusammengekauerten Haltung waren ihr längst die Füße und Beine eingeschlafen. Es kribbelte schmerzhaft, aber ausstrecken ging nicht – dafür reichte der spärliche Platz, den das leuchtende Energiefeld der Maschine ihr einräumte, einfach nicht aus.

Trotz der furchtbar unbequemen Lage, dem Hunger und der beißenden Kälte die ihre abfließende magische Energie hinterließ, spürte Funny, wie ihre Augenlider schwer wie Blei wurden. Die Maschine hatte ihr Summen verändert. Es war tiefer geworden. Sie spürte, dass der Apparat nicht mehr nur auf magische Ausbrüche wartete. Er war dazu übergegangen, leise, aber stetig ihre pure Lebensenergie abzusaugen. Jeder Atemzug fiel schwerer. Die Kälte kroch ihr bis in die Knochen.

Noch während sie langsam einschlief und die Schwärze an den Rändern ihres Sichtfeldes nagte, schoss ihr ein herzzerreißender, eiskalter Gedanke durch den Kopf: Noch einmal werde ich wohl nicht mehr wach werden.

Bei dieser endgültigen, hoffnungslosen Erkenntnis löste sich eine einzelne Träne. Sie kullerte langsam über Funnys Wange und hinterließ einen sauberen, nassen Streifen in dem dunklen Ruß und Schmutz auf ihrem Gesicht.

Ihr letzter, liebevoller Gedanke, bevor der eiskalte Nebel der Ohnmacht sie erneut und dieses Mal vielleicht für immer verschlang, galt nicht sich selbst. Er galt ihren besten Freunden. Lily, die jetzt vermutlich vor Wut kochte, und Darin, der hoffentlich nicht den Verstand verlor. Und Ami und Ina… hatten sie es geschafft? Waren sie sicher durch das Portal gekommen?

Bitte…, dachte Funny schwach. Bitte seid in Sicherheit.

Dann wurde alles dunkel.

***

Der Morgen nach Amis und Inas Flucht begann ruhig im kleinen Häuschen von Adiuva et Protege.

Darin war schon in den allerfrühesten Morgenstunden wach gewesen und wortlos in seiner Werkstatt im Keller verschwunden. Dort packte er seine Ausrüstung. Und die Dinge, die er mit grimmiger Miene in seine schier unendliche Itembox stopfte, konnten einem Angst und Bange machen. Wer nicht wusste, dass der stille Elf mit der Brille einer der „Guten“ war, hätte ernsthaft glauben können, die Vernichtung der Welt stünde kurz bevor. Mächtige, hochexplosive Spreng-Runen. Verwandlungs-Siegel. Spezielle Runen für kontrollierte (und unkontrollierte) Gebäudeeinstürze. Massive Zertrümmerungs-Apparate. Toxische Verwirrungs-Runen und feinste magische Verfolgungssensoren. Es gab absolut nichts an feenländischer Kampftechnik, das nicht in die Dimensionstasche wanderte, die Darin ohnehin schon mehrfach erweitert hatte. Er bereitete sich nicht auf einen Ausflug vor. Er rüstete für den dritten Weltkrieg.

Auch Ami war früh aufgewacht. Der Schlaftrunk hatte gewirkt, sie hatte durchschlafen können. Ihr Weg führte sie direkt in die kleine WG-Küche. Mit großem Erstaunen stellte die Medizinstudentin fest, dass diese Küche auf den ersten Blick gar nicht viel anders aussah als ihre eigene im Hightech-Mekka Tokyo. Es gab einen Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine schnurrende Kaffeemaschine, einen Backofen und einen Geschirrspüler. Der einzige – und für das menschliche Auge sehr verwirrende – Unterschied war, dass absolut keines der Geräte ein Stromkabels besaß. Trotzdem leuchteten kleine Runen, Tasten blinkten fröhlich vor sich hin, im Ofen dufteten frische Brötchen und der Kaffee blubberte leise und perfekt temperiert in der Glaskanne.

Ami lächelte. Es war das erste Mal seit dem furchtbaren gestrigen Tag. Denn ihr Blick war auf die lustigen, magisch animierten Kühlschrankmagnete von Funny, Lily und Darin gefallen. Sie trat näher und strich vorsichtig über einen Magneten, der eine sichtlich erboste kleine Funny zeigte. Diese warf wild gestikulierend Fluch um Fluch in Richtung des Magneten einer kleinen Lily, die wiederum gerade fröhlich grinsend ein gesamtes Rosenfeld flambierte.

„Du kannst den Magneten gerne behalten“, ertönte eine leise, leicht kratzige Stimme hinter ihr.

Ami drehte sich um. Auch Lily war, völlig entgegen ihrer sonstigen, sehr ausgeprägten Langschläfer-Gewohnheit, bereits wach.

„Komm“, sagte Lily und rieb sich die Augen, „decken wir den Tisch für ein ordentliches Frühstück. Und dabei hören wir uns dann mal an, was unser Tech-Nerd letzte Nacht so ausgeheckt hat.“

Ami nickte dankbar. Zusammen mit Lily deckten sie den großen Küchentisch. Frische Brötchen, süßes Obst, dampfender Kaffee. Dazu spuckte der magische Kühlschrank bereitwillig alles aus, worauf man an einem Morgen, bevor man in die buchstäbliche Schlacht zog, Appetit haben könnte.

Gerade als die Brötchen knusprig aus dem Ofen schwebten, tauchte auch Darin aus dem Keller auf. Er sah aus, als hätte er die Nacht durchgemacht (was er hatte), aber sein Blick war messerscharf. Kurze Zeit später schlich auch Ina-chan mit hängenden Ohren in die Küche und gesellte sich zu ihnen.

Die vier setzten sich an den Tisch. Die drei Mädchen griffen nicht nach dem Essen, sondern starrten auffordernd und schweigend auf Darin.

Darin blinzelte hinter seiner Brille.

„Was?“

„Wie lautet dein Plan?“, fragte Lily ohne Umschweife.

Darin nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse hart ab und sagte mit todernster, fast eisiger Miene: „Wir stürmen rein, hauen alles kurz und klein, holen sie raus und verschwinden wieder.“

Lily seufzte laut auf und verdrehte die Augen.

„Nein. Das tun wir definitiv nicht. Das ist das, was ich tue, wenn ich mich am Samstagnachmittag langweile.“

Ami musste trotz der bedrückenden Situation unwillkürlich schmunzeln. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich diese beiden völlig unterschiedlichen Freunde verstanden und ergänzten.

Darin schob seine Brille hoch und wurde noch ein Stückchen ernster.

„Fakt ist: Wir haben heute um 10 Uhr eine Audienz bei Aurelia.“

Lily lehnte sich zu Ami hinüber und flüsterte ihr verschwörerisch zu: „Das ist unsere Kronprinzessin. Wichtige Dame mit Krönchen.“

Ami nickte ehrfürchtig.

Darin sprach konzentriert weiter.

„Kaelan organisiert die Audienz. Funnys Eltern sind bereits von mir informiert worden. Meine Itembox ist bis an den absoluten Rand gepackt mit Feuerkraft und Schilden…“

„Nein, Darin!“, unterbrach Ina-chan plötzlich und schlug mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. „Wir werden nicht Tokyo in seine Einzelteile zerlegen! Das ist meine Stadt! Wir finden Funny auch ohne flächendeckende Zerstörung!“

Lily musste grinsen, biss sich aber sofort auf die Unterlippe. Sie wusste genau, was im Kopf des Tech-Nerds vorging und dass Inas panischer Einwurf durchaus berechtigt war. Darin war gerade auf dem ‚Niemand-fasst-Funny-an‘-Kriegspfad. Er hielt sich alle, wirklich alle Optionen offen.

Darin räusperte sich und ruderte ein winziges Stück zurück.

„Fein. Also… Ich habe die letzten Koordinaten des Serverraums von gestern rekonstruiert. Wir öffnen ein Interdimensionales-Obser…“

„Ein unsichtbares Beobachtungsportal!“, grätschte Lily fröhlich dazwischen.

Darin funkelte sie an.

„Wir platzieren durch den Riss einen Optischen-Phasen-Detektor…“

„Eine Schau-Dich-Um-Rune!“, korrigierte Lily strahlend.

Spätestens jetzt musste auch Ina lachen, insbesondere bei Darins schmerzverzerrtem Gesicht, als Lily völlig unbewegt seine hochtechnologischen Bezeichnungen so elegant und kleinkindgerecht entschärfte.

Darin atmete tief durch die Nase ein.

„…eine Schau-Dich-Um-Rune, ja. Fein. Mit der wir uns zum einen völlig unbemerkt einen Überblick verschaffen und zum anderen ein präventives, kinetisches Schutzfeld aufbauen können.“

Er beugte sich über den Tisch.

„Und dann stürmen wir mit allem, was wir tragen können, hinein, sichern den Raum ab und planen den nächsten Schritt. Wie wir danach exakt weitermachen, um in dieses Portal-Netzwerk zu gelangen, das entscheidet sich nach der Audienz bei der Krone. Dort wird autorisiert, wie weit wir gehen dürfen.“

Lily tätschelte Darins Kopf, als wäre er ein braver Welpe.

„Ein wirklich toller Plan, Darin! Der könnte glatt von mir sein! Deine neue Rein-und-drauf-los-Taktik gefällt mir außerordentlich gut.“

Nun lachten alle am Tisch. Aber Ami, mit ihrer feinen, psychologischen Beobachtungsgabe, merkte sehr genau, dass die gespielte Fröhlichkeit von Lily und Darin nicht ihre Augen erreichte. Hinter dem Humor lauerte pure Verzweiflung. Ami konnte fast körperlich erahnen, wie sehr die beiden alle dunklen, panischen Gedanken tief in sich hineinstopften, um sich voll und ganz auf nur ein einziges Ziel zu fokussieren: Funnys Rettung.

„Eine Frage“, meldete sich Ami zaghaft. „Wie kommen wir eigentlich zu diesem Kronpalast?“

Darin bewegte seine Hand, ein blauer Kristall erschien.

„Mit einem Spatial-Inter-Trans…“

„Mit einem Hüpf-an-einen-bekannten-Ort-Kristall!“, rief Lily triumphierend wieder dazwischen.

Darin stützte den Kopf in die Hände.

„Über deine Bezeichnungen müssen wir echt einmal ernsthaft reden, Lily… Darf nicht eigentlich der Erfinder den Namen vergeben?!“

Ami schmunzelte.

„Ja, schon. Aber nur, wenn man sich beim Lesen nicht den Kiefer ausrenkt.“

„Gimme Five, Schwester!“, rief Lily begeistert und klatschte mit Ami ab.

Auch Ina lachte. Doch schnell wurde die kleine Fuchsgöttin wieder ernst.

„Wenn wir später in diesem Serverraum angekommen sind… ich glaube, ich müsste dort orten können, wo genau Funny festgehalten wird. Die göttliche Verbindung zu meiner Stadt und ihren Eindringlingen sollte mir den Weg weisen.“

Darin nickte langsam und prägte sich das ein.

„Das werde ich im Kopf behalten. Gut zu wissen.“

Er blickte auf die Uhr.

„Dreiviertel zehn. Wir müssen los.“

Er legte den Kristall im Wohnzimmer auf den Boden.

Lily bemerkte Amis zögerlichen Blick und erklärte sanft: „Das Prinzip ist das gleiche. Ein echtes Notfall-Portal schirmt aber bei der Öffnung die umgebende Gegend extrem stark magisch ab. Deshalb hatte der furchtbare Sog der Maschine auf euch beide plötzlich keine Wirkung mehr, als Funny den Kristall warf.“

„Genau“, ergänzte Darin sachlich. „Ein solcher Notfall-Kristall braucht Unmengen an reiner magischer Kraft in der Herstellung. Er ist wirklich nur als letzter Ausweg zu verwenden, da er die Dimensionalität zerreißt. Normale Transport-Portale wie dieses hier sind viel simpler und harmonischer… sofern das Ziel den Portal-Aufbau autorisiert hat. Bei uns sollte Kaelan am Palast dafür gesorgt haben.“

Lily erhob sich und schnappte sich ihre Naginata und liess sie mit einer eleganten Bewegung in Darins Itembox verschwinden..

„So! Jetzt lasst uns gehen. Die Aufstellung ist wie immer, auch wenn es bei Aurelia nicht notwendig ist: Ich gehe als Tank vor und sichere. Ina-chan, Ami-chan, ihr folgt direkt hinter mir. Darin geht zum Schluss. Da es sein Portal ist, schließt es sich automatisch, wenn er als Letzter hindurchgeschritten ist.“

Darin aktivierte den Kristall. Ein sanftes, himmelblaues Portal faltete sich wie eine blühende Blume lautlos auf. Mit entschlossenen Schritten schritten die Vier hindurch, bereit, den ersten Schritt zu Funnys Rettung zu gehen.

***

Ein normales, traditionelles Elfenportal basierte eigentlich auf der komplexen Theorie des sogenannten Elfensprungs. Blumenelfen waren von Natur aus in der Lage, augenblicklich an jeden Ort zu springen, an dem sie bereits einmal gewesen waren und an den sie sich lebhaft erinnern konnten. Doch Darin wäre nicht Darin, wenn er diese natürliche Gabe nicht analysiert, zerlegt und technisiert hätte. Er hatte die Theorie weiterentwickelt und den Hüpf-an-einen-bekannten-Ort-Kristall erfunden. Der unschlagbare Vorteil dieser Erfindung: Durch das Portal konnten auch „Mithüpfende“ reisen, die selbst weder über Magie verfügten noch Blumenelfen sein mussten. Der kleine Nachteil: Der Kristall war unweigerlich an die Erinnerung seines Erschaffers gebunden. Man konnte diese praktischen Dinger also nicht einfach im freien Handel auf dem Markt von Civitas Aurelia erwerben. Um das Portal zu öffnen, musste das Genie, das es gebastelt hatte, höchstpersönlich vor Ort sein.

Für Ami, die bis gestern nur vollgestopfte Tokyoter U-Bahnen und lange Flugstrecken gewohnt war, war diese Art des Reisens eine absolute Offenbarung. Ein einziger Schritt, kein greller Blitz, keine flauen Gefühle im Magen, keine komischen magischen Nebeneffekte – es war buchstäblich so, als würde man einfach durch eine Zimmertür schreiten.

Allerdings blieb Ami, kaum dass sie den Fuß über die Schwelle in den Audienzsaal der Kronprinzessin gesetzt hatte, wie angewurzelt stehen. Die schiere, erdrückende Pracht des gewaltigen Raumes, die marmornen Säulen, die von goldenem Licht umflossen wurden, raubten der Medizinstudentin völlig den Atem.

Dummerweise war Ina-chan direkt hinter ihr. Das kleine Fuchsmädchen prallte gegen Amis Rücken.

„Huch!“, machte Ina, geriet ins Straucheln und ruderte mit den Armen. Direkt hinter Ina schritt Darin durch das Portal.

Umpf!“, machte Darin.

Mit einem lauten Scheppern, das in dem majestätischen Saal furchtbar unangebracht widerhallte, purzelten die drei übereinander und landeten als verworrener Haufen aus Gliedmaßen, Fuchsohren und eienem flauschigen Fuchsschwanz auf dem glänzenden Marmorboden. Es dauerte eine peinlich lange Weile, ehe die drei alle Körperteile wieder auseinandersortiert hatten. Ami wurde knallrot, Ina rieb sich die Nase und Darin rückte seufzend seine Brille zurecht.

Lily, die ganz vorne stand, schlug schockiert eine Hand an ihre Stirn.

„Heilige Makrele!“, flüsterte sie entsetzt.

Eigentlich war das doch ihr Part! Sie war die Chaos-Queen der Gilde! Sie war diejenige, die sonst aus Versehen über rote Teppiche stolperte, bei plötzlicher Aufregung riesige, pieksige Superdornen im Thronsaal wachsen ließ oder mit einem ungeschickten Schwung ihrer Naginata die kostbaren Wandteppiche „umdekorierte“. Aber dass die anderen drei ein solches Slapstick-Intro im Audienzsaal der Kronprinzessin hinlegten, verletzte fast schon ihren Stolz.

Plötzlich erklang ein heller, freudiger Schrei vom Thronpodest. Lily drehte sich hastig um und hatte in der nächsten Sekunde bereits eine kleine Elfenprinzessin am Hals hängen. Lumina, die kleine Schwester von Kronprinzessin Aurelia, klammerte sich an sie wie ein Äffchen. Lumina hatte energisch und nachdrücklich darauf bestanden, an dieser Audienz teilzunehmen, als sie gehört hatte, dass ihre geliebte Funny vermisst wurde. Lilys Gesicht, eben noch schockiert, zierte sofort ein breites, strahlendes Lächeln. Sie erwiderte die Umarmung fest. Sie liebte die kleine Lumina wie eine eigene kleine Schwester, die mit einem durch dick und dünn gehen würde.

Dann erklang ein dezentes, aber absolut autoritäres Räuspern vom Thron. Alle Blicke richteten sich augenblicklich auf Aurelia. Die Kronprinzessin saß in majestätischer Haltung da, ihr Blick war eine Mischung aus royaler Strenge und tiefer, persönlicher Sorge.

Ami, die sich hastig aufgerappelt hatte, verbeugte sich sofort so tief, wie man es ihr in Japan beigebracht hatte. Ina-chan hingegen, die gerade den Staub von ihrem Kimono klopfte, sah zu Aurelia hoch und deutete nur ein entspanntes Nicken an.

Der Zeremonienmeister, ein hochgewachsener Elf mit einem sehr spitzen Kinn und noch spitzeren Ohren, schnappte empört nach Luft. Er plusterte sich auf, trat einen Schritt vor und holte tief Luft, um Ina wegen dieses eklatanten Bruchs der Etikette lautstark anzuzählen. Doch in genau diesem Moment erhob sich Aurelia von ihrem Thron. Sie schritt die Stufen hinab, blieb vor dem kleinen Fuchsmädchen stehen und verneigte sich ihrerseits sehr tief und respektvoll vor Ina.

Die Verwirrung des Audienzmeisters war komplett. Sein spitzes Kinn klappte nach unten. Offensichtlich hatte ihm niemand in seinem strengen Protokoll-Büro mitgeteilt, dass heute die frischgebackene Schutzgöttin Tokyos an der Audienz teilnehmen würde.

Aurelia ließ mit einem eleganten Winken ihrer Hand vier bequeme, gepolsterte Stühle erscheinen.

„Bitte, setzt euch“, sagte sie mit warmer Stimme, bevor sie selbst auf den Thron zurückkehrte. Darin, Ina, Ami und Lily nahmen Platz.

„Kaelan hat mich bereits umfassend informiert“, begann Aurelia. „Die Rettung von Funny hat höchste Priorität für die Krone. Alle Mittel, die unsere Welt zu bieten hat, sind euch hiermit offiziell erlaubt…“

Ina, die sofort wieder Darins furchteinflößende Rucksäcke voller Zertrümmerungs-Runen vor Augen hatte, riss die Hände hoch und wollte panisch Einspruch erheben, doch Aurelia, die die Lage perfekt las, setzte nahtlos fort: „…alle Mittel, die mit Ina-Kami als Schutzpatronin der Menschenstadt abgesprochen wurden!“

Ina atmete hörbar aus und lächelte erleichtert. Darins Equipment hatte ihr doch sehr zu denken gegeben.

Darin nickte ernst, stand auf und straffte die Schultern.

„Wir haben folgenden Plan, Eure Hoheit. Wir öffnen ein Observ…“

Ein sehr lautes, sehr unauffälliges Räuspern von Lily unterbrach ihn. Darin schloss kurz die Augen.

„…wir öffnen ein Schau-Dich-Um-Portal. Wir sichern den Raum ab und gehen dann rein. Dort übernimmt Ina-chan die Führung. Es muss eine kleine, schnelle, hochpräzise Mission sein. Wenn wir mit zu vielen Personen in Tokyos Geister-Ebene eindringen, laufen wir nur Gefahr, früher als nötig vom System des Yokai entdeckt zu werden. Unsere Taktik muss still, schnell und ohne jedes Aufsehen erfolgen. Lily sichert von vorne als Frontkämpferin. Ina-chan versteckt uns vor feindlichen Spürzaubern. Ami und ich nutzen in der Zwischenzeit die vor Ort befindlichen digitalen Strukturen, um Funny punktgenau zu lokalisieren.“

Aurelia hörte ihm aufmerksam zu.

„Der Plan ist riskant, aber schlüssig. Was braucht ihr von uns für dieses Unterfangen?“

„Magie-Speicher“, antwortete Darin sofort. „Wir müssen unter allen Umständen vermeiden, im entscheidenden Fall nicht mehr zaubern zu können oder unsere eigenen Kräfte zu erschöpfen.“

Ein Raunen ging durch den Saal. Magiespeicher waren in Feenland unglaublich selten. Was in der Menschenwelt simple Batterien waren, waren Magiespeicher für Zauberer. Aber sie waren rar, denn auch wenn Feenland ein durch und durch magisches Land war – nur sehr wenige Einwohner besaßen einen Magiekern, den man einfach so anzapfen konnte, ohne Gefahr für Leib und Leben zu riskieren. Zapfte man zum Beispiel einer Blumenelfe ihre Magie ab, saugte man ihr unmittelbar das Leben aus den Adern. Darin hoffte insgeheim auf einen, wenn er Glück hatte vielleicht sogar zwei dieser kostbaren Speicher.

Aurelia gab Kaelan ein Zeichen. Der nickte und ging zum Lagermeister des Palastes. Dieser trat wenig später mit einem samtbezogenen Kissen vor die Kronprinzessin. Darauf ruhten nicht einer, nicht zwei, sondern drei gewaltige, hell leuchtende Speicherkristalle, prall gefüllt mit reinster Magie.

Darin stockte der Atem. Als er das Kissen entgegennahm, realisierte er in vollem Ausmaß, wie unendlich wichtig der Kronprinzessin ihre tapferen Wächter waren. Es war ein unbezahlbares Vermögen, welches urelia ihnewn zur Verfügung stellte. Er verneigte sich besonders tief und ehrfürchtig vor Aurelia.

Aurelia sah die vier an, und für einen Moment war sie keine Kronprinzessin, sondern einfach eine Freundin, die sich Sorgen machte.

„Nun geht“, sagte sie leise, aber mit fester Stimme. „Und bringt mir unsere Funny zurück!“

Darin umklammerte die Kristalle, zog einen weiteren Sprung-Stein aus der Itembox und öffnete erneut ein Portal. Die vier Helden schritten hindurch, bereit für das Unmögliche und kehrten in ihr WG-Häuschen zurück, um sich für die Schlacht zu rüsten.

***

Kaum waren sie durch das Portal zurück in das heimische Wohnzimmer ihres WG-Häuschens getreten, begann Darin sofort mit den Vorbereitungen. Ohne ein Wort zu sagen, schaffte er Platz im Wohnzimmer und baute drei fußballgroße, gläserne Apparate auf, die leuchtenden Kristalle enthielten: Magie-Resonanz-Induktoren.

Ami beugte sich fasziniert darüber und schaute hochinteressiert zu, wie Darin winzige Kristalle in den Fassungen überprüfte und teilweise austauschte.

Darin fühlte sich in seinem Element und erklärte von ganz allein: „Wenn wir ein Portal exakt an einem Ort aufbauen wollen, dessen Struktur bereits zusammengebrochen ist, müssen wir über eine klassische Triangulation mit den bekannten letzten Koordinaten eine punktgenaue Phasen-Interferenz aufbauen. Dadurch…“

„LANGWEILIG!“, rief Lily plötzlich von der anderen Seite des Raumes und hielt sich demonstrativ die Ohren zu. „Will irgendjemand einen Kaffee, bevor der Tech-Nerd hier jemanden mit seiner Akademie-Vorlesung in ein tödliches Koma quatscht?“

Da niemand protestierte und insgeheim jeder eine Dosis Koffein vertragen konnte, beschäftigte sich Lily mit der Kaffeemaschine. Was glücklicherweise nicht in einer epischen Schlacht mündete, weil man an der magischen Maschine tatsächlich nur einen einzigen, leuchtenden Knopf drücken musste.

Darin, völlig unbeeindruckt von Lilys Ausbruch, fuhr exakt an der Stelle fort, an der er unterbrochen worden war, als wäre nichts gewesen: „…öffnet sich das Portal erneut. Es ist dann aber extrem instabil, weil der Riss von der Gegenseite nicht gehalten wird.“

Ami hatte währenddessen ihren kleinen Taschencomputer gezückt. Ihre Finger flogen über die Tasten, Zahlenreihen und Graphen spiegelten sich in ihren Augen. Nach ein paar Minuten tippte sie mit dem Stift auf den Bildschirm und sagte vorsichtig: „Darin? Das Portal wird wesentlich stabiler, wenn du die Triangulation verdoppelst. Ein weiterer, zentraler Induktor in der Mitte sollte die Synchronisation der Frequenzen übernehmen. Schau mal hier… die magische Wellenlänge verhält sich fast wie ein elektromagnetisches Feld im Vakuum.“

Darin hielt mitten in der Bewegung inne und warf einen erstaunten Blick auf Amis schnelle Berechnungen. Seine Augen weiteten sich. Er rechnete die Formel im Kopf nach.

„Bei allen Zahnrädern…“, murmelte er ehrfürchtig. „Machen wir es genauso.“

Er holte schnell vier weitere Induktoren aus seiner Itembox heraus. Kaum waren diese im Raum aufgestellt und nach Amis Berechnungen exakt ausgerichtet, begann die Luft in der Mitte des Wohnzimmers bereits hörbar zu knistern. Ein unsichtbares Feld baute sich auf.

Mit einem tief anerkennenden Blick sah Darin Ami an.

„Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du genial bist? Du bist absolut genial!“

Ami lief leicht rot an und strich sich eine Strähne hinter das Ohr.

„Och… naja… Physik und Mathe eben.“

Darin wandte sich an Lily und Ina, die am Küchentresen standen.

„So! Wir haben jetzt exakt fünf Minuten Kaffeepause. Dank Amis brillanter Idee wird das Aufladen des Portals viel schneller und stabiler gehen. Also, Lily, wie sieht’s an der Kaffeefront aus?“

Lily stand vor der schnurrenden Kaffeemaschine und knurrte unwirsch.

„Diese Höllenmaschine hat sich gegen mich verschworen! Sie blubbert nur, dampft vor sich hin, spuckt aber keinen einzigen Tropfen Kaffee aus! Magie ist blöd!“

Darin seufzte tief, trat neben sie, lehnte sich an die Theke und sagte mit maximaler Trockenheit: „Vielleicht… und das ist jetzt nur so eine ganz wilde Theorie… klappt es, wenn du einmal Tassen drunterstellst?“

Lily erstarrte. Sie blickte auf das leere Gitter unter dem Ausguss. Dann wurde ihr Gesicht fast so rot wie ihre Haare. Sie schnappte sich wütend vier Tassen aus dem Schrank, knallte sie unter die Maschine und murmelte giftig vor sich hin: „Vielleicht wenn du Tassen drunterstellst… ja, ja, ja, Herr Schlaumeier… Elfenkriegerinnen trinken normalerweise aus den Schädeln ihrer Feinde und nicht aus Blümchentassen…

Das Eis war gebrochen. Nach ein paar herzhaften Lachern (die Lily mit tödlichen Blicken quittierte) war der dampfende Kaffee verteilt und in wenigen, großen Zügen getrunken.

Einer nach dem anderen begannen die sieben Induktoren im Wohnzimmer in einem satten, kräftigen Grün zu pulsieren. Das Summen im Raum schwoll zu einem tiefen Bass an.

Darin trat vor, holte einen unscheinbaren, glasklaren Kristall aus der Tasche – die von Lily liebevoll benannte Schau-Dich-Um-Rune – und warf ihn mitten in die wirbelnde Energie des Risses. Das Portal, das eben noch wie ein grüner Nebel ausgesehen hatte, wurde augenblicklich durchsichtig. Es spannte sich auf wie eine absolut klare Glasscheibe, die mitten im Raum schwebte.

Die vier traten dicht heran und musterten den dahinterliegenden Raum. Darin schob seine Brille hoch und runzelte die Stirn.

„Ein Serverraum? Bist du sicher, Ami?“

Ami starrte völlig verblüfft durch die magische Scheibe.

„Da… da ist nichts. Nur ein komplett leerer Raum.“

Der gigantische, monolithische Main-Server, der die rote Energie gebündelt und Funny in sich hineingesaugt hatte, war verschwunden. Keine Kabel, keine Bildschirme, kein rotes Pulsieren. Nur kahler, dreckiger Beton, der aussah, als wäre der Raum seit dreißig Jahren unberührt geblieben.

„Sie haben abgebaut und sind geflohen, als sie gemerkt haben, dass wir das Netz kappen“, schlussfolgerte Ami düster.

„Dann lasst uns sofort hineingehen und nach Spuren suchen!“, sagte Ina-chan drängend. Die Fuchsohren auf ihrem Kopf zuckten nervös.

„Moment“, hielt Darin sie zurück und hob eine Hand. „Wir stürmen nicht blind. Zuerst ein kinetisches Schutzschild. Es hält durch meine Induktoren zwar nicht lange auf der anderen Seite, sichert aber unser Eintreten gegen versteckte Sprengfallen ab.“ Er flüsterte eine kurze, scharfe Formel und eine blaue Energiewelle legte sich wie eine Haut über das Portal.

Lily nickte zustimmend. Dann zog sie mit einer fließenden Bewegung ihre Naginata vom Rücken. Das silbrig-blaue Metall der Klinge blitzte gefährlich auf. Die lustige, kaffeekochende Elfe war verschwunden. Der S-Rang-Tank der Wächtergilde war nun im Dienst.

„Ich gehe vor“, befahl Lily mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Ina-chan, du folgst direkt hinter mir und hältst die Spürzauber fern. Dann du, Ami-chan. Und du, Darin, sicherst wie üblich unseren Rücken und hältst das Portal offen.“

Alle nickten stumm. Der Ernst der Lage hing wieder schwer in der Luft. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, umfasste Lily den Schaft ihrer Waffe fester und schritt entschlossen durch das grüne Portal in die Dunkelheit Tokyos.

Fortsetzung folgt…

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