…Fortsetzung von Revolution im Louvre
Die gespenstische Stille im Saal der „Freiheit“ wurde nur vom leisen, hochfrequenten Surren von Darins Scanner durchbrochen. Nach dem Beinahe-Desaster mit Lily war die Stimmung in der Gruppe angespannt.
Darin blickte auf den Scanner, dessen Display in einem unruhigen Rot leuchtete. Sein Blick war so kalt und fokussiert, wie Funny ihn selten zuvor gesehen hatte.
„Folgt mir“, sagte er knapp.
Sie formierten sich sofort. Darin ging voran, das leuchtende Gerät wie einen Kompass vor sich hertragend. Funny und Lily flankierten ihn mit gezogenen Waffen – Funnys blaue Dolche schimmerten eisig, während Lily ihre Naginata kampfbereit in den Händen rotieren ließ. Francois bildete die Nachhut.
Sie bewegten sich lautlos durch den gigantischen Hauptgang des Louvre. Darin wich nicht ein einziges Mal vom Korridor ab. Er verhielt nur vor jedem neuen Saal für einen winzigen Moment, scannte die Umgebung, schüttelte den Kopf und schritt zielstrebig weiter.

Francois tippte nervös auf seine Baskenmütze.
„Sacrebleu, mon ami“, flüsterte er und versuchte, mit Darins langen Schritten Schritt zu halten. „Wie stark ist diese Spur? Ist es… ist es sehr dangereux?“
Er wollte eigentlich noch viel mehr fragen, aber als er Darins Profil sah – den starr nach vorn gerichteten Blick, die vor Konzentration zusammengebissenen Zähne – wagte er es nicht, weiter zu stören. Funny und Lily sicherten die Seitenränder der Gänge, ihre Augen glitten über die unbezahlbaren Statuen und dunklen Nischen, als würden sie jederzeit einen Angriff erwarten.
Schließlich blieben sie in einem von kaltem Neonlicht erhellten Treppenhaus stehen.
Darin blickte auf das Display, dann auf die Treppenstufen, die in die Tiefe führten.
„Wohin führt diese Treppe?“
Francois trat vor und beugte sich über das Geländer.
„Ah, alors. Zum einen gibt es ‘ier einen Personaleingang, der zurück zum großen Eingangssaal unter der Pyramide führt. Aber es geht auch noch deutlich tiefer ‘inab.“
Darin nickte langsam, während er den Scanner senkte.
„Als wir vorhin zum Saal der ‚Freiheit‘ gegangen sind, waren die Wände überall voll von magischen Anomalien. Kleine Echos, Risse. Aber jetzt? Sie sind alle erloschen. Und das irritiert mich massiv.“
„Warum?“, fragte Lily und lugte über das Treppengeländer in die Dunkelheit. „Ist doch super, wenn der Dreck weg ist!“
„Nein“, erklärte Darin düster. „Es gibt nur eine mir bekannte Erklärung dafür. Der Urheber hat sich zurückgezogen und zeitgleich mit ihm sind auch die Anomalien erloschen. Das bedeutet, er hat sie aktiv aufrechterhalten. Anomalien durch einen andauernden, konstanten Magiefluss am Leben zu halten… das ist extrem fortgeschrittene Magie. Wir haben es hier mit keinem Anfänger zu tun. Er WILL, dass wir ihn finden.“
Funny verschränkte die Arme und sah die Treppe hinab.
„Lasst uns der verbliebenen Spur einfach vorsichtig weiter folgen. .“
„Wir gehen erst, wenn wir sicher sind, dass es absolut keine Spuren mehr gibt!“, warf Lily plötzlich mit unerwarteter Ernsthaftigkeit ein. Sie stieß das Ende ihrer Naginata auf den Boden. „Auf der Akademie hat Fennja immer gesagt: ‚Lasse niemals einen Feind im Rücken. Er wartet nur darauf, dass du dich abwendest.‘“
Funny und Darin drehten sich langsam zu ihr um und starrten sie mit großen Augen an.
Lily verschränkte die Arme und wurde leicht rot.
„Was guckt ihr so?! Ich hab auch ab und an mal bei den Vorlesungen aufgepasst! Nicht immer, aber… manchmal!“
Funny lächelte warm, trat auf Lily zu und schloss sie in eine feste Umarmung.
„Du bist unser Anker, Li-chan.“
Lily war gerührt, schniefte leise und klopfte Funny etwas unbeholfen auf den Rücken.
„Ja, ja, ist gut jetzt mit der Kuschelei. Ich hab noch eine Rechnung mit diesem Terpentin-Fritzen offen.“
Darin schob seine Brille hoch.
„Kommt! Es geht nach unten.“
Sie stiegen die Treppen hinab. Der Luxus der oberen Etagen wich bald nacktem Beton und stählernen Geländern.
„‘ier ist die Tür zur Eingangshalle“, flüsterte Francois und deutete auf eine schwere Brandschutztür auf dem ersten Absatz.
Darin schüttelte den Kopf und sah auf sein Display.
„Nein. Wir müssen tiefer hinunter. Was kommt jetzt?“
Francois räusperte sich.
„Der Louvre ‘at fünf Besucher-Ebenen, zwei davon sind unterirdisch. Und dann kommen die Bereiche, die für das Publikum strictement interdit sind – strengstens verboten. Technik-Räume und riesige Lagerräume. Das dritte Untergeschoss ist ein weitverzweigtes Labyrinth. Allerdings sind die meisten Depot-Räume dort mittlerweile leer.“
„Leer? Warum?“, fragte Funny.
„Wenn die Seine mal ‘ochwasser ‘at, sind diese Räume zu gefährdet. Niemand lagert einen da Vinci im Matsch! Und dann gibt es ganz unten noch das Parkhaus. Die vierte Ebene wird zum Beispiel für abgeschleppte Fahrzeuge reserviert.“
Sie stiegen weiter in die Tiefen des Louvre hinab. Die Luft wurde kühler, roch nach feuchtem Stein, Öl und altem Staub. Vier Etagen später endete das reguläre Treppenhaus scheinbar in einer Sackgasse aus grauem Beton.
„So“, sagte Lily und stemmte die Hände in die Hüften.
„Hier soll eigentlich Schluss sein. Aber da ist noch eine Tür.“
Sie zeigte auf eine große, massive und verwitterte Holztür.

„Uhhhh… die sieht aber alt aus.“
Francois starrte auf die kahle Wand und riss die Froschaugen auf. „Mon Dieu! Du kannst sie se’en? Dann sind die Gerüchte wahr! Es gibt also ein weiteres Untergeschoss. Ich sehe nämlich nur eine Wand!“
Darin wandte den Blick nicht von seinem Scanner.
„Wir sind magische Lichtwesen, Francois. Natürlich sehen wir, wenn irgendwo eine Magie-Barriere über die Realität gelegt wurde. Das ist für uns wie ein leuchtendes Neonschild.“
Funny trat näher an die Tür heran.
„Wohin führt sie?“
Francois rieb sich nervös die feuchten Hände.
„Das wissen wir nicht. Wir haben nur Vermutungen. ‘ier beginnt auch das unerschlossene, historische unterirdische Paris. Die Katakomben, alte Schmugglertunnel… es ist ein Netz, das älter ist als das Museum selbst.“
„Dann lasst uns weitergehen“, sagte Darin pragmatisch.
„Non, non, non!“, protestierte Francois aufgeregt und wedelte mit den Händen. „Das ist viel zu gefährlich! Wir dürfen da nicht unvorbereitet rein! Außerdem hat die Leitung verboten, unerschlossene Räume zu betreten. “
Doch der Forscher in ihm kämpfte sichtlich gegen die Furcht an. Er schwitzte vor Aufregung, denn natürlich wollte er unbedingt wissen, was sich hinter dieser mysthischen Tür verbarg.
Lily lachte auf, als könne sie seine Gedanken lesen.
„JETZT wird es spannend! Verboten ist immer spannend. Darin? Darf ich sie eintreten?“
„Nein, Lily, keine Gewalt“, sagte Darin und zog ein kleines, goldenes Runenplättchen aus seiner Itembox. „Hier. Mit diesem Siegel öffnen und schließen wir die Tür, ohne dass es jemand mitbekommt. Kein Alarm, keine Spuren.“
Lily zwinkerte dem zitternden Francois zu.
„Verbote sind was für Verlierer. Es gibt sowieso nur ein einziges echtes Verbot auf der Welt, Fröschlein: Sich nicht erwischen lassen.“
„Los jetzt!“, drängte Darin. „Die Spur flackert. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, wir dürfen daher keine Zeit verlieren.“
Er presste das Siegel gegen das alte Holz. Ein leises Klicken erklang, als würden unsichtbare Zahnräder ineinandergreifen und die schwere Tür schwang völlig geräuschlos nach innen auf.
Dahinter lag… ein moderner, hell erleuchteter Flur. Weiß gestrichene Wände, glänzender Linoleumboden, grelles Neonlicht. Endlos lang. Dafür, dass angeblich kaum jemand hier hinunterkam, war er absurd sauber.
Funny blieb auf der Schwelle stehen und schüttelte den Kopf.
„Magische Verzerrung. Das ist kein Gang. Das ist eine optische Lüge.“
„Korrekt“, bestätigte Darin. „Es ist eine Schwelle. Erst wenn wir alle den Gang betreten haben und die Tür hinter uns zufällt, wird der Raum seine wahre Natur enthüllen.“
Francois schluckte schwer.
„Ne va-t-on pas se perdre? Werden wir uns nicht verlaufen in dieser… Illusion?“
„Ich zeichne unseren Weg elektronisch auf“, sagte Darin und tippte auf sein Gerät. „Vor dem Verlaufen würde ich mir keine Sorgen machen.“
Den nächsten Satz – „Sondern eher vor dem, was uns erwartet“ – murmelte er jedoch nur leise in seinen nicht vorhandenen Bart, um den Froschmenschen nicht völlig in Panik zu versetzen.
Lily hatte es dank ihres feinen Elfengehörs trotzdem verstanden. Mit festem Griff umfasste sie ihre Naginata, ihre Augen funkelten angriffslustig.
„Los, los, los! Reingehen! Heute wird früh gegessen und vorher will ich noch einen Fälscher verprügeln!“
Sie traten über die Schwelle. Francois schloss als letzter auf und die Tür fiel mit einem weichen Klicken ins Schloss.
Im selben Augenblick erlosch das moderne Neonlicht mit einem abrupten ZAPP.
Die weißen, sauberen Wände zerfielen wie trockene Asche im Wind. Eiskalt schlug ihnen stattdessen der modrige Geruch von uraltem Gestein und feuchter Erde entgegen. An den Wänden flammten mit einem unheimlichen Zischen Fackeln auf, deren rußiges Licht grob behauene Felsen erhellte.
Aus dem endlosen, modernen Gang war eine gewaltige, kreisrunde Kaverne geworden.
Der Raum war groß. Und an den runden Steinwänden befanden sich viele Türen. Keine Nummerierung. Keine Schilder. Keine Unterscheidungsmerkmale. Es waren allesamt schwere, dunkle Holztüren mit massiven, angelaufenen Metallbeschlägen.

„Willkommen im echten Untergrund“, flüsterte Funny.
Darin ignorierte die bedrückende Atmosphäre. Er hielt seinen Scanner hoch, drehte sich einmal um die eigene Achse und ging dann zielgerichtet auf eine ganz bestimmte Tür auf der rechten Seite zu.
Er legte die Hand auf die Klinke und drückte. Nichts passierte.
Er drückte fester. Er zog sein bestes Runenplättchen aus der Itembox und drückte es gegen das Schloss. Das Plättchen leuchtete kurz blau auf, funkelte schwach – und erlosch dann mit einem zischenden Geräusch, als hätte jemand Wasser auf heiße Kohlen gegossen.
Darin trat einen Schritt zurück und runzelte die Stirn.
„Verschlossen. Und ich meine richtig verschlossen. Selbst meine stärksten Dechiffrier-Runen werden einfach absorbiert. Wer auch immer dahinter ist, will absolut sichergehen, dass wir nicht hineinkommen.“
Die Luft in der kreisrunden Kaverne war schwer und roch nach jahrhundertealtem Staub. Während Darin noch immer ratlos vor der fest verschlossenen Tür stand, ließ Francois seine Neugierde siegen. Er trat an eine der anderen massiven Holztüren heran und drückte vorsichtig die Klinke hinunter.
Zu seiner eigenen Überraschung schwang sie fast lautlos auf. Ein eisiger Windstoß peitschte ihm direkt ins Gesicht, begleitet vom dichten Treiben dicker Schneeflocken.
„Sacrebleu!“, rief Francois, riss die Froschaugen weit auf und prallte stolpernd zurück. Er blickte direkt auf die bunten, schneebedeckten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale.
„Moskau! Der Rote Platz! Im tiefsten Winter!“
Bevor ihm die Finger abfrieren konnten, warf er die Tür mit einem lauten Knall wieder zu.
Lily hatte das Schauspiel beobachtet.
„Oh, lass mich auch mal!“
Sie flitzte zur gegenüberliegenden Wand, riss eine Tür auf und kniff sofort die Augen zusammen. Ein flirrend heißer Wind, der nach Sand und trockener Hitze schmeckte, schlug ihr entgegen.
„Uhhhh… heiß“, kommentierte Lily trocken und fächelte sich mit der Hand Luft zu. „Ne Wüste. Ziemlich viel Sand. Sehr langweilig. Nächste!“
Francois, nun völlig im Entdeckerwahn, öffnete rasch drei weitere Türen.
„Incroyable! London! Rio! Oh, und das ‘ier sieht aus wie… Venedig? Ja, ich rieche das Wasser!“
Alle Türen boten direkte Ausgänge in die verschiedensten Winkel der Menschenwelt.
Lily stieß die nächste Tür auf. Ein sanfter Duft nach Kirschblüten und Räucherstäbchen wehte herein.
„Hey, schaut mal! Ein japanischer Schrein! Wie schön. Da muss ich hin!“

Sie hob den Fuß und wollte gerade schwungvoll über die steinerne Schwelle treten, als Darins sie festhielt.
„HALT!“
Lily erstarrte mitten in der Bewegung. Darin schob sich seine Brille auf die Nase, der Scanner , der wieder in seiner Hand war, summte warnend.
„Nicht einen Schritt weiter, Lily! Das könnten funktionierende Portale sein… oder tödliche Fallen. Wir wissen nicht, ob die Ansichten hinter den Türen real sind oder ob das nur Illusionen sind, die dich ins Nichts saugen, sobald du die Schwelle übertrittst.“
Funny trat neben Darin und legte nachdenklich den Finger an die Lippen.
„Ist das nicht merkwürdig? Jede beliebige Tür hier unten öffnet sich wie von selbst. Jedes Ziel wird uns auf dem Silbertablett präsentiert. Nur die eine Tür, durch die unsere Spur führt, bleibt verschlossen.“
Darin starrte auf das massive Holz vor ihm. Er dachte nach. Magie, die auf mechanische Kraft oder Entschlüsselungs-Runen nicht reagierte. Ein Raum voller offener Alternativen. Dann fiel sein Blick auf Lily, die aus purer Ungeduld bereits wieder an der Klinke der verschlossenen Tür rüttelte und leise vor sich hin fluchte. Ein winziges Lächeln zuckte um Darins Mundwinkel. War es wirklich so simpel? Intentions-Magie?
Er ließ die Schultern hängen, steckte den Scanner mit einer übertrieben resignierten Geste in die Itembox und seufzte laut.
„Tja, da kann man nichts machen. Ach was, lasst uns zurückgehen. Wir haben einfach nicht die richtige Ausrüstung für so ein hochkomplexes Schloss. Mission abgebrochen.“
Funny drehte den Kopf und sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Sie kannte Darins Pokerface in- und auswendig. Er gab niemals auf, wenn es um ein technisches oder magisches Problem ging.
Lily hingegen, die gerade wieder mit beiden Händen die Klinke hinunterdrücken wollte, explodierte formförmlich.
„WAAAS?!“, schrie sie und wirbelte zu Darin herum, ohne die Türklinke loszulassen. „Du willst aufgeben?! Weil dir ein Stück Holz im Weg ist?! Hast du zu viel von dem Terpentin-Nebel eingeatmet?! Wir gehen erst, wenn ich diesem Fälscher meine Naginata in den…“
KLICK.
Das Geräusch war leise, aber in der stillen Höhle unüberhörbar. Die Klinke, die Lily noch immer umklammerte, hatte nachgegeben. Die schwere Tür schwang sanft nach außen auf.
Darin stürzte sofort wieder vor, ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.
„Perfekt. Umgekehrte Psychologie.“
„Wie bitte?“, fragte Francois verwirrt.
„Das Schloss reagierte auf unsere Absicht“, erklärte Darin schnell. „Alle Türen, durch die wir eigentlich nicht wollten, haben sich bereitwillig öffnen lassen. Die Magie hier blockiert das Verlangen. Als Lily dachte, ich würde aufgeben, und sich vor Wut zu mir umdrehte, war ihr Fokus für eine Millisekunde nicht mehr darauf gerichtet, die Tür zu durchbrechen. Die Absicht war weg – und das Schloss hat sich entriegelt. Irgendwer spielt hier ein sehr, sehr perfides Spiel mit uns.“
Er trat an die geöffnete Schwelle. Das Licht dahinter war grell.
„Eine Großstadt.“
„Lass mal se’en!“, rief Francois und quetschte sich an Darin vorbei. Er blinzelte in die Häuserschluchten, auf gelbe Taxis, die an ihnen vorbeirauschten, und auf gläserne Wolkenkratzer.
„Mon Dieu! Das ist New York! Wir blicken direkt auf die 53rd Street. Das ist in der Nähe des MoMA! Des Museum of Modern Art!“

Funny verschränkte die Arme, ihre strategischen Zahnräder ratterten.
„Wir sollen also nach New York gelockt werden. Direkt ins MoMA. Das würde passen. Wenn er alte Meister manipulieren kann… was stellt er dann erst mit moderner Kunst an?“
Lily, deren Wut komplett von purer Abenteuerlust weggespült worden war, strahlte über das ganze Gesicht.
„New York! Davon hab‘ sogar ich schon einmal was gehört. Big Apple! Hotdogs! Na, dann los!“
Noch bevor jemand blinzeln konnte, rief sie „ACTION!“, sprang an Darin vorbei, hechtete durch das Portal und verschwand in der flirrenden Luft Manhattans.
„LILY! NEIN!“, schrien Darin und Funny völlig synchron und erschrocken auf. Die Portalmagie flackerte bedrohlich schwarz. Ohne eine einzige Sekunde zu zögern, stürzten sich die beiden Blumenelfen hinterher ins grelle Licht, um ihre tollkühne Freundin zu retten.
Kaum hatten Funnys nackte Füße die Schwelle überschritten, schlug die massive Holztür mit einem ohrenbetäubenden KRAAABUMMM zu.
Francois, der sich gerade wieder vorlehnen wollte, knallte mit seiner breiten Froschnase voll gegen das harte Holz.
„Aïe! Merde!“, fluchte er und taumelte zurück. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, durch heftiges Blinzeln die tausenden kleinen Sternchen zu vertreiben, die vor seiner Netzhaut tanzten.
Als er die Augen wieder öffnete, war es schwarz. Nicht einfach nur dunkel. Es war eine absolute, erdrückende, tintenartige Schwärze. Die Fackeln in der Kaverne waren erloschen. Panik stieg in Francois auf. Er glaubte erst, er sei erblindet, doch dann entdeckte er in der totalen Finsternis etwas: Einen winzigen, sanft pulsierenden, goldenen Lichtpunkt.
Mit zitternden, vorgehaltenen Händen tastete er sich blind auf das Licht zu. Es war das Runen-Siegel, das Darin vorhin auf das Schloss der Eingangstür gedrückt hatte, um sie lautlos hinter sich zu schließen. Die Magie des Elfen leuchtete ihm den Weg aus der Dunkelheit. Francois tastete fahrig über das Holz, bis er die Klinke fand. Er drückte sie hinunter, warf sein Gewicht gegen die Tür und stolperte vorwärts.
Er fiel fast auf die Knie – und befand sich plötzlich wieder auf dem vertrauten Treppenabsatz des Louvre. Das grelle Neonlicht brannte in seinen Augen. Er blickte über die Schulter zurück. Hinter ihm fiel die schwere, verwitterte Brandschutztür leise ins Schloss. In demselben Moment erlosch Darins goldenes Siegel und löste sich in feinen Staub auf. Von dem endlosen Gang, den Fackeln oder der Kaverne der Türen war nichts mehr zu sehen. Es war wieder nur eine kalte Betonwand im Keller eines Museums.
Francois Herz raste. Er stürzte die Treppen hinauf, so schnell ihn seine Beine trugen. Er musste zu den Büros der Direktion. Er musste Kaelan finden!
Auf halbem Weg, im ersten Untergeschoss, kam ihm die imposante Gestalt des Anführers der Wächter bereits entgegen. Kaelan stutzte, als er Francois in heller Panik auf sich zustürzen sah.
„Kaelan! C’est une catastrophe! Sie sind weg! Das Portal! New York!“, sprudelte es aus Francois heraus.

Kaelan hob abwehrend die Hände. Mit seiner unerschütterlich ruhigen Art trat er auf den Froschmenschen zu und legte ihm beide Hände fest auf die Schultern. Die Berührung allein schien eine erdende, beruhigende Wirkung zu haben.
„Francois“, sagte Kaelan mit tiefer, fester Stimme. „Erst atmen. Dann überlegen. Und dann sprechen. Erzähl mir: Wo sind Darin, Funny und Lily?“
Kaelans Aura wirkte Wunder. Francois Brustkorb senkte sich. Er atmete tief ein und erzählte so präzise er konnte, was in dem geheimen Untergeschoss passiert war. Das Tür-Rätsel, New York, Lilys Sprung, die zugefallene Tür.
Kaelan nickte ernst und ging gemeinsam mit Francois sofort das Treppenhaus hinab. Doch als sie an dem Absatz hinter der Tiefgarage ankamen, war da nichts. Keine weitere Treppe. Kein verborgenes Tiefgeschoss. Und erst recht keine alte, hölzerne Tür. Nur eine solide, graue Betonwand.
Kaelan berührte den kalten Beton.
„Verstehe.“
„Aber… aber sie war doch genau ‘ier!“, rief Francois verzweifelt und tastete die Wand ab. „Darin ‘at sie geöffnet!“
„Funny und ihre Freunde sind Licht…“, begann Kaelan.
„…wesen!“, fiel ihm Francois ins Wort.
Seine Stimme überschlug sich fast vor Sorge.
„Ich weiß! Im Gegensatz zu uns können sie magische Abschirmungen se’en und durchschreiten! Aber was machen wir jetzt? WAS MACHEN WIR JETZT?! Sie sind auf der anderen Seite der Welt, in einer Falle!“
Kaelan blieb die Ruhe selbst.
„Was hat Darins Sensor gemeldet, bevor sie durch die Tür sind?“
„Sensor? Hein?“, machte Francois verständnislos.
„Darins Messgerät“, präzisierte Kaelan. „Hat er noch Anomalien auf der Treppe oder im Gang gezeigt?“
„Ach so! Non, non. Es war alles weg. Er sprach von einer extrem fortgeschrittenen Magie, weil der Urheber seine Spuren komplett ausgelöscht ‘at.“
Kaelan verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
„Gut. Dann sind wir hier im Louvre erst einmal fertig. Die magische Ebene dieses Gebäudes weiter zu untersuchen, kann warten, wenn die Spur ohnehin kalt ist. Wir geben den dreien etwas Zeit.“
„Zeit?!“, quietschte Francois.
„Wir holen Verstärkung und untersuchen diesen ‚Portalraum‘ später, wenn wir eine eigene Bresche schlagen können“, entschied Kaelan. „Bis wir auf dem üblichen Weg in New York sind, wird es dauern. Die Drei sind jetzt auf sich allein gestellt.“
Er sah die Sorge im Gesicht des Franzosen und lächelte sanft.
„Funny ist dabei. Und Darin. Sie haben schon Schlimmeres überstanden. Sie werden das schaffen.“
Die beiden gingen langsam die Treppen wieder nach oben. Kaelan verabschiedete sich kurz darauf, versammelte seine eigene Gruppe, die gerade den Saal der „Freiheit“ endgültig gesichert hatte und traten den Heimweg nach Feenland an, um ihren nächsten Zug zu planen.
Francois blieb allein im Büro der Direktion zurück. Er schüttelte energisch den Kopf, rieb sich noch einmal die schmerzende Nase und schloss die Tür von innen ab.
„Bon“, murmelte er grimmig. „Wenn ich auch nicht zaubern kann, dann kann ich wenigstens lesen.“
Er fuhr den Computer hoch, stapelte alte Grundrisse des Louvre auf seinen Schreibtisch und begann, fieberhaft alle Informationen über versteckte Katakomben, alte Baupläne und mystische Räume unter Paris zu suchen, die man nur finden konnte. Er würde seine neuen Freunde nicht im Stich lassen.
Der Schock saß tief. Einen Wimpernschlag lang fühlte sich der Übergang an wie ein Sprung durch eine eiskalte, klebrige Membran.
Darin und Funny purzelten fast zeitgleich durch das Portal und prallten mit einem dumpfen Umpff! direkt gegen Lilys Rücken.
Die rothaarige Elfe war auf der anderen Seite wie angewurzelt stehen geblieben und drehte sich langsam im Kreis. Über ihnen ragten die gläsernen Wolkenkratzer von Manhattan in den stahlblauen Himmel. Hupende gelbe Taxis, der Geruch von gerösteten Nüssen und Abgasen, das ewige Rauschen der 53rd Street – sie waren in New York.
Funny fasste sich als Erste. Sie schüttelte sich kurz und schaltete sofort in den Kommandomodus.
„Darin, markier das Portal! Wir dürfen den Rückweg nicht verlieren!“
Darin wirbelte herum, den Scanner bereits in der Hand. Doch wo eben noch die verwitterte Holztür aus den Tiefen des Louvre gewesen war, befand sich jetzt… nichts. Nur die glatte, moderne Glasfassade eines Bürogebäudes.
Er starrte auf sein Display.
„Nichts.“
„Was heißt ‚nichts‘?“, fragte Lily und klopfte gegen das Glas. „Wir sind da gerade durchgekommen!“
„Keinerlei magische Signaturen“, sagte Darin düster. „Die Schwelle ist kollabiert. Und selbst wenn sie noch da wäre… Francois ist nicht mitgekommen. Vermutlich fiel die Tür ihm vor der Nase zu und er ist klug genug, Kaelan zu holen. Unser Runen-Plättchen ist verbraucht. Wir sitzen hier fest.“
Funny nickte nachdenklich. Ihre blauen Augen verengten sich.
„Gut. Keine Panik. Dann holen wir uns den Fälscher eben hier. Lasst uns zum MoMA gehen. Er wartet bestimmt dort.“
Sie bogen um die Ecke und blieben abrupt stehen.
„Ach, du grüne Neune…“, stöhnte Lily auf und ließ die Schultern hängen.
Vor dem Museum of Modern Art schlängelte sich eine Menschenmenge, die so lang war, dass sie dreimal um den Block zu reichen schien. Touristen, Schulklassen, Kunststudenten – alle warteten darauf, eingelassen zu werden.
„Können wir uns nicht einfach vordrängeln?“, fragte Lily und wollte instinktiv ihre Naginata aus der Itembox herbeirufen. „Ich könnte so tun, als wäre ich eine verirrte Prinzessin oder… oder ich drohe ihnen einfach ein bisschen.“
„Nein“, sagte Funny streng. „Wir wollen absolut keine Aufmerksamkeit auf uns lenken. In Paris war Francois bei uns, er hatte Autorität im Louvre. In Dresden hatten wir Thomas und Kaelan. Hier haben wir niemanden. Wir sind illegale Einwanderer die nicht einmal Feenland-Pässe haben. Wir stellen uns an.“

Lily grummelte, fügte sich aber. Sie rückten einen Meter vor. Dann warteten sie. Sie rückten einen weiteren Meter vor. Ein Hotdog-Verkäufer versuchte Darin einen „Chili Cheese Dog“ anzudrehen, was Darin mit einem zweiminütigen Monolog über die ungesunden Auswirkungen von verarbeitetem Fleisch auf den menschlichen Organismus beantwortete, bis der Verkäufer freiwillig ging.
Zwei Stunden später standen sie endlich an der Kasse.
„Drei Erwachsene“, sagte Funny mit ihrem charmantesten, strahlendsten Lächeln.
Der Kassierer sah nicht einmal von seinem Monitor auf. Er sah nur drei schattenhafte Gestalten (Dank der Kompensationsmagie). Fast mechanisch, völlig unbeeindruckt von Funnys magischer Ausstrahlung, hob er den Arm und schnarrte im feinsten Brooklyn-Akzent: „Durchtreten. Haltet nicht den Verkehr auf. Next!“
„Wow“, flüsterte Lily beeindruckt. „Diese New Yorker sind ja völlig immun gegen Charme. Gefällt mir.“
Und dann waren sie drin. Im modernsten Museum der Welt. Doch die drei Elfen hatten keinen Nerv für die architektonischen Schönheiten oder die berühmten Pop-Art-Gemälde.
Darin zog seinen Scanner aus der Itembox. Das Display flackerte.
„Hier lang.“
Zielstrebig verfolgten sie die Spur durch die langen Gänge, hielten nur kurz inne, um angrenzende Räume zu scannen, doch der Weg war klar. Er führte sie direkt in einen abgetrennten Flügel.
Ein großes Banner hing über dem Eingang: „Nationalmuseum Stockholm zu Gast: Klassische Meisterwerke.“
„Schwedische Ausstellung?“, fragte Lily verblüfft. „Ich dachte, hier gibt’s nur moderne Kunst? Farbkleckse und komische Würfel?“
„Eine Sonderausstellung“, erklärte Funny und las das Kleingedruckte auf dem Banner. „Einige klassische Gemälde sind verliehen worden. Allerdings…“ Sie deutete auf ein Absperrband. „…eröffnet diese erst in drei Tagen.“
Darin starrte auf sein Gerät.
„Egal. Wir müssen da rein. Dort blinkt eine Anomalie. Und sie ist schwach, aber eklig.“
„Aber es ist geschlossen!“, sagte Lily mit gespielter Entrüstung.
Darin sah sie über den Rand seiner Brille hinweg sehr trocken an.
„Und das hindert dich jetzt woran genau?“
Funny kicherte.
„Wie war noch gleich dein Motto, Lily? ‚Es gibt nur ein Verbot: Sich nicht erwischen lassen‘?“
Lilys Augen leuchteten auf.
„Na dann, folgt mir mal!“
Sie schritt zur Tür, drückte die Klinke und schob sie lautlos auf. Darin malte im Vorbeigehen hastig eine Verheimlichungs-Rune in die Luft, die ihr Eindringen im Sicherheitssystem des Museums maskieren würde.
Sie betraten den abgedunkelten Saal. Die klassische Kunst bildete einen bizarren Kontrast zum Rest des MoMA. Und dort, genau in der Mitte, hing es.
Francois Bouchers Gemälde: „Leda und der Schwan“.
Lily trat näher heran, blinzelte und legte den Kopf schief.
„Uh… die sind ja… sehr nackt.“
Funny kicherte leise. Das Bild zeigte die mythologische Leda und eine Gespielin am Flussufer, völlig hüllenlos.
„Ich glaube, das wird für die prüden Amerikaner in drei Tagen ein kleiner Schock werden.“
„Nicht nur für die“, flüsterte Lily und knuffte Funny in die Seite. „Schau dir mal deinen Loverboy an.“
Funny drehte sich zu Darin um. Der Technik-Elf stand vor dem Gemälde, die Augen aufgerissen, der Mund stand leicht offen. Ein tiefroter Schatten kroch über seine Wangen bis zu den Ohren.
„Ich glaube“, flüsterte Lily grinsend zu Funny, „Darin stellt sich gerade sehr lebhaft vor, wie du in so einem Gemälde wohl aussehen würdest.“
Funny riss die Augen auf. „Lily!“, zischte sie, doch sie hatte keine Zeit, rot zu werden oder Darin aus seiner Starre zu reißen.
KNALL.
KNALL.
Zwei ohrenbetäubende Peitschenschläge aus reiner magischer Energie durchschnitten die Luft. Darin blinzelte mehrmals. Und dann noch einmal.
Der Saal war leer.
Funny und Lily waren weg.
Er riss den Kopf hoch zum Gemälde. Ihm gefror das Blut in den Adern.
Dort, auf der Leinwand, inmitten der Ölfarben-Landschaft, saßen nicht mehr Leda und ihre Gespielin. Dort saßen Funny und Lily, in ihren Elfen-Outfit.

Ein schrilles, hysterisches Lachen echote durch den dunklen Saal.
„Du hast sie ins Gemälde gewünscht!“, kreischte eine gackernde Stimme, die scheinbar aus den Wänden selbst kam. „Oh, wie köstlich! Die kleine, schmutzige Begierde des Verstandes-Elfen! Du hast sie wirklich hineingewünscht! Hier! Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen!“
Darin schlug sich gegen den Kopf, versuchte den dichten, schwarzen Nebel abzuschütteln, der sich plötzlich um seinen Verstand gelegt hatte.
Aus dem Gemälde stieg schwarzer Rauch auf. Er kondensierte, verdichtete sich und eine ätherische, schattenhafte Gestalt materialisierte sich. Sie trug eine Art Malerkittel aus Finsternis und hielt einen Pinsel in der Hand – denselben Pinsel, den Lily im Louvre beschrieben hatte. Er sah aus wie ein schmaler, grausamer Dolch.
Die Gestalt schwebte über dem Boden.
„Die beiden bekommst du nie wieder aus dem Bild!“, zischte der Geist. „Denn dazu müsstest du deine eigene Wunschmagie bekämpfen! Wenn du es wider Erwarten doch schaffst… findest du mich bei den modernen Expressionisten.“
Das Lachen erstarb abrupt und der Rauch löste sich auf, als wäre nie etwas gewesen.
Darin stand allein. Der Nebel in seinem Kopf verflog, doch die bittere Wahrheit blieb.
„Wunschmagie?“, flüsterte er fassungslos. „Ich… ich habe mir doch nur gewünscht…“ Er stockte. In seinem tiefsten Inneren wusste er, was ihn vor dem Bild abgelenkt hatte. Er wünschte, dass seine beiden besten Freundinnen aus dem Bild wieder herauskämen.
Auf dem Gemälde schüttelte Leda – nein, Lily – langsam den Kopf.
Es knackte laut. Feine Risse zogen sich wie ein Spinnennetz über die Oberfläche des Bildes.
Aus der Tiefe des dunklen Raumes erklang die körperlose Stimme des Geistes: „Eins… zwei… drei. Erste Chance vorbei.“
Darin prallte entsetzt zurück. Die Risse vertieften sich rasant. Das Bild wölbte sich nach außen, als würde es jeden Moment zu Staub zerbröseln und seine Freundinnen für immer in der Zerstörung mitreißen.
„Darin! Denk nach!“, befahl er sich selbst, schlug sich leicht auf die Wangen. „Leere deinen Geist. Arbeite nur auf das Ziel hin, sie zurückzuholen. Nur Logik. Keine Emotionen.“
Er riss den Transferstrahler aus der Itembox, den er in Dresden so erfolgreich eingesetzt hatte. Er kalibrierte die Linsen, visierte das Zentrum des Gemäldes an und drückte den Auslöser.
Ein gleißender Lichtstrahl traf die Leinwand.
„Damit sollten die beiden aus dem Bild gepurzelt kommen!“, rief er aus.
Das Licht prallte wirkungslos ab.
Erneut erklang das geisterhafte, spöttische Lachen.
„Noch mal! Noch mal! Gleich gehören die holden Maiden mir!“
Darin senkte den Strahler. Sein Verstand ratterte mit Lichtgeschwindigkeit.
In Paris hatten sie die Besucher herausgesaugt, weil die Magie des Bildes fluktuierte. In Dresden hatten sie Funny hineingeschickt, um den Wachmann durch einen puren magischen „Schubs“ herauszuholen.
Aber hier? Hier war seine eigene Magie der Auslöser gewesen. Der Fälscher hatte Darins unbewusste Emotion genutzt und als Katalysator gegen ihn verwendet.
Wunschmagie. Wie neutralisiert man einen bereits ausgeführten Wunsch, der sich in der Realität manifestiert hat?
Er wurde rot bis über beide Ohren, als ihm die brutale, peinliche Logik klar wurde. Er hatte sich Funny in das Bild gewünscht. Der einzige Weg, einen manifestierten Wunsch zu negieren, war, eine Paradoxie zu erschaffen. Sein Wunsch (Funny im Bild) und die Realität (Darin außerhalb) mussten kollidieren.
Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Ich muss auch ins Bild. Wenn der Wünschende das Objekt des Wunsches am Ort des Wunsches trifft, kollabiert die magische Intention. Dann muss das Bild uns freigeben.“
Es war eine waghalsige Theorie. Würde es wirklich klappen? Wenn er sich irrte, saßen sie zu dritt für alle Ewigkeit in der Leinwand fest.
Er blickte auf die Risse. Das Bild bröckelte bereits an den Rändern. Er hatte nur noch einen Versuch.
„Versuch macht kluch!“, rief Darin trotzig in den dunklen Saal.
Er stellte den Transferstrahler auf Automatik-Verzögerung, rannte vor die Mündung, blickte Funny auf der Leinwand direkt in die Augen und der Strahler löste aus.
KNALL!
Ein greller Blitz hüllte ihn ein.
Doch Darin stand immer noch vor dem Gerät im Saal. Er blinzelte. Fehlschlag?
Nein. Das Bild wölbte sich plötzlich extrem nach außen, als würde es tief ausatmen.
Es gab ein lautes PLOPP!
Lily schoss wie aus einer Kanone gefeuert aus dem Bild. Darin fing sie geschickt im Flug auf und setzte sie behutsam auf den Parkettboden.
Unmittelbar darauf machte es ein zweites Mal PLOPP!
Funny schoss aus der Leinwand, direkt auf Darin zu.
Sanft fing er sie auf. Sofort schlang Darin seine Arme fest um ihren Körper, ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt.

„Hab ich dich“, flüsterte Darin, während er sie fest an sich drückte.
Ein lautes, sehr absichtliches Räuspern ertönte direkt neben ihnen.
Funny löste sich blitzschnell von Darin, ihr Gesicht leuchtete fast so rot wie Lilys Haare, und sie drehte sich hastig zum Bild um.
„Was… was machen wir damit?“
Lily stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
„Naja. Darin muss es wohl wie bisher kopieren, das Original einkassieren und die Kopie aufhängen. Wobei ich vorschlage, er hängt das Original bevorzugt in seinem Schlafzimmer auf.“
Beide Mädchen kicherten laut los, als sie sahen, wie Darins Gesicht die Farbe einer reifen Tomate annahm.
„Sehr witzig“, murmelte er, vermied jeden Blickkontakt und begann hastig, das stark beschädigte Bild zu scannen, zu reparieren und die perfekte Kopie an die Wand zu hängen. Das Original verstaute er tief, sehr tief, in seiner Itembox.
Als er sich wieder gefasst hatte, fragte er räuspernd: „Was… was habt ihr in dem Bild gesehen?“
Funny schüttelte ernst den Kopf. Die Heiterkeit war verschwunden.
„Nichts. Es war schwarz. Alles absolut schwarz.“
Lily nickte beipflichtend.
„Keine Farben, keine Landschaft. Nichts außer einem ganz diffusen Zeitgefühl. Und dem erdrückenden Wissen, dass die Zeit extrem knapp war. Ich hatte das Gefühl, ich würde ersticken.“
Darin atmete tief durch.
„Lasst uns zu den Expressionisten gehen. Der Geist… der Fälscher tauchte vorhin auf. Er sagte, wir würden ihn dort finden.“
Die drei verließen den Raum der klassischen Kunst. Darin zog erneut seinen Scanner hervor. Aber dieses Mal mussten sie nicht lange suchen. Sie hielten nirgends an, denn die Anomalie, die direkt in den Saal von Pablo Picasso führte, leuchtete auf dem Display wie ein Leuchtfeuer in dunkler Nacht.
Der Weg zum Picasso-Saal fühlte sich an wie ein Gang durch ein Minenfeld. Darins Scanner surrte nicht mehr nur, er klang wie ein wütender Bienenschwarm. Das Display war ein einziger roter Fleck.
„Da“, flüsterte Darin und deutete auf einen großen Bogen. Über dem Eingang prangte ein unübersehbares Schild: „Sonderausstellung: John William Godward. Die Schönheit der Antike im Schatten Picassos. Große Eröffnung in 6 Tagen.“
„Wer ist denn dieser Goodwill?“, fragte Lily lautstark und kratzte sich am Kopf. „Klingt wie ein Wohltätigkeitsverein für alte Möbel.“
Ein junger Mann, der mit einer dicken Mappe voller Skizzen vorbeiging – ganz offensichtlich ein Kunststudent – blieb abrupt stehen. Er hatte Lilys wenig schmeichelhafte Frage gehört.
„Er hieß Godward“, korrigierte der Student mit leuchtenden Augen. „John William Godward. Ein Meister des britischen Neoklassizismus. Er malte fotorealistische, wunderschöne Frauen in antiken Marmorkulissen. Er war ein Genie der Stofflichkeit!“
Der Student seufzte theathralisch.
„Doch zu seinen Lebzeiten explodierte die moderne Kunst. Plötzlich war Pablo Picasso der absolute Star. Godwards Kunst wurde nicht mehr nur ignoriert, sie wurde vom Kunst-Establishment als völlig veraltet, kitschig und wertlos verspottet. Man nahm ihn absolut nicht mehr für voll.“
„Oh“, machte Funny mitfühlend. „Das ist traurig.“
„Traurig? Es ist eine Tragödie!“, rief der Student. „Er nahm sich das Leben. Er hinterließ einen Abschiedsbrief mit den Worten: ‚Die Welt ist nicht groß genug für mich und einen Picasso.‘ Seine eigene Familie schämte sich so sehr für seinen Suizid, dass sie alle Fotos von ihm vernichtete. Diese Ausstellung soll seine Bilder den Picasso-Werken gegenüberstellen und ihn sehr verspätet würdigen. Ihr müsst euch das unbedingt ansehen.“
Der Student blickte Funny und Lily intensiv an. Sein Blick glitt über ihre perfekten Gesichtszüge und die (durch Magie getarnten) Outfits. „Besonders ihr beiden. Godward hätte euch mit Begeisterung gemalt. Ihr seht aus, als wärt ihr direkt einem seiner Gemälde entsprungen.“
Er lächelte verträumt und ging weiter.
Lily lief leicht rot an und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Hört, hört! Wir hätten also Model stehen können. Na, dann lasst uns mal reingehen und sehen, was der alte Goodwill… ähm, Godward… so getrieben hat.“
Sie traten durch den Bogen. Darin hob gerade die Hand, um eine Verschleierungsrune in die Luft zu zeichnen. Doch Funny war bereits einen Schritt zu weit gegangen.
KNALL!
Ein greller Blitz erhellte den Raum. Als Darin die Augen wieder öffnete, war Funny verschwunden. Schon wieder.
„FUNNY!“, schrie Lily auf und stürmte blindlings hinterher in den Saal. „Ach, du grüne Neune… Darin, das musst du sehen!“, rief sie noch über die Schulter.
Darin schrak zusammen. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er an die Dunkelheit im ersten Bild dachte. Er riss seine Axt aus der Itembox und stürmte in den Raum.
Er blieb wie angewurzelt stehen. Der Saal war zweigeteilt. Auf der einen Seite hingen Picassos kubistische, wirre Werke. Auf der anderen Seite die sanften, realistischen Gemälde Godwards. Und auf einem von Godwards Hauptwerken, dem Bild „A Siesta“, war Funny. Sie lag auf einem prächtigen Tigerfell, den Kopf auf samtene, purpurrote Kissen gebettet, die Augen geschlossen. Sie sah friedlich aus. Wunderschön. Aber sie schlief tief und fest.

„Funny!“, rief Darin und wollte zum Bild stürmen, als ihn ein markerschütterndes Lachen herumfahren ließ.
Das Lachen kam von der gegenüberliegenden Wand. Aus einem gigantischen, völlig verzerrten Picasso-Gemälde. Die Farbkleckse begannen zu brodeln wie kochendes Öl.
„Komm her! Komm her und werde für immer mein!“, schrie eine hasserfüllte Stimme aus dem Chaos der Formen. „Hier in der Moderne, die mich, John William Godward, vernichtet hat, werde ich nun herrschen!“
Lily, die die Szene erfasst hatte, zögerte keine Sekunde. Sie wirbelte ihre Naginata über den Kopf, stieß einen wütenden Kampfschrei aus und stürmte direkt auf das Picasso-Bild zu.
„Dich mache ich zu Altpapier!“, brüllte sie und hechtete in die Leinwand.
Dieses Mal war das Bild nicht statisch wie bei der Madonna oder Leda. Dieses Mal war es ein tobender Albtraum. Darin starrte fassungslos auf das Gemälde. Er sah, wie eine völlig kubistisch verzerrte Lily – ihr linker Arm war plötzlich dreieckig und doppelt so lang, ein Auge hing tiefer als das andere – mit einem noch stärker verzerrten Geist kämpfte.

Der Geist war in seinem Element. Er schwang seinen Pinsel wie einen Dolch.
„Dich werde ich für immer hier verewigen!“, kreischte der Geist von John William Godward aus dem Picasso. „Dann wird niemand mehr sagen, meine Bilder seien Kitsch, während nur ein Picasso zähle! Ich werde die Moderne mit Blut und Leid übermalen! Es reicht, dass ihr meine Fallen ausgeschaltet habt. Dafür werdet ihr nun teuer bezahlen!“
Pinselstrich um Pinselstrich malte der Geist neue, bizarre Hindernisse in das Bild. Lilys Bewegungen wurden abgehackt, als würde sie durch dickes Gelee waten. Der Geist konnte ihren scharfen Hieben spielend ausweichen, indem er einfach die Dimensionen des Bildes verschob. Wenn Lily nach ihm schlug, traf sie nur eine plötzliche, zweidimensionale Treppe, die ins Nichts führte. Sobald Lilys Angriffe nachließen, gewann der Geist die Oberhand. Er malte schwarze, eckige Schlingen, die sich um Lilys Beine legten.
„Darin!“, schrie Lily, und ihre Stimme drang blechern und verzerrt aus der Leinwand. „Saug ihn ab! Seine verdammte Farbe macht mich kampfunfähig! Er verändert mich! HILFE!“
Darin riss sich aus seiner Schockstarre. Er ließ die Axt fallen und baute in Sekundenbruchteilen seinen Transferstrahler auf.
„Festhalten, Lily!“, rief er. Er zielte genau auf die schemenhafte Brust des Geistes und drückte ab.
ZISCH! Ein blauer Strahl traf die Leinwand. Der Geist jaulte auf und wurde förmlich aus den Farbschichten herausgerissen. Er materialisierte sich, qualmend und fluchend, vor dem Gemälde auf dem Museumsboden. Fast im selben Moment, da der magische Druck nachließ, sprang Lily aus dem Bild. Sie landete hart auf den Knien, keuchend, aber wieder in ihrer normalen, wunderschönen Form.
Der Geist rappelte sich auf und hob den Pinsel-Dolch. Lily war schneller. Sie rollte sich ab, stieß sich vom Boden ab und schlug mit der stumpfen Seite ihrer Naginata eine rasante Finte gegen seine Beine. Der Geist strauchelte und verlor die Balance.
„Jetzt, Darin!“, schrie Lily.
Darin hatte die Polarität des Strahlers bereits umgekehrt. Er drückte erneut ab. Ein greller, weißer Strahl hüllte den taumelnden Godward ein. Der Geist schrie ein letztes Mal verzweifelt auf, dann wurde er in einen weißen Magie-Kristall gesaugt, der auf Darins Scanner steckte. Sobald der Geist im Kristall gefangen war, färbte sich dieser augenblicklich tiefschwarz.
Dann kehrte Stille im Saal ein. Das Summen der Museumsklimaanlage war das einzige Geräusch.
Lily ließ sich schwer auf den Hosenboden fallen und atmete tief durch.
„Heilige Makrele… DAS war knapp. Der blöde Pinsel hat meine Bewegungen total verlangsamt. Und durch diesen komischen, hässlichen Malstil hab ich fast vollständig die Orientierung verloren. Ich dachte kurz, mein Hintern wäre plötzlich an meiner Schulter angewachsen!“
Darin kniete sich neben sie und sah sie bewundernd an.
„Dafür hast du dich echt wacker geschlagen, Lily. Wirklich.“
Er checkte rasch den Picasso mit dem Scanner.
„Er ist komplett magiefrei. Du hast ihn da rausgetrieben.“
Lily wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Gut. Aber was machen wir jetzt mit unserem schlafenden Prinzesschen?“
Darin stand auf und ging langsam zu dem Gemälde „A Siesta“. Funny lag noch immer auf den weichen Kissen, ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem ruhigen Rhythmus. Sie wirkte so friedlich, so entrückt von all dem Chaos.
Nachdenklich strich sich Darin über das Kinn.
„Das Bild ist ein Ort der absoluten Ruhe. Godwards Zuflucht. Wenn ich sie mit Gewalt oder dem Strahler schlafend heraushole, kann es sein, dass sie in diesem komatösen Zustand bleibt. Die Magie des Bildes muss freiwillig gebrochen werden. Von innen.“
Lily, die sich gerade den Staub von den Knien klopfte, hielt inne. Ein extrem breites, freches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie trat neben Darin und puffte ihn mit dem Ellbogen in die Seite.
„Na denn, Loverboy“, sagte sie anzüglich. „Dann musst du wohl rein und unser Dornröschen wachküssen. Ein klassisches Märchen-Ende!“
Darins Gesicht lief sofort wieder purpurrot an. Er öffnete den Mund, um zu protestieren, doch ihm fiel kein logisches Gegenargument ein. Die Magie des Bildes verlangte nach einem emotionalen Katalysator, um den Schlaf zu brechen. Ein Kuss… war absolut logisch. Und extrem furchteinflößend. Er schluckte schwer und nickte.
Er reichte Lily den Transferstrahler.
„Pass auf. Ich stelle den Strahler ein. Wenn ich drin bin, drückst du hier auf diesen Knopf. Und genau eine Minute später drückst du ihn erneut! Das gibt uns das Signal zum Rücktransfer. Hast du das verstanden, Lily? Eine Minute!“
„Knopf drücken. Warten. Nochmal drücken. Hab’s kapiert, Herr Professor“, sagte Lily salutierend.
Darin atmete tief durch, stellte sich vor das Gemälde und nickte Lily zu. Sie klickte den Auslöser.
Plopp. Lily klappte die Kinnlade herunter. Die Szene auf dem Gemälde hatte sich verändert. An Funnys idyllischer Lagerstätte war plötzlich Darin aufgetaucht. Er wirkte in seinem schlabbrigen T-Shirt neben den antiken Marmorsäulen und Tigerfellen etwas deplatziert.
Lily beobachtete gebannt, wie Darin sich langsam, fast ehrfürchtig, über die schlafende Funny beugte. Er zögerte kurz, strich ihr sanft eine blaue Haarsträhne aus dem Gesicht und hauchte ihr dann einen zärtlichen, sanften Kuss auf die Wange.

Funnys Augenlider flatterten. Sie schlug die Augen auf und sah direkt in Darins Gesicht. Auf dem Gemälde konnte man sehen, wie sich ein warmes, weiches Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete.
„Hach, wie romantisch“, seufzte Lily laut im leeren Saal, stützte das Kinn auf die Hände und vergaß vor lauter Kitsch beinahe die Zeit. „Wie im Kino.“
Sie blickte panisch auf den Countdown des Strahlers.
„Oh Mist! Nur noch fünf Sekunden!“
Sie drückte hastig erneut auf den Auslöser. Plopp.
Funny und Darin standen wieder vor ihr auf dem glänzenden Museumsboden. Funny wirkte noch etwas schlaftrunken, hielt aber Darins Hand fest umklammert.
Darin räusperte sich lautstark, ließ Funnys Hand hastig los und schaute Lily streng an. Sein Gesicht glühte noch immer. „KEIN. WORT. LILY. Niemals.“
Lily hob unschuldig die Hände und tat so, als würde sie einen Reißverschluss an ihren Lippen zuziehen.
Darin zog fahrig seinen Scanner und fuhr über das Godward-Gemälde.
„Das Bild weist keine Spuren von Magie mehr auf. Der Fluch ist gebannt. Ich… ich glaube, wir sind hier fertig.“
„Super!“, sagte Lily fröhlich. „Und wie kommen wir jetzt nach Hause? Ich habe Hunger.“
Funny rieb sich die Augen und sah sich um.
„Für einen Elfensprung ist es zu weit. Über den Atlantik schaffen wir das nicht ohne massive Ley-Linien.“
„Und wenn wir einfach zu einem normalen Flughafen gehen?“, schlug Darin vor, froh über den Themenwechsel. „Wir fliegen wie beim Hinflug zurück nach Paris. Und dort gehen wir zum Louvre und bitten Francois um Hilfe bei der Rückreise.“
Funny zückte das kleine Handbuch von Max aus ihrer Itembox.
„Fragen wir das Buch. Wie kommen wir nach Hause?“
Das Buch begann wild zu flattern. Es schlug eine ganze Weile lang hektisch Seiten um. Nach einigen Minuten blieb es auf einer Seite stehen, deren Text rot aufleuchtete. Die ruhige Stimme erklang: „Warnung. Ihr befindet euch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ihr seid in das Land gekommen, ohne über die Einwanderungsbehörde zu gehen. Das macht euch rechtlich zu illegalen Einwanderern. Haltet euch fern von allen Behörden, Flughäfen und staatlichen Stellen. Ihr müsst Papiere haben. Der Drang, Illegale aufzuspüren, einzusperren und dann irgendwohin abzuschieben, ist so groß bei der US-Einwanderungsbehörde, dass dies die Kompensationsfähigkeiten eurer Magie massiv übersteigen dürfte.“
„Uff“, machte Darin.
Das Buch fuhr fort: „Ich kann aber einen Notruf in die Wächter-Zentrale in Feenland absetzen. Schaut dann regelmäßig bei mir nach, ob ich neue Informationen oder Anweisungen habe.“
Lily riss Funny das Buch aus der Hand, beugte sich darüber und brüllte in die Seiten: „EYH! KAELAN, ALTE HUPE! Hol uns hier raus! HILFE!“
Das Buch leuchtete kurz grellweiß auf und meldete monoton: „Der Notruf wurde im genauen Wortlaut übertragen.“
Funny starrte Lily an und meinte dann sehr trocken: „Wirklich sehr diplomatisch, Lily. Der oberste Wächter wird begeistert sein.“
Sie seufzte tief.
„Dann warten wir mal ab.“
Lily wurde schlagartig rot und streckte Funny schuldbewusst die Zunge raus.
„Er weiß doch, wie ich’s meine!“
„Kommt“, sagte Darin und schob die beiden Richtung Ausgang. „Wir suchen uns ein kleines Hotel. Unauffällig.“
Sie mussten nicht weit gehen. Nur zwei Blocks vom MoMA entfernt, mitten im Trubel von Midtown Manhattan, leuchtete eine riesige Gitarre über einem Eingang.
„Hard Rock Hotel“, las Darin.

„Klingt nach einem Ort, wo man sich gut verstecken kann.“
Sie traten durch die Drehtür in die opulente Lobby. Funny atmete tief durch, straffte die Schultern und setzte ihr allercharmantestes, blaublütiges Fürstentochter-Lächeln auf. Sie wollte gerade zur Rezeptionistin gehen, als eine in schwarz gekleidete, extrem aufgeregte Hotelmanagerin auf sie zugestürzt kam.
„Oh mein Gott! Endlich sind Sie da!“, rief die Managerin und fuchtelte mit einem Klemmbrett herum. „Wir haben Sie schon den ganzen Tag erwartet! Es ist uns eine unglaubliche Ehre, die Band Heavy Metal Fairies bei uns begrüßen zu dürfen!“
Sie musterte Lilys rote Haare, Funnys blauen Bob und Darins schlabbriges T-Shirt mit leuchtenden Augen.
„Ihr Look ist einfach fantastisch! So authentisch! Ich lasse Sie sofort auf Ihre Suite bringen!“
Die drei Elfen schauten sich völlig verdutzt an. Darin beugte sich zu Funny und flüsterte ehrfürchtig: „Kompensationsmagie! Sie passt sich der Umgebung an!“
Die Suite, in die sie geführt wurden, war nicht nur luxuriös, sie war dekadent. Ein Whirlpool im Wohnzimmer, goldene Schallplatten an den Wänden und eine Minibar, die so groß war wie Funnys altes Kinderzimmer.
„Also, illegale Einwanderer zu sein, hat durchaus seine Vorteile“, stellte Lily fest und ließ sich rückwärts auf ein kingsize-Bett fallen. „Hier lässt es sich aushalten.“
Am nächsten Morgen saßen die drei Heavy Metal Fairies beim Roomservice-Frühstück. Funny schlug das Buch von Max auf. Sofort erklang eine tiefe, vertraute und leicht genervte Stimme aus den Seiten: „Hier ist die alte Hupe, Lily. Wo seid ihr? Morgen kommt Louis zu euch und bringt euch eure Reisepässe.“
Lily rutschte auf ihrem Stuhl immer tiefer, bis nur noch ihre roten Haare über die Tischkante schauten. Funny biss sich auf die Lippen, um ein lautes Lachen zu unterdrücken.
„Wir sind im Hard Rock Hotel in der Nähe vom MoMA, Kaelan“, sprach Funny in das Buch. „Lasst euch Zeit. Es ist toll hier!“
Doch Kaelan war offensichtlich kein Fan von ausgedehnten Hotelaufenthalten auf Wächter-Kosten. Wie angekündigt klopfte es am nächsten Tag an der Tür. Ein junger Mann im eleganten Anzug – Louis, der Verbindungsmann für Amerika – stand vor ihnen und drückte ihnen drei dunkelrote Pässe in die Hand.
Er pfiff leise durch die Zähne, als er die Suite sah.
„Schicke Bude, in der ihr hier untergekommen seid. Der Zimmerservice-Deckel wird die Wächter eine ganz schöne Stange Geld kosten. Kaelan wird weinen.“
Die Ausreise am JFK-Flughafen war mit den echten (magisch perfektionierten) Diplomatenpässen ein Kinderspiel. Keine Rückfragen, keine Kompensations-Patzer.
Einen halben Tag später standen die drei tapferen Helden wieder sicher auf dem Boden von Feenland.
Funny blickte auf das kleine Buch in ihrer Hand, dann zu Lily und Darin.
„Ganz ehrlich?“, seufzte sie. „Am meisten graut es mir jetzt davor, unseren Bericht einzureichen…“

































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