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Das Gespensterschiff

Der Hafen von Marinburg lag im dichten Nebel, als Funny, Lily und Darin in der Nähe des Hafens zur Landung ansetzten. Es war eine prächtige Handelsstadt, bekannt für ihre Gewürze, ihre Seide und großen Reichtümer.

Wenn man jedoch Lily glauben schenkte, war es nur ein nach Fisch stinkendes Rattennest, das besser heute als morgen komplett abgefackelt werden sollte.

„Heimat, süße Heimat!“, rief Lily verächtlicht.

Ihre dunkelroten Haare wehten im Wind wie eine Kriegsfahne.

„Warum mussten wir noch einmal in dieses Dreckskaff?“

Funny schüttelte den Kopf.

„Wir sollen ein Geisterschiff, ähh, säubern.“

Darin sagte: „Lasst uns schnell zum Hafenmeister gehen, der wird uns sagen, wo Junos Kontor ist.“

Lily kicherte: „Barneby wird begeistert sein, mich zu sehen. Hab ich Euch erzählt, wie ich mal den halben Hafen im Meer versenkt habe?“

Zehn Minuten später standen sie im Büro des Hafenmeisters.

Der Hafenmeister, ein Mann, dessen Gesicht normalerweise die Farbe von altem Pergament hatte, wurde kreideweiß als er Lily erkannte. Er starrte sie an, als wäre sie ein leibhaftiger Dämon aus dem siebten Höllenkreis.

„Du…“, krächzte er und wich drei Schritte zurück, wobei er fast über eine Kiste stolperte. „Die rote… die Rote Chaotin! Sie ist zurück! ALARM! SCHLIEßT DIE LAGERHÄUSER! RETTET DIE BOOTE!“

Lily winkte fröhlich.

„Huhu, Barnaby! Lange nicht gesehen! Hast du abgenommen? Du siehst so… blass aus.“

Funny trat elegant dazwischen, bevor Barnaby endgültig ausflippen konnte.

„Guten Tag, guter Mann. Wir sind geschäftlich hier. Adiuva et Protege wurde von einem gewissen Herrn Juno angeheuert.“

Barnaby zitterte.

„Juno… ja. Der junge Kaufmann. Er… er sucht Verrückte für das Geisterschiff. Passt ja.“

Er warf Lily noch einen panischen Blick zu und schob, kaum das die Drei sein Büro wieder verlassen hatten, gleich mehrere Riegel vor die Tür.

„Er mag mich immer noch“, stellte Lily zufrieden fest.

Der junge Kaufmann Juno war ein Nervenbündel. Er zitterte so sehr, dass der Tee in seiner Tasse Wellen schlug.

„Es… es treibt dort draußen“, flüsterte er. „Die Schwarze Möwe. Voll beladen mit Seide und Gewürzen. Ein Vermögen! Aber jeder, der an Bord geht, kommt nicht zurück. Oder er kommt zurück und… spricht nie wieder.“

„Klingt einladend“, kommentierte Lily trocken und lehnte sich im Stuhl zurück.

Funny entschied: „Wir sichern das Schiff und lösen den Fluch.“

Sie ruderten noch am selben Tag hinaus.

Es war schon später Nachmittag. Die See war ruhig, fast zu ruhig. Kein Windhauch kräuselte das Wasser. Die Schwarze Möwe lag wie ein dunkler Fleck auf dem stählernen Blau.

Als sie an Deck kletterten, schlug ihnen der süßliche Geruch von Verwesung entgegen. Aber es summten keine Fliegen. Es gab keine Vögel. Es war totenstill. Überall an Deck lagen Leichen. Männer in fremdländischen Gewändern, erstarrt im Moment ihres Todes. Manche griffen nach Waffen, andere hielten die Hände schützend vor das Gesicht. Sie sahen nicht aus wie Leichen, sondern wie Wachsfiguren.

„Nicht anfassen“, warnte Darin, der sofort sein Spektrometer ausgepackt hatte.

„Die chronometrischen Werte spielen verrückt. Die Zeit hier steht still. Es ist wie… angehaltener Atem.“

Sie gingen weiter zum Hauptmast. Dort bot sich ihnen ein Anblick, der selbst Lily schlucken ließ. Der Kapitän, ein Hüne von einem Mann in einem prächtigem, aber blutverkrustetem Kaftan, stand aufrecht am Mast. Ein langer, rostiger Eisennagel war mitten durch seine Stirn getrieben und heftete ihn an das Holz. Sein Gesicht war zu einer Fratze ewigen Zorns verzerrt, die Augen starrten blind in die untergehende Sonne.

„Okay“, sagte Lily leise. „Das ist definitiv gruseliger als Omma Fietsches Nebelsuppe.“

„Wir müssen hier weg“, sagte Funny plötzlich.

Ihre Elfeninstinkte schrien Alarm.

„Darin, spürst du das? Das ist keine Restenergie. Das ist eine Falle. Sie lädt sich auf.“

Darin blickte auf die fast untergegangene Sonne.

„Die Sonnenwende. Der Übergang. Funny, wir können nicht mehr weg. Schaut aufs Meer!“

Lily rannte zur Bordwand.

„Hey! Wo ist das Meer?“

Draußen war kein Wasser mehr. Nur noch dichter, wirbelnder, grauer Nebel. Das Ruderboot war auch weg.

„Wir sind in der Domäne des Fluches“, sagte Darin und zog seine Axt. „Und gleich wird es hier sehr ungemütlich.“

Der letzte Strahl der Sonne verschwand hinter dem Horizont. Ein Ruck ging durch das Schiff. Zuerst war es nur ein Geräusch. Ein feuchtes Schmatzen. Dann ein Knacken von Knochen, die sich nach Jahrzehnten wieder streckten.

Funny, Lily und Darin standen Rücken an Rücken am Achterdeck.

„Sie bewegen sich“, flüsterte Lily und umklammerte ihre Naginata so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.

Die „Wachsfiguren“ begannen zu atmen. Farbe kehrte in ihre Gesichter zurück – aber keine gesunde Farbe. Es war ein fahles Grau, unterlegt mit pulsierenden, schwarzen Adern. Sie waren keine durchsichtigen Geister. Sie waren physisch, massiv und bewaffnet. Der Kapitän am Mast stieß ein gurgelndes Geräusch aus. Er griff mit beiden Händen an den Nagel in seiner Stirn, aber er zog ihn nur aus dem Mast aber nicht aus seinem Kopf heraus. Er schien den Schmerz zu ignorieren. Dann riss er seinen Säbel aus der Scheide.

Seine Augen, nun rot glühend, fixierten die drei Elfen.

„DA SIND SIE!“, brüllte er mit einer Stimme, die klang, als würde man Grabsteine aneinander reiben. „DIE HEXENMEISTER! DIE DÄMONEN, DIE UNS VERFLUCHT HABEN!“

„Wie bitte?“, rief Lily empört. „Wir sind gerade erst angekommen!“

„SIE HABEN DEN FLUCH GEBRACHT!“, schrie der Kapitän und deutete mit dem Säbel auf sie. „TÖTET SIE! WENN SIE STERBEN, SIND WIR FREI!“

Die gesamte Mannschaft – gut fünfzig Mann – drehte sich zeitgleich um. Ein Brüllen aus fünfzig Kehlen erschütterte das Deck.

„Diplomatie?“, fragte Lily hoffnungsvoll.

„Ausgeschlossen“, sagte Funny und zog ihre blauen Dolche. „Sie sind im Wahn gefangen. Sie halten jeden Lebenden für den Urheber ihres Leids.“

„Dann Plan B“, sagte Darin und schwang seine Axt, „Überleben.“

Die Welle der Untoten brandete gegen sie. Es war ein brutaler Kampf auf engstem Raum. Lily war ein Wirbelwind. Ihre Naginata schnitt durch die Angreifer.

„Ha! Nimm das! Und das!“

Sie köpfte einen Maat. Der Kopf rollte über das Deck… und lachte. Der Körper tastete blind herum, fand den Kopf, setzte ihn wieder auf, und der Maat kämpfte weiter.

„SIE STERBEN NICHT!“, rief Lily panisch. „DAS IST CHEATING!“

„Es ist eine Zeitschleife!“, rief Darin, während er mit der Breitseite seiner Axt drei Angreifer zurückschlug. „Ihr Zustand wird sofort zurückgesetzt! Wir können sie nicht besiegen, nur aufhalten!“

Funny tanzte durch die Reihen, wich Hieben aus und entwaffnete Gegner, aber für jeden, den sie zu Boden warf, standen zwei neue auf. Der Kapitän selbst stapfte auf sie zu, unaufhaltsam wie eine Lawine.

„DUUUU!“, brüllte er und schlug nach Funny. Sie parierte, aber die Wucht des Schlages ließ ihre Arme taub werden. Diese Geister besaßen übermenschliche Kraft.

„Wir werden überrannt!“, rief Funny. „Rückzug! In die Kapitänskajüte! Darin, die Tür!“

Sie kämpften sich Schritt für Schritt zurück. Lily deckte den Rückzug, ihre Klinge war nur noch ein verschwommener Schatten.

„Geht! Geht! Ich halte die Zombie-Party auf!“

Funny und Darin stürzten in die Kajüte. Lily sprang als Letzte hinein, gerade als der Kapitän seinen Säbel in den Türrahmen rammte.

„TÜR ZU! JETZT!“, brüllte sie.

Darin knallte die schwere Eichentür zu und warf sofort drei glühende Metallscheiben dagegen. SSSSZT. Ein blaues Kraftfeld versiegelte die Tür. Sekunden später hämmerten Fäuste und Klingen dagegen. Das Holz splitterte, aber das magische Feld hielt – vorerst.

In der Kajüte war es dunkel, nur erhellt von Darins Runen und dem unheimlichen Mondlicht, das durch die Heckfenster fiel. Sie atmeten schwer. Lily blutete aus einem Schnitt an der Wange, Darins T-Shirt war zerrissen.

„Okay“, keuchte Lily. „Die sind echt sauer. Und echt unsterblich. Irgendwelche Ideen, Tech-Nerd?“

Darin rutschte an der Wand herunter. Er zog hastig ein Buch aus seiner Item-Box.

„Der Fluch… er basiert auf einem Kreislauf. Ein Frevel – Mord an einem Heiligen, vermutlich – hat sie an diesen Ort zwischen Leben und Tod gebunden. Sie brauchen Erlösung. Aber sie sind zu wahnsinnig, um sie zu suchen. Der Dreh- und Angelpunkt dürfte der Kapitän sein. Habt ihr gesehen, dass er auch als Untoter den Nagel noch im Kopf hatte?“

Darins Augen rasten über die Buchseiten.

„Und warum sind wir hier gefangen?“, fragte Funny und verband Lilys Wange.

„Weil wir Magie in uns tragen“, erklärte Darin. „Unsere Aura wirkt wie ein Anker. Der Fluch hat uns ‚integriert‘. Für sie sind wir Teil ihrer ewigen Nacht.“

Ein schwerer Schlag ließ die Tür erzittern. Risse erschienen im blauen Kraftfeld.

„Das hält nicht mehr lange“, sagte Funny.

Darin durchwühlte die Itembox. Sein Blick fiel auf einen kleinen Beutel Muleys „Spezial-Erde“, eigentlich gedacht, um böse Geister zu vertreiben.

„Ich hab eine Idee“, sagte Darin. „Erinnert euch an die Legende. ‚Bis sie ihr Haupt zur Ruhe betten auf geheiligter Erde‘. Sie können das Schiff nicht verlassen. Aber wir haben Erde hier.“

„Du willst sie mit Dreck bewerfen?“, fragte Lily skeptisch.

„Nein. Wir müssen den Ankerpunkt erden“, sagte Darin, seine Augen leuchteten auf. „Der Kapitän. Der Nagel. Der Nagel ist der Fokuspunkt des Fluches. Er verbindet seinen Geist mit dem Schiff. Wenn wir den Nagel mit geweihter Erde berühren, während er ‚lebendig‘ ist… unterbrechen wir den Kreislauf, vielleicht.“

„Er wird uns nicht nah genug heranlassen“, sagte Funny. „Er ist der Stärkste von ihnen.“

„Doch“, sagte Lily und grinste böse, ein Grinsen, das nichts Gutes verhieß. „Denn diesmal gehen wir aufs Ganze und wir konzentrieren uns nur auf ihn. Darin, kannst du das Kraftfeld sprengen?“

„Ja, aber…“

„Gut. Funny, du bist die Ablenkung. Du bist das Licht. Darin, du hast die Erde. Ich… ich bin der Rammbock. Bleib hinter mir!“

„DREI… ZWEI… EINS!“

Darin deaktivierte das Feld nicht nur, er kehrte die Polarität um. Mit einem explosionsartigen Knall flog die Tür nach außen und schleuderte die davor stehenden Geister über das Deck.

„ANGRIFF!“, brüllte Lily.

Sie stürmten hinaus. Aber nicht planlos. Funny entfaltete ihre Flügel. Sie stieg senkrecht in die Luft und begann, so hell zu leuchten wie ein Stern.

„HIER BIN ICH!“, rief sie mit magisch verstärkter Stimme. „ICH BIN EURE VERDAMMNIS!“

Alle Köpfe, inklusive dem des Kapitäns, ruckten nach oben. Die Geister waren geblendet, verwirrt.

„HOLT SIE HERUNTER!“, schrie der Kapitän.

Das war der Moment. Lily nutzte ihre Flügel zur Beschleunigung. Sie schoss tief über das Deck, rammte Geister beiseite wie Kegel, ihre Naginata ebnete den Weg.

„BAHN FREI! PLATZ DA! LILY-EXPRESS!“

Hinter ihr rannte Darin, den Beutel mit Muleys Erde fest an die Brust gedrückt.

Der Kapitän sah Lily kommen. Er hob den Säbel.

„DU WURM!“, brüllte er. Lily sprang ab. Sie blockte seinen Hieb nicht. Sie duckte sich darunter weg, rutschte auf den Knien über die Planken direkt zwischen seine Beine und trat ihm mit voller Wucht gegen die Kniescheibe. Selbst ein untoter Kapitän hat Reflexe. Er knickte ein.

„JETZT, DARIN!“, schrie Lily.

Darin sprang über Lilys Kopf hinweg. Er riss den Sack auf. Der Kapitän versuchte, ihn zu packen, seine eiskalte Hand schloss sich um Darins Hals. Darin keuchte. Mit letzter Kraft drückte er eine Handvoll magisch aufgeladener Erde, gemischt mit Salz und Muleys geheimen Zutaten, direkt auf die Stirn des Kapitäns. Direkt auf den Nagel.

FZZZZZZZSCHT!

Es war kein Geräusch von dieser Welt. Es klang, als würde das Universum die Luft anhalten. Der Kapitän erstarrte. Seine Hand an Darins Hals lockerte sich. Das rote Glühen in seinen Augen flackerte, wurde weiß… und erlosch.

„Erde…“, hauchte der Kapitän. Seine Stimme war nicht mehr grollend, sondern müde. Unendlich müde. „Ich spüre… Erde.“

Der Nagel rostete im Zeitraffer. Er zerfiel zu rotem Staub und rieselte über das Gesicht des Mannes.

„Der Zorn… ist weg“, flüsterte er. Er sah Darin an, der hustend am Boden lag. „Du hast… den Kreis durchbrochen.“

Ringsum auf dem Schiff ließen die Matrosen ihre Waffen fallen. Der Nebel begann sich zu lichten. Das fahle Mondlicht wurde wärmer. Die Gestalt des Kapitäns begann sich aufzulösen, wurde zu Lichtpartikeln. „Danke…“, sagte er.

Dann waren sie weg. Keine Leichen mehr. Keine Geister. Nur ein altes, leeres Schiff, das sanft auf den Wellen schaukelte. Und drei völlig erschöpfte Elfen.

Am nächsten Morgen im Hafen von Marinburg.

Herr Juno weinte fast vor Glück. Das Schiff lag sicher vor Anker, magisch gereinigt und fluchfrei.

„Ihr seid Helden!“, rief er. „Hier! Doppelte Belohnung! Ich werde Lieder über euch singen lassen!“

Funny steckte das Gold ein.

„Vielen Dank. Wir empfehlen uns.“

Lily lehnte lässig wähenddessen an einem Poller und genoss ihren Triumph. Der Hafenmeister Barnaby lugte vorsichtig hinter einem Fass hervor.

„Siehst du, Barnaby?“, rief sie ihm zu. „Alles heil geblieben! Kein Pier versenkt, kein Lagerhaus angezündet. Ich bin quasi die Definition von Sicherheit!“

Sie breitete die Arme aus und drehte sich schwungvoll um… und ihre Naginata, die sie noch in der Hand hielt, schwang mit. Das Blatt der Waffe durchschnitt sauber das Halteseil eines riesigen Krans, der gerade eine Ladung Fischfässer über dem Kontor des Hafenmeisters schwenkte.

RITSCH. WUMM.

Der Kranarm schwang herum, die Ladung löste sich und begrub das kleine Büro des Hafenmeisters unter einem Berg aus stinkenden Heringen und Holzsplittern.

Stille am Hafen. Nur eine Möwe schrie.

Barnaby, der wie durch ein Wunder (und weil er draußen stand) unverletzt war, starrte auf die Trümmer seines Büros. Er holte tief Luft. Sein Gesicht lief purpurrot an.

„Äh…“, machte Lily. „Das… war der Wind?“

„VERSCHWINDEN WIR!“, rief Darin und packte Lily und Funny bei den Händen.

Während sie hastig in den Himmel stiegen, hörten sie unter sich das markerschütternde Gebrüll des Hafenmeisters: „LIIIILLLYYY!!!! KOMM NIE WIEDER!!“

Lily winkte lässig nach unten.

„Bis zum nächsten Mal, Barnaby! Küsschen!“

Funny vergrub das Gesicht in den Händen. Darin seufzte.

„Wisst ihr“, sagte Lily zufrieden, „irgendwie habe ich das Gefühl, Marinburg wird mich vermissen.“

„Ja, definitiv“, sagten Funny und Darin wie aus einem Munde.

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Eine Antwort zu „Das Gespensterschiff“

  1. Avatar von Ursula
    Ursula

    Wahnsinnig spannend und witzig, schön.

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Das Gespensterschiff

Der Hafen von Marinburg lag im dichten Nebel, als Funny, Lily und Darin in der Nähe des Hafens zur Landung ansetzten. Es war eine prächtige Handelsstadt, bekannt für ihre Gewürze, ihre Seide und großen Reichtümer.

Wenn man jedoch Lily glauben schenkte, war es nur ein nach Fisch stinkendes Rattennest, das besser heute als morgen komplett abgefackelt werden sollte.

„Heimat, süße Heimat!“, rief Lily verächtlicht.

Ihre dunkelroten Haare wehten im Wind wie eine Kriegsfahne.

„Warum mussten wir noch einmal in dieses Dreckskaff?“

Funny schüttelte den Kopf.

„Wir sollen ein Geisterschiff, ähh, säubern.“

Darin sagte: „Lasst uns schnell zum Hafenmeister gehen, der wird uns sagen, wo Junos Kontor ist.“

Lily kicherte: „Barneby wird begeistert sein, mich zu sehen. Hab ich Euch erzählt, wie ich mal den halben Hafen im Meer versenkt habe?“

Zehn Minuten später standen sie im Büro des Hafenmeisters.

Der Hafenmeister, ein Mann, dessen Gesicht normalerweise die Farbe von altem Pergament hatte, wurde kreideweiß als er Lily erkannte. Er starrte sie an, als wäre sie ein leibhaftiger Dämon aus dem siebten Höllenkreis.

„Du…“, krächzte er und wich drei Schritte zurück, wobei er fast über eine Kiste stolperte. „Die rote… die Rote Chaotin! Sie ist zurück! ALARM! SCHLIEßT DIE LAGERHÄUSER! RETTET DIE BOOTE!“

Lily winkte fröhlich.

„Huhu, Barnaby! Lange nicht gesehen! Hast du abgenommen? Du siehst so… blass aus.“

Funny trat elegant dazwischen, bevor Barnaby endgültig ausflippen konnte.

„Guten Tag, guter Mann. Wir sind geschäftlich hier. Adiuva et Protege wurde von einem gewissen Herrn Juno angeheuert.“

Barnaby zitterte.

„Juno… ja. Der junge Kaufmann. Er… er sucht Verrückte für das Geisterschiff. Passt ja.“

Er warf Lily noch einen panischen Blick zu und schob, kaum das die Drei sein Büro wieder verlassen hatten, gleich mehrere Riegel vor die Tür.

„Er mag mich immer noch“, stellte Lily zufrieden fest.

Der junge Kaufmann Juno war ein Nervenbündel. Er zitterte so sehr, dass der Tee in seiner Tasse Wellen schlug.

„Es… es treibt dort draußen“, flüsterte er. „Die Schwarze Möwe. Voll beladen mit Seide und Gewürzen. Ein Vermögen! Aber jeder, der an Bord geht, kommt nicht zurück. Oder er kommt zurück und… spricht nie wieder.“

„Klingt einladend“, kommentierte Lily trocken und lehnte sich im Stuhl zurück.

Funny entschied: „Wir sichern das Schiff und lösen den Fluch.“

Sie ruderten noch am selben Tag hinaus.

Es war schon später Nachmittag. Die See war ruhig, fast zu ruhig. Kein Windhauch kräuselte das Wasser. Die Schwarze Möwe lag wie ein dunkler Fleck auf dem stählernen Blau.

Als sie an Deck kletterten, schlug ihnen der süßliche Geruch von Verwesung entgegen. Aber es summten keine Fliegen. Es gab keine Vögel. Es war totenstill. Überall an Deck lagen Leichen. Männer in fremdländischen Gewändern, erstarrt im Moment ihres Todes. Manche griffen nach Waffen, andere hielten die Hände schützend vor das Gesicht. Sie sahen nicht aus wie Leichen, sondern wie Wachsfiguren.

„Nicht anfassen“, warnte Darin, der sofort sein Spektrometer ausgepackt hatte.

„Die chronometrischen Werte spielen verrückt. Die Zeit hier steht still. Es ist wie… angehaltener Atem.“

Sie gingen weiter zum Hauptmast. Dort bot sich ihnen ein Anblick, der selbst Lily schlucken ließ. Der Kapitän, ein Hüne von einem Mann in einem prächtigem, aber blutverkrustetem Kaftan, stand aufrecht am Mast. Ein langer, rostiger Eisennagel war mitten durch seine Stirn getrieben und heftete ihn an das Holz. Sein Gesicht war zu einer Fratze ewigen Zorns verzerrt, die Augen starrten blind in die untergehende Sonne.

„Okay“, sagte Lily leise. „Das ist definitiv gruseliger als Omma Fietsches Nebelsuppe.“

„Wir müssen hier weg“, sagte Funny plötzlich.

Ihre Elfeninstinkte schrien Alarm.

„Darin, spürst du das? Das ist keine Restenergie. Das ist eine Falle. Sie lädt sich auf.“

Darin blickte auf die fast untergegangene Sonne.

„Die Sonnenwende. Der Übergang. Funny, wir können nicht mehr weg. Schaut aufs Meer!“

Lily rannte zur Bordwand.

„Hey! Wo ist das Meer?“

Draußen war kein Wasser mehr. Nur noch dichter, wirbelnder, grauer Nebel. Das Ruderboot war auch weg.

„Wir sind in der Domäne des Fluches“, sagte Darin und zog seine Axt. „Und gleich wird es hier sehr ungemütlich.“

Der letzte Strahl der Sonne verschwand hinter dem Horizont. Ein Ruck ging durch das Schiff. Zuerst war es nur ein Geräusch. Ein feuchtes Schmatzen. Dann ein Knacken von Knochen, die sich nach Jahrzehnten wieder streckten.

Funny, Lily und Darin standen Rücken an Rücken am Achterdeck.

„Sie bewegen sich“, flüsterte Lily und umklammerte ihre Naginata so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.

Die „Wachsfiguren“ begannen zu atmen. Farbe kehrte in ihre Gesichter zurück – aber keine gesunde Farbe. Es war ein fahles Grau, unterlegt mit pulsierenden, schwarzen Adern. Sie waren keine durchsichtigen Geister. Sie waren physisch, massiv und bewaffnet. Der Kapitän am Mast stieß ein gurgelndes Geräusch aus. Er griff mit beiden Händen an den Nagel in seiner Stirn, aber er zog ihn nur aus dem Mast aber nicht aus seinem Kopf heraus. Er schien den Schmerz zu ignorieren. Dann riss er seinen Säbel aus der Scheide.

Seine Augen, nun rot glühend, fixierten die drei Elfen.

„DA SIND SIE!“, brüllte er mit einer Stimme, die klang, als würde man Grabsteine aneinander reiben. „DIE HEXENMEISTER! DIE DÄMONEN, DIE UNS VERFLUCHT HABEN!“

„Wie bitte?“, rief Lily empört. „Wir sind gerade erst angekommen!“

„SIE HABEN DEN FLUCH GEBRACHT!“, schrie der Kapitän und deutete mit dem Säbel auf sie. „TÖTET SIE! WENN SIE STERBEN, SIND WIR FREI!“

Die gesamte Mannschaft – gut fünfzig Mann – drehte sich zeitgleich um. Ein Brüllen aus fünfzig Kehlen erschütterte das Deck.

„Diplomatie?“, fragte Lily hoffnungsvoll.

„Ausgeschlossen“, sagte Funny und zog ihre blauen Dolche. „Sie sind im Wahn gefangen. Sie halten jeden Lebenden für den Urheber ihres Leids.“

„Dann Plan B“, sagte Darin und schwang seine Axt, „Überleben.“

Die Welle der Untoten brandete gegen sie. Es war ein brutaler Kampf auf engstem Raum. Lily war ein Wirbelwind. Ihre Naginata schnitt durch die Angreifer.

„Ha! Nimm das! Und das!“

Sie köpfte einen Maat. Der Kopf rollte über das Deck… und lachte. Der Körper tastete blind herum, fand den Kopf, setzte ihn wieder auf, und der Maat kämpfte weiter.

„SIE STERBEN NICHT!“, rief Lily panisch. „DAS IST CHEATING!“

„Es ist eine Zeitschleife!“, rief Darin, während er mit der Breitseite seiner Axt drei Angreifer zurückschlug. „Ihr Zustand wird sofort zurückgesetzt! Wir können sie nicht besiegen, nur aufhalten!“

Funny tanzte durch die Reihen, wich Hieben aus und entwaffnete Gegner, aber für jeden, den sie zu Boden warf, standen zwei neue auf. Der Kapitän selbst stapfte auf sie zu, unaufhaltsam wie eine Lawine.

„DUUUU!“, brüllte er und schlug nach Funny. Sie parierte, aber die Wucht des Schlages ließ ihre Arme taub werden. Diese Geister besaßen übermenschliche Kraft.

„Wir werden überrannt!“, rief Funny. „Rückzug! In die Kapitänskajüte! Darin, die Tür!“

Sie kämpften sich Schritt für Schritt zurück. Lily deckte den Rückzug, ihre Klinge war nur noch ein verschwommener Schatten.

„Geht! Geht! Ich halte die Zombie-Party auf!“

Funny und Darin stürzten in die Kajüte. Lily sprang als Letzte hinein, gerade als der Kapitän seinen Säbel in den Türrahmen rammte.

„TÜR ZU! JETZT!“, brüllte sie.

Darin knallte die schwere Eichentür zu und warf sofort drei glühende Metallscheiben dagegen. SSSSZT. Ein blaues Kraftfeld versiegelte die Tür. Sekunden später hämmerten Fäuste und Klingen dagegen. Das Holz splitterte, aber das magische Feld hielt – vorerst.

In der Kajüte war es dunkel, nur erhellt von Darins Runen und dem unheimlichen Mondlicht, das durch die Heckfenster fiel. Sie atmeten schwer. Lily blutete aus einem Schnitt an der Wange, Darins T-Shirt war zerrissen.

„Okay“, keuchte Lily. „Die sind echt sauer. Und echt unsterblich. Irgendwelche Ideen, Tech-Nerd?“

Darin rutschte an der Wand herunter. Er zog hastig ein Buch aus seiner Item-Box.

„Der Fluch… er basiert auf einem Kreislauf. Ein Frevel – Mord an einem Heiligen, vermutlich – hat sie an diesen Ort zwischen Leben und Tod gebunden. Sie brauchen Erlösung. Aber sie sind zu wahnsinnig, um sie zu suchen. Der Dreh- und Angelpunkt dürfte der Kapitän sein. Habt ihr gesehen, dass er auch als Untoter den Nagel noch im Kopf hatte?“

Darins Augen rasten über die Buchseiten.

„Und warum sind wir hier gefangen?“, fragte Funny und verband Lilys Wange.

„Weil wir Magie in uns tragen“, erklärte Darin. „Unsere Aura wirkt wie ein Anker. Der Fluch hat uns ‚integriert‘. Für sie sind wir Teil ihrer ewigen Nacht.“

Ein schwerer Schlag ließ die Tür erzittern. Risse erschienen im blauen Kraftfeld.

„Das hält nicht mehr lange“, sagte Funny.

Darin durchwühlte die Itembox. Sein Blick fiel auf einen kleinen Beutel Muleys „Spezial-Erde“, eigentlich gedacht, um böse Geister zu vertreiben.

„Ich hab eine Idee“, sagte Darin. „Erinnert euch an die Legende. ‚Bis sie ihr Haupt zur Ruhe betten auf geheiligter Erde‘. Sie können das Schiff nicht verlassen. Aber wir haben Erde hier.“

„Du willst sie mit Dreck bewerfen?“, fragte Lily skeptisch.

„Nein. Wir müssen den Ankerpunkt erden“, sagte Darin, seine Augen leuchteten auf. „Der Kapitän. Der Nagel. Der Nagel ist der Fokuspunkt des Fluches. Er verbindet seinen Geist mit dem Schiff. Wenn wir den Nagel mit geweihter Erde berühren, während er ‚lebendig‘ ist… unterbrechen wir den Kreislauf, vielleicht.“

„Er wird uns nicht nah genug heranlassen“, sagte Funny. „Er ist der Stärkste von ihnen.“

„Doch“, sagte Lily und grinste böse, ein Grinsen, das nichts Gutes verhieß. „Denn diesmal gehen wir aufs Ganze und wir konzentrieren uns nur auf ihn. Darin, kannst du das Kraftfeld sprengen?“

„Ja, aber…“

„Gut. Funny, du bist die Ablenkung. Du bist das Licht. Darin, du hast die Erde. Ich… ich bin der Rammbock. Bleib hinter mir!“

„DREI… ZWEI… EINS!“

Darin deaktivierte das Feld nicht nur, er kehrte die Polarität um. Mit einem explosionsartigen Knall flog die Tür nach außen und schleuderte die davor stehenden Geister über das Deck.

„ANGRIFF!“, brüllte Lily.

Sie stürmten hinaus. Aber nicht planlos. Funny entfaltete ihre Flügel. Sie stieg senkrecht in die Luft und begann, so hell zu leuchten wie ein Stern.

„HIER BIN ICH!“, rief sie mit magisch verstärkter Stimme. „ICH BIN EURE VERDAMMNIS!“

Alle Köpfe, inklusive dem des Kapitäns, ruckten nach oben. Die Geister waren geblendet, verwirrt.

„HOLT SIE HERUNTER!“, schrie der Kapitän.

Das war der Moment. Lily nutzte ihre Flügel zur Beschleunigung. Sie schoss tief über das Deck, rammte Geister beiseite wie Kegel, ihre Naginata ebnete den Weg.

„BAHN FREI! PLATZ DA! LILY-EXPRESS!“

Hinter ihr rannte Darin, den Beutel mit Muleys Erde fest an die Brust gedrückt.

Der Kapitän sah Lily kommen. Er hob den Säbel.

„DU WURM!“, brüllte er. Lily sprang ab. Sie blockte seinen Hieb nicht. Sie duckte sich darunter weg, rutschte auf den Knien über die Planken direkt zwischen seine Beine und trat ihm mit voller Wucht gegen die Kniescheibe. Selbst ein untoter Kapitän hat Reflexe. Er knickte ein.

„JETZT, DARIN!“, schrie Lily.

Darin sprang über Lilys Kopf hinweg. Er riss den Sack auf. Der Kapitän versuchte, ihn zu packen, seine eiskalte Hand schloss sich um Darins Hals. Darin keuchte. Mit letzter Kraft drückte er eine Handvoll magisch aufgeladener Erde, gemischt mit Salz und Muleys geheimen Zutaten, direkt auf die Stirn des Kapitäns. Direkt auf den Nagel.

FZZZZZZZSCHT!

Es war kein Geräusch von dieser Welt. Es klang, als würde das Universum die Luft anhalten. Der Kapitän erstarrte. Seine Hand an Darins Hals lockerte sich. Das rote Glühen in seinen Augen flackerte, wurde weiß… und erlosch.

„Erde…“, hauchte der Kapitän. Seine Stimme war nicht mehr grollend, sondern müde. Unendlich müde. „Ich spüre… Erde.“

Der Nagel rostete im Zeitraffer. Er zerfiel zu rotem Staub und rieselte über das Gesicht des Mannes.

„Der Zorn… ist weg“, flüsterte er. Er sah Darin an, der hustend am Boden lag. „Du hast… den Kreis durchbrochen.“

Ringsum auf dem Schiff ließen die Matrosen ihre Waffen fallen. Der Nebel begann sich zu lichten. Das fahle Mondlicht wurde wärmer. Die Gestalt des Kapitäns begann sich aufzulösen, wurde zu Lichtpartikeln. „Danke…“, sagte er.

Dann waren sie weg. Keine Leichen mehr. Keine Geister. Nur ein altes, leeres Schiff, das sanft auf den Wellen schaukelte. Und drei völlig erschöpfte Elfen.

Am nächsten Morgen im Hafen von Marinburg.

Herr Juno weinte fast vor Glück. Das Schiff lag sicher vor Anker, magisch gereinigt und fluchfrei.

„Ihr seid Helden!“, rief er. „Hier! Doppelte Belohnung! Ich werde Lieder über euch singen lassen!“

Funny steckte das Gold ein.

„Vielen Dank. Wir empfehlen uns.“

Lily lehnte lässig wähenddessen an einem Poller und genoss ihren Triumph. Der Hafenmeister Barnaby lugte vorsichtig hinter einem Fass hervor.

„Siehst du, Barnaby?“, rief sie ihm zu. „Alles heil geblieben! Kein Pier versenkt, kein Lagerhaus angezündet. Ich bin quasi die Definition von Sicherheit!“

Sie breitete die Arme aus und drehte sich schwungvoll um… und ihre Naginata, die sie noch in der Hand hielt, schwang mit. Das Blatt der Waffe durchschnitt sauber das Halteseil eines riesigen Krans, der gerade eine Ladung Fischfässer über dem Kontor des Hafenmeisters schwenkte.

RITSCH. WUMM.

Der Kranarm schwang herum, die Ladung löste sich und begrub das kleine Büro des Hafenmeisters unter einem Berg aus stinkenden Heringen und Holzsplittern.

Stille am Hafen. Nur eine Möwe schrie.

Barnaby, der wie durch ein Wunder (und weil er draußen stand) unverletzt war, starrte auf die Trümmer seines Büros. Er holte tief Luft. Sein Gesicht lief purpurrot an.

„Äh…“, machte Lily. „Das… war der Wind?“

„VERSCHWINDEN WIR!“, rief Darin und packte Lily und Funny bei den Händen.

Während sie hastig in den Himmel stiegen, hörten sie unter sich das markerschütternde Gebrüll des Hafenmeisters: „LIIIILLLYYY!!!! KOMM NIE WIEDER!!“

Lily winkte lässig nach unten.

„Bis zum nächsten Mal, Barnaby! Küsschen!“

Funny vergrub das Gesicht in den Händen. Darin seufzte.

„Wisst ihr“, sagte Lily zufrieden, „irgendwie habe ich das Gefühl, Marinburg wird mich vermissen.“

„Ja, definitiv“, sagten Funny und Darin wie aus einem Munde.

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  1. Avatar von Ursula
    Ursula

    Wahnsinnig spannend und witzig, schön.

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