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Lernen auf der Blumenwiese

Es war ein lauer, sternenklarer Sommerabend im Elfental. Die Glühwürmchen tanzten sanft über die Wiesen und um einen großen, gemütlichen Lagerfeuerplatz hatten sich gut zwei Dutzend Blumenelfenkinder im Schneidersitz versammelt. In der Mitte standen die drei Helden von Adiuva et Protege.

Darin kniete auf dem Gras und justierte gerade die Linsen eines summenden, magischen Projektors, den er aus einer alten Kristallkugel und ein paar Kupferdrähten gebastelt hatte.

Funny trat mit einem warmen, liebevollen Lächeln vor die Kinder. Sie räusperte sich leise.

„Hallo zusammen! Wir dachten, da wir als Wächter viel in der Welt herumkommen, erzählen wir euch heute ein wenig darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Heute sprechen wir über… “

„Drachen!“, rief Lily, die plötzlich neben Funny auftauchte und begeistert die Faust in die Luft reckte. „Wir sprechen über Drachen und wie man mit ihnen jeden Kampf gewinnt!“

Funny erstarrte und blickte ungehalten zu Lily. Doch die beugte sich schon schwungvoll zu den Kindern vor.

„Also, passt auf! Ganz wichtig ist es, dass ihr euren Gegner immer fest im Auge behaltet! Ihr müsst eure Naginata nachdrücklich und mit viel Schwung einsetzen, und euch bei großen Monstern immer…“

Lily stoppte mitten im Satz. Die Luft um sie herum war plötzlich um zehn Grad kälter geworden. Ein leises, unheilvolles Knistern lag in der Luft. Lily drehte den Kopf in Zeitlupe zur Seite. Um Funny herum hatte sich eine tiefblaue, knisternde magische Aura des Zorns gebildet. Kleine, statische Blitze zuckten von Funnys Schultern herab und schlugen mit leisen Paff-Geräuschen direkt vor Lilys nackten Füßen in den Rasen ein. Funnys Lächeln war noch da, aber es erreichte ihre Augen nicht mehr.

„Äh…“, machte Lily und hob beschwichtigend die Hände.

Darin seufzte lautlos, trat vor und legte Lily sanft eine Hand auf die Schulter.

„Lily, setz dich einfach zu den Kindern und höre gut zu.“

Er wandte sich an die staunenden kleinen Elfen und deutete auf die etwas eingeschüchterte Straßenkämpferin.

„Seht ihr? Genau so solltet ihr nicht sein.“

Die Kinder brachen in schallendes Gelächter aus. Lily rieb sich verlegen die Nase, grinste dann aber breit und ließ sich leicht bedröppelt, aber lachend im Schneidersitz neben die erste Reihe der Kinder fallen. Sie stützte das Kinn auf die Hände und schaute erwartungsvoll zu ihren Freunden auf.

Funny atmete tief durch. Die Blitze verschwanden und das warme Lächeln kehrte zurück.

„Wie ich sagen wollte: Wir haben für euch sieben Bilder vorbereitet. Sie stellen Eigenschaften dar, die ihr möglichst nie zeigen solltet. Bei uns im Elfental sind sie absolut verpönt, denn sie vergiften das Herz und machen ein gemeinsames, friedliches Leben unmöglich.“

Der Projektor surrte auf und ein buntes Lichtbild schwebte über dem Lagerfeuer.


1. Faulheit

Das erste Bild zeigte eine magische Projektion einer völlig verwahrlosten Wohnung. Überall lagen Unrat, verschimmelte Beeren, umgekippte Kelche und dazwischen drei Elfen, die wie nasse Säcke auf dem Sofa, auf dem Sessel oder auf dem Boden lagen.

Die Kinder stöhnten angewidert auf.

„Iiiih!“

„Ich glaube, dazu muss ich euch nicht mehr viel erzählen, oder?“, fragte Funny lächelnd.

Ein kleiner Junge mit grünen Haaren hob die Hand.

„Bei meiner kleinen Schwester sieht es manchmal fast genauso aus!“

Die Kinder lachten los, während ein kleines Mädchen neben ihm empört aufschrie und ihm gegen die Schulter boxte.

Lily hob den Finger.

„Naja, Leute, wir müssen da unterscheiden! Haben wir Unordnung, weil wir einfach Null Bock auf gar nichts haben? Oder sieht es nur so aus, weil wir einfach nicht dazu kommen, weil wir die Welt retten und…“

„Versuchst du gerade den Kindern zu erklären, warum es bei dir im Zimmer so unordentlich ist?“, unterbrach Funny sie mit hochgezogener Augenbraue. Die Kinder kicherten. Lily schaute betreten auf ihre Zehen.

„Okay, ertappt. Ich räume mal wieder auf!“

Beifallsrufe und Klatschen der Kinder belohnten ihre Einsicht.

2. Völlerei

Das Lichtbild wechselte. Nun sah man die drei Helden an einem gigantischen Buffet. Sie mampften ununterbrochen. In der Projektion war Funny bereits so kugelrund gefuttert, dass sie nicht einmal mehr stehen konnte. Die Kinder bogen sich vor Lachen.

„Wir Blumenelfen lieben eine gute Küche“, erklärte Funny und versuchte, das wenig vorteilhafte Bild von sich selbst zu ignorieren. „Wir sind Meister darin, aus natürlichen Dingen wahre kulinarische Kunstwerke zu erstellen. Aber Essen wegwerfen? Oder sich sinnlos den Bauch vollschlagen, bis man platzt, nur weil es da ist? Nein. Wir teilen. Wir laden Freunde ein, Familie, unsere Nachbarn. Aber sinnlose Essensschlachten…“

Funny schüttelte sich theatralisch.

„…gehören nicht an unseren Tisch.“

3. Ausschweifung

Das nächste Bild konnte man sich bei den drei Blumenelfen so gar nicht vorstellen. Es zeigte sie, wie sie dekadent auf teuren Stoffen flätzten, sich teure Früchte von weit weit weg holten und dem absoluten Müßiggang nachgingen.

„Direkt danach kommt das ausschweifende Leben“, übernahm Darin die Erklärung mit seiner ruhigen, sachlichen Stimme. „Aber warum sollte man das tun? Der Erwerb teurer Dinge macht vielleicht für fünf Minuten Spaß. Doch danach will man immer mehr und immer teurere Dinge. Man verliert völlig den Blick für die kleinen, echten Wunder der Natur.“

„Genau!“, rief Lily von unten. „Ein guter Kampf im Schlamm kostet gar nichts und macht viel mehr Spaß als ein Diamantenthron, der auch noch furchtbar am Hintern piekst!“

Die Kinder kicherten.

4. Habgier

Funny nickte zustimmend.

„Und das bringt uns zur Habgier. Wozu braucht ihr Schmuck in Hülle und Fülle? Wie viel kann man anziehen, bevor man sich nicht mehr bewegen kann? Und noch schlimmer: Ihr rafft immer mehr zusammen und lasst für andere nichts übrig.“

Die Kinder stöhnten erschrocken auf, als das Bild erschien, auf dem Lily Schätze zusammen raffte, ihren Freunden aber nichts abgab.

Funny deutete auf ihr eigenes Outfit.

„Wir Blumenelfen sind ein Naturvolk. Wir sind das Leben, wir fördern das Leben. Dazu braucht es nicht viel Kleidung. Im Gegenteil: Zu viel Stoff stört nur beim Fliegen und bei den Wachstumstänzen. Deshalb sind wir minimalistisch. Ein Bikini für die Mädchen, ein einfaches T-Shirt für die Jungs. Das reicht. Reichtümer? Könnt ihr Gold und Edelsteine essen?“

Die Kinder schüttelten energisch die Köpfe.

„Natürlich“, lenkte Funny ein, „brauchen auch wir hin und wieder Geldmittel. Eine Aufgabe des Fürstenhauses ist zum Beispiel die Pflege der großen Bibliothek. Und wir brauchen gute Bibliothekare. Wenn man von den wundersamsten Abenteuern lesen möchte, ist man schnell auf die Hilfe dieser weisen Bücherwürmer angewiesen. Ach, all diese fantastischen Welten, die alten Schriften, der Geruch von Pergament, wenn man stundenlang in ein Buch versunken ist und auf Abenteuer geht…“ Funnys Blick wurde glasig. Sie starrte lächelnd ins Leere und seufzte verträumt.

„Räusper.“

Darin hustete sehr laut und sehr absichtlich. Funny schreckte auf. Die Kinder hielten sich kichernd die Bäuche.

„Äh… ja. Bücher sind wichtig. Aber Habgier ist böse. Weiter im Text!“

5. Neid

Das Bild ploppte um. Es zeigte die Drei in der Gilde, wo Funny und Darin feierlich ihre S+ Medaillen bekamen. Daneben stand eine sauertöpfische Lily, die leer ausging und bei der der Neid eine giftgrüne Aura geformt hatte.

„Neid“, sagte Funny sanft. „Wenn jemand etwas mit seiner Arbeit erreicht hat, feiern wir das zusammen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Es ist völlig in Ordnung, mal traurig oder enttäuscht zu sein, wenn der Kumpel von nebenan belobigt wird. Aber wir neiden es ihm nicht. Denn wir helfen uns, und irgendwann wird man selbst eine Auszeichnung bekommen.“

Lily meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Sie drehte sich zu den Kindern um, die sie mit großen, bewundernden Augen ansahen.

„Hört mal her, Zwerge“, sagte Lily erstaunlich ernst. „Seht ihr das Bild? Das ist mir schon öfter passiert. Funny und Darin sind klug, sie planen, sie denken nach. Ich… nun ja, ich stürme meistens mit dem Kopf durch die Wand. Das ist oft viel zu ungestüm. Damit habe ich mir selbst schon so manche Rangerhöhung verbaut. Aber wisst ihr was? Ich freue mich trotzdem jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn die beiden befördert werden. Weil sie meine Freunde sind. Und sie holen mich immer aus dem Schlamassel, in den ich mich reinreite, heraus.“

Die Kinder brachen in lauten Jubel aus und klatschten für Lily. Sie war und blieb einfach die Heldin der Herzen.

6. Hochmut

„Das bringt uns zur vorletzten Eigenschaft: dem Hochmut“, sagte Funny, und ihre Stimme wurde feierlich.

„Im Elfental wollen wir alle zusammen in Frieden leben. Jeder hat seine Aufgabe und jeder ist wichtig. Der Gärtner ist genauso wichtig wie der Krieger. Niemand sollte auf die Arbeit anderer geringschätzig herabblicken.“

Sie straffte die Schultern.

„Und erst recht sollte niemand glauben, er oder sie sei etwas Besseres. Nicht einmal das Fürstenhaus ist besser als irgendein anderes Haus im Elfental. Das Volk kann auf einer Versammlung jederzeit bestimmen, dass eine andere Familie die Führung übernehmen soll. Wir sind alle gleich.“

Darin ergänzte: „Sagt mir doch einmal, warum mögt ihr Lily? Weil sie als S-Rang-Wächterin durch die Gegend stolziert und auf alle anderen herabsschaut?“

Die Kinder protestieren.

„Nein! Sie spielt mit uns.“

„Sie hilft uns, wenn wir in Gefahr geraten!“

Lily wurde rot.

Darin flüsterte: „Und weil sie so herrlich tolpatschig ist.“

Das Lachen der Kinder sprang über die ganze Wiese.

Lily drohte Darin mit dem Finger: „Duuuuu…“, aber dann fiel sie doch in das allgemeine laute Lachen mit ein.

7. Zorn

Darin aktivierte die letzte Sequenz des Projektors. Das Lichtbild, das nun über den Köpfen der Kinder schwebte, war das erschreckendste von allen. Es zeigte Darin selbst – doch nicht den ruhigen, besonnenen Techniker, den sie kannten.

In der Projektion raste er mit zerrissenem T-Shirt und wildem Blick unkontrolliert in einen Kampf. Er schwang seine schwere Axt so blindwütig, dass er alles umhaute, was ihm in den Weg kam. Er wirkte wie eine zerstörerische Naturgewalt ohne Sinn und Verstand.

Einige Kinder hielten erschrocken den Atem an. Es war still am Feuer.

Funny trat vor, ihre Stimme war nun tief und ernst, fast mahnend.

„Wut, Zorn und Hass führen euch in die Dunkelheit, Kinder. Wenn ihr zulasst, dass das Feuer des Zorns unkontrolliert in euch brennt, verliert ihr die Sicht auf das, was wahr ist. Irgendwann könnt ihr nicht mehr zwischen Freund und Feind, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.“

Sie machte eine kurze Pause und blickte in die nachdenklichen Gesichter der Kleinen.

„Hass macht einsam. Er baut Mauern auf, wo Brücken sein sollten.“

Darin schaltete das Bild ab und die Dunkelheit der Nacht wirkte nach diesem Anblick fast wie eine Erlösung. Funny entspannte ihre Haltung, ein kleiner, schelmischer Glanz kehrte in ihre Augen zurück. Sie neigte sich ein Stück zu den Kindern vor und fügte leise hinzu:

„Aber… unter uns gesagt: Manchmal darf man natürlich auch ein ganz kleines bisschen ärgerlich werden. Besonders dann, wenn die beste Freundin mal wieder, mitten in einer diplomatischen Mission, einen Kampf anzettelt…“

Sie warf einen vielsagenden Blick zu Lily. Die Kinder kicherten sofort wieder und Lily rief empört: „Hey! Das war strategische Notwehr!“

Funny lachte hell auf.

„Mit viel Phantsie, vielleicht. Aber nur vielleicht.“

Zum Abschluss traten Funny und Darin nebeneinander und verneigten sich elegant vor ihrem kleinen Publikum. Die Kinder klatschten stürmisch.

Ein kleines Mädchen mit Gänseblümchen im Haar sprang auf und rief: „Wenn ich groß bin, werde ich mal genauso wie ihr!“

Darin rückte seine Brille zurecht und antwortete absolut trocken: „Aber bitte nicht so wie auf den Bildern.“

Erneut brach die Wiese in lautes Lachen aus.


Einige Stunden später. Die Sterne funkelten hell über dem WG-Häuschen von Adiuva et Protege.

Im gemütlichen Wohnzimmer knisterte das Kaminfeuer. Funny saß in ihrem bequemen Sessel, die Füße hochgelegt und war tief in einen dicken Wälzer versunken. Darin saß am Küchentisch und lötete konzentriert an einem kleinen, hochkomplexen Runen-Mechanismus. Alles war friedlich.

Plötzlich krachte es aus dem oberen Stockwerk.

RUMMS!

SCHEPPER!

Ein Geräusch, als wäre ein Schrank umgekippt, gefolgt von einem metallischen Klirren und einem gedämpften: „Autsch! Blöde Rüstung!“

Darin setzte den Lötkolben ab und blickte an die Decke. Funny klappte ihr Buch zu, schaute Darin an und lächelte breit.

„Oh“, sagte Funny belustigt. „Unser roter Wirbelwind macht ernst.“

Darin nickte grinsend.

„Sie räumt auf.“


Mehr Lust auf Abenteuer von Funny, Lily und Darin?
Dann schaut ins Buch „Die Akademie der Krone“, des 1. Bandes der „Chroniken der Wächter“. Jetzt beim Carow Verlag bestellen!

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Es war ein lauer, sternenklarer Sommerabend im Elfental. Die Glühwürmchen tanzten sanft über die Wiesen und um einen großen, gemütlichen Lagerfeuerplatz hatten sich gut zwei Dutzend Blumenelfenkinder im Schneidersitz versammelt. In der Mitte standen die drei Helden von Adiuva et Protege.

Darin kniete auf dem Gras und justierte gerade die Linsen eines summenden, magischen Projektors, den er aus einer alten Kristallkugel und ein paar Kupferdrähten gebastelt hatte.

Funny trat mit einem warmen, liebevollen Lächeln vor die Kinder. Sie räusperte sich leise.

„Hallo zusammen! Wir dachten, da wir als Wächter viel in der Welt herumkommen, erzählen wir euch heute ein wenig darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Heute sprechen wir über… “

„Drachen!“, rief Lily, die plötzlich neben Funny auftauchte und begeistert die Faust in die Luft reckte. „Wir sprechen über Drachen und wie man mit ihnen jeden Kampf gewinnt!“

Funny erstarrte und blickte ungehalten zu Lily. Doch die beugte sich schon schwungvoll zu den Kindern vor.

„Also, passt auf! Ganz wichtig ist es, dass ihr euren Gegner immer fest im Auge behaltet! Ihr müsst eure Naginata nachdrücklich und mit viel Schwung einsetzen, und euch bei großen Monstern immer…“

Lily stoppte mitten im Satz. Die Luft um sie herum war plötzlich um zehn Grad kälter geworden. Ein leises, unheilvolles Knistern lag in der Luft. Lily drehte den Kopf in Zeitlupe zur Seite. Um Funny herum hatte sich eine tiefblaue, knisternde magische Aura des Zorns gebildet. Kleine, statische Blitze zuckten von Funnys Schultern herab und schlugen mit leisen Paff-Geräuschen direkt vor Lilys nackten Füßen in den Rasen ein. Funnys Lächeln war noch da, aber es erreichte ihre Augen nicht mehr.

„Äh…“, machte Lily und hob beschwichtigend die Hände.

Darin seufzte lautlos, trat vor und legte Lily sanft eine Hand auf die Schulter.

„Lily, setz dich einfach zu den Kindern und höre gut zu.“

Er wandte sich an die staunenden kleinen Elfen und deutete auf die etwas eingeschüchterte Straßenkämpferin.

„Seht ihr? Genau so solltet ihr nicht sein.“

Die Kinder brachen in schallendes Gelächter aus. Lily rieb sich verlegen die Nase, grinste dann aber breit und ließ sich leicht bedröppelt, aber lachend im Schneidersitz neben die erste Reihe der Kinder fallen. Sie stützte das Kinn auf die Hände und schaute erwartungsvoll zu ihren Freunden auf.

Funny atmete tief durch. Die Blitze verschwanden und das warme Lächeln kehrte zurück.

„Wie ich sagen wollte: Wir haben für euch sieben Bilder vorbereitet. Sie stellen Eigenschaften dar, die ihr möglichst nie zeigen solltet. Bei uns im Elfental sind sie absolut verpönt, denn sie vergiften das Herz und machen ein gemeinsames, friedliches Leben unmöglich.“

Der Projektor surrte auf und ein buntes Lichtbild schwebte über dem Lagerfeuer.


1. Faulheit

Das erste Bild zeigte eine magische Projektion einer völlig verwahrlosten Wohnung. Überall lagen Unrat, verschimmelte Beeren, umgekippte Kelche und dazwischen drei Elfen, die wie nasse Säcke auf dem Sofa, auf dem Sessel oder auf dem Boden lagen.

Die Kinder stöhnten angewidert auf.

„Iiiih!“

„Ich glaube, dazu muss ich euch nicht mehr viel erzählen, oder?“, fragte Funny lächelnd.

Ein kleiner Junge mit grünen Haaren hob die Hand.

„Bei meiner kleinen Schwester sieht es manchmal fast genauso aus!“

Die Kinder lachten los, während ein kleines Mädchen neben ihm empört aufschrie und ihm gegen die Schulter boxte.

Lily hob den Finger.

„Naja, Leute, wir müssen da unterscheiden! Haben wir Unordnung, weil wir einfach Null Bock auf gar nichts haben? Oder sieht es nur so aus, weil wir einfach nicht dazu kommen, weil wir die Welt retten und…“

„Versuchst du gerade den Kindern zu erklären, warum es bei dir im Zimmer so unordentlich ist?“, unterbrach Funny sie mit hochgezogener Augenbraue. Die Kinder kicherten. Lily schaute betreten auf ihre Zehen.

„Okay, ertappt. Ich räume mal wieder auf!“

Beifallsrufe und Klatschen der Kinder belohnten ihre Einsicht.

2. Völlerei

Das Lichtbild wechselte. Nun sah man die drei Helden an einem gigantischen Buffet. Sie mampften ununterbrochen. In der Projektion war Funny bereits so kugelrund gefuttert, dass sie nicht einmal mehr stehen konnte. Die Kinder bogen sich vor Lachen.

„Wir Blumenelfen lieben eine gute Küche“, erklärte Funny und versuchte, das wenig vorteilhafte Bild von sich selbst zu ignorieren. „Wir sind Meister darin, aus natürlichen Dingen wahre kulinarische Kunstwerke zu erstellen. Aber Essen wegwerfen? Oder sich sinnlos den Bauch vollschlagen, bis man platzt, nur weil es da ist? Nein. Wir teilen. Wir laden Freunde ein, Familie, unsere Nachbarn. Aber sinnlose Essensschlachten…“

Funny schüttelte sich theatralisch.

„…gehören nicht an unseren Tisch.“

3. Ausschweifung

Das nächste Bild konnte man sich bei den drei Blumenelfen so gar nicht vorstellen. Es zeigte sie, wie sie dekadent auf teuren Stoffen flätzten, sich teure Früchte von weit weit weg holten und dem absoluten Müßiggang nachgingen.

„Direkt danach kommt das ausschweifende Leben“, übernahm Darin die Erklärung mit seiner ruhigen, sachlichen Stimme. „Aber warum sollte man das tun? Der Erwerb teurer Dinge macht vielleicht für fünf Minuten Spaß. Doch danach will man immer mehr und immer teurere Dinge. Man verliert völlig den Blick für die kleinen, echten Wunder der Natur.“

„Genau!“, rief Lily von unten. „Ein guter Kampf im Schlamm kostet gar nichts und macht viel mehr Spaß als ein Diamantenthron, der auch noch furchtbar am Hintern piekst!“

Die Kinder kicherten.

4. Habgier

Funny nickte zustimmend.

„Und das bringt uns zur Habgier. Wozu braucht ihr Schmuck in Hülle und Fülle? Wie viel kann man anziehen, bevor man sich nicht mehr bewegen kann? Und noch schlimmer: Ihr rafft immer mehr zusammen und lasst für andere nichts übrig.“

Die Kinder stöhnten erschrocken auf, als das Bild erschien, auf dem Lily Schätze zusammen raffte, ihren Freunden aber nichts abgab.

Funny deutete auf ihr eigenes Outfit.

„Wir Blumenelfen sind ein Naturvolk. Wir sind das Leben, wir fördern das Leben. Dazu braucht es nicht viel Kleidung. Im Gegenteil: Zu viel Stoff stört nur beim Fliegen und bei den Wachstumstänzen. Deshalb sind wir minimalistisch. Ein Bikini für die Mädchen, ein einfaches T-Shirt für die Jungs. Das reicht. Reichtümer? Könnt ihr Gold und Edelsteine essen?“

Die Kinder schüttelten energisch die Köpfe.

„Natürlich“, lenkte Funny ein, „brauchen auch wir hin und wieder Geldmittel. Eine Aufgabe des Fürstenhauses ist zum Beispiel die Pflege der großen Bibliothek. Und wir brauchen gute Bibliothekare. Wenn man von den wundersamsten Abenteuern lesen möchte, ist man schnell auf die Hilfe dieser weisen Bücherwürmer angewiesen. Ach, all diese fantastischen Welten, die alten Schriften, der Geruch von Pergament, wenn man stundenlang in ein Buch versunken ist und auf Abenteuer geht…“ Funnys Blick wurde glasig. Sie starrte lächelnd ins Leere und seufzte verträumt.

„Räusper.“

Darin hustete sehr laut und sehr absichtlich. Funny schreckte auf. Die Kinder hielten sich kichernd die Bäuche.

„Äh… ja. Bücher sind wichtig. Aber Habgier ist böse. Weiter im Text!“

5. Neid

Das Bild ploppte um. Es zeigte die Drei in der Gilde, wo Funny und Darin feierlich ihre S+ Medaillen bekamen. Daneben stand eine sauertöpfische Lily, die leer ausging und bei der der Neid eine giftgrüne Aura geformt hatte.

„Neid“, sagte Funny sanft. „Wenn jemand etwas mit seiner Arbeit erreicht hat, feiern wir das zusammen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Es ist völlig in Ordnung, mal traurig oder enttäuscht zu sein, wenn der Kumpel von nebenan belobigt wird. Aber wir neiden es ihm nicht. Denn wir helfen uns, und irgendwann wird man selbst eine Auszeichnung bekommen.“

Lily meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Sie drehte sich zu den Kindern um, die sie mit großen, bewundernden Augen ansahen.

„Hört mal her, Zwerge“, sagte Lily erstaunlich ernst. „Seht ihr das Bild? Das ist mir schon öfter passiert. Funny und Darin sind klug, sie planen, sie denken nach. Ich… nun ja, ich stürme meistens mit dem Kopf durch die Wand. Das ist oft viel zu ungestüm. Damit habe ich mir selbst schon so manche Rangerhöhung verbaut. Aber wisst ihr was? Ich freue mich trotzdem jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn die beiden befördert werden. Weil sie meine Freunde sind. Und sie holen mich immer aus dem Schlamassel, in den ich mich reinreite, heraus.“

Die Kinder brachen in lauten Jubel aus und klatschten für Lily. Sie war und blieb einfach die Heldin der Herzen.

6. Hochmut

„Das bringt uns zur vorletzten Eigenschaft: dem Hochmut“, sagte Funny, und ihre Stimme wurde feierlich.

„Im Elfental wollen wir alle zusammen in Frieden leben. Jeder hat seine Aufgabe und jeder ist wichtig. Der Gärtner ist genauso wichtig wie der Krieger. Niemand sollte auf die Arbeit anderer geringschätzig herabblicken.“

Sie straffte die Schultern.

„Und erst recht sollte niemand glauben, er oder sie sei etwas Besseres. Nicht einmal das Fürstenhaus ist besser als irgendein anderes Haus im Elfental. Das Volk kann auf einer Versammlung jederzeit bestimmen, dass eine andere Familie die Führung übernehmen soll. Wir sind alle gleich.“

Darin ergänzte: „Sagt mir doch einmal, warum mögt ihr Lily? Weil sie als S-Rang-Wächterin durch die Gegend stolziert und auf alle anderen herabsschaut?“

Die Kinder protestieren.

„Nein! Sie spielt mit uns.“

„Sie hilft uns, wenn wir in Gefahr geraten!“

Lily wurde rot.

Darin flüsterte: „Und weil sie so herrlich tolpatschig ist.“

Das Lachen der Kinder sprang über die ganze Wiese.

Lily drohte Darin mit dem Finger: „Duuuuu…“, aber dann fiel sie doch in das allgemeine laute Lachen mit ein.

7. Zorn

Darin aktivierte die letzte Sequenz des Projektors. Das Lichtbild, das nun über den Köpfen der Kinder schwebte, war das erschreckendste von allen. Es zeigte Darin selbst – doch nicht den ruhigen, besonnenen Techniker, den sie kannten.

In der Projektion raste er mit zerrissenem T-Shirt und wildem Blick unkontrolliert in einen Kampf. Er schwang seine schwere Axt so blindwütig, dass er alles umhaute, was ihm in den Weg kam. Er wirkte wie eine zerstörerische Naturgewalt ohne Sinn und Verstand.

Einige Kinder hielten erschrocken den Atem an. Es war still am Feuer.

Funny trat vor, ihre Stimme war nun tief und ernst, fast mahnend.

„Wut, Zorn und Hass führen euch in die Dunkelheit, Kinder. Wenn ihr zulasst, dass das Feuer des Zorns unkontrolliert in euch brennt, verliert ihr die Sicht auf das, was wahr ist. Irgendwann könnt ihr nicht mehr zwischen Freund und Feind, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.“

Sie machte eine kurze Pause und blickte in die nachdenklichen Gesichter der Kleinen.

„Hass macht einsam. Er baut Mauern auf, wo Brücken sein sollten.“

Darin schaltete das Bild ab und die Dunkelheit der Nacht wirkte nach diesem Anblick fast wie eine Erlösung. Funny entspannte ihre Haltung, ein kleiner, schelmischer Glanz kehrte in ihre Augen zurück. Sie neigte sich ein Stück zu den Kindern vor und fügte leise hinzu:

„Aber… unter uns gesagt: Manchmal darf man natürlich auch ein ganz kleines bisschen ärgerlich werden. Besonders dann, wenn die beste Freundin mal wieder, mitten in einer diplomatischen Mission, einen Kampf anzettelt…“

Sie warf einen vielsagenden Blick zu Lily. Die Kinder kicherten sofort wieder und Lily rief empört: „Hey! Das war strategische Notwehr!“

Funny lachte hell auf.

„Mit viel Phantsie, vielleicht. Aber nur vielleicht.“

Zum Abschluss traten Funny und Darin nebeneinander und verneigten sich elegant vor ihrem kleinen Publikum. Die Kinder klatschten stürmisch.

Ein kleines Mädchen mit Gänseblümchen im Haar sprang auf und rief: „Wenn ich groß bin, werde ich mal genauso wie ihr!“

Darin rückte seine Brille zurecht und antwortete absolut trocken: „Aber bitte nicht so wie auf den Bildern.“

Erneut brach die Wiese in lautes Lachen aus.


Einige Stunden später. Die Sterne funkelten hell über dem WG-Häuschen von Adiuva et Protege.

Im gemütlichen Wohnzimmer knisterte das Kaminfeuer. Funny saß in ihrem bequemen Sessel, die Füße hochgelegt und war tief in einen dicken Wälzer versunken. Darin saß am Küchentisch und lötete konzentriert an einem kleinen, hochkomplexen Runen-Mechanismus. Alles war friedlich.

Plötzlich krachte es aus dem oberen Stockwerk.

RUMMS!

SCHEPPER!

Ein Geräusch, als wäre ein Schrank umgekippt, gefolgt von einem metallischen Klirren und einem gedämpften: „Autsch! Blöde Rüstung!“

Darin setzte den Lötkolben ab und blickte an die Decke. Funny klappte ihr Buch zu, schaute Darin an und lächelte breit.

„Oh“, sagte Funny belustigt. „Unser roter Wirbelwind macht ernst.“

Darin nickte grinsend.

„Sie räumt auf.“


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