Der Morgen im Dresdner Flughafenhotel begann mit einer taktischen Herausforderung. Lily war das, was man in Feenland einen „notorischen Morgenmuffel mit Waffenschein“ nannte. Sie lag wie ein zusammengerolltes Bündel aus roten Haaren und Decken im Bett und gab Geräusche von sich, die verdächtig nach einem knurrenden Erdbären klangen.
„Li-chan, wir müssen los“, versuchte es Funny zum fünften Mal mit ihrer sanftesten Diplomatenstimme. „Paris wartet. Croissants warten!“
„Croissants können warten, bis die Sonne weiß, was sie will“, murmelte Lily in ihr Kissen.
Darin, der bereits hellwach war – sein silbergraues Haar stand in alle Richtungen und sein T-Shirt war mal wieder, zur heimlichen Freude von Funny, weit über seine linke Schulter gerutscht –, schüttelte den Kopf. Er trat ans Fenster und zog mit einem Ruck die schweren Vorhänge auf.
„Lichtwellen-Analyse abgeschlossen: Es ist definitiv Tag und sonnig dazu.“
Es dauerte weitere zehn Minuten, eine Drohung mit kaltem Wasser und das Versprechen auf ein gigantisches Buffet, bis Lily schließlich schlaftrunken hinter ihnen her zum Frühstückssaal trottete.
Doch dort änderte sich die Stimmung schlagartig. Für Blumenelfen war ein Hotel-Frühstücksbuffet so etwas wie der heilige Gral der Kulinarik.
„Schaut euch das an!“, rief Lily, deren Augen nun so groß wie Untertassen waren. „Berge von Rührei! Speck! Und was sind diese kleinen braunen Dinger? Sind das essbare Edelsteine?“
„Das sind Schokopuffs, Lily“, erklärte Darin.

Da die Drei mit leichtem Gepäck reisten – alles, was sie brauchten, befand sich in ihrer unsichtbaren, magischen Itembox –, dehnten sie das Frühstück bis zur letzten Sekunde aus, da sie nicht mehr in ihr Zimmer zurück mussten. Lily hatte einen Turm aus Pfannkuchen gestapelt, der gemäß Darins statischen Berechnungen zufolge nur nicht umfiel, weil die Magie kein Aufsehen duldete.
Funny las derweil konzentriert im Handbuch von Max.
„Hört zu“, sagte sie ernst. „Wir müssen jetzt durch die Security. Keine Naginata, Lily. Keine Schreck-Dornen. Sei einfach nett, lächle und lass die Magie den Rest erledigen. Wir müssen unauffällig bleiben.“
Am Flughafen angekommen, standen sie vor dem ersten Hindernis: den automatischen Bordkartenscannern.
„Okay“, murmelte Lily und starrte misstrauisch auf das Gerät. „Die Leute legen da ihre flachen Bild-Dingsbumse oder Papierstreifen drauf. Wir haben keins von beidem.“
„Wir haben Magie“, sagte Darin ruhig. „lasst uns einfach die Hand auflegen und sehen, was passiert.“
Darin trat vor und liess seine Hand scannen.
Pling. Das Drehkreuz sprang auf grün auf und schnurrte zufrieden.
„Beeindruckend“, flüsterte Funny und tat es ihm gleich.
Lily legte ebenfalls die Hand auf.
„Brave Maschine“, sagte sie tätschelnd, als sich das Tor öffnete.

Dann kamen sie zur Sicherheitskontrolle. Die Schlange war lang, Menschen zogen ihre Gürtel aus, leerten Taschen und wuchteten Plastikkisten auf das Förderband. Funny, Lily und Darin standen unschlüssig da. Sie trugen nichts außer ihren Bikinis bzw. dem T-Shirt. Keine Uhren, keine Handys, kein Kleingeld. Und natürlich keine Schuhe.
Ein Security-Mitarbeiter bemerkte die Drei und stutzte kurz. Durch den Schleier der Kompensationsmagie sah er jedoch keine Elfen mit minimalistischem Modegeschmack, sondern drei extrem lässige, fast schon aristokratisch wirkende junge Leute, die so aussahen, als gehörten sie in die First Class eines Privatjets.
„Darf ich euch helfen?“, fragte er mit einer Höflichkeit, die er normalerweise nicht für Touristen in Trekking-Sandalen reservierte.
„Wir sind uns unsicher“, sagte Funny mit ihrem charmantesten Lächeln. „Wir haben nichts, was wir in diese Kisten legen könnten.“
Der Mitarbeiter blickte an ihnen herunter – oder besser gesagt, an der Aura vorbei.
„Kein Handgepäck? Keine Gürtel? Keine Uhren?“
„Nichts“, bestätigte Lily und zuckte mit den Schultern um dann anzüglich grinsend hinzuzufügen: „Alles Natur pur. Ich könnte maximal mein Bikini-Oberteil hineinpacken“
Der Mann lächelte und winkte ab.
„Wenn ihr nichts zum Durchleuchten habt, braucht ihr auch keine Kiste. Dann geht alles viel schneller.“
Er winkte zwei Kollegen herbei.
„Nick, Petra! Hier sind drei nette Promis, die ihren Flug kriegen müssen. Führt sie bitte durch die Fastlane.“
Funny warf Darin einen vielsagenden Blick zu. Magie war wirklich praktisch. Während andere Passagiere sich mühsam wieder anzogen, spazierten die Drei Elfen einfach durch den Metalldetektor, der bei ihrer reinen Magie-Signatur nicht einmal ein leises Piepsen von sich gab.

„Grüßt Paris von mir!“, rief der Security-Mann ihnen nach.
Beim Boarding am Gate wiederholte sich das Spiel: Hand auf den Scanner, ein kurzes grünes Aufblitzen, und schon liefen sie über die Gangway zum Flugzeug. Darin aber blieb stehen, um das Triebwerk der Maschine zu bewundern.
„Funny, sieh dir diese Aerodynamik an! Die Turbinen nutzen das Prinzip der Verdichtung, fast wie unsere Wind-Runen, nur mit Metall und Treibstoff!“
„Weitergehen, Darin!“, zischte Funny und schob ihn sanft vorwärts.
An der Flugzeugtür wurden sie von einer Stewardess begrüßt. Sie sah die drei barfüßigen Reisenden – für sie wirkten sie wie exzentrische Mode-Ikonen aus Paris – und führte sie ohne Federlesens zu ihren Plätzen in der Business Class.
„Willkommen an Bord. Kann ich Ihnen ein Glas Champagner oder einen Saft bringen?“, fragte sie lächelnd.
„Moselbeerensaft?“, fragte Lily hoffnungsvoll.
„Leider nur Apfel oder Orange“, bedauerte die Stewardess lächelnd.
„Dann nehme ich Orange. Aber viel davon!“, entschied Lily.
Als die Motoren aufheulten und das Flugzeug die Startbahn entlangraste, drückte sich Lily die Nase am runden Fenster platt.
„Oha!“, rief sie, als der Boden unter ihnen wegbrach. „Das kitzelt im Bauch! Nu, auf einem Drachen zu reiten ist auch schön, aber hier zieht es nicht so an den Flügeln!“

Funny beobachtete, wie Dresden unter ihnen immer kleiner wurde. Sie dachte an die Sixtinische Madonna und den Rahmen aus Schwarzholz. Paris war eine Weltstadt der Kunst – der Louvre war gigantisch. Wenn dort etwas schiefging, würde es kein einfacher „Code Magic“ sein, sondern eine magische Revolution.
„Darin?“, fragte sie leise.
Darin sah von einer Bord-Zeitschrift auf, die er gerade nach technischen Skizzen durchsuchte.
„Ja?“
„Wer glaubst du, ist Francois? Thomas klang so… geheimnisvoll.“
Darin schob sein T-Shirt wieder über die Schulter, als er Funny Blick bemerkte.
„Thomas sagte, wir würden ihn sofort erkennen. Bei Menschen bedeutet das meistens entweder eine sehr große Hutmode oder eine sehr laute Stimme.“
Lily drehte sich grinsend vom Fenster weg.
„Oder er hat Flügel wie wir und trägt ein T-Shirt, das noch kürzer ist als deins, Darin!“
Funny kicherte. Sie schloss die Augen und versuchte, ein wenig Kraft zu sammeln. Paris kam näher – und mit ihm das Rätsel um die Freiheit, die das Volk führt.
Als die Durchsage „Mesdames et Messieurs, bienvenue à Paris“ ertönte, bereiteten sie sich auf die Landung vor. Der Flughafen Charles de Gaulle wartete. Und irgendwo dort draußen stand Francois.
Die Landung in Paris verlief für die Passagiere ruhig, doch für Funny begann der operative Stress bereits an der Gangway. Sie hielt Darin fest an der Hand – ein Anblick, der bei jedem anderen Paar romantisch gewirkt hätte, hier jedoch eine reine Sicherheitsmaßnahme war. Darin neigte nämlich dazu, bei technischen Dingen einfach stehen zu bleiben, um Kabel zu verfolgen, Signale zu messen oder Triebwerksgeräusche zu analysieren.
Lily schlenderte grinsend hinterher.
„Na, ihr zwei? Händchenhalten auf dem Rollfeld? Wie süß! Soll ich ein Foto von euch machen, bevor Darin noch das Flugzeug vor lauter Liebe heiratet?“
Funny warf ihr einen warnenden Blick über die Schulter zu, während sie Darin sanft, aber bestimmt in die Ankunftshalle dirigierte. Dank der Kompensationsmagie bemerkte niemand, dass die beiden jungen Frauen im Grunde nur in ihren knappen Blumenelfen-Bikinis und der junge Mann in einem viel zu weiten T-Shirt barfuß über den Asphalt spazierten.
In der Ankunftshalle blieb Funny so abrupt stehen, dass Lily und Darin beinahe in sie hinein gerannt wären. Vor ihnen ragte ein Schild empor: „Funny, Lily, Darin, Bienvenue!“

Gehalten wurde es von einer Gestalt, die selbst im bunten Paris auffiel. Francois war ein Froschmensch – und zwar ein Prachtexemplar. Er trug eine schicke gestreifte Weste, eine perfekt sitzende Baskenmütze und ein Seidentuch um den Hals. Sein Kopf war eindeutig der eines Frosches, mit großen, klugen Augen und einer breiten Mundpartie, die gerade zu einem herzlichen Lächeln gedehnt war.
„’erzlich Willkommen in Paris!“, rief er mit einem Akzent, der so dick war wie eine gute Béchamelsoße. „Ich bin Francois! Quel plaisir, euch endlich zu sehen!“
Lily kicherte leise.
„Die Magie muss heute Überstunden machen, um den Kopf als normale Kopfbedeckung zu tarnen.“
Francois kam auf sie zu und schüttelte jedem die Hand. Seine Haut fühlte sich kühl an, aber sein Händedruck war fest.
Darin wollte sofort mit einer Liste von Fragen zum Problem im Louvre loslegen, doch Francois winkte charmant ab.
„Mon Dieu, wir ‘aben viel zu besprechen! Aber nicht ‘ier zwischen den ganzen Touristes.“
Er senkte die Stimme und flüsterte: „Auch wenn ich der Magie viel zutraue… unser ‚Problem‘ muss geheim bleiben. C’est très important. Alles zu seiner Zeit, Mon Ami. Wenn ich Kaelan richtig verstanden ‚abe, werdet ihr Verstehen, sobald ihr im Louvre seid.“
Die Taxifahrt durch die Straßen von Paris war ein Erlebnis für sich. Während Darin versuchte, die Mechanik des Taxameters zu verstehen und am liebsten unter die Motorhaube gekrabbelt wäre und Lily sich die Nase an der Scheibe plattdrückte, um die Pariser Mode zu kommentieren („Warum tragen die alle so viel Stoff? Das muss doch schrecklich jucken!“), erzählte Francois vom Louvre.
„Der Louvre, ma Chérie, ist nicht nur ein Museum. Er ist eine Festung der Geschichte“, dozierte er mit weit ausholenden Gesten. „Erbaut auf alten Fundamenten, voller Geister und Echos. Was die Menschen für Legenden ‘alten – wie den Geist von Belphegor oder die Flüche der Pharaonen –, das ist für uns tägliches Brot. Aber die ‚Freiheit‘… ah, Delacroix! Das ist eine andere Kategorie von Magie. Sie ist aufgeladen mit dem Zorn und der ‘offnung von Millionen von Menschen.“
„Und genau das macht sie so gefährlich für Portale“, ergänzte Funny nachdenklich. „Emotionen sind der Treibstoff für Zeitverwerfungen.“
Am Louvre angekommen, blieb Darin der Mund offen stehen. Die gläserne Pyramide glänzte im Sonnenlicht.

„Ein geometrischer Kristall als Eingang zu einem historischen Palast… hach, diese Menschen haben doch Stilgefühl“, murmelte er.
„Francois“, fragte Funny, während sie die Touristenströme beobachteten, „warum ist der Louvre nicht gesperrt? Wir haben Code Magic!“
„Ah, ma Petite“, Francois zuckte mit den Schultern. „Der Louvre ist ein Nationalheiligtum. Wenn wir den schließen, gibt es eine Revolte, die schlimmer ist als auf dem Gemälde! Und die Aufmerksamkeit? Denkt an Notre-Dame. Die ganze Welt würde mit Kameras zuschauen. Kaelan ist bereits drinnen und versucht, die Leute so gut es geht umzuleiten, aber immer wieder verschwinden ein paar Touristes in der Leinwand. Bisher ‘at es zum Glück niemand bemerkt – man denkt wohl, sie sind einfach in die nächste Galerie gegangen.“
„Wir brauchen eine Tarnung“, entschied Funny. „Wir gehen als Restaurationsteam rein. Wir müssen Messungen vornehmen, um die Substanz zu schützen. So können wir Abschirmungen aufbauen, ohne dass jemand Verdacht schöpft.“
Der Weg durch die endlosen Gänge des Louvre war für Darin eine Qual. Er sah überall magische Anomalien.
„Haltet eure Waffen bereit“, flüsterte er und strich sich das T-Shirt über die Schulter, die mal wieder unbedeckt war. „Das wird noch verdammt schmutzig. Die Spuren hier sind… aggressiv. Als ob die Leinwand selbst Hunger hätte.“
„Toll! ACTION!“, rief Lily etwas zu laut, woraufhin Funny sofort zischte: „KEINE ALLEINGÄNGE, Lily! Wir sind in einem Museum, nicht auf einem Schlachtfeld!“
„Noch nicht“, murmelte Darin düster.
Als sie den Saal der „Freiheit führt das Volk“ betraten, blieb Funny die Luft weg. Die Magie im Raum war fast greifbar. Sie pulsierte in einem kränklichen Violett, das nur für magische Wesen sichtbar war.
„ALLE RAUS HIER!“, rief Funny sofort zu Kaelan, der am anderen Ende des Saals stand.
Kaelan schaltete blitzschnell.
„Die Temperaturregelung ist defekt!“, rief er den Besuchern zu. „Gefahr für die Exponate! Bitte verlassen Sie den Saal unmittelbar!“
Unterstützt von einem subtilen Nachdrücklichkeitszauber, der die Menschen sanft, aber bestimmt Richtung Ausgang drängte, leerte sich der Raum in Rekordzeit. Francois war beeindruckt.
„Unglaublich… normalerweise brauchen wir ‘ierfür eine ‘albe Stunde.“
„Wenn Kaelan ernst macht, hört jeder auf ihn“, kicherte Lily, während sie bereits Runenplättchen an den Türen verteilte, um den Raum magisch zu versiegeln.
Darin baute währenddessen seine Stabilisatoren und Kompensatoren auf, eine hochkomplexe Apparatur.
„Die Magie fluktuiert heftig. In einer Stunde bricht hier das Tor zur Hölle auf, wenn wir nichts tun. Das Bild droht zu reißen, weil zu viele Menschen darin gefangen sind. Es ist wie ein Luftballon, der zu prall aufgepumpt wurde.“
„Lily, du musst rein“, sagte Darin und blickte ernst auf seine Instrumente. „Du musst die Spitze der Revolution übernehmen. Führe sie weg vom Licht!“
„Wieso weg vom Licht?“, fragte Francois verwirrt. „Ist Licht nicht gut?“
Funny erklärte es ihm, während sie Darin half, den Magie-Konzentrator einzustellen.
„Wir sind Lichtwesen, Francois. Unsere Magie strahlt hell. Das Tor zur Realität ist ebenfalls Magie pur und für die Menschen im Bild eine gleißende Lichtquelle. Wenn sie alle gleichzeitig darauf zustürmen, zerfetzt der Druck die Leinwand. Lily muss sie kanalisieren, sie ablenken, damit wir sie einzeln ‚absaugen‘ können.“
Lily zog ihre Naginata. Die Klinge schimmerte kampfbereit.
„Ich bin bereit! Ich stürme die Bastille, wenn es sein muss!“
„Viel Glück, Li-chan“, flüsterte Funny.
Mit einem magischen Impuls von Darins Gerät wurde Lily in das Gemälde geschleudert. Francois riss den Mund auf. Auf der riesigen Leinwand war plötzlich eine kleine, rothaarige Figur zu sehen, die eine Fahne schwang und sich an die Spitze des Revolutionszuges setzte.

„Sie hören auf sie!“, rief Darin. „Funny, es geht los!“
Funny übernahm die schweren Magiekristalle. Sobald einer vollgesogen war mit der überschüssigen Energie des Bildes, tauschte sie ihn gegen einen leeren aus ihrer Itembox. Es war Präzisionsarbeit. Die magie durfte nicht unkontrolliert fluktuieren.
„Das Problem ist nicht nur die Magie“, keuchte Darin. „Irgendwer hat das Bild präpariert. Diese Spuren… jemand ist noch hier im Louvre, der das alles unterhält. Denn der Fluch bleibt aktiv.“
„Achtung!“, rief Darin. „Ich fange an, die Touristen zu extrahieren!“
Es machte laut Plopp. Ein Mann in einer beigen Windjacke erschien mitten im Saal. „Auf sie! Für die Freiheit!“, brüllte er, schwankte kurz und kippte dann einfach um. Francois fing ihn elegant auf.
„Das war wohl zu viel für ihn“, murmelte der Froschmensch.
Funny trat zu dem Mann, ihre Hand leuchtete sanft blau. „Er schläft nur. Seine Psyche muss den Übergang verarbeiten. Schafft ihn raus, er wird denken, die Hitze im Museum war schuld.“
Es ploppte erneut. Diesmal erschien eine Frau mit einer Hellebarde, die sie wild schwang. „Verrat!“, schrie sie und zielte auf Francois.
Funny machte einen Hechtsprung, riss Francois zu Boden und ließ im selben Moment ihre Dolche in ihren Händen erscheinen. Mit einem metallischen Klirren parierte sie den Hieb. Die Frau stutzte, sah Funny an und klappte ebenfalls zusammen.
„Die Menschen brauchen einen Moment, um zu begreifen, dass sie nicht mehr im Krieg sind“, erklärte Funny, während sie Francois aufhalf. „Die Kompensationsmagie erledigt dann den Rest.“
Es wurde hektisch. Immer mehr Menschen „ploppten“ aus der Leinwand. Darin musste immer mehr Energie in die Stabilisatroren leiten und Funny überschüssige Energie aus dem Bild auffangen.
Francois bewies seine Meisterschaft im waffenlosen Kampf, indem er eine ganze japanische Reisegruppe sanft abfing und sicher zu Boden gleiten ließ.
Dann schlug die Atmosphäre im Saal der „Freiheit“ schlagartig um. Was als kontrollierte Evakuierung begonnen hatte, verwandelte sich in einen albtraumhaften Überlebenskampf.
„Darin! Die Werte, sie steigen exponentiell an!“, schrie Funny, während sie einen weiteren Magiekristall in den Konzentrator rammte. Ihre Hände zitterten. Das Licht im Raum war nicht mehr golden, es wurde von einem pulsierenden, öligen Schwarz verschlungen.
Darin starrte auf seine Instrumente. Sein sonst so blasses Gesicht war aschfahl. „Der Fluch ist eine Falle, Funny! Eine Entropie-Schlinge! Der Urheber hat das Bild so verflucht, dass jede Extraktion die Struktur schwächt. Jedes Mal, wenn wir einen Menschen retten, zerreißen wir ein Stück von Lilys Lebensraum!“
Ein ohrenbetäubendes Krachen, wie berstendes Eis, hallte durch den Saal. Ein riesiger, gezackter Riss tat sich mitten im Himmel des Gemäldes auf. Durch den Spalt sah man kein Mauerwerk des Louvre, sondern eine totale, gähnende Leere.
„Lily!“, schrie Funny verzweifelt gegen die Leinwand.
Auf dem Bild sah man Lily. Sie stand nicht mehr triumphierend an der Spitze. Sie kämpfte. Schattenhafte Gestalten, geboren aus dem schwarzen Terpentin des Fluches, zerrten an ihr. Sie schwang ihre Naginata mit einer Wildheit, die Funny das Herz zuschnürte. Lily blickte für einen Sekundenbruchteil direkt aus dem Bild. In ihren grauen Augen stand keine Abenteuerlust mehr sondern nackte Todesangst.
„Darin, hol sie raus! Jetzt!“, befahl Funny, ihre Stimme brach.
„Ich kann nicht!“, brüllte Darin zurück, und zum ersten Mal sahen Funny und Kaelan Tränen der Frustration hinter seiner Brille. „Wenn ich den Transfer jetzt erzwinge, kollabiert der Tunnel und sie wird zwischen den Welten zerquetscht! Ich muss die Frequenz halten, aber die Energie des Bildes frisst meine Stabilisatoren. Ich habe nichts mehr zum Gegensteuern!“
KRA-TAKK! Die Risse wurden tiefer. Das Bild selbst fing an, sich aufzurollen, als würde es in einem sehr heißen Feuer verbrennen.
„Dann nehmen wir meine Energie!“, schrie Funny. Sie trat vor den Konzentrator und legte ihre bloßen Hände auf den vor Magie glühenden Kristall.
„Funny, nein! Das wird dich ausbrennen!“, warnte Francois, der Froschmensch, und versuchte sie zurückzuhalten.
„Lass mich los!“, herrschte sie ihn an. Ihre blauen Haare peitschten im magischen Sturm um ihr Gesicht. „Sie ist meine Schwester, unser Herz! Ich lasse sie nicht in dieser Dunkelheit zurück!“

Funny schloss die Augen. Sie ließ ihre gesamte magische Essenz, ihr Licht, ihren Status als Fürstentochter des Elfentals in die Maschine fließen. Ein strahlend blaues Licht schoss aus ihren Händen. Der Konzentrator jaulte auf, die Gehäuseplatten begannen zu schmelzen.
Im Bild geschah etwas Schreckliches. Der Boden unter Lilys Füßen gab nach. Sie rutschte in Richtung des schwarzen Risses.
„Darin!“, schrie sie, ihre Stimme war als verzerrtes Echo im Saal zu hören. „Es… es tut weh! Helft mir!“
Darin arbeitete wie ein Besessener. Er ignorierte das Übersteuern der Magie.
„Nur noch ein Stück… halte durch, Li-chan! Halte durch!“
Er überbrückte die Sicherheitsrelais mit purer Willenskraft. Er wusste: Wenn sie Lily verlören, verlören sie eine Teil von sich selbst. Er war der Verstand der Gruppe, aber sie war das Herz – wie Funny die Seele. Ohne eines der Glieder würde der Rest zerfallen.
Das Bild pulsierte vor negativer Energie. Ein letzter, gigantischer Riss zog sich waagerecht durch die Mitte.
„JETZT ODER NIE!“, brüllte Darin und schlug auf den finalen Auslöser um Lily zu extrahieren.
In diesem Moment geschah alles gleichzeitig:
Ein blendend weißer Blitz erfüllte den Saal. Darins Apparatur brach zusammen.
Funny wurde von der Druckwelle gegen die gegenüberliegende Wand geschleudert und blieb reglos liegen.
Die Leinwand der „Freiheit“ zerbarst in tausende winzige, brennende Schnipsel.
Stille. Tödliche, lastende Stille.
Francois und Kaelan starrten auf den leeren Rahmen. Nichts. Nur rauchende Trümmer von Darins Ausrüstung und die Überreste eines Weltkulturerbes.
„Lily?“, flüsterte Darin. Seine Hände zitterten so stark, dass er seine Brille nicht mehr zurechtrücken konnte. Er starrte auf den Boden vor dem Bild. Da war nur Staub.
„Nein… bitte nicht…“
Plötzlich segelte ein größerer Leinwandfetzen auf den Boden. Ein leises Ploppen, gefolgt von einem Husten waren zu hören. Eine Hand mit aufgeschürften Knöcheln schob sich hervor. Dann ploppte es erneut und Lily kullerte aus dem Leinwandrest heraus.
„Das… war… die beschissenste… Reise… aller Zeiten“, krächzte eine Stimme.
„LILY!“
Darin war als Erster bei ihr. Er warf sich fast schluchzend vor ihr auf die Knie. Er berührte ihre Schulter, als wollte er sichergehen, dass sie nicht aus Pigmenten bestand. Lily sah ihn an, ihr Gesicht war rußgeschwärzt, sie zitterte am ganzen Körper.
„Hey, Tech-Nerd… heul nicht. Ich bin doch viel zu zäh, um Farbe zu werden.“
Funny rappelte sich mühsam auf, gestützt von Francois. Sie humpelte zu den beiden und schlang ihre Arme um Lily. Sie sagten kein Wort. Sie hielten sich einfach fest, während um sie herum die Ruinen des Louvre-Saals rauchten. Das Drama der letzten Minuten saß ihnen in den Knochen – die Gewissheit, dass sie nur Sekunden vom endgültigen Verlust entfernt gewesen waren.

Kaelan trat hinzu, sein Gesicht war hart. Er sah die zerstörte Leinwand.
„Wir haben alle gerettet. Aber der Preis war hoch.“
„Das Bild…“, murmelte Francois entsetzt. „Es ist weg. Das Nationalheiligtum…“
Darin richtete sich langsam auf. Sein Blick war nun eiskalt und fokussiert.
„Das Bild ist nicht weg. Ich habe die Struktur in der Itembox gespeichert, bevor wir angefangen hatten. Ohne ein ordentliches Backup können wir doch nicht einfach loslegen! Kein backup – kein Mitleid. Das will ich mir nicht sagen lassen. Aber wer auch immer den Fluch auf das Gemälde gelegt hat… er wollte Lily töten und damit uns zerstören.“
Er zog seinen Kopierer heraus.
„Funny, hilf mir. Wir hängen die Kopie auf. Lily, du ruhst dich aus. Francois, überlege, wie wir systematisch den Louvre durchkämmen können.“
Lily sah zu dem neuen, makellosen Bild an der Wand hoch, das Darins magischer Replikator gerade ausgespuckt hatte.
„Er war da mit da drin, Funny. In der Dunkelheit. Er hat gelacht. Ein Mann mit einem Pinsel, der wie ein Dolch aussah.“
Funny presste die Lippen zusammen.
„Ab jetzt ist es etwas Persönliches. Wir finden ihn. Und diesmal wird es keine diplomatische Lösung geben.“
„Aber wie erklären wir das?“, fragte Francois und deutete auf die dreißig ohnmächtigen Menschen im Gang.
Funny lächelte schmal.
„Feuerschutzsystem. Eine Fehlfunktion hat Stickstoff oder ein Löschgas freigesetzt. Die Leute sind kurz weggetreten. Darin wird das System so ‚modifizieren‘, dass die Logbücher der Menschenwelt uns bestätigen werden.“
„Gut“, sagte Kaelan. Er blickte zu Francois. „Ich kläre das mit der Direktion. Ihr räumt noch hier auf. Francois, Du begleitest sie weiter. Wir müssen den Urheber finden. Diese Magie war zu gezielt, um ein Zufall zu sein. Und der Louvre ist groß.“
Francois rückte seine Baskenmütze zurecht.
„Alors, meine jungen Freunde. Stellt euch auf einen langen Spaziergang ein. Wir ‘aben noch viele Kilometer Kunst vor uns.“
Funny verteilte an alle eine Portion „Hallo wach“, um ihre Energien zu regenerieren und wirkte einen schnellen Reinigungszauber.
Darin hob seinen Scanner. Das Display leuchtete bereits wieder unruhig auf.
„Ich glaube, wir müssen gar nicht so weit laufen. Die Spur ist noch warm… und sie riecht nach Terpentin und altem Groll.“
Lily rappelte sich auf.
„Schnappen wir uns, was immer uns töten wollte!“

































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