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Die wilden Schwäne

Es war ein stürmischer Abend, als es an die Tür des kleinen WG-Häuschens von Adiuva et Protege hämmerte. Kein Klopfen. Wildes verzweifeltes Hämmern.

Lily, die gerade dabei war, Darin zu erklären, warum ein Katana sehr wohl als Brotschneidemesser benutzt werden kann, erstarrte.

„Wer stört uns beim Abendessen? Wenn das wieder der Postbote ist…“

Sie riss die Tür auf und erstarrte erneut. Vor der Tür stand ein Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt, völlig erschöpft, in Lumpen gehüllt, mit Haaren, die in alle Richtungen standen und Augen, die rot vom Weinen waren.

„Oh“, sagte Lily leise.

Das Mädchen blickte auf, sah Lilys erstauntes Gesicht und brach in einen herzzerreißenden Schluchzer aus.

„Bitte… helfen Sie mir…“

Dann kippte sie Lily weinend völlig erschöpft direkt in die Arme.

Lilys Reaktion war, für ihre Verhältnisse, untypisch: Sie war sprachlos. Und nicht nur das, ihre eigenen grauen Augen wurden sofort feucht.

„Oh nein. Ein erschöpftes, hungriges und trauriges Mädchen. Fun-chan, wir haben ein sehr erschöpftes Mädchen direkt vor unserer Tür!“

Sie zog das schluchzende Mädchen herein und tätschelte ihr unbeholfen den Rücken.

„Schon gut… Setz dich.“

Lily blickte fordernd über ihre Schulter.

„DARIN! KAKAO! NOTFALL! CODE SEHR TRAURIG!“

Funny trat neugierig aus der Küche. Sie sah das Mädchen, sah Lilys Tränen, die jetzt aus reiner Empathie liefen und seufzte.

„Komm, setz dich ans Feuer. Darin macht den besten Kakao in Feenland. Und dann erzähl uns alles.“

Die Geschichte, die das Mädchen – Elisa – erzählte, war haarsträubend. Sie war eine Prinzessin. Ihre böse Stiefmutter, eine mächtige Hexe, hatte ihre zehn Brüder in wilde Schwäne verwandelt und verjagt. Elisa selbst war als Fünfjährige zu armen Bauern aufs Land verbannt worden. Mit fünfzehn war sie geflohen, um ihre Brüder zu suchen.

„Ich habe sie gefunden!“, schluchzte Elisa in die Tasse Kakao, die Darin ihr in die zitternden Hände gelegt hatte. „An der Südküste. Sie sind nur nachts Menschen. Aber sie wissen nicht, wie sie erlöst werden können! Ich suche seit einem ganzen Jahr nach einem Gegenmittel! Ich finde nichts! Nichts!“

Wieder brachen ihr die Tränen aus den Augen. Lily hielt Elisas Hand, kaute auf ihrer eigenen Lippe und sah Funny mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an.

„Fun-chan… wir müssen.“

Funny nickte.

„Elisa, wir sind Adiuva et Protege. Wir helfen und beschützen. Wir nehmen diesen Auftrag an. Wir werden den Fluch brechen.“

„Und dann verkloppen wir die Hexe!“, fügte Lily entschlossen hinzu.

Sie richteten Elisa das kleine Gästezimmer her. Lily bekam den Auftrag, „Trost-Kuscheln“ zu betreiben, während Funny und Darin sich in ihr Büro zurückzogen.

„Das ist kein normaler Fluch“, sagte Funny. „Das ist königliche Fluchmagie. Wir brauchen… die Elfen-Bibliothek.“

*

Darin ging ins Labor und holte einen Portalstein und aktivierte ihn. Einen Moment später standen er und Funny in einer Bibliothek, so gewaltig, dass sie ihnen, wie immer, den Atem raubte – die Große Bibliothek von Funnys Eltern im Elfental.

„Abteilung: Verfluchtes Federvieh“, murmelte Darin und begann, einen magischen Index zu bedienen.

Sie wurden schnell fündig. Ein uraltes Buch über Metamorphose-Flüche. Darin las leise: „Der Fluch des Stillen Schwans… Prinzen… Stiefmutter… Ah. Hier.“

Funny las über seine Schulter.

„Um den Fluch zu brechen, müssen für jeden Verfluchten Hemden aus… Brennnesseln… gewebt werden?“

„Ja“, sagte Darin. „Aber lies weiter. ‚Die Nesseln müssen von einem verfluchten Friedhof stammen. Gesammelt bei Nacht.’“

Funny wurde blass.

„Darin… lies das da.“

Darin schluckte.

„‚Hütet Euch. Jedes Wort, das über die Natur des Fluches oder seine Lösung gesprochen wird, ist ein Dolchstoß in das Herz der Verfluchten.‘ Deshalb konnte Elisa allein nichts finden, weil niemand darüber sprechen darf.“

Sie sahen sich alarmiert an.

„Wir… wir können es ihnen auch nicht sagen“, flüsterte Funny. „Wenn wir Lily oder Elisa jetzt erzählen, was zu tun ist, sind die Brüder tot.“

„Wir müssen das Buch mitnehmen“, entschied Darin.

„Das geht nicht, aus dieser Bibliothek dürfen keine Bücher entfernt werden. Aber ich habe eine Idee: Da wir keinen der Bibliothekare involvieren wollen, schreibe ich die Seite ab. Und wenn es die ganze Nacht dauert“, sagte Funny.

Darin nickte.

„Aber denk an das Zeitlimit unseres Portalsteins. Ich werde den unteren Teil abschreiben und du den oberen.“

Gesagt, getan. Sie schrieben schnell. Es kam schließlich nicht auf Schönheit an.

Kurz vor Ablauf der Portalsteinfrist, vier Stunden, Darin hatte es noch nicht geschafft, passende Runen für die Verlängerung des Portals zu finden, kehrten sie in ihr Häuschen zurück.

Lily und Elisa saßen immer noch auf dem Sofa. Lily hatte offensichtlich versucht, Elisa mit Erzählungen ihrer Abenteuer abzulenken und aufzuheitern.

„Und?“, fragte Lily. „Wie wird man die Hexe los?“

Funny und Darin tauschten einen gequälten Blick. Funny legte die Abschrift auf den Tisch.

„Lest selbst. Wir… dürfen nicht darüber sprechen.“

Neugierig beugten sich Lily und Elisa über den alten Text.

Stille.

„Nesseln?“, flüsterte Lily ungläubig. „Von einem Friedhof? Das ist ja…“

Elisa las die Warnung. Ihr Gesicht wurde aschfahl.

„Jedes Wort…“ Lily las es auch. „…ist ein Dolchstoß. Oh. Verdammte Axt.“

Sie sah Funny und Darin an.

„Deshalb seid ihr so komisch.“

Elisas Miene wurde hart.

„Es ist mir egal.“

Sie stand auf.

„Ich muss auf einen Friedhof. Ich muss Nesseln sammeln.“

„Warte!“, rief Funny. „Lies den nächsten Absatz! ‚Ab dem Moment, da die Arbeit beginnt, muss die Erlöserin stumm bleiben wie ihre Brüder am Tag. Das erste Wort, das sie spricht, tötet sie alle.‘“

„Was?!“, rief Lily. „Das ist der bescheuertste Fluch aller Zeiten! Erst nicht drüber reden dürfen, dann Nesseln und dann stumm sein müssen? Wer denkt sich so einen Mist aus?“

„Eine sehr gründliche und sehr boshafte Hexe“, sagte Funny leise. „Elisa. Du kannst das nicht allein tun. Ein verfluchter Friedhof ist kein Ort für…“

Elisa sah sie an, Tränen in den Augen, aber ihr Kinn war entschlossen. Sie legte ihre Hand auf ihr Herz und schüttelte den Kopf. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Funny seufzte.

*

„Dann ist es entschieden. Wir begleiten dich. Wir sind dein Schild, solange du stumm sein musst.“

Die Reise in den Süden war schnell. Die drei Elfen trugen Elisa abwechselnd im Flug.

Der Friedhof war ein Ort des Grauens: Mitten in einem toten Wald, voller knorriger Bäume und mit umgestürzten Grabsteinen. Sie fanden eine trockene Höhle in der Nähe, die als Basislager diente.

„Okay“, flüsterte Darin, als die Nacht hereinbrach. „Das wird nicht schön.“

Elisa, ihr Gesicht eine Maske aus Entschlossenheit, nickte. Sie nahm einen Sack und ging auf das eiserne Tor des Friedhofs zu.

„Ich hasse das“, murmelte Lily und zog ihre Naginata. „Ich hasse das so sehr.“

In dem Moment, als Elisa die ersten brennenden Nesseln berührte – sie zuckte zusammen, aber kein Laut kam über ihre Lippen –, erwachte der Friedhof. Ein schabendes Geräusch war zu hören.

„Ich glaub, ich hör was“, zischte Lily. „Und es klingt nicht nach Eichhörnchen.“

Aus den Gräbern schälten sich Gestalten. Oben Frau, unten Schlange. Ihre Augen glühten rot.

„Lamias“, knurrte Funny. „Sie fressen die Toten. Und offenbar auch die Lebenden. Darin! Strategie Delta!“

„Verstanden!“, rief Darin. „Lily! Du bist Elisas Bodyguard! Du lässt nichts durch! Keinen Zentimeter! Funny, du und ich bilden den äußeren Ring. Wir halten den Pass frei!“

Elisa riss weiter Nesseln aus, ihre Hände bluteten schon, während hinter ihr die Hölle losbrach. Funny war ein blauer Blitz, ihre beiden Dolche tanzten und parierten die Speere der Schlangen-Frauen. Darin war eine Wand aus Stahl; seine Doppelaxt traf auf Schuppenpanzer und spaltete den Boden. Lily stand mit dem Rücken zu Elisa, ihre Naginata wirbelte in einem silbernen Kreis und ließ nichts durch.

„HEY, SCHLANGEN-TUSSIS!“, brüllte sie. „Schon mal was von ‚Respekt vor den Toten‘ gehört? Und ‚Respekt vor den Lebenden‘? Komm her, ich buchstabier’s dir auf die Schuppen!“

Eine besonders große Lamia schnellte unter ihrer Klinge hindurch auf Elisa zu. Funny schrie auf, aber Lily ließ ihre Naginata fallen, rammte der Lamia einen Ellbogen ins Gesicht und ließ ihr Katana aus ihrer Itembox in der Hand erscheinen.

Ein präziser, exakt geführter Schlag und die Lamia war einen Kopf kürzer.

„Finger weg von meiner Freundin!“, knurrte sie.

Als der Morgen graute, zogen sich die überlebenden Lamias zischend in ihre Gräber zurück. Die drei Elfen waren erschöpft und bluteten, aber Elisa hatte einen vollen Sack Nesseln.

*

Zwei Nächte später. Elisa saß in der Höhle, ihre Hände waren übersät mit Blasen, von denen nicht wenige sogar bluteten, aber sie webte unermüdlich. Drei Hemden waren fertig.

„Wir brauchen mehr Material, Fun-chan“, flüsterte Lily, die Wache hielt.

Funny nickte stumm.

Diesmal war der Friedhof still. Zu still.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte Darin und justierte seine Brille. „Wo sind die Schlangen-Damen?“

Elisa bückte sich gerade nach einem dichten Büschel Nesseln, als der Boden vor ihr aufbrach. Eine verweste, knochige Hand schoss heraus und packte ihren Knöchel.

„DARIN! HACK ES AB!“, schrie Funny.

Darins Axt war eine Millisekunde später da und trennte den Arm sauber ab. Doch der Boden explodierte förmlich. Überall um sie herum stiegen verweste Leichen aus der Erde.

„Oh, jetzt kommen die auch noch!“, rief Lily. „Das ist ja wie im Gilden-Keller am Montagmorgen!“

„Lily, Formation!“, befahl Funny.

Aber Lily war schon im Chaos-Modus.

„AUGEN ZU UND DURCH! FÜR ELISA!“

Sie stürmte mit wirbelnder Naginata in die dichteste Traube Zombies.

„LILY, NEIN! DIE TAKTIK! DIE ÜBERRENNEN UNS!“, brüllte Funny.

„ES IST ZU SPÄT! SIE IST IM RAUSCH!“, rief Darin zurück und musste seine Axt schwingen, um drei Untote gleichzeitig zu köpfen, die auf Lily zustürmten.

Funny und Darin blieb nichts anderes übrig, als ihre Flanken zu sichern und Elisa in der Mitte zu halten, während Lily eine Schneise der Zerstörung schlug.

„Es werden immer mehr!“, keuchte Darin und blockte einen Hieb mit seinem Axtstiel.

„Mir gehen die Arme aus!“, ächzte Lily, als sie drei Köpfe auf einmal erwischte. Sie wurden eingekesselt, standen Rücken an Rücken. Elisa, blass, aber entschlossen, riss weiter Nesseln heraus, während um sie herum der Kampf tobte.

Gerade als ein riesiger Zombie seinen Arm hob, um Darin zu zerschmettern, trafen ihn die ersten Sonnenstrahlen. Mit einem kollektiven Stöhnen zerfielen die Untoten zu Staub oder versanken im Boden.

Totenstille.

Lily, bedeckt mit… nun ja… Zombie-Schleim, wischte sich über die Stirn.

„Ich. Brauche. Kakao. Und eine Dusche. Vermutlich nicht in dieser Reihenfolge.“

*

Zwei weitere Nächte vergingen. Elisa war ein Wunder an Ausdauer. Neun Hemden waren fertig.

„Nur noch eines“, flüsterte Funny. „Aber wir brauchen eine letzte Ladung.“

Sie standen auf dem Friedhof, die Waffen im Anschlag, und sicherten Elisa, die die letzten Nesseln pflückte. Plötzlich ertönte ein Jagdhorn.

„Oh nein“, murmelte Darin. „Das ist kein Yōkai. Das ist… Mundanes, der hiesige Fürst, Hexenjäger.“

Ein Trupp von Rittern in Stahlrüstungen brach durch die Bäume, angeführt von einem grimmig dreinblickenden Fürsten auf einem schwarzen Schlachtross. Sie sahen: Drei geflügelte Wesen, halbnackt in Bikinis und ein Schlabberhemd gekleidet, mit blutigen Waffen, die ein stummes, blutverschmiertes Mädchen auf einem verfluchten Friedhof umstanden und offensichtlich ein schwarzes Ritual zelebrierten.

Für den Fürsten war der Fall klar.

„VERNICHTET DIE BÖSEN FEEN! SIE SIND ES! SIE SIND DIE PLAGE! SCHNAPPT EUCH DIE HEXE IN DER MITTE!“

„Halt!“, rief Funny. „Das ist ein Missverständnis! Wir sind…“

Aber die Ritter griffen an.

„Wir können nicht reden!“, rief Darin. „Der Fluch!“

„Dann müssen wir kämpfen!“, schrie Lily.

Aber sie waren erschöpft von den Nächten zuvor. Die Ritter waren frisch, zahlreich und in voller Rüstung. Es war ein aussichtsloser Kampf. Funny parierte, Darin blockte, Lily wirbelte, aber sie wurden überrannt.

„Wir dürfen sie nicht verletzen!“, rief Funny, während sie einen Ritter mit dem Knauf ihres Dolches entwaffnete.

„Sag das denen!“, keuchte Lily, als sie von drei Lanzenstangen zurückgedrängt wurde.

Der Fürst selbst preschte durch, packte Elisa am Arm und zerrte sie auf sein Pferd.

„Hab ich dich, Hexe!“

Elisa schlug stumm um sich, aber vergeblich.

„Bringt ihre Hexen-Materialien!“, rief der Fürst.

Ein Ritter sammelte den Sack mit den Nesseln ein.

„Wir werden das als Beweis für das Gericht brauchen!“

Sie ritten davon. Die restlichen Ritter brachen den Kampf ab und ließen die drei verletzten, erschöpften und völlig verdreckten Elfen zurück. Darin hielt sich die Rippen. Funny blutete aus mehreren Wunden. Lily konnte ihre Arme nicht stillhalten, die unkontrolliert zitterten.

„Funny… Heil-Kräuter… in der Itembox“, keuchte Darin.

Sie flickten sich mühsam zusammen.

In die Höhle zurückgekehrt, war diese leer geräumt. Der Fürst hatte auch die fertigen Hemden mitnehmen lassen.

„Okay“, sagte Funny, ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Neuer Plan. Lily. Du bist die Schnellste. Du kannst fliegen wie der Wind. Finde die Brüder. Finde die Schwäne. Sag ihnen, Elisa ist in der Stadt des Fürsten und in höchster Gefahr. Sag nichts über die Arbeit. KEIN WORT. Verstanden?“

Lily nickte, ihre Miene stahlhart.

„Verstanden.“

„Darin, wir finden Elisa!“

*

Funny und Darin, humpelnd und aufeinander gestützt, erreichten die nahegelegene Stadt. Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Auf dem Marktplatz stand ein stabiler Käfig. Darin saß Elisa, umgeben von den Nesseln und den Hemden. Sie nähte. Sie nähte wie besessen. Ein Pöbel hatte sich versammelt.

„STEINIGT DIE HEXE! SIE HAT DEN FRIEDHOF ENTEHRT!“

„HALT!“, rief Funny und stellte sich zwischen die Menge und den Käfig. Ihr Atem ging schwer.

„Was tut ihr hier?“, rief sie, ihre Stimme schwach, aber voller Autorität. „Dieses Mädchen hat ein Anrecht auf ein faires Verfahren! Wo ist Euer Fürst?“

„Ein Urteil ist nicht notwendig!“, rief ein Priester. „Der Fürst hat es befohlen! Sie wird um 12 Uhr Mittags auf dem Scheiterhaufen verbrannt! Sie ist eine Hexe, sie spricht nicht und webt böse Zauber!“

Es war fast Mittag.

„Wo bleibt Lily…“, flüsterte Funny. „Wir können nicht gegen eine ganze Stadt kämpfen!“

Elisa wurde aus dem Käfig geholt und auf einen Scheiterhaufen aus Holz gezerrt. Sie weinte stumm, raffte aber die Hemden zusammen und ließ sie nicht los. Doch beim letzten Hemd fehlte noch ein Ärmel. Der Priester hob die Fackel.

„NEIN!“

Ein Geräusch wie ein Sturmwind fegte über den Platz. Ein Schatten verdunkelte die Sonne.

„Funny, schau nach oben!“, schrie Darin.

Zehn riesige, weiße Schwäne, angeführt von Lily, schossen vom Himmel herab. Kurz über dem Boden ließ sie ihre Naginata aus der gemeinsamen Itembox in ihre Hand gleiten und stellte sich schützend vor Elisa.

„BIN ICH PÜNKTLICH ZUR PARTY?“

Die Schwäne landeten rings um den Scheiterhaufen und schlugen mit den Flügeln, was die Wachen zurücktrieb. Elisa, die vor Freude fast ohnmächtig wurde, warf die Hemden. Zehn Hemden für zehn Brüder.

Mit einem Blitz aus weißem Licht verwandelten sich die Schwäne. Zehn stattliche Prinzen standen da. Nur der jüngste hatte statt eines linken Arms einen weißen Schwanenflügel.

„NUN DARF ICH SPRECHEN!“, rief Elisa, ihre Stimme rau vom langen Schweigen. „ICH BIN KEINE HEXE!“

Die Menge erstarrte. Der Fürst, der die Hinrichtung überwachte, taumelte zurück.

„Was… was ist hier…“

„ZU SPÄT, IHR NARREN!“, kreischte eine Stimme.

Die Fürstin, die neben dem Thron ihres Mannes stand, riss sich das Seidenkleid vom Leib. Ihr wunderschönes Gesicht schmolz dahin und enthüllte die abscheuliche, schuppige Fratze einer Lamia-Königin.

„Deine Stiefmutter war meine Schwester!“, zischte sie an Elisa gewandt. „Sie hat die Prinzen in deinem Land verflucht und ich habe dieses Land verflucht! Ich habe eure echte Mutter getötet, um meine Schwester auf euren Thron zu setzen und ich habe diesen Dummkopf von Fürsten verhext, damit er überall nur Böses sieht! Vor ein paar Nächten habt ihr meine Schwester getötet. Und jetzt, wo ihr den Fluch gebrochen habt… STERBT IHR ALLE!“

Sie schoss auf Elisa zu, ihre Klauen ausgefahren.

„OH NEIN, DAS TUST DU NICHT, SCHUPPEN-SCHLAMPE!“

Lily hatte den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet. Sie sprang zur Königslamia, ihre Flügel gaben ihr rasende Geschwindigkeit. Noch im Sprung schwang sie ihre Naginata. Der Kampf war kurz, brutal und einseitig. Die Lamia war mächtig. Aber Lily war wütend.

„DAS!“, schrie sie und blockte einen Klauenhieb, dass die Funken stoben. „IST! FÜR! ELISA!“

„DAS!“, sie wich einem Säurespucken aus. „IST! FÜR! DIE! NESSSELN!“

„UND DAS!“, sie rammte ihre Naginata durch die Schuppen. „IST! FÜR! DEN! GANZEN! STRESS!“

Mit einem letzten, präzisen Hieb trennte sie den Kopf der Lamia-Königin vom Rumpf. Der Körper fiel zu Boden.

Stille.

Der Fluch, der auf dem Fürsten lag, löste sich mit einem sichtbaren, dunklen Schatten auf. Er blinzelte, sah die tote Lamia, sah Elisa und ihre Brüder. „Bei den Göttern… was habe ich getan?“

*

Der Fürst stand entschlossen auf und bot Elisa und ihren Brüdern Entschädigung an. Funny nahm sie im Namen von Adiuva et Protege entgegen, aber Elisa winkte ab. Sie und ihre Brüder kehrten in ihr eigenes Fürstentum zurück, das nun ebenfalls von der dunklen Magie ihrer sogenannten Stiefmutter befreit war. Sie gingen zu den Gräbern ihrer Eltern und begannen auch, ihr Land wieder aufzubauen.

Zurück in ihrem Häuschen saßen Funny, Darin und Lily am Kamin und teilten sich schweigend eine Kanne von Darins bestem Kaffee. Alle waren bandagiert.

„Das war knapp“, sagte Darin leise und rieb sich über die nun heilenden Rippen.

„Fast zu knapp“, murmelte Lily und begutachtete ihre Verletzungen.

Funny starrte in die Flammen.

„Wir waren verletzlich. Wir wurden von einfachen Rittern überrannt. ‚Viele Hunde sind des Hasen Tod‘.“

Sie blickten sich an. Ein stilles Einverständnis lag in der Luft.

„Wir müssen härter trainieren“, sagte Darin.

„Viel härter“, stimmte Lily zu.

Funny nickte.

„Um die Schwachen zu beschützen, müssen wir die Stärksten werden.“

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Die wilden Schwäne

Es war ein stürmischer Abend, als es an die Tür des kleinen WG-Häuschens von Adiuva et Protege hämmerte. Kein Klopfen. Wildes verzweifeltes Hämmern.

Lily, die gerade dabei war, Darin zu erklären, warum ein Katana sehr wohl als Brotschneidemesser benutzt werden kann, erstarrte.

„Wer stört uns beim Abendessen? Wenn das wieder der Postbote ist…“

Sie riss die Tür auf und erstarrte erneut. Vor der Tür stand ein Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt, völlig erschöpft, in Lumpen gehüllt, mit Haaren, die in alle Richtungen standen und Augen, die rot vom Weinen waren.

„Oh“, sagte Lily leise.

Das Mädchen blickte auf, sah Lilys erstauntes Gesicht und brach in einen herzzerreißenden Schluchzer aus.

„Bitte… helfen Sie mir…“

Dann kippte sie Lily weinend völlig erschöpft direkt in die Arme.

Lilys Reaktion war, für ihre Verhältnisse, untypisch: Sie war sprachlos. Und nicht nur das, ihre eigenen grauen Augen wurden sofort feucht.

„Oh nein. Ein erschöpftes, hungriges und trauriges Mädchen. Fun-chan, wir haben ein sehr erschöpftes Mädchen direkt vor unserer Tür!“

Sie zog das schluchzende Mädchen herein und tätschelte ihr unbeholfen den Rücken.

„Schon gut… Setz dich.“

Lily blickte fordernd über ihre Schulter.

„DARIN! KAKAO! NOTFALL! CODE SEHR TRAURIG!“

Funny trat neugierig aus der Küche. Sie sah das Mädchen, sah Lilys Tränen, die jetzt aus reiner Empathie liefen und seufzte.

„Komm, setz dich ans Feuer. Darin macht den besten Kakao in Feenland. Und dann erzähl uns alles.“

Die Geschichte, die das Mädchen – Elisa – erzählte, war haarsträubend. Sie war eine Prinzessin. Ihre böse Stiefmutter, eine mächtige Hexe, hatte ihre zehn Brüder in wilde Schwäne verwandelt und verjagt. Elisa selbst war als Fünfjährige zu armen Bauern aufs Land verbannt worden. Mit fünfzehn war sie geflohen, um ihre Brüder zu suchen.

„Ich habe sie gefunden!“, schluchzte Elisa in die Tasse Kakao, die Darin ihr in die zitternden Hände gelegt hatte. „An der Südküste. Sie sind nur nachts Menschen. Aber sie wissen nicht, wie sie erlöst werden können! Ich suche seit einem ganzen Jahr nach einem Gegenmittel! Ich finde nichts! Nichts!“

Wieder brachen ihr die Tränen aus den Augen. Lily hielt Elisas Hand, kaute auf ihrer eigenen Lippe und sah Funny mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an.

„Fun-chan… wir müssen.“

Funny nickte.

„Elisa, wir sind Adiuva et Protege. Wir helfen und beschützen. Wir nehmen diesen Auftrag an. Wir werden den Fluch brechen.“

„Und dann verkloppen wir die Hexe!“, fügte Lily entschlossen hinzu.

Sie richteten Elisa das kleine Gästezimmer her. Lily bekam den Auftrag, „Trost-Kuscheln“ zu betreiben, während Funny und Darin sich in ihr Büro zurückzogen.

„Das ist kein normaler Fluch“, sagte Funny. „Das ist königliche Fluchmagie. Wir brauchen… die Elfen-Bibliothek.“

*

Darin ging ins Labor und holte einen Portalstein und aktivierte ihn. Einen Moment später standen er und Funny in einer Bibliothek, so gewaltig, dass sie ihnen, wie immer, den Atem raubte – die Große Bibliothek von Funnys Eltern im Elfental.

„Abteilung: Verfluchtes Federvieh“, murmelte Darin und begann, einen magischen Index zu bedienen.

Sie wurden schnell fündig. Ein uraltes Buch über Metamorphose-Flüche. Darin las leise: „Der Fluch des Stillen Schwans… Prinzen… Stiefmutter… Ah. Hier.“

Funny las über seine Schulter.

„Um den Fluch zu brechen, müssen für jeden Verfluchten Hemden aus… Brennnesseln… gewebt werden?“

„Ja“, sagte Darin. „Aber lies weiter. ‚Die Nesseln müssen von einem verfluchten Friedhof stammen. Gesammelt bei Nacht.’“

Funny wurde blass.

„Darin… lies das da.“

Darin schluckte.

„‚Hütet Euch. Jedes Wort, das über die Natur des Fluches oder seine Lösung gesprochen wird, ist ein Dolchstoß in das Herz der Verfluchten.‘ Deshalb konnte Elisa allein nichts finden, weil niemand darüber sprechen darf.“

Sie sahen sich alarmiert an.

„Wir… wir können es ihnen auch nicht sagen“, flüsterte Funny. „Wenn wir Lily oder Elisa jetzt erzählen, was zu tun ist, sind die Brüder tot.“

„Wir müssen das Buch mitnehmen“, entschied Darin.

„Das geht nicht, aus dieser Bibliothek dürfen keine Bücher entfernt werden. Aber ich habe eine Idee: Da wir keinen der Bibliothekare involvieren wollen, schreibe ich die Seite ab. Und wenn es die ganze Nacht dauert“, sagte Funny.

Darin nickte.

„Aber denk an das Zeitlimit unseres Portalsteins. Ich werde den unteren Teil abschreiben und du den oberen.“

Gesagt, getan. Sie schrieben schnell. Es kam schließlich nicht auf Schönheit an.

Kurz vor Ablauf der Portalsteinfrist, vier Stunden, Darin hatte es noch nicht geschafft, passende Runen für die Verlängerung des Portals zu finden, kehrten sie in ihr Häuschen zurück.

Lily und Elisa saßen immer noch auf dem Sofa. Lily hatte offensichtlich versucht, Elisa mit Erzählungen ihrer Abenteuer abzulenken und aufzuheitern.

„Und?“, fragte Lily. „Wie wird man die Hexe los?“

Funny und Darin tauschten einen gequälten Blick. Funny legte die Abschrift auf den Tisch.

„Lest selbst. Wir… dürfen nicht darüber sprechen.“

Neugierig beugten sich Lily und Elisa über den alten Text.

Stille.

„Nesseln?“, flüsterte Lily ungläubig. „Von einem Friedhof? Das ist ja…“

Elisa las die Warnung. Ihr Gesicht wurde aschfahl.

„Jedes Wort…“ Lily las es auch. „…ist ein Dolchstoß. Oh. Verdammte Axt.“

Sie sah Funny und Darin an.

„Deshalb seid ihr so komisch.“

Elisas Miene wurde hart.

„Es ist mir egal.“

Sie stand auf.

„Ich muss auf einen Friedhof. Ich muss Nesseln sammeln.“

„Warte!“, rief Funny. „Lies den nächsten Absatz! ‚Ab dem Moment, da die Arbeit beginnt, muss die Erlöserin stumm bleiben wie ihre Brüder am Tag. Das erste Wort, das sie spricht, tötet sie alle.‘“

„Was?!“, rief Lily. „Das ist der bescheuertste Fluch aller Zeiten! Erst nicht drüber reden dürfen, dann Nesseln und dann stumm sein müssen? Wer denkt sich so einen Mist aus?“

„Eine sehr gründliche und sehr boshafte Hexe“, sagte Funny leise. „Elisa. Du kannst das nicht allein tun. Ein verfluchter Friedhof ist kein Ort für…“

Elisa sah sie an, Tränen in den Augen, aber ihr Kinn war entschlossen. Sie legte ihre Hand auf ihr Herz und schüttelte den Kopf. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Funny seufzte.

*

„Dann ist es entschieden. Wir begleiten dich. Wir sind dein Schild, solange du stumm sein musst.“

Die Reise in den Süden war schnell. Die drei Elfen trugen Elisa abwechselnd im Flug.

Der Friedhof war ein Ort des Grauens: Mitten in einem toten Wald, voller knorriger Bäume und mit umgestürzten Grabsteinen. Sie fanden eine trockene Höhle in der Nähe, die als Basislager diente.

„Okay“, flüsterte Darin, als die Nacht hereinbrach. „Das wird nicht schön.“

Elisa, ihr Gesicht eine Maske aus Entschlossenheit, nickte. Sie nahm einen Sack und ging auf das eiserne Tor des Friedhofs zu.

„Ich hasse das“, murmelte Lily und zog ihre Naginata. „Ich hasse das so sehr.“

In dem Moment, als Elisa die ersten brennenden Nesseln berührte – sie zuckte zusammen, aber kein Laut kam über ihre Lippen –, erwachte der Friedhof. Ein schabendes Geräusch war zu hören.

„Ich glaub, ich hör was“, zischte Lily. „Und es klingt nicht nach Eichhörnchen.“

Aus den Gräbern schälten sich Gestalten. Oben Frau, unten Schlange. Ihre Augen glühten rot.

„Lamias“, knurrte Funny. „Sie fressen die Toten. Und offenbar auch die Lebenden. Darin! Strategie Delta!“

„Verstanden!“, rief Darin. „Lily! Du bist Elisas Bodyguard! Du lässt nichts durch! Keinen Zentimeter! Funny, du und ich bilden den äußeren Ring. Wir halten den Pass frei!“

Elisa riss weiter Nesseln aus, ihre Hände bluteten schon, während hinter ihr die Hölle losbrach. Funny war ein blauer Blitz, ihre beiden Dolche tanzten und parierten die Speere der Schlangen-Frauen. Darin war eine Wand aus Stahl; seine Doppelaxt traf auf Schuppenpanzer und spaltete den Boden. Lily stand mit dem Rücken zu Elisa, ihre Naginata wirbelte in einem silbernen Kreis und ließ nichts durch.

„HEY, SCHLANGEN-TUSSIS!“, brüllte sie. „Schon mal was von ‚Respekt vor den Toten‘ gehört? Und ‚Respekt vor den Lebenden‘? Komm her, ich buchstabier’s dir auf die Schuppen!“

Eine besonders große Lamia schnellte unter ihrer Klinge hindurch auf Elisa zu. Funny schrie auf, aber Lily ließ ihre Naginata fallen, rammte der Lamia einen Ellbogen ins Gesicht und ließ ihr Katana aus ihrer Itembox in der Hand erscheinen.

Ein präziser, exakt geführter Schlag und die Lamia war einen Kopf kürzer.

„Finger weg von meiner Freundin!“, knurrte sie.

Als der Morgen graute, zogen sich die überlebenden Lamias zischend in ihre Gräber zurück. Die drei Elfen waren erschöpft und bluteten, aber Elisa hatte einen vollen Sack Nesseln.

*

Zwei Nächte später. Elisa saß in der Höhle, ihre Hände waren übersät mit Blasen, von denen nicht wenige sogar bluteten, aber sie webte unermüdlich. Drei Hemden waren fertig.

„Wir brauchen mehr Material, Fun-chan“, flüsterte Lily, die Wache hielt.

Funny nickte stumm.

Diesmal war der Friedhof still. Zu still.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte Darin und justierte seine Brille. „Wo sind die Schlangen-Damen?“

Elisa bückte sich gerade nach einem dichten Büschel Nesseln, als der Boden vor ihr aufbrach. Eine verweste, knochige Hand schoss heraus und packte ihren Knöchel.

„DARIN! HACK ES AB!“, schrie Funny.

Darins Axt war eine Millisekunde später da und trennte den Arm sauber ab. Doch der Boden explodierte förmlich. Überall um sie herum stiegen verweste Leichen aus der Erde.

„Oh, jetzt kommen die auch noch!“, rief Lily. „Das ist ja wie im Gilden-Keller am Montagmorgen!“

„Lily, Formation!“, befahl Funny.

Aber Lily war schon im Chaos-Modus.

„AUGEN ZU UND DURCH! FÜR ELISA!“

Sie stürmte mit wirbelnder Naginata in die dichteste Traube Zombies.

„LILY, NEIN! DIE TAKTIK! DIE ÜBERRENNEN UNS!“, brüllte Funny.

„ES IST ZU SPÄT! SIE IST IM RAUSCH!“, rief Darin zurück und musste seine Axt schwingen, um drei Untote gleichzeitig zu köpfen, die auf Lily zustürmten.

Funny und Darin blieb nichts anderes übrig, als ihre Flanken zu sichern und Elisa in der Mitte zu halten, während Lily eine Schneise der Zerstörung schlug.

„Es werden immer mehr!“, keuchte Darin und blockte einen Hieb mit seinem Axtstiel.

„Mir gehen die Arme aus!“, ächzte Lily, als sie drei Köpfe auf einmal erwischte. Sie wurden eingekesselt, standen Rücken an Rücken. Elisa, blass, aber entschlossen, riss weiter Nesseln heraus, während um sie herum der Kampf tobte.

Gerade als ein riesiger Zombie seinen Arm hob, um Darin zu zerschmettern, trafen ihn die ersten Sonnenstrahlen. Mit einem kollektiven Stöhnen zerfielen die Untoten zu Staub oder versanken im Boden.

Totenstille.

Lily, bedeckt mit… nun ja… Zombie-Schleim, wischte sich über die Stirn.

„Ich. Brauche. Kakao. Und eine Dusche. Vermutlich nicht in dieser Reihenfolge.“

*

Zwei weitere Nächte vergingen. Elisa war ein Wunder an Ausdauer. Neun Hemden waren fertig.

„Nur noch eines“, flüsterte Funny. „Aber wir brauchen eine letzte Ladung.“

Sie standen auf dem Friedhof, die Waffen im Anschlag, und sicherten Elisa, die die letzten Nesseln pflückte. Plötzlich ertönte ein Jagdhorn.

„Oh nein“, murmelte Darin. „Das ist kein Yōkai. Das ist… Mundanes, der hiesige Fürst, Hexenjäger.“

Ein Trupp von Rittern in Stahlrüstungen brach durch die Bäume, angeführt von einem grimmig dreinblickenden Fürsten auf einem schwarzen Schlachtross. Sie sahen: Drei geflügelte Wesen, halbnackt in Bikinis und ein Schlabberhemd gekleidet, mit blutigen Waffen, die ein stummes, blutverschmiertes Mädchen auf einem verfluchten Friedhof umstanden und offensichtlich ein schwarzes Ritual zelebrierten.

Für den Fürsten war der Fall klar.

„VERNICHTET DIE BÖSEN FEEN! SIE SIND ES! SIE SIND DIE PLAGE! SCHNAPPT EUCH DIE HEXE IN DER MITTE!“

„Halt!“, rief Funny. „Das ist ein Missverständnis! Wir sind…“

Aber die Ritter griffen an.

„Wir können nicht reden!“, rief Darin. „Der Fluch!“

„Dann müssen wir kämpfen!“, schrie Lily.

Aber sie waren erschöpft von den Nächten zuvor. Die Ritter waren frisch, zahlreich und in voller Rüstung. Es war ein aussichtsloser Kampf. Funny parierte, Darin blockte, Lily wirbelte, aber sie wurden überrannt.

„Wir dürfen sie nicht verletzen!“, rief Funny, während sie einen Ritter mit dem Knauf ihres Dolches entwaffnete.

„Sag das denen!“, keuchte Lily, als sie von drei Lanzenstangen zurückgedrängt wurde.

Der Fürst selbst preschte durch, packte Elisa am Arm und zerrte sie auf sein Pferd.

„Hab ich dich, Hexe!“

Elisa schlug stumm um sich, aber vergeblich.

„Bringt ihre Hexen-Materialien!“, rief der Fürst.

Ein Ritter sammelte den Sack mit den Nesseln ein.

„Wir werden das als Beweis für das Gericht brauchen!“

Sie ritten davon. Die restlichen Ritter brachen den Kampf ab und ließen die drei verletzten, erschöpften und völlig verdreckten Elfen zurück. Darin hielt sich die Rippen. Funny blutete aus mehreren Wunden. Lily konnte ihre Arme nicht stillhalten, die unkontrolliert zitterten.

„Funny… Heil-Kräuter… in der Itembox“, keuchte Darin.

Sie flickten sich mühsam zusammen.

In die Höhle zurückgekehrt, war diese leer geräumt. Der Fürst hatte auch die fertigen Hemden mitnehmen lassen.

„Okay“, sagte Funny, ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Neuer Plan. Lily. Du bist die Schnellste. Du kannst fliegen wie der Wind. Finde die Brüder. Finde die Schwäne. Sag ihnen, Elisa ist in der Stadt des Fürsten und in höchster Gefahr. Sag nichts über die Arbeit. KEIN WORT. Verstanden?“

Lily nickte, ihre Miene stahlhart.

„Verstanden.“

„Darin, wir finden Elisa!“

*

Funny und Darin, humpelnd und aufeinander gestützt, erreichten die nahegelegene Stadt. Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Auf dem Marktplatz stand ein stabiler Käfig. Darin saß Elisa, umgeben von den Nesseln und den Hemden. Sie nähte. Sie nähte wie besessen. Ein Pöbel hatte sich versammelt.

„STEINIGT DIE HEXE! SIE HAT DEN FRIEDHOF ENTEHRT!“

„HALT!“, rief Funny und stellte sich zwischen die Menge und den Käfig. Ihr Atem ging schwer.

„Was tut ihr hier?“, rief sie, ihre Stimme schwach, aber voller Autorität. „Dieses Mädchen hat ein Anrecht auf ein faires Verfahren! Wo ist Euer Fürst?“

„Ein Urteil ist nicht notwendig!“, rief ein Priester. „Der Fürst hat es befohlen! Sie wird um 12 Uhr Mittags auf dem Scheiterhaufen verbrannt! Sie ist eine Hexe, sie spricht nicht und webt böse Zauber!“

Es war fast Mittag.

„Wo bleibt Lily…“, flüsterte Funny. „Wir können nicht gegen eine ganze Stadt kämpfen!“

Elisa wurde aus dem Käfig geholt und auf einen Scheiterhaufen aus Holz gezerrt. Sie weinte stumm, raffte aber die Hemden zusammen und ließ sie nicht los. Doch beim letzten Hemd fehlte noch ein Ärmel. Der Priester hob die Fackel.

„NEIN!“

Ein Geräusch wie ein Sturmwind fegte über den Platz. Ein Schatten verdunkelte die Sonne.

„Funny, schau nach oben!“, schrie Darin.

Zehn riesige, weiße Schwäne, angeführt von Lily, schossen vom Himmel herab. Kurz über dem Boden ließ sie ihre Naginata aus der gemeinsamen Itembox in ihre Hand gleiten und stellte sich schützend vor Elisa.

„BIN ICH PÜNKTLICH ZUR PARTY?“

Die Schwäne landeten rings um den Scheiterhaufen und schlugen mit den Flügeln, was die Wachen zurücktrieb. Elisa, die vor Freude fast ohnmächtig wurde, warf die Hemden. Zehn Hemden für zehn Brüder.

Mit einem Blitz aus weißem Licht verwandelten sich die Schwäne. Zehn stattliche Prinzen standen da. Nur der jüngste hatte statt eines linken Arms einen weißen Schwanenflügel.

„NUN DARF ICH SPRECHEN!“, rief Elisa, ihre Stimme rau vom langen Schweigen. „ICH BIN KEINE HEXE!“

Die Menge erstarrte. Der Fürst, der die Hinrichtung überwachte, taumelte zurück.

„Was… was ist hier…“

„ZU SPÄT, IHR NARREN!“, kreischte eine Stimme.

Die Fürstin, die neben dem Thron ihres Mannes stand, riss sich das Seidenkleid vom Leib. Ihr wunderschönes Gesicht schmolz dahin und enthüllte die abscheuliche, schuppige Fratze einer Lamia-Königin.

„Deine Stiefmutter war meine Schwester!“, zischte sie an Elisa gewandt. „Sie hat die Prinzen in deinem Land verflucht und ich habe dieses Land verflucht! Ich habe eure echte Mutter getötet, um meine Schwester auf euren Thron zu setzen und ich habe diesen Dummkopf von Fürsten verhext, damit er überall nur Böses sieht! Vor ein paar Nächten habt ihr meine Schwester getötet. Und jetzt, wo ihr den Fluch gebrochen habt… STERBT IHR ALLE!“

Sie schoss auf Elisa zu, ihre Klauen ausgefahren.

„OH NEIN, DAS TUST DU NICHT, SCHUPPEN-SCHLAMPE!“

Lily hatte den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet. Sie sprang zur Königslamia, ihre Flügel gaben ihr rasende Geschwindigkeit. Noch im Sprung schwang sie ihre Naginata. Der Kampf war kurz, brutal und einseitig. Die Lamia war mächtig. Aber Lily war wütend.

„DAS!“, schrie sie und blockte einen Klauenhieb, dass die Funken stoben. „IST! FÜR! ELISA!“

„DAS!“, sie wich einem Säurespucken aus. „IST! FÜR! DIE! NESSSELN!“

„UND DAS!“, sie rammte ihre Naginata durch die Schuppen. „IST! FÜR! DEN! GANZEN! STRESS!“

Mit einem letzten, präzisen Hieb trennte sie den Kopf der Lamia-Königin vom Rumpf. Der Körper fiel zu Boden.

Stille.

Der Fluch, der auf dem Fürsten lag, löste sich mit einem sichtbaren, dunklen Schatten auf. Er blinzelte, sah die tote Lamia, sah Elisa und ihre Brüder. „Bei den Göttern… was habe ich getan?“

*

Der Fürst stand entschlossen auf und bot Elisa und ihren Brüdern Entschädigung an. Funny nahm sie im Namen von Adiuva et Protege entgegen, aber Elisa winkte ab. Sie und ihre Brüder kehrten in ihr eigenes Fürstentum zurück, das nun ebenfalls von der dunklen Magie ihrer sogenannten Stiefmutter befreit war. Sie gingen zu den Gräbern ihrer Eltern und begannen auch, ihr Land wieder aufzubauen.

Zurück in ihrem Häuschen saßen Funny, Darin und Lily am Kamin und teilten sich schweigend eine Kanne von Darins bestem Kaffee. Alle waren bandagiert.

„Das war knapp“, sagte Darin leise und rieb sich über die nun heilenden Rippen.

„Fast zu knapp“, murmelte Lily und begutachtete ihre Verletzungen.

Funny starrte in die Flammen.

„Wir waren verletzlich. Wir wurden von einfachen Rittern überrannt. ‚Viele Hunde sind des Hasen Tod‘.“

Sie blickten sich an. Ein stilles Einverständnis lag in der Luft.

„Wir müssen härter trainieren“, sagte Darin.

„Viel härter“, stimmte Lily zu.

Funny nickte.

„Um die Schwachen zu beschützen, müssen wir die Stärksten werden.“

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