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Der Vertrag der tanzenden Kirschblüten – Teil 3

Fortsetzung von Teil 2

Der Heimweg durch das abendliche, in buntes Neonlicht getauchte Tokyo war ein reines Vergnügen. Die Kompensationsmagie leistete ganze Arbeit und webte eine friedliche, völlig unauffällige Illusion um die drei. Für jeden entgegenkommenden Passanten sahen sie aus wie eine moderne, kleine alternative Familie: Zwei junge, hübsche Mütter, die nach einem langen Tag vergnügt mit ihrem gemeinsamen Kind durch die Straßen spazierten.

Niemand sah Funnys schimmernde Elfenflügel oder ihren für Menschenaugen doch sehr spartanischen, blauen Blumenelfen-Bikini. Und absolut niemand sah Inas in alle Richtungen zuckende, flauschige Fuchsohren oder ihren buschigen, freudig wippenden Schwanz. Die drei waren sich dieser amüsanten optischen Täuschung sehr wohl bewusst und hatten allen Grund, ununterbrochen zu kichern und miteinander zu tuscheln. Ina hopste fröhlich zwischen Ami und Funny die Gehwege entlang – kurzum: Die kleine Schutzgöttin hatte so viel Spaß wie noch nie zuvor in ihrem unsterblichen, aber bisher recht einsamen Leben.

Zu Hause im Apartment angekommen, zeigte Ami ihrem kleinen Gast als Erstes das Zimmer, das für sie bereitstand. Ina riss die Augen auf, stieß einen spitzen, fuchsigen Jubelschrei aus und sprang mit einem gewaltigen Satz mitten auf das weiche, flauschige Bett.

Ami trat einen Schritt zurück und flüsterte Funny mit einem leicht verlegenen Lächeln zu: „Als meine Mutter mir das Apartment überschrieben hat, hat sie strengstens darauf bestanden, dass unbedingt ein Zimmer für ein Kind eingerichtet sein muss. Du weißt schon… für die Zukunft.“

Funny lächelte warm und ergriff Amis Hand.

„Ich glaube, du wirst mal eine ganz tolle Mutter sein, Ami-chan!“

Ami lief sofort knallrot an.

„Wir sind in der Küche und bereiten schon mal das Abendessen vor!“, rief Funny fröhlich zu Ina hinüber, die sich gerade glücklich in die Kissen einkuschelte. Dann zog Funny ihre immer noch errötende Freundin aus dem Zimmer.

„Lassen wir Ina-chan sich ruhig noch ein wenig an ihr neues Zimmer gewöhnen“, murmelte sie.

Ami nickte dankbar.

Nach einem herzhaften, hastig gezauberten Abendbrot wandelte sich die ausgelassene Stimmung. Es war Zeit für den Ernst der Lage. Die drei versammelten sich im Wohnzimmer. Funny saß auf einem Sessel, Ami und Ina-chan hatten es sich auf der Couch bequem gemacht.

Funny lehnte sich vor und schaltete in den konzentrierten Wächter-Modus. „Ina-chan, erzähl uns bitte alles, wirklich jedes Detail, das du über dieses Yokai-Problem weißt.“

Das Fuchsmädchen verschränkte ihre Arme und strich nachdenklich über ihren Schwanz.

„Es war ein schleichender Prozess. Die Yokai-Aktivitäten verstärkten sich erst langsam. Opa hatte euch ja vorhin schon gesagt, dass die meisten Angriffe furchtbar halbherzig waren. Es wirkte fast so, als wollten die Yokai absichtlich von uns erwischt werden, damit wir eingreifen und sie sicher zurück in die Geisterwelt schicken. Sie waren wie auf der Flucht. Aber vor etwa zwei Monaten… da ging es dann richtig los. Die reine Panik brach aus.“

Ami nickte ernst und klappte ihren Laptop auf.

„Das deckt sich exakt mit meinen Beobachtungen. Zum einen begannen zu genau diesem Zeitpunkt diese wichtigen Medizin-Firmen komplett aus dem Gedächtnis der Gesellschaft zu verschwinden. Zum anderen soll es immer öfter zu merkwürdigen Stromschwankungen in ganz Tokyo gekommen sein. Nie in riesigem Ausmaß. Die Lichter flackerten nur, ein paar Server fielen für Sekundenbruchteile aus. Kein Bericht hat es jemals auf die ersten Seiten der Zeitungen oder in die großen Internet-News geschafft. Aber wenn du einmal weißt, worauf du achten musst, fällt dir das Muster immer wieder auf.“

Ami griff unter den Couchtisch und breitete einen großen, gedruckten Stadtplan von Tokyo aus. Mit kleinen roten Punkten waren die Stromschwankungen markiert. Mit feinen schwarzen Kreisen hatte sie die ehemaligen Firmensitze der Unternehmen eingekreist, an die sich heute niemand mehr erinnern konnte.

Funny musterte den Stadtplan.

„Ina-chan, wo genau waren eure letzten Einsätze?“

Ami reichte der kleinen Göttin einen dicken blauen Filzstift. Das Fuchsmädchen beugte sich über die Karte, dachte kurz nach und begann dann, rasch kleine blaue Kreuze auf den Plan zu setzen. Am Ende war fast ganz Tokyo mit einem chaotischen Netz aus roten Punkten, schwarzen Kreisen und blauen Kreuzen übersät. Es wirkte wie das absolute Chaos.

Funny rieb sich die Schläfen und seufzte, mehr zu sich selbst gerichtet: „Puh… Ich wünschte wirklich, ich hätte Darins technisches Verständnis. Er würde diesen ganzen Daten-Salat ansehen und in drei Sekunden ein logisches System erkennen.“

Ami lächelte selbstbewusst, ein Funkeln trat in ihre Augen.

„Gib mir mal den Plan. Ich glaube, ich habe da eine Idee.“

Sie zückte einen feinen Stift und begann, winzige Datumsangaben neben die Punkte und Kreise zu schreiben.

„Schaut her. Ich beginne mit den jüngsten Daten, die liegen… ja, ganz außen an den Stadtgrenzen Tokyos. Wenn man sich die Zeitachse ansieht…“ Sie zog feine Linien zwischen den Markierungen. „Die jüngeren Daten nähern sich immer stärker dem Zentrum. Es ist, als würde sich ein Netz zusammenziehen.“

Am Ende zog sie mit einem dicken Textmarker einen recht großen Kreis um einen Bezirk im Herzen Tokyos.

„In diesem Bereich liegt unser Zentrum. Aber es ist immer noch zu groß.“

Ina musterte die Karte.

„Wartet mal, etwas Ähnliches kann ich auch! Meine Yokai waren zwar scheinbar völlig unregelmäßig über Tokyo verstreut, aber wenn ich mir nicht anschaue wann, sondern wie stark sie waren…“

Sie schnappte sich den Marker.

„Die stärksten Yokai, die am wenigsten panisch waren, traten alle exakt hier auf!“

Sie zog einen deutlich kleineren, blauen Kreis direkt in der Mitte von Amis großem markierten Bereich.

Funny riss begeistert die Arme hoch.

„Ha! Es ist einfach toll, mit absoluten Profis zu arbeiten!“

Die Spannung im Raum brach und alle drei lachten befreit auf. Das Monster hatte nun ein Versteck. Ina gähnte.

Ami tippte auf den kleinen, blauen Kreis.

„Wollen wir morgen früh genau diesen Bereich absuchen? Er ist zwar klein, aber ein Quadratkilometer inmitten von Tokyos Hochhäusern ist immer noch sehr viel Fläche. Wollen wir uns vielleicht aufteilen, um das Gebiet systematischer und schneller abzusuchen?“

„Nein!“, kam es sofort und energisch von Funny.

Die erfahrene Abenteurerin in ihr duldete da keinen Widerspruch.

„Als Gruppe agiert man immer zusammen, niemals getrennt! Nur so kann man sich gegenseitig den Rücken freihalten und beschützen! Es ist vielleicht langsamer, aber es ist sehr viel sicherer.“

Ami warf ihr einen respektvollen Blick zu und nickte zustimmend. Dann glitt ihr Blick zu Ina hinüber. Das Fuchsmädchen hatte sich auf der Couch zusammengerollt und schlief bereits tief und fest. Ein leises Schnarchen ließ ihre Fuchsohren leicht im Takt wippen.

„Na, dann lass uns auch zu Bett gehen“, flüsterte Ami. „Ina-chan ist schon im Traumland.“

Sie hob das überraschend leichte Fuchsmädchen behutsam auf die Arme und trug sie hinüber in ihr neues Kinderzimmer. Als sie wieder im Flur stand, drehte sie sich noch einmal zu Funny um, ein müdes, aber kampfbereites Lächeln auf den Lippen.

„Gute Nacht, Funny-chan! Morgen retten wir Tokyo!“

„Gute Nacht, Ami-chan“, lächelte Funny sanft zurück.

Es ging doch einfach nichts über tolle Freunde.

Als Funny sich wenig später in ihrem eigenen kleinen Gästezimmer ausgezogen hatte und unter die kühle Bettdecke geschlüpft war, wanderten ihre Gedanken unweigerlich zurück nach Feenland. Zu ihrem Team.

Ich wünschte, ihr beide wärt jetzt auch hier, dachte sie wehmütig. Eine gnadenlose Frontkämpferin und einen echten Technik-Nerd könnten wir morgen bestimmt richtig gut gebrauchen.

Ein weiches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie besonders an Darin dachte.

Ich glaube, du würdest dich mit Ami wirklich extrem gut verstehen, Darin. Sie ist mindestens so unglaublich praktisch veranlagt und clever wie du.

Mit diesem warmen Gedanken an ihre alten und ihre neuen Freunde schloss Funny die Augen und glitt sanft ins Reich der Träume. Morgen würde ein langer Tag werden.

***

Es dämmerte kaum am nächsten Morgen, als die drei Freundinnen aufbrachen. Tokyos Himmel war in ein kühles Graublau getaucht und die Luft war noch erstaunlich frisch. Dieses Mal war die Fahrt in Tokyos gigantischem U-Bahn-System erstaunlich kurz. Die Waggons waren noch fast leer und das monotone Rattern der Räder wirkte fast beruhigend, bis sie schließlich an der Station eines modernen Geschäftsviertels ausstiegen.

Kaum hatten sie den Bahnhof verlassen und die steilen Treppen ans Tageslicht erklommen, blieb Funny abrupt stehen und rieb sich fröstelnd die nackten Oberarme.

„Brrrrrrr…“, machte die Blumenelfe und schüttelte sich, als hätte man ihr Eiswasser über den Rücken gegossen. „Hier herrscht eine emotionale Kälte… furchtbar. Es ist, als würde dieser Beton nicht nur die Natur, sondern auch die Gefühle ersticken.“

Ami fackelte nicht lange und zog ihre fröstelnde Freundin fest an sich. Auch die kleine Ina zögerte keine Sekunde und schmiegte sich von der anderen Seite wie ein wärmender Schal an Funnys Hüfte. Funny schloss für einen Moment die Augen und ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Danke. Es ist wirklich so unglaublich toll, euch beide zu haben.“

Nicht weit vom Bahnhofsausgang entfernt öffnete sich die Straßenschlucht zu einem kleinen, betonierten Platz. Auch hier reckten sich auf der einen Seite gigantische, verspiegelte Business-Türme in den Himmel, durchsetzt von etwas kleineren, gedrungeneren Bürogebäuden. Im Erdgeschoss der meisten Komplexe gab es Convenience Stores oder kleine Cafés, deren Neonreklamen bereits flackerten.

Während sich Ami und Funny aufmerksam, aber noch relativ entspannt umsahen, blieb Ina-chan plötzlich wie angewurzelt stehen. Ihre Fuchsohren zuckten nervös. Sie starrte fast wie hypnotisiert auf einen mittelgroßen, völlig unauffälligen Büroturm am Rand des Platzes. Die beiden älteren Mädchen bemerkten das sofort.

„Ina-chan?“, fragte Ami alarmiert und folgte dem Blick des Mädchens. „Was siehst du?“

„Ich sehe nur einen Büroturm“, flüsterte Ina, ohne zu blinzeln. „Aber seht euch das mal genauer an. Ich sehe niemanden, der ihn betritt. Niemanden, der ihn verlässt. Die Menschen, die vorbeigehen, machen unbewusst einen Bogen um den Eingang oder schauen absichtlich weg. Aber es ist sonst einfach nur ein Büroturm. Das ist das Schlimmste daran: Da ist nichts. Keine Aura. Keine magischen Wellen. Es ist ein schwarzes Loch in der Wahrnehmung.“

Funnys Abenteurer-Instinkt und ihr Misstrauen waren sofort hellwach. „Eine perfekte Tarnung ist immer verdächtiger als ein brüllendes Monster. Lasst uns den einmal genauer unter die Lupe nehmen.“

Die drei Mädchen setzten sich in Bewegung und gingen langsam auf den Turm zu. Der Abstand verringerte sich. Plötzlich wandte Funny den Kopf nach links. Ohne es wirklich zu merken, veränderte sie leicht ihre Richtung. Sie gingen nun zielstrebig auf den kleinen Bäckerladen im Erdgeschoss eines anderen Bürogebäudes direkt neben dem Turm zu.

Ina blieb als Erste stehen und stemmte die Füße in den Asphalt.

„Stopp! Wir gehen auf das falsche Gebäude zu.“

Ami blinzelte verwirrt und strich sich eine blaue Strähne aus dem Gesicht.

„Naja… wir wollten doch ohnehin erst einmal frühstücken, oder? So ein Melon Pan wäre jetzt genau das Richtige.“

Funny nickte eifrig, ihr Blick war seltsam leer.

„Genau. Äh… wir hatten zwar schon bei dir, Ami-chan… aber genau, ein zweites Frühstück kann nie schaden! Ein Croissant für die Nerven!“

„Funny-chan. Ami-chan.“

Inas Stimme klang plötzlich nicht mehr wie die eines kleinen Mädchens, sondern besaß die uralte, resonierende Tiefe einer Göttin. „Ich will euch etwas zeigen.“

Die beiden Mädchen drehten sich wie in Trance zu Ina um. Das kleine Fuchsmädchen trat einen Schritt vor, legte ihre kleinen Arme so weit es ging um Funnys und Amis Hüften, drückte sie fest an sich und flüsterte beiden gleichzeitig mit absoluter, herzlicher Aufrichtigkeit ins Ohr: „Ich liebe euch!“

Das Gefühl von reiner Zuneigung und familiärer Wärme traf Funny und Ami wie ein reinigender Blitz. Beide schüttelten sich heftig. Funny blinzelte schnell, kniff die Augen zusammen und schaffte es als Erste, den schleichenden Verwirrungsbann niederzukämpfen, der sich wie Spinnweben um ihren Verstand gelegt hatte. Sie keuchte leise auf, ergriff sofort Amis Hand und drückte sie ganz fest, um die emotionale Verbindung zu halten.

Ami riss die Augen auf. Es war, als würde sich vor ihren Augen ein dichter, grauer Nebel lichten. Sie atmete scharf ein und starrte wieder auf den Turm, von dem sie gerade weggehen wollten.

All Nippon Medical Aid“, las sie plötzlich laut und zitternd vor.

„Wie bitte?“, fragte Funny, die sich noch den Kopf hielt.

„Das steht dort oben, eingraviert über dem Eingang des Gebäudes!“, rief Ami und zeigte auf die verspiegelte Fassade. „Das ist sie! Das ist eine von den Firmen, die aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen komplett verschwunden sind!“

Ina schrie plötzlich auf und wich einen Schritt zurück.

„Das Gebäude verändert sich! Die Tarnung bricht zusammen, weil wir sie durchschaut haben! Es ist… es ist nur noch eine Ruine!“

Ami kniff die Augen zusammen.

„Was? Nein, das ist ein moderner Glas-… Doch… Oh mein Gott… Ich sehe es.“

Sie schauderte und klammerte sich an Funnys Hand.

„Also, Magie kann echt verdammt gruselig sein.“

Auch vor Funnys Augen schälte sich nun die Realität aus der Illusion. Binnen Sekunden blätterte die spiegelnde Glasfassade ab wie trockene Farbe. Aus dem modernen Bürohaus wurde eine abstoßende Ruine. Die Fenster waren zersplittert oder mit schwarzen Brettern vernagelt, der Beton war von Rissen und eklig wirkenden, dunklen Flechten durchzogen. Ein Geruch nach Ozon, Verfall und fauligem Wasser wehte ihnen entgegen.

Funny ließ ihre Dolche mit einem stummen Gedanken in ihre Hände gleiten

„Ich glaube, wir haben unseren Ort gefunden.“

Ina trat entschlossen vor die beiden Mädchen.

„Wir gehen jetzt sehr, sehr vorsichtig auf das Gebäude zu. Bleibt exakt hinter mir. Meine absolute Spezialität als Fuchsgöttin sind Schutzzauber und Verschleierung. Damit werden wir von keiner Spür-Magie der Welt geortet. Wenn irgendetwas in diesem Gebäude ist, soll dieses Etwas es so spät wie nur möglich mitbekommen, dass wir da sind.“

Funny und Ami blickten sich ernst an und nickten synchron. Schritt für Schritt, lautlos und hochkonzentriert, gingen sie auf den klaffenden Haupteingang der Ruine zu.

Plötzlich flimmerte die Luft etwa zwei Meter vor dem Eingang auf. Es war nur ein kaum wahrnehmbares, statisches Knistern.

Funny blieb sofort stehen.

„Halt. Das war ein Alarmzauber. Aber er ist nur vorhanden, er hat nicht ausgelöst.“

Ina drehte sich überrascht um, ihre Ohren zuckten.

„Woher weißt du das? Ah… warte! Du hast da eine von Darins Spielereien in der Hand, stimmts? Bei meinem Schutzschirm konnte der Alarm auch gar nicht anspringen.“

Funny hielt einen kleinen, metallischen Gegenstand in der Hand, der nicht viel größer war als ein klassischer Kompass. In der Mitte glühte ein winziger Edelstein beruhigend grün.

„Ja, ganz genau“, lächelte Funny leise und stolz. „Ein Magie-Identifikator. Wenn ich fremde Magie spüre, sagt mir dieses kleine Ding sofort, um welche Kategorie von Magie es sich handelt. Es reagiert aber nicht auf das bloße Vorhandensein der Falle, sondern es reagiert auf mich. Spüre ich keine Magie, identifiziert es auch nichts. Darin hat es extra so entworfen, damit es keine eigenen Signale aussendet.“

Ami starrte fasziniert auf das Gerät.

„Du funktionierst also quasi wie eine menschliche… Verzeihung, elfische Magie-Antenne, Funny-chan?“

Funny lachte leise.

„Ja, so kann man das durchaus nennen. Ich empfange, Darins Gerät übersetzt.“

Ina deutete mit dem Kinn auf die Dunkelheit vor ihnen.

„Dort ist ein alter Personaleingang, die Tür steht halb offen und hängt in den Angeln. Gehen wir rein?“

„Warte“, sagte Funny, trat vor. Die Wächterin in ihr übernahm. „Abenteurer-Regel Nummer eins: Sichere immer deinen Ausgang. Sorge immer für eine Fluchtmöglichkeit, bevor du dich in eine gefährliche Situation wagst.“

Sie suchte den Boden ab, was bei dem Trümmerfeld vor der Ruine nicht schwer war, und hob einen flachen, schweren Betonbrocken auf. Dann holte sie mit einer schnellen Handbewegung ein leuchtendes Runenplättchen aus ihrer Itembox. Sie klemmte es unter den Stein und schob beides direkt an das untere Scharnier der halboffenen Tür.

„So“, sagte Funny zufrieden. „Das ist ein statischer Keilzauber. Das lässt die Tür für uns unverschlossen, selbst wenn drinnen jemand versucht, den Raum magisch oder mechanisch zu versiegeln.“

Ina nickte anerkennend.

„Schlau.“

Dann atmete die kleine Fuchsgöttin tief durch und stieß die verrostete Tür mit unerwarteter Kraft weit auf.

Ein feuchter, kalter Luftzug schlug ihnen entgegen. Hinter dem Eingang lag keine Empfangshalle. Es gab nur eine einzige, breite Betontreppe. Und sie führte unendlich tief hinab in die absolute Dunkelheit.

***

Die Dunkelheit vor ihnen war so dicht, dass man sie fast greifen konnte. Ina hob sanft die Hand und schnippte nur leise mit den Fingern. Vor ihnen erschien sofort eine weiche, schwebende Leuchtkugel. Sie warf genug Licht, um ungefähr sechs Meter der Treppe und der rohen Betonwände gut erkennen zu können. Dann verschwamm alles wieder in der Finsternis.

„Wir sollten auch nicht zu viel Licht machen“, flüsterte die kleine Fuchsgöttin und blickte sich wachsam um. „Wir könnten sonst auch gleich unten am Fuß der Treppe einen Gong schlagen und rufen, dass wir da sind.“

Die drei Mädchen begannen den Abstieg. Erstaunlicherweise ging es gar nicht so tief hinab, wie sie befürchtet hatten. Nach nur drei Etagen endete die Treppe vor einer schweren, grauen und verschlossenen Stahltür.

Ina trat vor und wollte die Klinke der Tür drücken, da gebot ihr Funny rasch Einhalt.

„Warte, Ina-chan! Lass mich vorher Darins Schau-durch-mich-hindurch-Plättchen ausprobieren.“

Ami hielt sich kurz die Hand vor den Mund und kicherte nervös.

„Witziger Name.“

Funny lächelte schief und kramte in ihrer Itembox.

„War Lilys Idee. Darin hat dafür so einen komischen, technischen Begriff genannt, bei dem man sich schon verhaspelt, wenn man ihn nur lesen muss. Phasenverschiebungs-Transparenz-Matrix oder sowas.“

Sie klebte das kleine, silberne Runenplättchen genau in die Mitte der Stahltür. Das Metall flimmerte kurz auf, als würde Wasser darüberfließen, und dann… verschwand das Zentrum der Tür.

„Toll“, flüsterte Ina beeindruckt. „Die Tür ist materiell noch da, aber wir sehen, was dahinter ist.“

Was sie sahen, ließ Ami den Atem stocken. Es war ein gewaltiges Computer-Kabinett. Reihe um Reihe von glimmenden Bildschirmen standen auf endlosen Schreibtischen. Doch an diesen Arbeitsplätzen saßen keine Menschen. An den unzähligen Tastaturen hockten verschwommene, humanoide Schatten, deren Finger rasend schnell, fast stroboskopartig, in die Tasten hämmerten.

„Schatten-Yokai“, zischte Ina und ihre Fuchsohren legten sich flach an den Kopf. „Aber was machen die da? Yokai interessieren sich normalerweise nicht für Quellcodes.“

Ami trat ganz dicht an die illusionär transparente Tür heran und kniff die Augen zusammen.

„Hach, verdammt. Ich wünschte, wir könnten von hier aus näher heranzoomen! Dann könnte ich vielleicht lesen, was auf den Displays dort drüben steht.“

Funny tippte gegen den Rand des Plättchens.

„Die Tür ist durch die Rune jetzt quasi wie ein modernes Touchdisplay. Mach einfach die Bewegung. Hier, mit zwei Fingern zoome ich hinein und wieder hinaus.“

Ami starrte sie an.

„Das ist genial!“

Funny grinste.

„Darin halt.“

Ami legte zwei Finger auf die unsichtbare Barriere und zog sie auseinander. Das Bild des Raumes vergrößerte sich extrem scharf. Sie zoomte direkt auf den Bildschirm des Arbeitsplatzes, der der Tür am nächsten war. Ihre Augen weiteten sich.

„Webseiten? Die… die codieren HTML-Seiten! Von Hand!“

Sie stutzte und zoomte auf einen weiteren Bereich. Ihr Gesicht wurde aschfahl.

„Nein. Sie codieren nicht. Sie überschreiben. Sie löschen das japanische Internet! Also zumindest dieser Yokai-Schatten gleich neben der Tür.“

Funnys Miene wurde ernst. Sie war nun im Strategie-Modus.

„Folgender Plan, Mädels: Ich löse die Tür auf. Darin hat dafür zum Glück ein Lös-mich-auf-Plättchen entwickelt.“

Ami versuchte in der angespannten Situation zu lächeln.

„Lass mich raten… der Name kommt auch von Lily, weil man bei Darins Begriffsbezeichnung schon beim Lesen stolpert, stimmt’s?“

Funny lachte lautlos.

„Exakt. Subatomarer-Partikel-Disruptor. Oder so ein Quatsch. Jedenfalls: Die Tür verschwindet durch die Rune völlig geräuschlos. Wir löschen vorher unser Licht. Dann stürme ich rein und ziehe mit meinen leuchtenden Dolchen die Aufmerksamkeit auf mich. Ina-chan, du nutzt die Ablenkung, um die Yokai in die Geisterwelt zu schicken. Und du, Ami-chan, übernimmst sofort die Rechner. Wir müssen konkret wissen, was die hier noch so gemacht haben.“

Funny überlegte kurz und sah sich den riesigen Raum noch einmal an. Es gab mindestens drei weitere Türen, die von dort aus abgingen.

„Wir werden nicht viel Zeit haben. Wenn wir das Yokai-Problem im Raum gelöst haben, werde ich einen Schutzzauber über Ami-chan sprechen und die Türen versiegeln. Du, Ina-chan, kümmerst dich um die restlichen Gegner, die definitiv kommen und schnell die Türen durchbrechen werden, wenn das System erst einmal bemerkt, dass wir ihr Kabinett gehackt haben. Einverstanden?“

Ina nickte entschlossen, ihre kleinen Fäuste geballt.

„Ein toller Plan.“

Ami schluckte schwer und nickte ebenfalls. Ganz geheuer war ihr bei der Sache nicht. Aber man konnte nie alle Eventualitäten vorher bedenken. Als grober Fahrplan war Funnys Strategie Klasse.

Ina schnippte leise, und ihre Leuchtkugel erlosch sofort. Sie standen in völliger Dunkelheit. Funny klebte das rot leuchtende „Lös-mich-auf-Plättchen“ an die Tür.

„Bereit?“, fragte sie flüsternd in die Schwärze. Neben ihr spürte sie das Nicken von Ina und Ami.

Funny drückte auf die Rune. Die Rune erlosch und die massive Stahltür zerfiel zu mikroskopisch feinem Staub, der lautlos zu Boden rieselte. Funny stürmte in den Raum. Wie zwei Blitze aus blauem Feuer materialisierten sich ihre Dolche in ihren Händen. Das grelle Licht erhellte den Raum und warf harte Schatten. Die Yokai hörten schlagartig auf zu tippen. Hunderte von gesichtslosen, nebelhaften Köpfen ruckten zu ihr herum.

„JETZT!“, schrie Funny.

Ina sprang hinter ihr in den Raum. Das kleine Fuchsmädchen riss die Arme hoch und webte mit unglaublicher Geschwindigkeit einen komplexen Bann-Zauber, der als goldene Druckwelle schnell den gesamten Raum einnahm. Die Schatten waren mittlerweile aufgesprungen und wollten sich auf Funny stürzen. Doch sobald die goldene Welle sie traf, blieben sie in der Bewegung stecken. Sie wurden extrem schnell durchsichtig, schrien stumm auf und zerplatzten in winzige, magische Funken. Binnen Sekunden war der Raum leer.

„Ami-chan, die Rechner gehören dir!“, rief Funny und sprintete los, um die drei abzweigenden Türen mit Runen-Siegeln zu blockieren.

Ina spann derweil fieberhaft einen dichten Verhüllungszauber über das Kabinett. So sollte dem Sicherheitssystem vorgegaukelt werden, dass hier immer noch Schatten-Yokai saßen und tippten und keine Eindringlinge.

Doch Inas Fuchsohren stellten sich auf. Sie zischte durch die Zähne: „Verdammt. Jemand oder etwas testet meinen Zauber gerade von außen. Derjenige ist extrem stark.“

Ami saß bereits am Terminal und ihre Finger flogen so schnell über die fremde Tastatur, dass sie kaum zu sehen waren.

„An den Rechnern wurden die Firmen-Identitäten gelöscht!“, rief sie über die Schulter. „Deren massiver Energiebedarf wurde digital und magisch umgeleitet. Es läuft alles auf einen zentralen Knotenpunkt, einen gigantischen Server hier im Haus.“

Sie rannte zu einem anderen Rechner, checkte die Logs und rannte zum nächsten.

„Die kleinen Stromschwankungen in ganz Tokyo? Die sind von hier induziert! Diese Energie wird ebenfalls gestohlen und umgeleitet. Das ist eine magische Batterie! Wir müssen den Main-Server finden!“

Am nächsten Rechner erstarrte Ami.

„Es ist kein verrückt gewordener Server, es ist so etwas wie ein virtueller Yokai, ein Cyber-Yokai. Er lebt im und vom Netz. Und er wächst.“

Funny rief von der Tür herüber: „Macht es Sinn, die Rechner hier einfach zu zerstören?“

Ami starrte auf die Bildschirme.

„Im Zweifel ja! Selbst wenn unser Feind die Computerräume anderer gelöschter Firmen auch nutzt… über All Nippon floss die meiste Energie. Hier dürfte das absolute Zentrum sein. Und wenn wir den Main-Server zerstören, zerstören wir den Yokai selbst und dann sind die anderen Rechner völlig nutzlos! Sie sind dann einfach nur noch Rechner.“

Inas Gesicht verzog sich vor Anstrengung, dicke Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Die goldene Aura um sie herum flackerte.

„Der Feind kommt! Ich… ich weiß nicht, wie lange ich die Türen und den Zauber noch aufhalten kann!“

„Ami-chan!“, kommandierte Funny sofort. „Trenne alle Rechner vom Netz! Daten, Strom, alles!“

Ami und auch Funny stürzten sich auf die Racks. In wahnsinniger Geschwindigkeit rissen sie dicke Kabelstränge aus den Wänden, zogen Server aus den Verankerungen und schlugen Stecker kaputt. Ein Display nach dem anderen erlosch. Das unheimliche Surren der Computer verstummte endgültig.

Und in genau diesem Moment explodierten die von Funny versiegelten Türen. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen flogen die Stahltüren aus den Angeln und krachten in die Computerreihen.

Gigantische, massige Trolle, deren Haut wie rauer Beton aussah und durchzogen von leuchtenden Cyberschaltkreisen war, polterten brüllend herein.

„Ich übernehme!“, schrie Ina. „Funny-chan, beschütze Ami-chan!“

Ina ließ das Schutzfeld fallen, da es ohnehin aufgeflogen war. Knisternd brach es zusammen. Der erste Troll, der wütend durch die Tür trat und seine riesigen Pranken hob, wurde von einem reinen kinetischen Schlag der kleinen Fuchsgöttin getroffen und krachte rückwärts gegen die Wand. Ein goldener Bann-Zauber flog wie ein Komet hinterher. Der Troll heulte auf und wurde brutal in die Geisterwelt zurückgesaugt.

Doch es drängte bereits der nächste Troll herein, und auch an den beiden anderen Türen stürmten die Ungeheuer in den Saal.

Funny, die sofort einen schimmernden, goldenen Schutzschirm um sich und Ami gespannt hatte, rammte ihre Dolche in den Boden, um die Barriere zu stabilisieren. Sie staunte. Als S-Rang-Wächter war auch Funny extrem mächtig. Aber als Blumenelfe verfügte sie über eine Magie des Lebens – sie nutzte vor allem passive Zauber, Angriffe führte sie meist im Nahkampf mit ihren Dolchen oder mit Darins modifizierten Spreng-Runen aus. Aber was die kleine Ina hier machte, war absolut fantastisch. Purer, ungebändigter Kami-Zorn. Drei dieser Cyber-Trolle gleichzeitig mit reiner Willenskraft in die Geisterwelt zu verbannen, war heroisch. Es war göttlich. Funny erkannte jetzt selbst, welch unvorstellbares Potenzial in dem kleinen Fuchsmädchen schlummerte, das Opa-Kami ihr anvertraut hatte.

Funny sah aber auch mit Entsetzen, dass Ina noch nicht über die nötige Ausdauer verfügte. Ihre Atmung wurde flacher, die goldenen Schläge wurden langsamer, die Zauber brauchten einen Moment länger zum Aufladen.

Doch als Ina den zwöften und letzten Troll mit einem gewaltigen Schrei ins Nichts stieß, kehrte Totenstille in das zerstörte Computerkabinett ein.

Ina stand in der Mitte des Raumes. Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Augen rollten nach oben und sie kippte wie ein gefällter Baum vornüber. Funny löste den Schutzschirm, schoss durch den Raum und konnte das kleine Mädchen gerade noch auffangen, bevor sie auf dem harten Boden aufschlagen konnte.

„Danke… Funny-chan…“, murmelte Ina erschöpft und blinzelte schwach. „Meine Kondition… ist noch etwas… steigerungswürdig.“

Funny strich ihr sanft die Haare aus dem verschwitzten Gesicht und tröstete sie: „Du warst fantastisch, Ina-chan. Unglaublich! Und Kondition bekommst du nur durch regelmäßiges Training. Das bringen Lily und ich dir bei.“

Ami rannte herbei.

„Geht es ihr gut? Wir müssen den Main-Server finden! Ohne den bringt uns das Lahmlegen dieses einen Raumes gar nichts! Er wird einfach neue Yokai schicken und auf andere Rechner ausweichen.“

Funny nickte grimmig.

„Schone dich, Ina-chan. Dieses Mal gehe ich vor.“

Funny baute eine leuchtende, goldene Kuppel über und um sie herum auf – ein mobiler, physischer Schild. Ami stützte Ina und beide folgten Funny aus dem Raum.

Sie schritten durch die erste der zerschmetterten Türen. Vor ihnen lag ein langer, dunkler Gang. Am Ende des Flurs pulsierte etwas in einem unheilvollen, blutroten Licht. Es wirkte wie ein gewaltiger, pochender Herzmuskel aus Stahl.

„Dort müssen wir hin“, sagte Funny und deutete mit einem Dolch nach vorn. „Schaut euch den Boden an.“

Überall am Boden, an den Wänden und sogar an der Decke verliefen armdicke, schwarze Kabel. Sie führten alle gebündelt dorthinüber.

Sie schritten schnellen Schrittes zum Ende des Ganges. Sie waren nur noch ein paar Meter entfernt, da sprang die doppelflügelige Tür am Ende mit einem lauten Zischen auf. Den Serverraum hatten sie gefunden. In der Mitte thronte ein großer, schwarzer Monolith von einem Rechner.

Doch im gleichen Moment flammte das gigantische Hauptdisplay über dem Server auf. Es zeigte keinen Code. Das Glas verflüssigte sich, die rote Energie wirbelte umher und das Display verwandelte sich in ein klaffendes, mit rasiermesserscharfen, digitalen Zähnen bewaffnetes Portal. Ein gnadenloser Sog erfasste den gesamten Gang und versuchte, alles in seinen Schlund zu reißen.

Ina hob zitternd die Hand und versuchte, einen Gegenzauber zu weben, aber die kleine Fuchsgöttin war absolut am Ende ihrer Kraft. Der Zauber verpuffte als kleines Fünkchen.

Funny fackelte keine Millisekunde. Sie stieß Ami und Ina mit voller Wucht zurück, weg von der Gefahrenzone. Der Sog erfasste sie. Funny wurde nach vorn gerissen. Sie war schon bis zu den Beinen in dem gezahnten Portal verschwunden.

„FUNNY!“, schrie Ami panisch.

Doch die Elfe war vorbereitet. Noch während sie in den Wirbel gezogen wurde, riss sie einen strahlend blauen Kristall aus ihrer Itembox und warf ihn mit aller Kraft vor das Portal. Der Kristall riss ein goldenes Gegenportal auf – der Dimensionssprung, den Darin als absoluten Notfallanker programmiert hatte.

„Flieht, ihr Narren!“, rief Funny mit einem letzten, grimmigen Lächeln.

Ina wollte schreien, sie wollte sich befreien und zu Funny in das Server-Portal springen, aber Ami reagierte blitzschnell. Sie konnte das Mädchen gerade noch an den Schultern zurückreißen und bewahrte die kleine Göttin so vor dem tödlichen Sog des Hauptrechners.

Ami zögerte nicht. Sie packte Ina fester, stieß das weinende Fuchsmädchen in das von Funny geöffnete, rettende goldene Portal und sprang mit einem Hechtsprung hinterher. Das Notfall-Portal schloss sich.

Funny verschwand endgültig in dem gierigen Schlund des Cyber-Dämonen.

Mit einem gewaltigen Knall erloschen im Serverraum und im Gang alle Lichter und Displays. Der Sog stoppte. Es wurde totenstill. Und vollkommen dunkel.

Fortsetzung folgt…

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Fortsetzung von Teil 2

Der Heimweg durch das abendliche, in buntes Neonlicht getauchte Tokyo war ein reines Vergnügen. Die Kompensationsmagie leistete ganze Arbeit und webte eine friedliche, völlig unauffällige Illusion um die drei. Für jeden entgegenkommenden Passanten sahen sie aus wie eine moderne, kleine alternative Familie: Zwei junge, hübsche Mütter, die nach einem langen Tag vergnügt mit ihrem gemeinsamen Kind durch die Straßen spazierten.

Niemand sah Funnys schimmernde Elfenflügel oder ihren für Menschenaugen doch sehr spartanischen, blauen Blumenelfen-Bikini. Und absolut niemand sah Inas in alle Richtungen zuckende, flauschige Fuchsohren oder ihren buschigen, freudig wippenden Schwanz. Die drei waren sich dieser amüsanten optischen Täuschung sehr wohl bewusst und hatten allen Grund, ununterbrochen zu kichern und miteinander zu tuscheln. Ina hopste fröhlich zwischen Ami und Funny die Gehwege entlang – kurzum: Die kleine Schutzgöttin hatte so viel Spaß wie noch nie zuvor in ihrem unsterblichen, aber bisher recht einsamen Leben.

Zu Hause im Apartment angekommen, zeigte Ami ihrem kleinen Gast als Erstes das Zimmer, das für sie bereitstand. Ina riss die Augen auf, stieß einen spitzen, fuchsigen Jubelschrei aus und sprang mit einem gewaltigen Satz mitten auf das weiche, flauschige Bett.

Ami trat einen Schritt zurück und flüsterte Funny mit einem leicht verlegenen Lächeln zu: „Als meine Mutter mir das Apartment überschrieben hat, hat sie strengstens darauf bestanden, dass unbedingt ein Zimmer für ein Kind eingerichtet sein muss. Du weißt schon… für die Zukunft.“

Funny lächelte warm und ergriff Amis Hand.

„Ich glaube, du wirst mal eine ganz tolle Mutter sein, Ami-chan!“

Ami lief sofort knallrot an.

„Wir sind in der Küche und bereiten schon mal das Abendessen vor!“, rief Funny fröhlich zu Ina hinüber, die sich gerade glücklich in die Kissen einkuschelte. Dann zog Funny ihre immer noch errötende Freundin aus dem Zimmer.

„Lassen wir Ina-chan sich ruhig noch ein wenig an ihr neues Zimmer gewöhnen“, murmelte sie.

Ami nickte dankbar.

Nach einem herzhaften, hastig gezauberten Abendbrot wandelte sich die ausgelassene Stimmung. Es war Zeit für den Ernst der Lage. Die drei versammelten sich im Wohnzimmer. Funny saß auf einem Sessel, Ami und Ina-chan hatten es sich auf der Couch bequem gemacht.

Funny lehnte sich vor und schaltete in den konzentrierten Wächter-Modus. „Ina-chan, erzähl uns bitte alles, wirklich jedes Detail, das du über dieses Yokai-Problem weißt.“

Das Fuchsmädchen verschränkte ihre Arme und strich nachdenklich über ihren Schwanz.

„Es war ein schleichender Prozess. Die Yokai-Aktivitäten verstärkten sich erst langsam. Opa hatte euch ja vorhin schon gesagt, dass die meisten Angriffe furchtbar halbherzig waren. Es wirkte fast so, als wollten die Yokai absichtlich von uns erwischt werden, damit wir eingreifen und sie sicher zurück in die Geisterwelt schicken. Sie waren wie auf der Flucht. Aber vor etwa zwei Monaten… da ging es dann richtig los. Die reine Panik brach aus.“

Ami nickte ernst und klappte ihren Laptop auf.

„Das deckt sich exakt mit meinen Beobachtungen. Zum einen begannen zu genau diesem Zeitpunkt diese wichtigen Medizin-Firmen komplett aus dem Gedächtnis der Gesellschaft zu verschwinden. Zum anderen soll es immer öfter zu merkwürdigen Stromschwankungen in ganz Tokyo gekommen sein. Nie in riesigem Ausmaß. Die Lichter flackerten nur, ein paar Server fielen für Sekundenbruchteile aus. Kein Bericht hat es jemals auf die ersten Seiten der Zeitungen oder in die großen Internet-News geschafft. Aber wenn du einmal weißt, worauf du achten musst, fällt dir das Muster immer wieder auf.“

Ami griff unter den Couchtisch und breitete einen großen, gedruckten Stadtplan von Tokyo aus. Mit kleinen roten Punkten waren die Stromschwankungen markiert. Mit feinen schwarzen Kreisen hatte sie die ehemaligen Firmensitze der Unternehmen eingekreist, an die sich heute niemand mehr erinnern konnte.

Funny musterte den Stadtplan.

„Ina-chan, wo genau waren eure letzten Einsätze?“

Ami reichte der kleinen Göttin einen dicken blauen Filzstift. Das Fuchsmädchen beugte sich über die Karte, dachte kurz nach und begann dann, rasch kleine blaue Kreuze auf den Plan zu setzen. Am Ende war fast ganz Tokyo mit einem chaotischen Netz aus roten Punkten, schwarzen Kreisen und blauen Kreuzen übersät. Es wirkte wie das absolute Chaos.

Funny rieb sich die Schläfen und seufzte, mehr zu sich selbst gerichtet: „Puh… Ich wünschte wirklich, ich hätte Darins technisches Verständnis. Er würde diesen ganzen Daten-Salat ansehen und in drei Sekunden ein logisches System erkennen.“

Ami lächelte selbstbewusst, ein Funkeln trat in ihre Augen.

„Gib mir mal den Plan. Ich glaube, ich habe da eine Idee.“

Sie zückte einen feinen Stift und begann, winzige Datumsangaben neben die Punkte und Kreise zu schreiben.

„Schaut her. Ich beginne mit den jüngsten Daten, die liegen… ja, ganz außen an den Stadtgrenzen Tokyos. Wenn man sich die Zeitachse ansieht…“ Sie zog feine Linien zwischen den Markierungen. „Die jüngeren Daten nähern sich immer stärker dem Zentrum. Es ist, als würde sich ein Netz zusammenziehen.“

Am Ende zog sie mit einem dicken Textmarker einen recht großen Kreis um einen Bezirk im Herzen Tokyos.

„In diesem Bereich liegt unser Zentrum. Aber es ist immer noch zu groß.“

Ina musterte die Karte.

„Wartet mal, etwas Ähnliches kann ich auch! Meine Yokai waren zwar scheinbar völlig unregelmäßig über Tokyo verstreut, aber wenn ich mir nicht anschaue wann, sondern wie stark sie waren…“

Sie schnappte sich den Marker.

„Die stärksten Yokai, die am wenigsten panisch waren, traten alle exakt hier auf!“

Sie zog einen deutlich kleineren, blauen Kreis direkt in der Mitte von Amis großem markierten Bereich.

Funny riss begeistert die Arme hoch.

„Ha! Es ist einfach toll, mit absoluten Profis zu arbeiten!“

Die Spannung im Raum brach und alle drei lachten befreit auf. Das Monster hatte nun ein Versteck. Ina gähnte.

Ami tippte auf den kleinen, blauen Kreis.

„Wollen wir morgen früh genau diesen Bereich absuchen? Er ist zwar klein, aber ein Quadratkilometer inmitten von Tokyos Hochhäusern ist immer noch sehr viel Fläche. Wollen wir uns vielleicht aufteilen, um das Gebiet systematischer und schneller abzusuchen?“

„Nein!“, kam es sofort und energisch von Funny.

Die erfahrene Abenteurerin in ihr duldete da keinen Widerspruch.

„Als Gruppe agiert man immer zusammen, niemals getrennt! Nur so kann man sich gegenseitig den Rücken freihalten und beschützen! Es ist vielleicht langsamer, aber es ist sehr viel sicherer.“

Ami warf ihr einen respektvollen Blick zu und nickte zustimmend. Dann glitt ihr Blick zu Ina hinüber. Das Fuchsmädchen hatte sich auf der Couch zusammengerollt und schlief bereits tief und fest. Ein leises Schnarchen ließ ihre Fuchsohren leicht im Takt wippen.

„Na, dann lass uns auch zu Bett gehen“, flüsterte Ami. „Ina-chan ist schon im Traumland.“

Sie hob das überraschend leichte Fuchsmädchen behutsam auf die Arme und trug sie hinüber in ihr neues Kinderzimmer. Als sie wieder im Flur stand, drehte sie sich noch einmal zu Funny um, ein müdes, aber kampfbereites Lächeln auf den Lippen.

„Gute Nacht, Funny-chan! Morgen retten wir Tokyo!“

„Gute Nacht, Ami-chan“, lächelte Funny sanft zurück.

Es ging doch einfach nichts über tolle Freunde.

Als Funny sich wenig später in ihrem eigenen kleinen Gästezimmer ausgezogen hatte und unter die kühle Bettdecke geschlüpft war, wanderten ihre Gedanken unweigerlich zurück nach Feenland. Zu ihrem Team.

Ich wünschte, ihr beide wärt jetzt auch hier, dachte sie wehmütig. Eine gnadenlose Frontkämpferin und einen echten Technik-Nerd könnten wir morgen bestimmt richtig gut gebrauchen.

Ein weiches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie besonders an Darin dachte.

Ich glaube, du würdest dich mit Ami wirklich extrem gut verstehen, Darin. Sie ist mindestens so unglaublich praktisch veranlagt und clever wie du.

Mit diesem warmen Gedanken an ihre alten und ihre neuen Freunde schloss Funny die Augen und glitt sanft ins Reich der Träume. Morgen würde ein langer Tag werden.

***

Es dämmerte kaum am nächsten Morgen, als die drei Freundinnen aufbrachen. Tokyos Himmel war in ein kühles Graublau getaucht und die Luft war noch erstaunlich frisch. Dieses Mal war die Fahrt in Tokyos gigantischem U-Bahn-System erstaunlich kurz. Die Waggons waren noch fast leer und das monotone Rattern der Räder wirkte fast beruhigend, bis sie schließlich an der Station eines modernen Geschäftsviertels ausstiegen.

Kaum hatten sie den Bahnhof verlassen und die steilen Treppen ans Tageslicht erklommen, blieb Funny abrupt stehen und rieb sich fröstelnd die nackten Oberarme.

„Brrrrrrr…“, machte die Blumenelfe und schüttelte sich, als hätte man ihr Eiswasser über den Rücken gegossen. „Hier herrscht eine emotionale Kälte… furchtbar. Es ist, als würde dieser Beton nicht nur die Natur, sondern auch die Gefühle ersticken.“

Ami fackelte nicht lange und zog ihre fröstelnde Freundin fest an sich. Auch die kleine Ina zögerte keine Sekunde und schmiegte sich von der anderen Seite wie ein wärmender Schal an Funnys Hüfte. Funny schloss für einen Moment die Augen und ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Danke. Es ist wirklich so unglaublich toll, euch beide zu haben.“

Nicht weit vom Bahnhofsausgang entfernt öffnete sich die Straßenschlucht zu einem kleinen, betonierten Platz. Auch hier reckten sich auf der einen Seite gigantische, verspiegelte Business-Türme in den Himmel, durchsetzt von etwas kleineren, gedrungeneren Bürogebäuden. Im Erdgeschoss der meisten Komplexe gab es Convenience Stores oder kleine Cafés, deren Neonreklamen bereits flackerten.

Während sich Ami und Funny aufmerksam, aber noch relativ entspannt umsahen, blieb Ina-chan plötzlich wie angewurzelt stehen. Ihre Fuchsohren zuckten nervös. Sie starrte fast wie hypnotisiert auf einen mittelgroßen, völlig unauffälligen Büroturm am Rand des Platzes. Die beiden älteren Mädchen bemerkten das sofort.

„Ina-chan?“, fragte Ami alarmiert und folgte dem Blick des Mädchens. „Was siehst du?“

„Ich sehe nur einen Büroturm“, flüsterte Ina, ohne zu blinzeln. „Aber seht euch das mal genauer an. Ich sehe niemanden, der ihn betritt. Niemanden, der ihn verlässt. Die Menschen, die vorbeigehen, machen unbewusst einen Bogen um den Eingang oder schauen absichtlich weg. Aber es ist sonst einfach nur ein Büroturm. Das ist das Schlimmste daran: Da ist nichts. Keine Aura. Keine magischen Wellen. Es ist ein schwarzes Loch in der Wahrnehmung.“

Funnys Abenteurer-Instinkt und ihr Misstrauen waren sofort hellwach. „Eine perfekte Tarnung ist immer verdächtiger als ein brüllendes Monster. Lasst uns den einmal genauer unter die Lupe nehmen.“

Die drei Mädchen setzten sich in Bewegung und gingen langsam auf den Turm zu. Der Abstand verringerte sich. Plötzlich wandte Funny den Kopf nach links. Ohne es wirklich zu merken, veränderte sie leicht ihre Richtung. Sie gingen nun zielstrebig auf den kleinen Bäckerladen im Erdgeschoss eines anderen Bürogebäudes direkt neben dem Turm zu.

Ina blieb als Erste stehen und stemmte die Füße in den Asphalt.

„Stopp! Wir gehen auf das falsche Gebäude zu.“

Ami blinzelte verwirrt und strich sich eine blaue Strähne aus dem Gesicht.

„Naja… wir wollten doch ohnehin erst einmal frühstücken, oder? So ein Melon Pan wäre jetzt genau das Richtige.“

Funny nickte eifrig, ihr Blick war seltsam leer.

„Genau. Äh… wir hatten zwar schon bei dir, Ami-chan… aber genau, ein zweites Frühstück kann nie schaden! Ein Croissant für die Nerven!“

„Funny-chan. Ami-chan.“

Inas Stimme klang plötzlich nicht mehr wie die eines kleinen Mädchens, sondern besaß die uralte, resonierende Tiefe einer Göttin. „Ich will euch etwas zeigen.“

Die beiden Mädchen drehten sich wie in Trance zu Ina um. Das kleine Fuchsmädchen trat einen Schritt vor, legte ihre kleinen Arme so weit es ging um Funnys und Amis Hüften, drückte sie fest an sich und flüsterte beiden gleichzeitig mit absoluter, herzlicher Aufrichtigkeit ins Ohr: „Ich liebe euch!“

Das Gefühl von reiner Zuneigung und familiärer Wärme traf Funny und Ami wie ein reinigender Blitz. Beide schüttelten sich heftig. Funny blinzelte schnell, kniff die Augen zusammen und schaffte es als Erste, den schleichenden Verwirrungsbann niederzukämpfen, der sich wie Spinnweben um ihren Verstand gelegt hatte. Sie keuchte leise auf, ergriff sofort Amis Hand und drückte sie ganz fest, um die emotionale Verbindung zu halten.

Ami riss die Augen auf. Es war, als würde sich vor ihren Augen ein dichter, grauer Nebel lichten. Sie atmete scharf ein und starrte wieder auf den Turm, von dem sie gerade weggehen wollten.

All Nippon Medical Aid“, las sie plötzlich laut und zitternd vor.

„Wie bitte?“, fragte Funny, die sich noch den Kopf hielt.

„Das steht dort oben, eingraviert über dem Eingang des Gebäudes!“, rief Ami und zeigte auf die verspiegelte Fassade. „Das ist sie! Das ist eine von den Firmen, die aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen komplett verschwunden sind!“

Ina schrie plötzlich auf und wich einen Schritt zurück.

„Das Gebäude verändert sich! Die Tarnung bricht zusammen, weil wir sie durchschaut haben! Es ist… es ist nur noch eine Ruine!“

Ami kniff die Augen zusammen.

„Was? Nein, das ist ein moderner Glas-… Doch… Oh mein Gott… Ich sehe es.“

Sie schauderte und klammerte sich an Funnys Hand.

„Also, Magie kann echt verdammt gruselig sein.“

Auch vor Funnys Augen schälte sich nun die Realität aus der Illusion. Binnen Sekunden blätterte die spiegelnde Glasfassade ab wie trockene Farbe. Aus dem modernen Bürohaus wurde eine abstoßende Ruine. Die Fenster waren zersplittert oder mit schwarzen Brettern vernagelt, der Beton war von Rissen und eklig wirkenden, dunklen Flechten durchzogen. Ein Geruch nach Ozon, Verfall und fauligem Wasser wehte ihnen entgegen.

Funny ließ ihre Dolche mit einem stummen Gedanken in ihre Hände gleiten

„Ich glaube, wir haben unseren Ort gefunden.“

Ina trat entschlossen vor die beiden Mädchen.

„Wir gehen jetzt sehr, sehr vorsichtig auf das Gebäude zu. Bleibt exakt hinter mir. Meine absolute Spezialität als Fuchsgöttin sind Schutzzauber und Verschleierung. Damit werden wir von keiner Spür-Magie der Welt geortet. Wenn irgendetwas in diesem Gebäude ist, soll dieses Etwas es so spät wie nur möglich mitbekommen, dass wir da sind.“

Funny und Ami blickten sich ernst an und nickten synchron. Schritt für Schritt, lautlos und hochkonzentriert, gingen sie auf den klaffenden Haupteingang der Ruine zu.

Plötzlich flimmerte die Luft etwa zwei Meter vor dem Eingang auf. Es war nur ein kaum wahrnehmbares, statisches Knistern.

Funny blieb sofort stehen.

„Halt. Das war ein Alarmzauber. Aber er ist nur vorhanden, er hat nicht ausgelöst.“

Ina drehte sich überrascht um, ihre Ohren zuckten.

„Woher weißt du das? Ah… warte! Du hast da eine von Darins Spielereien in der Hand, stimmts? Bei meinem Schutzschirm konnte der Alarm auch gar nicht anspringen.“

Funny hielt einen kleinen, metallischen Gegenstand in der Hand, der nicht viel größer war als ein klassischer Kompass. In der Mitte glühte ein winziger Edelstein beruhigend grün.

„Ja, ganz genau“, lächelte Funny leise und stolz. „Ein Magie-Identifikator. Wenn ich fremde Magie spüre, sagt mir dieses kleine Ding sofort, um welche Kategorie von Magie es sich handelt. Es reagiert aber nicht auf das bloße Vorhandensein der Falle, sondern es reagiert auf mich. Spüre ich keine Magie, identifiziert es auch nichts. Darin hat es extra so entworfen, damit es keine eigenen Signale aussendet.“

Ami starrte fasziniert auf das Gerät.

„Du funktionierst also quasi wie eine menschliche… Verzeihung, elfische Magie-Antenne, Funny-chan?“

Funny lachte leise.

„Ja, so kann man das durchaus nennen. Ich empfange, Darins Gerät übersetzt.“

Ina deutete mit dem Kinn auf die Dunkelheit vor ihnen.

„Dort ist ein alter Personaleingang, die Tür steht halb offen und hängt in den Angeln. Gehen wir rein?“

„Warte“, sagte Funny, trat vor. Die Wächterin in ihr übernahm. „Abenteurer-Regel Nummer eins: Sichere immer deinen Ausgang. Sorge immer für eine Fluchtmöglichkeit, bevor du dich in eine gefährliche Situation wagst.“

Sie suchte den Boden ab, was bei dem Trümmerfeld vor der Ruine nicht schwer war, und hob einen flachen, schweren Betonbrocken auf. Dann holte sie mit einer schnellen Handbewegung ein leuchtendes Runenplättchen aus ihrer Itembox. Sie klemmte es unter den Stein und schob beides direkt an das untere Scharnier der halboffenen Tür.

„So“, sagte Funny zufrieden. „Das ist ein statischer Keilzauber. Das lässt die Tür für uns unverschlossen, selbst wenn drinnen jemand versucht, den Raum magisch oder mechanisch zu versiegeln.“

Ina nickte anerkennend.

„Schlau.“

Dann atmete die kleine Fuchsgöttin tief durch und stieß die verrostete Tür mit unerwarteter Kraft weit auf.

Ein feuchter, kalter Luftzug schlug ihnen entgegen. Hinter dem Eingang lag keine Empfangshalle. Es gab nur eine einzige, breite Betontreppe. Und sie führte unendlich tief hinab in die absolute Dunkelheit.

***

Die Dunkelheit vor ihnen war so dicht, dass man sie fast greifen konnte. Ina hob sanft die Hand und schnippte nur leise mit den Fingern. Vor ihnen erschien sofort eine weiche, schwebende Leuchtkugel. Sie warf genug Licht, um ungefähr sechs Meter der Treppe und der rohen Betonwände gut erkennen zu können. Dann verschwamm alles wieder in der Finsternis.

„Wir sollten auch nicht zu viel Licht machen“, flüsterte die kleine Fuchsgöttin und blickte sich wachsam um. „Wir könnten sonst auch gleich unten am Fuß der Treppe einen Gong schlagen und rufen, dass wir da sind.“

Die drei Mädchen begannen den Abstieg. Erstaunlicherweise ging es gar nicht so tief hinab, wie sie befürchtet hatten. Nach nur drei Etagen endete die Treppe vor einer schweren, grauen und verschlossenen Stahltür.

Ina trat vor und wollte die Klinke der Tür drücken, da gebot ihr Funny rasch Einhalt.

„Warte, Ina-chan! Lass mich vorher Darins Schau-durch-mich-hindurch-Plättchen ausprobieren.“

Ami hielt sich kurz die Hand vor den Mund und kicherte nervös.

„Witziger Name.“

Funny lächelte schief und kramte in ihrer Itembox.

„War Lilys Idee. Darin hat dafür so einen komischen, technischen Begriff genannt, bei dem man sich schon verhaspelt, wenn man ihn nur lesen muss. Phasenverschiebungs-Transparenz-Matrix oder sowas.“

Sie klebte das kleine, silberne Runenplättchen genau in die Mitte der Stahltür. Das Metall flimmerte kurz auf, als würde Wasser darüberfließen, und dann… verschwand das Zentrum der Tür.

„Toll“, flüsterte Ina beeindruckt. „Die Tür ist materiell noch da, aber wir sehen, was dahinter ist.“

Was sie sahen, ließ Ami den Atem stocken. Es war ein gewaltiges Computer-Kabinett. Reihe um Reihe von glimmenden Bildschirmen standen auf endlosen Schreibtischen. Doch an diesen Arbeitsplätzen saßen keine Menschen. An den unzähligen Tastaturen hockten verschwommene, humanoide Schatten, deren Finger rasend schnell, fast stroboskopartig, in die Tasten hämmerten.

„Schatten-Yokai“, zischte Ina und ihre Fuchsohren legten sich flach an den Kopf. „Aber was machen die da? Yokai interessieren sich normalerweise nicht für Quellcodes.“

Ami trat ganz dicht an die illusionär transparente Tür heran und kniff die Augen zusammen.

„Hach, verdammt. Ich wünschte, wir könnten von hier aus näher heranzoomen! Dann könnte ich vielleicht lesen, was auf den Displays dort drüben steht.“

Funny tippte gegen den Rand des Plättchens.

„Die Tür ist durch die Rune jetzt quasi wie ein modernes Touchdisplay. Mach einfach die Bewegung. Hier, mit zwei Fingern zoome ich hinein und wieder hinaus.“

Ami starrte sie an.

„Das ist genial!“

Funny grinste.

„Darin halt.“

Ami legte zwei Finger auf die unsichtbare Barriere und zog sie auseinander. Das Bild des Raumes vergrößerte sich extrem scharf. Sie zoomte direkt auf den Bildschirm des Arbeitsplatzes, der der Tür am nächsten war. Ihre Augen weiteten sich.

„Webseiten? Die… die codieren HTML-Seiten! Von Hand!“

Sie stutzte und zoomte auf einen weiteren Bereich. Ihr Gesicht wurde aschfahl.

„Nein. Sie codieren nicht. Sie überschreiben. Sie löschen das japanische Internet! Also zumindest dieser Yokai-Schatten gleich neben der Tür.“

Funnys Miene wurde ernst. Sie war nun im Strategie-Modus.

„Folgender Plan, Mädels: Ich löse die Tür auf. Darin hat dafür zum Glück ein Lös-mich-auf-Plättchen entwickelt.“

Ami versuchte in der angespannten Situation zu lächeln.

„Lass mich raten… der Name kommt auch von Lily, weil man bei Darins Begriffsbezeichnung schon beim Lesen stolpert, stimmt’s?“

Funny lachte lautlos.

„Exakt. Subatomarer-Partikel-Disruptor. Oder so ein Quatsch. Jedenfalls: Die Tür verschwindet durch die Rune völlig geräuschlos. Wir löschen vorher unser Licht. Dann stürme ich rein und ziehe mit meinen leuchtenden Dolchen die Aufmerksamkeit auf mich. Ina-chan, du nutzt die Ablenkung, um die Yokai in die Geisterwelt zu schicken. Und du, Ami-chan, übernimmst sofort die Rechner. Wir müssen konkret wissen, was die hier noch so gemacht haben.“

Funny überlegte kurz und sah sich den riesigen Raum noch einmal an. Es gab mindestens drei weitere Türen, die von dort aus abgingen.

„Wir werden nicht viel Zeit haben. Wenn wir das Yokai-Problem im Raum gelöst haben, werde ich einen Schutzzauber über Ami-chan sprechen und die Türen versiegeln. Du, Ina-chan, kümmerst dich um die restlichen Gegner, die definitiv kommen und schnell die Türen durchbrechen werden, wenn das System erst einmal bemerkt, dass wir ihr Kabinett gehackt haben. Einverstanden?“

Ina nickte entschlossen, ihre kleinen Fäuste geballt.

„Ein toller Plan.“

Ami schluckte schwer und nickte ebenfalls. Ganz geheuer war ihr bei der Sache nicht. Aber man konnte nie alle Eventualitäten vorher bedenken. Als grober Fahrplan war Funnys Strategie Klasse.

Ina schnippte leise, und ihre Leuchtkugel erlosch sofort. Sie standen in völliger Dunkelheit. Funny klebte das rot leuchtende „Lös-mich-auf-Plättchen“ an die Tür.

„Bereit?“, fragte sie flüsternd in die Schwärze. Neben ihr spürte sie das Nicken von Ina und Ami.

Funny drückte auf die Rune. Die Rune erlosch und die massive Stahltür zerfiel zu mikroskopisch feinem Staub, der lautlos zu Boden rieselte. Funny stürmte in den Raum. Wie zwei Blitze aus blauem Feuer materialisierten sich ihre Dolche in ihren Händen. Das grelle Licht erhellte den Raum und warf harte Schatten. Die Yokai hörten schlagartig auf zu tippen. Hunderte von gesichtslosen, nebelhaften Köpfen ruckten zu ihr herum.

„JETZT!“, schrie Funny.

Ina sprang hinter ihr in den Raum. Das kleine Fuchsmädchen riss die Arme hoch und webte mit unglaublicher Geschwindigkeit einen komplexen Bann-Zauber, der als goldene Druckwelle schnell den gesamten Raum einnahm. Die Schatten waren mittlerweile aufgesprungen und wollten sich auf Funny stürzen. Doch sobald die goldene Welle sie traf, blieben sie in der Bewegung stecken. Sie wurden extrem schnell durchsichtig, schrien stumm auf und zerplatzten in winzige, magische Funken. Binnen Sekunden war der Raum leer.

„Ami-chan, die Rechner gehören dir!“, rief Funny und sprintete los, um die drei abzweigenden Türen mit Runen-Siegeln zu blockieren.

Ina spann derweil fieberhaft einen dichten Verhüllungszauber über das Kabinett. So sollte dem Sicherheitssystem vorgegaukelt werden, dass hier immer noch Schatten-Yokai saßen und tippten und keine Eindringlinge.

Doch Inas Fuchsohren stellten sich auf. Sie zischte durch die Zähne: „Verdammt. Jemand oder etwas testet meinen Zauber gerade von außen. Derjenige ist extrem stark.“

Ami saß bereits am Terminal und ihre Finger flogen so schnell über die fremde Tastatur, dass sie kaum zu sehen waren.

„An den Rechnern wurden die Firmen-Identitäten gelöscht!“, rief sie über die Schulter. „Deren massiver Energiebedarf wurde digital und magisch umgeleitet. Es läuft alles auf einen zentralen Knotenpunkt, einen gigantischen Server hier im Haus.“

Sie rannte zu einem anderen Rechner, checkte die Logs und rannte zum nächsten.

„Die kleinen Stromschwankungen in ganz Tokyo? Die sind von hier induziert! Diese Energie wird ebenfalls gestohlen und umgeleitet. Das ist eine magische Batterie! Wir müssen den Main-Server finden!“

Am nächsten Rechner erstarrte Ami.

„Es ist kein verrückt gewordener Server, es ist so etwas wie ein virtueller Yokai, ein Cyber-Yokai. Er lebt im und vom Netz. Und er wächst.“

Funny rief von der Tür herüber: „Macht es Sinn, die Rechner hier einfach zu zerstören?“

Ami starrte auf die Bildschirme.

„Im Zweifel ja! Selbst wenn unser Feind die Computerräume anderer gelöschter Firmen auch nutzt… über All Nippon floss die meiste Energie. Hier dürfte das absolute Zentrum sein. Und wenn wir den Main-Server zerstören, zerstören wir den Yokai selbst und dann sind die anderen Rechner völlig nutzlos! Sie sind dann einfach nur noch Rechner.“

Inas Gesicht verzog sich vor Anstrengung, dicke Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Die goldene Aura um sie herum flackerte.

„Der Feind kommt! Ich… ich weiß nicht, wie lange ich die Türen und den Zauber noch aufhalten kann!“

„Ami-chan!“, kommandierte Funny sofort. „Trenne alle Rechner vom Netz! Daten, Strom, alles!“

Ami und auch Funny stürzten sich auf die Racks. In wahnsinniger Geschwindigkeit rissen sie dicke Kabelstränge aus den Wänden, zogen Server aus den Verankerungen und schlugen Stecker kaputt. Ein Display nach dem anderen erlosch. Das unheimliche Surren der Computer verstummte endgültig.

Und in genau diesem Moment explodierten die von Funny versiegelten Türen. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen flogen die Stahltüren aus den Angeln und krachten in die Computerreihen.

Gigantische, massige Trolle, deren Haut wie rauer Beton aussah und durchzogen von leuchtenden Cyberschaltkreisen war, polterten brüllend herein.

„Ich übernehme!“, schrie Ina. „Funny-chan, beschütze Ami-chan!“

Ina ließ das Schutzfeld fallen, da es ohnehin aufgeflogen war. Knisternd brach es zusammen. Der erste Troll, der wütend durch die Tür trat und seine riesigen Pranken hob, wurde von einem reinen kinetischen Schlag der kleinen Fuchsgöttin getroffen und krachte rückwärts gegen die Wand. Ein goldener Bann-Zauber flog wie ein Komet hinterher. Der Troll heulte auf und wurde brutal in die Geisterwelt zurückgesaugt.

Doch es drängte bereits der nächste Troll herein, und auch an den beiden anderen Türen stürmten die Ungeheuer in den Saal.

Funny, die sofort einen schimmernden, goldenen Schutzschirm um sich und Ami gespannt hatte, rammte ihre Dolche in den Boden, um die Barriere zu stabilisieren. Sie staunte. Als S-Rang-Wächter war auch Funny extrem mächtig. Aber als Blumenelfe verfügte sie über eine Magie des Lebens – sie nutzte vor allem passive Zauber, Angriffe führte sie meist im Nahkampf mit ihren Dolchen oder mit Darins modifizierten Spreng-Runen aus. Aber was die kleine Ina hier machte, war absolut fantastisch. Purer, ungebändigter Kami-Zorn. Drei dieser Cyber-Trolle gleichzeitig mit reiner Willenskraft in die Geisterwelt zu verbannen, war heroisch. Es war göttlich. Funny erkannte jetzt selbst, welch unvorstellbares Potenzial in dem kleinen Fuchsmädchen schlummerte, das Opa-Kami ihr anvertraut hatte.

Funny sah aber auch mit Entsetzen, dass Ina noch nicht über die nötige Ausdauer verfügte. Ihre Atmung wurde flacher, die goldenen Schläge wurden langsamer, die Zauber brauchten einen Moment länger zum Aufladen.

Doch als Ina den zwöften und letzten Troll mit einem gewaltigen Schrei ins Nichts stieß, kehrte Totenstille in das zerstörte Computerkabinett ein.

Ina stand in der Mitte des Raumes. Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Augen rollten nach oben und sie kippte wie ein gefällter Baum vornüber. Funny löste den Schutzschirm, schoss durch den Raum und konnte das kleine Mädchen gerade noch auffangen, bevor sie auf dem harten Boden aufschlagen konnte.

„Danke… Funny-chan…“, murmelte Ina erschöpft und blinzelte schwach. „Meine Kondition… ist noch etwas… steigerungswürdig.“

Funny strich ihr sanft die Haare aus dem verschwitzten Gesicht und tröstete sie: „Du warst fantastisch, Ina-chan. Unglaublich! Und Kondition bekommst du nur durch regelmäßiges Training. Das bringen Lily und ich dir bei.“

Ami rannte herbei.

„Geht es ihr gut? Wir müssen den Main-Server finden! Ohne den bringt uns das Lahmlegen dieses einen Raumes gar nichts! Er wird einfach neue Yokai schicken und auf andere Rechner ausweichen.“

Funny nickte grimmig.

„Schone dich, Ina-chan. Dieses Mal gehe ich vor.“

Funny baute eine leuchtende, goldene Kuppel über und um sie herum auf – ein mobiler, physischer Schild. Ami stützte Ina und beide folgten Funny aus dem Raum.

Sie schritten durch die erste der zerschmetterten Türen. Vor ihnen lag ein langer, dunkler Gang. Am Ende des Flurs pulsierte etwas in einem unheilvollen, blutroten Licht. Es wirkte wie ein gewaltiger, pochender Herzmuskel aus Stahl.

„Dort müssen wir hin“, sagte Funny und deutete mit einem Dolch nach vorn. „Schaut euch den Boden an.“

Überall am Boden, an den Wänden und sogar an der Decke verliefen armdicke, schwarze Kabel. Sie führten alle gebündelt dorthinüber.

Sie schritten schnellen Schrittes zum Ende des Ganges. Sie waren nur noch ein paar Meter entfernt, da sprang die doppelflügelige Tür am Ende mit einem lauten Zischen auf. Den Serverraum hatten sie gefunden. In der Mitte thronte ein großer, schwarzer Monolith von einem Rechner.

Doch im gleichen Moment flammte das gigantische Hauptdisplay über dem Server auf. Es zeigte keinen Code. Das Glas verflüssigte sich, die rote Energie wirbelte umher und das Display verwandelte sich in ein klaffendes, mit rasiermesserscharfen, digitalen Zähnen bewaffnetes Portal. Ein gnadenloser Sog erfasste den gesamten Gang und versuchte, alles in seinen Schlund zu reißen.

Ina hob zitternd die Hand und versuchte, einen Gegenzauber zu weben, aber die kleine Fuchsgöttin war absolut am Ende ihrer Kraft. Der Zauber verpuffte als kleines Fünkchen.

Funny fackelte keine Millisekunde. Sie stieß Ami und Ina mit voller Wucht zurück, weg von der Gefahrenzone. Der Sog erfasste sie. Funny wurde nach vorn gerissen. Sie war schon bis zu den Beinen in dem gezahnten Portal verschwunden.

„FUNNY!“, schrie Ami panisch.

Doch die Elfe war vorbereitet. Noch während sie in den Wirbel gezogen wurde, riss sie einen strahlend blauen Kristall aus ihrer Itembox und warf ihn mit aller Kraft vor das Portal. Der Kristall riss ein goldenes Gegenportal auf – der Dimensionssprung, den Darin als absoluten Notfallanker programmiert hatte.

„Flieht, ihr Narren!“, rief Funny mit einem letzten, grimmigen Lächeln.

Ina wollte schreien, sie wollte sich befreien und zu Funny in das Server-Portal springen, aber Ami reagierte blitzschnell. Sie konnte das Mädchen gerade noch an den Schultern zurückreißen und bewahrte die kleine Göttin so vor dem tödlichen Sog des Hauptrechners.

Ami zögerte nicht. Sie packte Ina fester, stieß das weinende Fuchsmädchen in das von Funny geöffnete, rettende goldene Portal und sprang mit einem Hechtsprung hinterher. Das Notfall-Portal schloss sich.

Funny verschwand endgültig in dem gierigen Schlund des Cyber-Dämonen.

Mit einem gewaltigen Knall erloschen im Serverraum und im Gang alle Lichter und Displays. Der Sog stoppte. Es wurde totenstill. Und vollkommen dunkel.

Fortsetzung folgt…

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