Es gibt Momente in der Filmgeschichte, die sich weniger durch das definieren, was sie sagen, als durch das, was sie verschweigen. Erinnert man sich an den Sommer 2023, wird man feststellen, dass ein fast unheimliches Schweigen über der Veröffentlichung des vermeintlich letzten Werkes von Hayao Miyazaki lag. In einer Ära, in der jeder Blockbuster Monate im Voraus durch Trailer, Teaser, Charakter-Poster und Social-Media-Kampagnen ins Bewusstsein gehämmert wird, wählte Studio Ghibli den radikalsten Gegenentwurf: das Nichts. Ein einziges, handgezeichnetes Plakat – ein Vogel, der unter dem Schnabel eines anderen Vogels hervorlugt – war alles, was als Orientierung diente. Keine Inhaltsangabe, kein Trailer, keine Interviews.
Diese Strategie der Stille war kein Marketing-Gag, sondern eine bewusste Erziehungsmaßnahme. Sie zwang das Publikum, die Erwartungshaltung an der Kinokasse abzugeben und sich wieder auf das zu besinnen, was Kino in seiner reinsten Form sein sollte: ein Sprung ins Ungewisse. Der Junge und der Reiher (im Original Kimitachi wa Dō Ikiru ka – „Wie lebt ihr?“) ist keine bloße Unterhaltung. Es ist ein filmisches Testament, ein verschlüsseltes Tagebuch und eine visuelle Psychotherapie eines 82-jährigen Meisters, der sich weigert, die Welt so einfach zu sehen, wie wir es uns oft wünschen.
Betrachtet man diesen Film, sieht man nicht nur eine Geschichte über einen Jungen, der in eine Zauberwelt reist. Man blickt in den Spiegel eines kreativen Lebens, das von den traumatischen Feuern des Zweiten Weltkriegs geprägt wurde und nun, am Ende des Weges, versucht, die Scherben der Vergangenheit zu einem Turm der Bedeutung zusammenzusetzen. Dieser Artikel führt tief in das Labyrinth dieses Films. Wir werden die Schichten abtragen, von der verstörenden Eröffnungsszene bis zum melancholischen Schlussakkord, und dabei analysieren, warum dieses Werk vielleicht das sperrigste, aber auch ehrlichste ist, das Miyazaki je geschaffen hat.
Übersicht
- Handlung: Eine Odyssee durch Feuer, Stein und Zeit
- Genre-Einordnung: Die Dekonstruktion der Erwartung
- Setting und Umfeld: Die Architektur der Seele
- Charakterbeschreibungen: Archetypen im Wandel
- Bedeutung Ghibli/Miyazaki: Das Testament in Steinblöcken
- Zeichnungen: Qualität und Stil
- Animation: Qualität und Umsetzung
- Soundtrack: Qualität und Wirkung
- Stärken des Films: Ein visuelles und intellektuelles Fest
- Schwächen der Serie: Das Labyrinth ohne Karte
- Fazit: Wie lebt ihr?
Handlung: Eine Odyssee durch Feuer, Stein und Zeit
Die Geschichte von Der Junge und der Reiher lässt sich nicht einfach nacherzählen; sie muss durchlebt werden. Sie folgt einer Traumlogik, die sich weniger an kausalen Zusammenhängen orientiert als an emotionalen Zuständen. Doch um die Tiefe der Symbolik zu verstehen, muss man zunächst den Pfad nachvollziehen, den der Protagonist beschreitet.
Der Prolog im Inferno
Der Film beginnt mit einem visuellen Schock, der in der Geschichte des Studios seinesgleichen sucht. Wir befinden uns im Jahr 1943, mitten im Pazifikkrieg. Sirenen heulen durch die Nacht. Mahito Maki, ein zwölfjähriger Junge, wird aus dem Schlaf gerissen. Seine Mutter liegt im Krankenhaus, und das Krankenhaus brennt.
Was folgt, ist eine Sequenz von atemberaubender, fast abstoßender Intensität. Mahito rennt durch die Straßen Tokios, doch die Welt um ihn herum löst sich auf. Die Animationstechnik bricht hier mit dem gewohnten Realismus: Linien verwischen, Gestalten werden zu grotesken Schatten, die Farben des Feuers verschlucken die Konturen der Realität. Es ist, als würde die Hitze des Feuers nicht nur das Gebäude, sondern auch Mahitos Psyche zum Schmelzen bringen. Er kommt zu spät. Seine Mutter, Hisako, stirbt in den Flammen. Dieses Trauma ist der schwarze Monolith, der im Zentrum des gesamten Films steht.
Die Flucht in die Stille
Ein Jahr später erleben wir einen radikalen Szenenwechsel. Mahitos Vater Shoichi, ein Fabrikbesitzer, der Teile für Kampfflugzeuge herstellt (ein direktes Echo auf Miyazakis eigenen Vater), zieht mit seinem Sohn aufs Land. Er hat wieder geheiratet: Natsuko, die jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau. Für den modernen Zuschauer mag diese Verbindung befremdlich wirken, doch sie war damals pragmatische Realität. Für Mahito ist sie eine Quelle tiefen, unausgesprochenen Schmerzes. Natsuko sieht seiner Mutter zum Verwechseln ähnlich, ist schwanger und bemüht sich rührend um ihn. Doch Mahito kann diese Nähe nicht zulassen. Er bleibt höflich, distanziert, ein stoischer Beobachter seiner eigenen Entfremdung.
Das neue Zuhause ist ein weitläufiges Anwesen, bewohnt von sieben schrulligen, alten Hausangestellten, die wie ein griechischer Chor des Alltags fungieren. Doch die Idylle trügt. Ein Graureiher beginnt, Mahito zu belästigen. Dieser Vogel ist kein gewöhnliches Tier. Er spricht mit krächzender Stimme, er provoziert, er lockt. Er behauptet das Unmögliche: „Deine Mutter ist nicht tot. Sie wartet auf dich.“
Der Turm und der Abstieg
Der Katalysator für die eigentliche Reise ist das Verschwinden von Natsuko. Getrieben von einer mysteriösen „Morgenübelkeit“ oder einem spirituellen Ruf, geht sie in den Wald. Mahito folgt ihr zu einem verbotenen Turm, einem seltsamen architektonischen Konstrukt, das Mahitos Großonkel einst um einen gefallenen Meteoriten herum errichtet haben soll. Der Turm ist ein Ort der Liminalität, eine Schwelle zwischen den Welten.
Hier vollzieht der Film den Wechsel vom historischen Drama zur surrealen Phantastik. Der Reiher führt Mahito in eine Unterwelt, die sich unter (oder in?) dem Turm befindet. Es ist eine Katabasis, ein klassischer Abstieg in das Totenreich. Doch diese Welt ist nicht das wundersame Zauberland aus Chihiros Reise. Sie ist ein Ort des Stillstands, des Meeres und der Geister.
Begegnungen in der Anderswelt
In dieser Welt trifft Mahito auf Figuren, die verzerrte Spiegelbilder seiner Realität sind:
Kiriko: In der realen Welt eine der alten Dienerinnen, hier eine junge, kraftvolle Fischerin, die riesige Fische fängt und Mahito das Überleben lehrt.
Himi: Ein Mädchen mit der Gabe, Feuer zu manipulieren. Man erkennt schnell, dass dies die junge Version seiner Mutter Hisako ist – lebendig, stark und furchtlos, bevor das Feuer sie verzehrte.
Die Warawara: Kleine, weiße, kugelförmige Wesen, die Seelen darstellen, die darauf warten, in der oberen Welt geboren zu werden.
Die Vögel: Pelikane, die aus Notwendigkeit Warawara fressen, und eine Armee von menschenfressenden Sittichen, die eine faschistoide Gesellschaft aufgebaut haben.
Mahitos Ziel ist die Rettung Natsukos. Er findet sie im „Entbindungszimmer“, einem tabuisierten Ort voller steinerner Magie. Hier kommt es zur emotionalen Explosion: Natsuko, überwältigt von der Macht des Ortes, schreit ihren Hass auf Mahito heraus. Erst als Mahito sie als „Mutter“ akzeptiert und sich seiner eigenen Bosheit stellt, bricht der Bann.
Das Finale führt zur Konfrontation mit dem Großonkel, dem Architekten dieser Welt, und dem unvermeidlichen Kollaps des Turms, ausgelöst durch die Gier des Sittich-Königs. Die Welt stürzt ein, und Mahito kehrt mit Natsuko in die Realität zurück, während Himi in ihre eigene Zeit zurückgeht, um Mahitos Mutter zu werden – wohl wissend, dass sie im Feuer sterben wird.
Genre-Einordnung: Die Dekonstruktion der Erwartung
Versucht man, Der Junge und der Reiher in ein einzelnes Genre zu pressen, wird man scheitern. Offiziell als Animation, Drama und Abenteuer gelistet , sprengt der Film diese Kategorien mit einer fast aggressiven Komplexität.
Das Anti-Isekai
Auf den ersten Blick bedient sich Miyazaki des populären Isekai-Genres („Andere Welt“), das den modernen Anime-Markt dominiert. Ein Protagonist wird aus seiner grauen Realität in eine Fantasiewelt versetzt. Doch Miyazaki dekonstruiert dieses Trope vollständig. Die „andere Welt“ ist hier kein Ort der Machtfantasien oder des Eskapismus. Sie ist ein Ort des Todes, der Stagnation und der verrottenden Träume. Mahito gewinnt keine Superkräfte; er gewinnt nur die schmerzhafte Erkenntnis seiner eigenen Unzulänglichkeit. Es ist eine Absage an die Flucht vor der Realität.
Autobiografisches Psychodrama
Viel stärker als das Fantasy-Element wiegt das psychologische Drama. Mahito ist Miyazaki. Die Parallelen sind frappierend: Der Vater in der Rüstungsindustrie, die kranke Mutter, die Evakuierung aufs Land – all dies sind Fragmente aus Miyazakis eigener Biografie. Der Film fungiert als eine Art therapeutische Rückführung. Das Genre verschiebt sich hier in Richtung eines surrealistischen Kammerspiels, in dem jeder Raum und jede Figur einen Aspekt der Psyche des Regisseurs repräsentiert.
Magischer Realismus und Historie
Der Film verankert seine Magie tief in der historischen Realität des Jahres 1943. Anders als in Das wandelnde Schloss, wo der Krieg oft abstrakt wirkt, ist er hier durch Mangel (Zucker, Tabak), Sirenen und die Präsenz von Soldaten greifbar. Der Übergang ins Magische geschieht nicht durch ein Portal, sondern sickert langsam in den Alltag ein – der Reiher, der zu viel weiß; der Turm, der einfach da steht. Dies erinnert an den literarischen Magischen Realismus, wo das Wunderbare als Teil des Alltäglichen akzeptiert wird.
Setting und Umfeld: Die Architektur der Seele
Die Teilung der Schauplätze ist essenziell für das Verständnis der Atmosphäre des Films. Miyazaki entwirft zwei Welten, die sich gegenseitig bedingen und reflektieren.
Die Reale Welt: Schatten und Schwere
Das ländliche Japan, das wir im ersten Akt erleben, ist von einer drückenden Schwere geprägt. Das Haus, in das Mahito zieht, ist ein architektonischer Hybrid aus traditionellem japanischem Stil und westlichem Einfluss – ein Symbol für die kulturelle Zerrissenheit der Ära. Die Flure sind dunkel, die Treppen knarren. Miyazaki nutzt Licht und Schatten meisterhaft, um eine Stimmung der Isolation zu erzeugen. Die Natur ist hier nicht nur schön, sondern auch bedrohlich; der Wald wirkt dicht und abweisend. Es ist eine Welt, die von Verlust und der Abwesenheit der Mutter definiert wird.
Die Welt des Turms: Ein Ozean aus Stein
Im Kontrast dazu steht die Welt im Turm, die visuell an die Gemälde von Giorgio de Chirico oder Arnold Böcklin („Die Toteninsel“) erinnert.
Das Meer: Ein zentrales Motiv bei Ghibli (Ponyo), hier jedoch kein Ort des Lebens, sondern eine Barriere. Es ist ein stilles, unendliches Gewässer, auf dem Geister wie Schatten segeln.
Die Inseln: Die Landschaften sind karg, geprägt von monolithischen Steinen, Dolmen und Zypressen. Es herrscht eine Atmosphäre der Sterilität.
Der Korridor der Türen: Ein Ort der reinen Abstraktion, der Raum und Zeit verbindet. Er wirkt mechanischer und kälter als ähnliche Orte in früheren Filmen.
Interessanterweise wirkt diese Fantasiewelt oft „künstlicher“ als die reale Welt. Der Himmel sieht manchmal wie gemalt aus (was er natürlich ist, aber im Kontext der Erzählung wie eine Kulisse wirkt), die Objekte haben eine surreale Plastizität. Dies unterstreicht die Idee, dass diese Welt konstruiert ist – ein bröckelndes Bühnenbild eines alten Mannes (des Großonkels), das kurz vor dem Einsturz steht.
Charakterbeschreibungen: Archetypen im Wandel
Die Figuren in Der Junge und der Reiher sind komplexer und oft ambivalenter als die typischen Ghibli-Helden. Sie sind keine klaren Sympathieträger, sondern Träger von Ideen und Konflikten.
Mahito Maki: Der verletzte Beobachter
Mahito ist untypisch für einen Miyazaki-Protagonisten. Er besitzt nicht die offene Herzlichkeit einer Satsuki (Totoro) oder die naive Entschlossenheit eines Pazu (Laputa). Er ist verschlossen, höflich bis zur Kälte und trägt eine tiefe Wut in sich. Der Schlüsselmoment für sein Verständnis ist die Szene, in der er sich selbst mit einem Stein am Kopf verletzt.
Diese Tat ist ein Akt der Selbstaggression, aber auch der Manipulation – er will nicht zur Schule gehen und nutzt die Verletzung, um Aufmerksamkeit zu erregen. Mahito erkennt diese „Bosheit“ in sich selbst an. Seine Reise ist keine Heldenreise im klassischen Sinn, sondern ein Prozess der Akzeptanz: Er muss lernen, dass er nicht rein ist, und genau diese Unvollkommenheit macht ihn menschlich.
Der Graureiher: Trickster und Mentor
Der Reiher ist eine der faszinierendsten Gestalten im Ghibli-Universum. Anfangs wirkt er bedrohlich, fast horrorartig, mit einem menschlichen Auge, das aus dem Vogelschnabel starrt, und Zähnen im Schnabel. Er ist der klassische „Trickster“-Archetyp, der lügt, um die Wahrheit zu enthüllen. Die Enthüllung seiner wahren Gestalt – ein kleiner, kahlköpfiger, fast erbärmlicher Mann, der im Vogelkörper steckt – bricht die mystische Aura. Viele Kritiker sehen im Reiher eine Karikatur von Toshio Suzuki, Miyazakis langjährigem Produzenten, der ihn „nervt“, provoziert, aber auch antreibt und auf dem Weg begleitet. Ihre Beziehung entwickelt sich von Feindschaft zu einer seltsamen Kameradschaft („Freunde“ wäre zu viel gesagt).
Himi und Natsuko: Die Dualität der Mutter
Der Film verhandelt den Mutterkomplex auf zwei Ebenen:
- Himi (Lady Himi): Sie ist die idealisierte, ewige Mutter. Als junges Mädchen mit Feuerkräften repräsentiert sie die Mutter, wie Mahito sie gerne sehen würde – stark, magisch, unbesiegbar. Dass sie Feuer kontrolliert, ist eine bittere Ironie, da sie später durch Feuer sterben wird.
- Natsuko: Sie ist die reale Mutterfigur, die Mahito akzeptieren muss. Sie ist körperlich anwesend, liebevoll, aber „falsch“ in Mahitos Augen, da sie den Platz seiner Mutter einnimmt. Der Moment im Entbindungszimmer, in dem Mahito sie endlich „Mutter“ nennt, ist der emotionale Höhepunkt seiner Entwicklung.
Der Großonkel: Der Demiurg
Der Großonkel im Turm ist unverkennbar Hayao Miyazaki selbst. Er sitzt in einer Welt aus Büchern und schwebenden Steinen und versucht verzweifelt, die Balance zu halten. Er sucht einen Nachfolger aus seiner Blutlinie, jemanden, der sein Werk fortführt. Seine Tragik liegt in der Erkenntnis, dass seine Schöpfung (Ghibli/seine Filme) nicht ewig Bestand haben kann und dass die nächste Generation das Recht hat, dieses Erbe abzulehnen.
Die Vögel: Spiegel der Gesellschaft
Die Pelikane: Sie sind tragische Figuren. Sie fressen die Warawara (Seelen) nicht aus Bosheit, sondern weil das Meer keine Fische bietet. Sie wurden vom Großonkel in eine Welt gebracht, die sie nicht ernähren kann. Sie stehen für die Opfer systemischer Fehler.
Der Sittich-König und seine Armee: Diese bunten, aber brutalen Vögel sind eine Parodie auf Militarismus, Faschismus oder die gedankenlose Masse. Sie marschieren, fressen und folgen blind ihrem Führer. Dass sie niedliche Wellensittiche sind, die zu menschenfressenden Monstern aufgeblasen wurden, ist typischer Miyazaki-Humor und -Horror zugleich.
Bedeutung Ghibli/Miyazaki: Das Testament in Steinblöcken
Der Junge und der Reiher ist ein Meta-Film. Um ihn vollständig zu würdigen, muss man ihn als Kommentar zum eigenen Schaffen Miyazakis lesen.
Die Steine als Werk
Im Zentrum des Turms stapelt der Großonkel Steine. Diese Steine – im Film simple geometrische Formen – repräsentieren Miyazakis Filme. Sie sind fragil. Ein falscher Stein, eine falsche Bewegung, und das ganze Konstrukt stürzt ein. Der Großonkel bietet Mahito „reine“ Steine an, die nicht von Bosheit befleckt sind, um seinen eigenen Turm zu bauen.
Mahitos Ablehnung ist der entscheidende Moment. Er zeigt auf seine Narbe und sagt: „Ich habe diese Bosheit in mir.“ Er weigert sich, in einer künstlichen Reinheit zu leben. Dies ist Miyazakis Botschaft an die nächste Generation von Animatoren und an seinen Sohn Goro: Versucht nicht, ein „neues Ghibli“ zu sein. Versucht nicht, meine perfekte Welt zu erhalten. Baut eure eigene Welt, auch wenn sie schmutzig und chaotisch ist.
Die Frage der Nachfolge
Jahrelang wurde spekuliert, wer Miyazaki beerben könnte. Der Film gibt eine radikale Antwort: Niemand. Der Turm muss einstürzen. Das Ende des Films, in dem die Parakeets und die Protagonisten aus dem kollabierenden Turm fliehen, ist eine Befreiung. Das „Imperium Ghibli“ wird enden, und das ist in Ordnung. Die Kreativität lässt sich nicht in einem Museum (oder einem Park) einsperren; sie muss leben, sterben und neu entstehen.
Zeichnungen: Qualität und Stil
Visuell beschreitet der Film neue Wege, auch wenn er unverkennbar ein Ghibli-Film ist. Die Hintergründe sind gewohnt detailverliebt und malerisch – ein Markenzeichen, das seit Jahrzehnten von Künstlern wie Kazuo Oga geprägt wurde. Doch es gibt subtile Unterschiede.
Das Groteske und das Hässliche
Miyazaki scheut sich hier nicht vor dem Hässlichen. Die Darstellung der Eingeweide, wenn Kiriko den riesigen Fisch ausnimmt, ist viszeral und blutig. Die Frösche, die über Mahito krabbeln, der Schleim, die Transformationen des Reihers – all das hat eine taktile, fast abstoßende Qualität. Es ist eine Ästhetik, die das Organische in all seinen Facetten feiert, nicht nur das Schöne. Besonders auffällig ist die Darstellung der Parakeets. Sie sind bunt und wirken auf den ersten Blick wie typische Ghibli-Maskottchen, doch ihre Proportionen, ihre starren Augen und ihre riesigen Zähne machen sie zu Karikaturen, die eher Angst als Zuneigung auslösen.
Animation: Qualität und Umsetzung
Eine der wichtigsten Personalien dieses Films ist der Animationsregisseur Takeshi Honda. Bekannt für seine Arbeit an der Rebuild of Evangelion-Reihe, bringt er einen neuen Stil zu Ghibli.
Realismus und „Lügen“
In Interviews beschreibt Honda seinen Stil als „scharf“ und realistisch, aber er betont auch die Notwendigkeit, „Lügen“ in die Animation einzubauen, um Emotionen zu transportieren. Das bedeutet, dass Proportionen und Physik zugunsten des Ausdrucks geopfert werden. Ein perfektes Beispiel ist die Eröffnungsszene: Wenn Mahito durch die Menge rennt, bewegen sich die Menschen nicht wie Individuen, sondern wie ein einziger, fließender Strom aus Schatten und Farbe. Mahitos Bewegungen sind abgehackt, panisch, er stolpert fast aus dem Bildrahmen heraus. Es ist Animation als reines Gefühl.
Detailliebe in der Bewegung
Gleichzeitig gibt es Momente von unglaublicher Feinheit. Honda erzählt, wie er Mahitos Haare in einer Szene länger zeichnete als im Model-Sheet vorgesehen, nur damit sie sich realistisch aufbäuschen können, wenn er seinen Hut abnimmt. Auch die Szene im Entbindungszimmer wurde stark überarbeitet. Ursprünglich als „gruselig“ (scary) geplant, änderte Honda sie so ab, dass Natsuko „teuflisch“ (devilish) und mächtig wirkt, um den spirituellen Tabubruch der Situation zu unterstreichen, anstatt sie als Monster darzustellen.
Soundtrack: Qualität und Wirkung
Joe Hisaishi, der Komponist, der den Klang von Ghibli definiert hat, wählte für diesen Film einen Ansatz, der viele überraschte.
Minimalismus statt Opulenz
Statt der großen, emotionalen Orchestersuites, die wir aus Prinzessin Mononoke oder Chihiros Reise kennen, dominiert hier ein spartanisches Piano. Viele Szenen bleiben völlig ohne Musik, was die Geräuschkulisse – das Knirschen von Schritten, das Rauschen des Windes, das Flügelschlagen – in den Vordergrund rückt. Hisaishi nutzt wiederkehrende, einfache Motive. Das Thema des Reihers beginnt oft mit einem einzelnen Ton und baut sich über den Film hinweg langsam zu einer Melodie auf, was die Entwicklung der Beziehung zwischen Mahito und dem Vogel spiegelt. Kritiker haben bemerkt, dass der Score „mit der Zeit immer minimalistischer wird“, als würde er sich selbst auflösen.
„Spinning Globe“ – Ein moderner Ausklang
Für den Abspann wählte Miyazaki den Song „Spinning Globe“ (Chikyūgi) von Kenshi Yonezu, einem der populärsten modernen japanischen Künstler. Das Lied, mit seinem treibenden Beat und melancholischen Text, wirkt wie eine Brücke in die Gegenwart. Es ist ein Lied über das Weiterleben auf einem sich drehenden Globus, trotz allem Schmerz – eine perfekte Zusammenfassung der Filmbotschaft.
Tracklist-Highlights (Auswahl):
- Ask me why (Das zentrale Piano-Thema)
- The Great Collapse (Begleitung des Finales)
- Silence
- The Curse of the Gray Heron
Stärken des Films: Ein visuelles und intellektuelles Fest
Visuelle Meisterschaft: Es ist unbestreitbar einer der am schönsten animierten Filme aller Zeiten. Die Fluidität der Bewegung, die Komplexität der Lichtstimmungen und die Detaildichte der Hintergründe sind auf einem Niveau, das im modernen Anime selten erreicht wird.
Thematische Reife: Der Film behandelt Themen wie Tod, Trauer, das Böse im eigenen Selbst und die Last des Erbes mit einer Ernsthaftigkeit, die Kinderfilme oft vermissen lassen. Er fordert sein Publikum intellektuell heraus.
Keine Nostalgie-Falle: Obwohl er voller Referenzen steckt, ruht sich der Film nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus. Er ist oft unbequem, sperrig und düster, statt den Zuschauer in wohlige Ghibli-Nostalgie zu hüllen.
Sounddesign: Die akustische Welt ist immersiv und präzise. Die Stille wird als narratives Werkzeug genutzt, was in der heutigen Filmlandschaft mutig ist.
Schwächen der Serie: Das Labyrinth ohne Karte
Narrative Unzugänglichkeit: Dies ist Miyazakis hermetischster Film. Die Traumlogik, die abrupten Ortswechsel und die fehlenden Erklärungen für die Regeln der Zauberwelt können frustrieren. Wer eine stringente Abenteuergeschichte wie Das Schloss im Himmel erwartet, wird enttäuscht.
Pacing-Probleme: Der Mittelteil im Turm wirkt stellenweise episodisch und langatmig. Die Abfolge von Begegnungen (Warawara, Schmiede, Sittiche) lässt manchmal den emotionalen Fokus auf Mahitos Suche vermissen.
Emotionale Distanz: Mahito ist als Protagonist schwer zugänglich. Seine stoische Art macht es schwieriger, mit ihm zu fühlen, als mit den expressiveren Helden früherer Filme.
Überfrachtung: Der Film ist so dicht mit Symbolik gepackt, dass er unter seinem eigenen Gewicht zu wanken scheint. Man hat das Gefühl, Miyazaki wollte alles, was er noch zu sagen hatte, in diese zwei Stunden pressen.
Fazit: Wie lebt ihr?
Der Junge und der Reiher ist kein Film, der geliebt werden will. Er will verstanden, oder besser gesagt, erlebt werden. Es ist das Werk eines Mannes, der am Ende seines Lebens steht und zurückblickt – nicht mit Verklärung, sondern mit kritischer Ehrlichkeit. Miyazaki zeigt uns, dass Fantasie keine bloße Flucht ist, sondern ein Werkzeug, um die Brutalität der Realität zu verstehen. Der Turm der Träume mag einstürzen, aber die Erfahrung des Bauens bleibt.
Die Frage des Titels – Wie lebt ihr? – richtet sich direkt an das Publikum. Wird man versuchen, die Vergangenheit zu konservieren, oder wird man den Mut haben, eine eigene, unperfekte Welt zu bauen? Mahito entscheidet sich für die Realität, mit all ihrem Schmerz und ihrer Schönheit. Und wenn man das Kino verlässt, sollte man es ihm gleichtun. Es ist vielleicht nicht der „beste“ Ghibli-Film für den Massengeschmack, aber es ist zweifellos der wichtigste für das Verständnis von Hayao Miyazaki. Ein Abschied ohne Ende, ein Meisterwerk der Unvollkommenheit.

Originaltitel: Kimitachi wa Dō Ikiru ka (君たちはどう生きるか)
Internationaler Titel: The Boy and the Heron
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki
Produktion: Toshio Suzuki (Studio Ghibli)
Musik: Joe Hisaishi
Titelsong: „Spinning Globe“ von Kenshi Yonezu
Laufzeit: ca. 124 Minuten
Land / Jahr: Japan 2023
Kinostart DE: 04. Januar 2024
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
















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Persönliche Meinung

Trotz des gewaltigen Renommees des Studio Ghibli und der Oscar-Auszeichnung für Hayao Miyazaki hinterlässt „Der Junge und der Reiher“ vor allem eines: Enttäuschung. Der Film besticht durch zweifellos brillante Technik und eine visuelle Wucht, die sich besonders im Heimkino auf UHD in jeder Faser offenbart. Doch hinter der perfekten Fassade verbirgt sich eine narrative Leere, die den Zuschauer zunehmend ratlos zurücklässt.
Die Handlung leidet unter gravierenden Pacing-Problemen. Während in der ersten Stunde kaum nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen sind, wirkt der Mittelteil unnötig gestreckt, nur um in einem verwirrenden Finale zu münden, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Nach sieben Jahren Produktionszeit drängt sich der Eindruck auf, dass hier weniger eine kohärente Geschichte erzählt, als vielmehr eine Ansammlung von Versatzstücken früherer Meisterwerke präsentiert wird. Es scheint, als habe der Großmeister seinen künstlerischen Zenit überschritten und verliere sich in einer Welt, die zwar technisch überwältigt, emotional und intellektuell aber seltsam unzugänglich bleibt. Übrig bleibt ein Werk, das optisch blendet, aber inhaltlich nicht mehr die Magie vergangener Tage erreicht.

































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