Die Morgensonne schien durch das Fenster des kleinen WG-Häuschens und ließ den Schnee draußen glitzern. In der Küche herrschte friedliche Stille. Funny und Darin saßen beim Frühstück und genossen den Kaffee.
Lily war nicht wachzubekommen. Nach dem Schlammbad im Sumpf gestern und der anschließenden Reinigungsorgie holte sie jetzt alles an Schlaf nach, was möglich war. Darin schob seine Brille hoch und blätterte in einer Zeitschrift über magische Schaltkreise. Funny summte leise vor sich hin und bestrich ein Brötchen mit Rosenmarmelade.
Klopf, klopf.
Ein leises, rhythmisches Pochen ertönte am Küchenfenster. Funny sah auf. Draußen flatterte eine kleine Postelfe aufgeregt auf der Stelle, einen Briefumschlag in den winzigen Händen. Funny öffnete das Fenster. Ein Schwall kalter Luft kam herein.
„Post für Adiuva et Protege!“ piepste die Elfe, drückte Funny den Brief in die Hand und schwirrte wieder davon.
Funny schloss das Fenster und betrachtete das Siegel. Ein stilisierter Drachenkopf.
„Oh“, sagte sie überrascht. „Vom Stützpunkt am Drachenreservat.“
„DRACHEN?!“
Das Wort wurde so laut und so nah an Funnys Ohr gequiekt, dass sie vor Schreck fast ihre Marmelade an die Decke geworfen hätte. Sie machte einen gewaltigen Satz zur Seite, verlor das Gleichgewicht und landete mit einem dumpfen Plopp halb auf dem Tisch, halb in Darins Schoß.
Darin, dessen Reflexe schneller waren als sein Verstand, schlang instinktiv beide Arme um sie, um zu verhindern, dass sie vom Tisch kippte.
Stille. Darin hielt Funny im Arm. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt.

Hinter Funny brach jemand vor Lachen zusammen. Lily lag auf dem Boden, hielt sich den Bauch und japste nach Luft. Sie war beim Stichwort „Drachen“ wie ein Ninja urplötzlich aufgetaucht.
Als Funny und Darin realisierten, in welcher interessanten Position sie sich befanden, schossen sie auseinander wie zwei gleichpolige Magneten. Funny sprang auf und glättete hektisch ihren Bikini (der eigentlich perfekt saß). Darin rückte seine Brille zurecht, die fast von der Nase gerutscht war und lief so dunkelrot an, dass er Lilys Haaren Konkurrenz machte.
„LILY!“ rief Funny, halb empört, halb lachend, um die Peinlichkeit zu überspielen. „Erschreck uns doch nicht so!“
Lily wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.
„Tschuldigung! Aber… was ist denn nun mit Drachen?“
Ihre Stimme zitterte vor Ungeduld.
„Lass mich doch erst den Brief zu Ende lesen!“
Funny atmete tief durch, ignorierte ihr immer noch rasendes Herz und las laut vor:
„Hey Funny, Bring mal den roten Chaoten her. Die Drachen haben explizit Lily und euch angefordert. Darin soll alles an Spielereien mitbringen, was man bei Drachen so brauchen könnte. Es ist dringend. – Lorat, Wächter“
Darin stand sofort auf, froh über eine Aufgabe.
„Ich geh packen.“
Lily riss Funny den Brief aus der Hand und las ihn selbst noch einmal.
„Hey! Ich bin kein Chaot!“
„Doch!“ kam es prompt von Funny.
„Doch!“ echote es dumpf aus dem Keller, wo Darin bereits Kisten stapelte.
„Drachen…“, seufzte Lily verträumt und ignorierte die Sticheleien. „Endlich wieder Drachen!“
Funny schob Lily sanft auf einen Stuhl und stellte ihr einen Kaffee und ein Brötchen hin.
„Iss. Mit dem freien Vormittag wird es nichts. Wir brauchen Energie.“
Es dauerte nicht lange, da tauchte Darin wieder auf.
„Die Itembox ist gepackt. Wir können los.“
Im Drachenreservat
Der Flug dauerte fast drei Stunden. Der Winterwind war böig und kalt und selbst mit magischem Windschutz war es ein Kraftakt. Als sie endlich am kleinen Wächterstützpunkt am Rande des riesigen Tals landeten, waren alle drei leicht außer Atem.
Lorat, ein junger Elf, kaum über hundert Jahre alt, erwartete sie bereits. Er wirkte nervös, aber erleichtert.
„Kommt, Tee und Sandwiches warten!“ rief er und schob ihnen einen Teller hin. „Ihr seid unglaublich schnell. Danke!“
Während sie aßen (Lily verschlang zwei Sandwiches gleichzeitig), erklärte Lorat die Lage.
„Es fing vor einer Woche an. Ein Drachenpaar meldete den Verlust eines Eies. Einfach weg. Aus dem Nest. Keine Spuren.“
Er schüttelte den Kopf. Jaros, ein stämmiger Wolfsmensch und der zweite Wächter, trat hinzu.
„Vor drei Tagen wieder. Ein anderes Paar. Wieder ein Ei weg. Sensoren haben nichts aufgezeichnet.“
Lorat verzog das Gesicht.
„Und heute Morgen… heute Morgen ist Diana verschwunden. Zusammen mit ihrem einzigen Ei. Diana ist ein Mini-Drache.“
„Sie wird maximal ponygroß“, ergänzte Lily leise, ihre Augen voller Sorge.
„Wieder keine Spuren“, knurrte Jaros. „Dabei hatten wir nach dem ersten Vorfall überall deine Sensoren installiert, Darin. Aber nichts hat angeschlagen.“
Darin zog einen großen Sack aus seiner Itembox.
„Hier. Nachschub, feiner justiert, Magie resistent. Alles, was ich noch hatte.“
Lily sprang auf.
„Lasst uns zu Dianas Nest. Sofort. Drachen und Eier lösen sich nicht in Luft auf!“
Funny übernahm das Kommando.
„Jaros, du führst uns zu Dianas Nest. Lorat, du hältst hier die Stellung.“
Die beiden Wächter nickten.
Am Tatort
Vor der Höhle von Diana hob Darin warnend die Hand.
„Halt! Keinen Schritt weiter. Wenn da auch nur noch ein Hauch von Restmagie in der Luft hängt, zertrampelt ihr den wie Elefanten im Porzellanladen.“
Er stellte die Itembox ab und öffnete sie. Mit der Präzision eines Uhrmachers begann er, rund um den Höhleneingang kleine, silberne Stäbe in den Boden zu stecken, die im Kreis angeordnet waren. Jeder Stab begann leise zu summen und projizierte ein schwaches Gitter aus blauem Licht.

„Magische Resonanz-Triangulation“, murmelte Darin, während er an einem kleinen Handheld-Gerät tippte. „Ich isoliere die atmosphärischen Störungen.“
Dann holte er das Herzstück heraus: Einen großen, metallischen Reif, fast einen halben Meter im Durchmesser. Der Rand war mit komplexen Runen graviert, und an der Oberseite thronte ein geschliffener Rubin, flankiert von links und rechts zwei Smaragden in Pfeilform.
„Der Chronos-Visor Mark IV“, erklärte Darin nicht ohne Stolz. „Ein temporaler Magie-Detektor. Er misst nicht nur, was jetzt da ist, sondern fängt die Echos der Magie auf, die sich in den Steinen festgesetzt haben. Bis zu 12 Stunden in die Vergangenheit. Ist ein Prototyp und heute darf er einmal zeigen was er kann und ob er was taugt.“
Er drückte den smaragdgrünen Knopf mit dem Pfeil nach links. Der Rubin flammte auf. Im Inneren des Reifs begann die Luft zu flirren, wie Hitzewellen über Asphalt, bis sich ein dreidimensionales Bild formte. Es war unscharf, wie ein alter Film, aber erkennbar.
„Wir starten bei minus 12 Stunden… minus acht…“, Darin berührte den Smaragd der nach rechts zeigte.
Das Bild wurde klarer.
„Je weniger Zeit vergangen ist, um so besser ist das Bild.“, trotzdem versuchte Darin die Verstärkung sanft zu erhöhen, um jedes Detail sehen zu können.
Man sah Diana. Die kleine, smaragdgrüne Drachendame, die sich liebevoll um ein gesprenkeltes Ei wickelte und einschlief. Einmal drehte sie sich, aber immer so, dass es ihr Ei weiter schön gemütlich hatte.
„Oooh“, machte Lily leise. „Sie ist so süß.“
„Wartet“, sagte Darin scharf. „Jetzt wird es bald interessant. Achtet auf den Zeitstempel unten links im Bild.“
Die Zahlen liefen vorwärts. 05:30 Uhr… 06:00 Uhr… 06:15 Uhr…
Plötzlich, genau bei 06:23 Uhr, passierte es. Das Bild im Reif fror nicht einfach ein. Es zersplitterte in statisches Rauschen, das violett pulsierte. Die Messnadeln auf Darins Handgerät fielen schlagartig auf Null – alle gleichzeitig.
„Seht ihr das?“ Darin zeigte auf die Nadeln. „Das ist kein Bildfehler. Das ist ein absolutes Zeit-Vakuum.“
Er tippte hektisch auf seinem Display.
„Die Sensoren messen für diesen Zeitraum keine Zeit. Die Welt um die Höhle herum hat sich weitergedreht, aber hier drin… Stillstand.“
Funny keuchte auf.
„Ein Tempus Congelatum? Aber Darin, das ist theoretisch unmöglich! Um die Zeit an einem Ort so perfekt einzufrieren, bräuchte man eine Energiequelle, die…“
„…die stabil genug ist, den Fluss der Realität zu brechen, ohne das Universum zerreißen zu lassen“, beendete Darin den Satz. Er schob seine Brille hoch, seine Augen blitzten auf. „Das ist Runenmagie der höchsten Stufe. Man benötigt einen Fokus-Kristall von absoluter Reinheit. Einen rosanen geschliffenen Diamanten, mindestens 10 Gramm schwer.“
Er sah Funny ernst an.
„Es gibt weltweit nur einen einzigen Stein, der diese spezifische Resonanzfrequenz besitzt: Der Pink Star.“
„Wir müssen herausfinden, wer den hat“, sagte Funny sofort und notierte es.
„Aber Moment“, unterbrach Lily, die Stirn in Falten gelegt. „Wenn die Zeit angehalten wurde, wie haben sie Diana dann rausgeholt? Wenn die Zeit steht, bewegt sich doch nichts?“
„Hervorragende Frage“, lobte Darin. „Der Dieb bewegt sich außerhalb der eingefrorenen Zeit. Für Diana verging keine Sekunde. Sie schlief ein, und im nächsten Moment wacht sie woanders auf. Für den Dieb war sie wie eine Statue, die man einfach wegtragen kann.“
Darin drückte den Rubin. Die Wiedergabe lief weiter.
„Lasst uns weiterschauen.“
6:44. Das violette Rauschen im Reif verschwand. Das Bild war wieder klar. Die Höhle war leer. Diana und das Ei waren weg. Darin verlangsamte die Wiedergabe extrem.
„Achtet auf den Boden“, flüsterte er.
Im Staub der Höhle erschienen für den Bruchteil einer Sekunde schwere Stiefel-Abdrücke – und dann verschwanden sie. Der Staub wirbelte rückwärts, legte sich wieder glatt. Ein kleiner Stein, der weggekickt worden war, rollte wie von Geisterhand an seinen Ursprungsort zurück. Sogar die Luftverwirbelungen glätteten sich.
Funny schlug die Hand vor den Mund.
„Der Restauratio-Zauber.“
„Genau“, sagte Darin düster. „Wer auch immer das war, hat nicht einfach Spuren verwischt. Er hat die Realität der Höhle auf den Zustand vor dem Betreten zurückgesetzt – minus Diana. Er hat die Kausalität umgekehrt. Deshalb haben die Wächter-Sensoren nicht angeschlagen. Für die Sensoren ist nie jemand hier gewesen.“
„Das ist genial“, murmelte Lily, „und total gruselig.“
„Und es beweist“, fasste Funny zusammen, „dass wir es hier nicht mit einfachen Eier-Dieben zu tun haben. Das sind Profis mit Zugang zu legendären Artefakten.“
Darin schnippte mit den Fingern. Das Bild erlosch, der Reif hörte auf zu summen.
„Wir haben die Uhrzeit. Wir haben die Methode. Wir haben den Diamanten als Spur. Mehr können wir hier nicht tun.“
Mit geübten Handgriffen verstaute er die High-Tech-Ausrüstung wieder in der Itembox.
Zurück im Stützpunkt
Darin drückte den Knopf für den Express-Postdienst. Wenige Minuten später klopfte eine kleine Postelfe an das Fenster. Darin öffnete und stellte ihr ein winziges Gläschen mit einer goldenen Flüssigkeit hin.
„Holundernektar“, sagte er lächelnd. „Stärkung für den Weg.“
Die kleine Elfe trank das Glas in einem Zug leer, wischte sich den Mund und drückte Darin einen Kuss auf die Wange, der prompt (wieder) feuerrot im Gesicht wurde.

„Danke!“ piepste sie. „Mit dem Treibstoff bin ich in zehn Minuten bei Kaelan!“
Sie schoss wie ein kleiner Blitz davon.
Funny runzelte leicht die Stirn.
Lily kicherte.
„Du bist ja ein echter Charmeur, Darin.“
„Freundlichkeit ist effizient“, verteidigte sich Darin.
Funny räusperte sich, etwas schärfer als nötig.
„Wir sichern jetzt den einzigen Zugang zum Tal mit Darins Spezial-Technik ab. Da kommt keine Maus mehr rein oder raus, ohne dass wir es wissen. Dann ab nach Hause. Morgen um 08:00 Uhr haben wir ein Date mit Kaelan und fünf unserer besten Schwertelfen.“
Als sie sich von Jaros und Lorat verabschiedeten und den Heimweg antraten, dämmerte es bereits.
Im WG-Häuschen angekommen, waren alle erschöpft.
„Morgen müssen wir früh raus“, mahnte Funny.
Lily, die schon auf der Treppe stand, drehte sich um. Ihre Augen funkelten entschlossen.
„Natürlich! Morgen retten wir eine süße Drachenlady und ihr ungeborenes Kind. Wer da verschläft, hat das Prinzip von Adiuva et Protege nicht verstanden!“
Fortsetzung folgt…
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