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Wo ist Taro Urashima?

Das Flüstern der verlorenen Zeit

Es war laut im Gildenhaus, ein ständiges Kommen und Gehen. Dennoch stand Funny konzentriert und unberührt vom Chaos vor den Aushängen. Sie studierte das Auftragsbrett mit der Miene einer Generalin, die eine Schlacht plant.

„Schleimmonster im Abwassersystem… Goblin-Plage im Bambushain… schon wieder ein Oger, der Steuern eintreiben will…“, wiederholt Lily murmelnd mit geschlossenen Augen und ließ ihren Kopf beinahe auf den Tisch knallen, an dem sie mit Darin wartete.

urashima

„Gibt es hier nichts, was auch nur im Entferntesten nicht stinkt oder nach Ärger schreit?“

„Ein Abenteuer, das nicht nach Ärger schreit, nennt man einen Spaziergang, Lily“, erwiderte Funny, ohne sich umzudrehen. Ihre himmelblauen Augen waren auf eine unscheinbare Notiz am Rande des Brettes geheftet. „Aber das hier… das ist interessant.“

Darin, der still neben Lily saß und die Baupläne für einen verbesserten Magie-Konverter auf ein Stück Papier kritzelte, schob seine Brille höher.

„Was hast du gefunden, Funny?“

„Eine Serie von Vermisstenfällen entlang der Küste“, erklärte Funny und tippte auf den Aushang. „Keine Leichen, keine Lösegeldforderungen, keine Spuren von Gewalt. Die Menschen verschwinden einfach. Der jüngste Fall: ein junger Fischer namens Taro Urashima. Bekannt für sein gutes Herz und seine Unzufriedenheit mit dem harten Leben.“

Lily stöhnte.

„Vermisstenfälle? Das klingt nach endloser Detektivarbeit und stundenlangem Leute-Ausfragen. Ich hasse Leute-Ausfragen.“

„Es gibt ein Muster“, fuhr Funny unbeirrt fort. „Alle Verschwundenen waren Träumer. Menschen, die sich nach einem besseren und weniger kompliziertem Leben sehnten. Die örtlichen Behörden sind ratlos. Sie sprechen von einer ‚göttlichen Entrückung‘. Ich spreche von einer hochgradig verdächtigen magischen Signatur.“

Darin nickte.

„Eine Entität, die gezielt auf eine bestimmte emotionale Verfassung abzielt. Das ist komplex. Das ist… elegant.“

„Und unheimlich“, ergänzte Lily. „Okay, das ist besser als Schleimmonster. Mission annehmen?“

„Mission angenommen“, bestätigte Funny mit einem dünnen Lächeln. „Adiuva et Protege kümmert sich um die ‚göttliche Entrückung‘.“

Spuren im Sand der Zeit

Das Fischerdorf war ein Ort der stillen Trauer. Die Wellen schlugen sanft an den Strand, als hätten sie ein Geheimnis zu verbergen. Die Befragung der Dorfbewohner war, wie Lily befürchtet hatte, mühsam. Doch ein Detail tauchte immer wieder auf: Taro Urashima wurde zuletzt gesehen, als er eine kleine Schildkröte vor einer Gruppe rüpelhafter Kinder rettete.

„Eine Schildkröte…“, sinnierte Funny, als sie am Strand standen, genau an der Stelle, wo Urashima das Tier freigelassen hatte. „Ein seltsames letztes Zeugnis.“

„Vielleicht hat ihn die Schildkröten-Mafia geholt? Wegen unerlaubter Einmischung in ihre Geschäfte?“, warf Lily ein und kickte eine Muschel ins Wasser.

Darin scannte derweil den Sand mit einem einfachen magischen Handscanner. Über einer kaum sichtbaren Vertiefung begann der Scanner zu summen und hektisch zu flackern.

urashima

„Ich hab was“, sagte er aufgeregt. „Restspuren einer extrem starken Magie. Illusionär… und chronomantisch.“

„Chrono-was?“, fragte Lily.

„Zeitumkehrend? Zeitverzerrend? Zeit…klauend?“, übersetzte Funny und ihre Miene wurde ernst. „Eine Magie, die die Zeit selbst manipuliert. Das ist weit jenseits der Fähigkeiten eines gewöhnlichen Dämons.“

„Hier ist ein temporaler Ankerpunkt“, erklärte Darin. „Hier wurde ein Übergang geöffnet. Eine Brücke in eine andere Ebene oder eine Dimension, die außerhalb unseres Zeitstroms existiert. Der Köder war anscheinend… die Schildkröte.“

Funny blickte aufs Meer hinaus, tief in Gedanken versunken.

„Ein Dämon, der seine Opfer mit einer guten Tat anlockt und sie dann in eine zeitlose Falle zerrt. Das ist perfide. Wir kommen da nicht einfach so rein.“

„Dann müssen wir eben wieder einen Köder auslegen!“, rief Lily. „Ich kann mich als notleidendes Kätzchen verkleiden! Oder als verletzter Babydrache! Dem kann niemand widerstehen!“

„Eine reizende Vorstellung, aber ich bezweifle, dass der Dämon auf diesen Trick hereinfällt“, sagte Funny trocken. „Darin, kannst du die Frequenz des Ankerpunktes replizieren? Können wir eine Tür erzwingen?“

Darin grinste, was bei ihm selten vorkam.

„Eine Tür erzwingen? Funny, wir treten sie ein!“

Das Paradies, das keines war

Darin arbeitete fieberhaft an einem Gerät, das er „Temporalen Resonator“ nannte. Er startete es. Nach einer Stunde surrte und summte die Maschine unvermittelt, bevor sie einen konzentrierten Strahl unsichtbarer Energie auf einen Punkt am Strand abfeuerte. Die Luft zitterte, kräuselte sich wie Wasser im Wind und riss dann mit einem Geräusch wie zerreißende Seide auf. Vor ihnen schwebte ein schimmerndes Portal, das den Blick auf eine Szenerie freigab, die ihnen den Atem raubte.

Sie traten hindurch und fanden sich auf dem Grund eines Ozeans wieder, der keiner war. Denn sie konnten atmen und sie blieben trocken. Um sie herum schwammen farbenprächtige Fische und in der Ferne erhob sich ein Palast aus Korallen und Perlmutt, der durch ein sanftes, inneres Licht erstrahlte – der Palast der Meeresprinzessin.

urashima

„Wow!“, entfuhr es Lily. „Das ist ja mal eine Luxus-Absteige! Schaut euch die ganzen Glitzer-Sachen an!“

Sie wurden von anmutigen Meerjungfrauen empfangen und in den Thronsaal geführt. Dort saß die Meeresprinzessin. Ihre Schönheit war so überwältigend, dass sie unwirklich erschien. Ihr Lächeln war warm und einladend.

„Willkommen, tapfere Helden“, säuselte sie. „Ihr habt den Weg in mein Reich gefunden, einen Ort ohne Sorgen, ohne Schmerz und ohne das Vergehen der Zeit. Ruht euch aus. Esst. Bleibt, solange ihr wollt. Für immer.“

Man tischte ihnen Speisen auf, die köstlicher waren als alles, was sie je gekostet hatten. Musik erfüllte die Luft und um sie herum sahen sie andere Menschen – alle mit einem selig-leeren Lächeln im Gesicht. Unter ihnen erkannten sie Taro Urashima. Er saß an einem Tisch und lachte, doch seine Augen schienen ins Leere zu blicken.

Lily war im siebten Himmel.

„Das ist der beste Auftrag aller Zeiten! Fun-chan, können wir nicht auch für immer bleiben? Hier gibt es bestimmt auch Drachen.“

„Genau das ist das Problem, Lily“, erwiderte Funny leise, während sie nur an einem Glas Wasser nippte. „Dieses Perfekte… es ist falsch.“

Sie deutete auf die vier Gärten, die den Palast umgaben – einer für jede Jahreszeit, alle perfekt, alle unbeweglich, wie eingefroren.

„Die Natur ist nicht statisch. Nichts ist ewig. Das hier ist kein Paradies. Es ist ein Stillleben. Ein Gefängnis.“

Darin bestätigte ihre Befürchtung. Sein Aural-Spektrometer, das er unauffällig unter dem Tisch aktiviert hatte, surrte panisch.

„Die Auren der Menschen hier… sie sind dünn. Ausgefranst. Wie eine Kerze, die langsam niederbrennt. Diese ganze Dimension hier wird von ihrer gestohlenen Lebenszeit angetrieben. Und die Prinzessin… ihre Aura ist eigentlich keine. Sie ist ein schwarzes Loch. Wie ein unersättlicher Hunger.“

„Also doch ein Dämon“, knurrte Lily und ihre gute Laune verflog schlagartig. Ihre Hand wollte ihre Naginata aus Darins Item-Box herbeirufen. „Ein Zeitfresser-Dämon getarnt als eine Prinzessinn. Wie sehr ich so was hasse.“

„Wir müssen den Kern finden“, flüsterte Funny. „Die Energiequelle, die diesen Ort zusammenhält. Dann schlagen wir zu.“

Doch der Dämon in Prinzessinnengestalt hatte ihre Vorsicht bemerkt. Das Lächeln wurde eine Spur kälter.

„Ihr scheint mein Geschenk nicht zu schätzen, kleine Elfen. Vielleicht sollte ich euch zeigen, was ihr wirklich wollt.“

Die Illusion flackerte. Für einen Moment sah Lily sich auf dem Rücken eines majestätischen Rotdrachen über die Wolken fliegen. Darin stand in einer unendlich großen Werkstatt, umgeben von unvorstellbarer Technologie. Und Funny… Funny sah ein kleines, friedliches Haus mit einem Rosengarten. Darin war bei ihr, ohne seine schüchterne Zurückhaltung und sie waren glücklich.

Es war eine perfekte, verlockende Falle. Funny spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Doch ihr Verstand schrie lauter als ihr Wunsch. Illusion!

„JETZT!“, rief sie und riss sich los.

Der Kampf explodierte im Herzen des falschen Paradieses. Lily stürmte als Erste vor. Mit ihrer Naginata zerfetzte sie die Illusion. Wo sie traf, wurde aus dem Korallenpalast fauliges, graues Gestein, und die lieblichen Dienerinnen verzerrten sich zu albtraumhaften Schemen.

urashima

„Ihr wollt meinen Frieden stören?“, kreischte der Dämon, dessen wunderschönes Gesicht zu einer monströsen Fratze zerfiel. Der Dämon zeigte sein wahres, sein teuflisches Gesicht. „Dann sollt ihr die Last der Zeit spüren!“

Sie streckte die Hand aus und ein Strahl grauer Energie schoss auf Lily zu. Doch Darin war schneller. Er aktivierte eines seiner Geräte und eine Blase aus flimmernder Energie umgab das Team.

„Temporaler Schild! Hält nicht ewig!“

Der Dämon war schnell. Er verlangsamte Darins Bewegungen, ließ Funnys Dolche mitten im Wurf rosten. Doch er hatte die Rechnung ohne Lilys chaotischen Kampfstil gemacht.

„Zeit verlangsamen? Dann bewege ich mich eben schneller!“, schrie sie und stürmte mit ihrer Naginata vor, ihre Bewegungen unvorhersehbar und wild.

Funny nutzte die Ablenkung. Während Lily und Darin den Dämon in Schach hielten, analysierte sie den Raum. Ihr Blick fiel auf eine kleine, kunstvoll lackierte Schatulle, die neben dem Thron lag – die Tamatebakko.

„Das Kästchen!“, rief sie. „Darin! Dort ist der Kern. Es enthält die gestohlene Zeit.“

„Verstanden!“, rief Darin zurück und stürmte mit seiner Doppelaxt auf den Dämon zu. „Lily, halte mir die linke Seite frei! Gib Funny dort eine Gasse!“

Seine wuchtigen Schläge erzeugten ein Donnern, das die Scheinwelt erzittern ließ. Lily tanzte um den Dämon herum, ihre Naginata ein Wirbel aus Stahl. Für einen Sekundenbruchteil war der Weg frei. In einem Sturm aus Chaos und Magie sprintete Funny mit einer Geschwindigkeit, die man der zierlichen Elfe nie zutrauen würde, los. Sie sprang neben den Thron, griff nach dem Kästchen und spürte sofort die immense, pulsierende Macht darin.

„WIR VERSCHWINDEN!“, schrie sie.

Der Dämon heulte vor Wut auf, als er seiner Macht beraubt wurde. Die gesamte Dimension begann zu kollabieren. Darin öffnete das Portal erneut. Sie sprangen hindurch, nur wenige Sekunden bevor der falsche Meerespalast in einem Strudel aus grauen Schlieren implodierte.

Sie landeten hart auf dem Sand des Strandes. Die Sonne schien, die Wellen rauschten. In der realen Welt waren nur wenige Minuten vergangen. Die Dorfbewohner hatten nicht einmal etwas bemerkt.

In Funnys Händen lag die Tamatebakko. Das Kästchen bebte leicht, gefüllt mit der gestohlenen Lebenszeit von hunderten von Menschen aus hunderten von Jahren.

urashima

„Was machen wir damit?“, fragte Lily leise. Ihre übliche Frechheit war einer nachdenklichen Stille gewichen. „Können wir… können wir Urashima und die anderen zurückholen?“

Darin schüttelte traurig den Kopf. Er überprüfte die Messwerte des Kästchens.

„Wenn wir es öffnen, wird die gesamte gespeicherte Zeit auf einmal freigesetzt. Wer auch immer in der Nähe ist, würde augenblicklich zu Staub zerfallen. Die Zeit, die sie verloren haben… sie kann nicht zurückgegeben werden.“

Es war eine bittere Wahrheit. Sie hatten die Bedrohung besiegt, aber die Opfer konnten sie nicht retten.

Funny schloss die Augen und umklammerte das Kästchen fest.

„Dann sorgen wir dafür, dass dieses Grauen nie wieder jemandem zustößt.“

Sie versiegelten die Tamatebakko in einem von Darin konstruierten Stasisfeld und übergaben sie den höchsten Magiern von Feenland zur ewigen Verwahrung in einer Kammer, aus der es kein Entkommen gab.

Zurück in ihrem kleinen Haus, beim Schein des Kamins, herrschte eine gedrückte Stimmung.

„Es fühlt sich nicht wie ein Sieg an“, sagte Lily und stocherte in den Flammen.

„Wir haben unzählige zukünftige Opfer verhindert“, erwiderte Funny sanft. „Das ist ein Sieg, auch wenn es schmerzt. Manchmal bedeutet beschützen nicht, die Vergangenheit zu reparieren, sondern die Zukunft zu sichern.“

Darin legte schweigend eine Decke um Lilys Schultern. Dann sagte er: „Ich habe die Daten analysiert. Die chronomantische Energie… sie ist faszinierend. Vielleicht kann ich eines Tages lernen, sie zu nutzen. Nicht um Zeit zu stehlen. Sondern um diese zu schützen.“

Lily lächelte schwach.

„Na sieh mal einer an. Vielleicht können wir dem Tod ja doch noch eines Tages in den Hintern treten.“

Und während draußen die Nacht hereinbrach, saßen die drei Helden zusammen – ein wenig weiser, ein wenig trauriger, aber unerschütterlich in ihrer Mission, zu helfen und zu beschützen. Selbst wenn der Preis, wie dieses Mal, dafür hoch war.

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Das Flüstern der verlorenen Zeit

Es war laut im Gildenhaus, ein ständiges Kommen und Gehen. Dennoch stand Funny konzentriert und unberührt vom Chaos vor den Aushängen. Sie studierte das Auftragsbrett mit der Miene einer Generalin, die eine Schlacht plant.

„Schleimmonster im Abwassersystem… Goblin-Plage im Bambushain… schon wieder ein Oger, der Steuern eintreiben will…“, wiederholt Lily murmelnd mit geschlossenen Augen und ließ ihren Kopf beinahe auf den Tisch knallen, an dem sie mit Darin wartete.

urashima

„Gibt es hier nichts, was auch nur im Entferntesten nicht stinkt oder nach Ärger schreit?“

„Ein Abenteuer, das nicht nach Ärger schreit, nennt man einen Spaziergang, Lily“, erwiderte Funny, ohne sich umzudrehen. Ihre himmelblauen Augen waren auf eine unscheinbare Notiz am Rande des Brettes geheftet. „Aber das hier… das ist interessant.“

Darin, der still neben Lily saß und die Baupläne für einen verbesserten Magie-Konverter auf ein Stück Papier kritzelte, schob seine Brille höher.

„Was hast du gefunden, Funny?“

„Eine Serie von Vermisstenfällen entlang der Küste“, erklärte Funny und tippte auf den Aushang. „Keine Leichen, keine Lösegeldforderungen, keine Spuren von Gewalt. Die Menschen verschwinden einfach. Der jüngste Fall: ein junger Fischer namens Taro Urashima. Bekannt für sein gutes Herz und seine Unzufriedenheit mit dem harten Leben.“

Lily stöhnte.

„Vermisstenfälle? Das klingt nach endloser Detektivarbeit und stundenlangem Leute-Ausfragen. Ich hasse Leute-Ausfragen.“

„Es gibt ein Muster“, fuhr Funny unbeirrt fort. „Alle Verschwundenen waren Träumer. Menschen, die sich nach einem besseren und weniger kompliziertem Leben sehnten. Die örtlichen Behörden sind ratlos. Sie sprechen von einer ‚göttlichen Entrückung‘. Ich spreche von einer hochgradig verdächtigen magischen Signatur.“

Darin nickte.

„Eine Entität, die gezielt auf eine bestimmte emotionale Verfassung abzielt. Das ist komplex. Das ist… elegant.“

„Und unheimlich“, ergänzte Lily. „Okay, das ist besser als Schleimmonster. Mission annehmen?“

„Mission angenommen“, bestätigte Funny mit einem dünnen Lächeln. „Adiuva et Protege kümmert sich um die ‚göttliche Entrückung‘.“

Spuren im Sand der Zeit

Das Fischerdorf war ein Ort der stillen Trauer. Die Wellen schlugen sanft an den Strand, als hätten sie ein Geheimnis zu verbergen. Die Befragung der Dorfbewohner war, wie Lily befürchtet hatte, mühsam. Doch ein Detail tauchte immer wieder auf: Taro Urashima wurde zuletzt gesehen, als er eine kleine Schildkröte vor einer Gruppe rüpelhafter Kinder rettete.

„Eine Schildkröte…“, sinnierte Funny, als sie am Strand standen, genau an der Stelle, wo Urashima das Tier freigelassen hatte. „Ein seltsames letztes Zeugnis.“

„Vielleicht hat ihn die Schildkröten-Mafia geholt? Wegen unerlaubter Einmischung in ihre Geschäfte?“, warf Lily ein und kickte eine Muschel ins Wasser.

Darin scannte derweil den Sand mit einem einfachen magischen Handscanner. Über einer kaum sichtbaren Vertiefung begann der Scanner zu summen und hektisch zu flackern.

urashima

„Ich hab was“, sagte er aufgeregt. „Restspuren einer extrem starken Magie. Illusionär… und chronomantisch.“

„Chrono-was?“, fragte Lily.

„Zeitumkehrend? Zeitverzerrend? Zeit…klauend?“, übersetzte Funny und ihre Miene wurde ernst. „Eine Magie, die die Zeit selbst manipuliert. Das ist weit jenseits der Fähigkeiten eines gewöhnlichen Dämons.“

„Hier ist ein temporaler Ankerpunkt“, erklärte Darin. „Hier wurde ein Übergang geöffnet. Eine Brücke in eine andere Ebene oder eine Dimension, die außerhalb unseres Zeitstroms existiert. Der Köder war anscheinend… die Schildkröte.“

Funny blickte aufs Meer hinaus, tief in Gedanken versunken.

„Ein Dämon, der seine Opfer mit einer guten Tat anlockt und sie dann in eine zeitlose Falle zerrt. Das ist perfide. Wir kommen da nicht einfach so rein.“

„Dann müssen wir eben wieder einen Köder auslegen!“, rief Lily. „Ich kann mich als notleidendes Kätzchen verkleiden! Oder als verletzter Babydrache! Dem kann niemand widerstehen!“

„Eine reizende Vorstellung, aber ich bezweifle, dass der Dämon auf diesen Trick hereinfällt“, sagte Funny trocken. „Darin, kannst du die Frequenz des Ankerpunktes replizieren? Können wir eine Tür erzwingen?“

Darin grinste, was bei ihm selten vorkam.

„Eine Tür erzwingen? Funny, wir treten sie ein!“

Das Paradies, das keines war

Darin arbeitete fieberhaft an einem Gerät, das er „Temporalen Resonator“ nannte. Er startete es. Nach einer Stunde surrte und summte die Maschine unvermittelt, bevor sie einen konzentrierten Strahl unsichtbarer Energie auf einen Punkt am Strand abfeuerte. Die Luft zitterte, kräuselte sich wie Wasser im Wind und riss dann mit einem Geräusch wie zerreißende Seide auf. Vor ihnen schwebte ein schimmerndes Portal, das den Blick auf eine Szenerie freigab, die ihnen den Atem raubte.

Sie traten hindurch und fanden sich auf dem Grund eines Ozeans wieder, der keiner war. Denn sie konnten atmen und sie blieben trocken. Um sie herum schwammen farbenprächtige Fische und in der Ferne erhob sich ein Palast aus Korallen und Perlmutt, der durch ein sanftes, inneres Licht erstrahlte – der Palast der Meeresprinzessin.

urashima

„Wow!“, entfuhr es Lily. „Das ist ja mal eine Luxus-Absteige! Schaut euch die ganzen Glitzer-Sachen an!“

Sie wurden von anmutigen Meerjungfrauen empfangen und in den Thronsaal geführt. Dort saß die Meeresprinzessin. Ihre Schönheit war so überwältigend, dass sie unwirklich erschien. Ihr Lächeln war warm und einladend.

„Willkommen, tapfere Helden“, säuselte sie. „Ihr habt den Weg in mein Reich gefunden, einen Ort ohne Sorgen, ohne Schmerz und ohne das Vergehen der Zeit. Ruht euch aus. Esst. Bleibt, solange ihr wollt. Für immer.“

Man tischte ihnen Speisen auf, die köstlicher waren als alles, was sie je gekostet hatten. Musik erfüllte die Luft und um sie herum sahen sie andere Menschen – alle mit einem selig-leeren Lächeln im Gesicht. Unter ihnen erkannten sie Taro Urashima. Er saß an einem Tisch und lachte, doch seine Augen schienen ins Leere zu blicken.

Lily war im siebten Himmel.

„Das ist der beste Auftrag aller Zeiten! Fun-chan, können wir nicht auch für immer bleiben? Hier gibt es bestimmt auch Drachen.“

„Genau das ist das Problem, Lily“, erwiderte Funny leise, während sie nur an einem Glas Wasser nippte. „Dieses Perfekte… es ist falsch.“

Sie deutete auf die vier Gärten, die den Palast umgaben – einer für jede Jahreszeit, alle perfekt, alle unbeweglich, wie eingefroren.

„Die Natur ist nicht statisch. Nichts ist ewig. Das hier ist kein Paradies. Es ist ein Stillleben. Ein Gefängnis.“

Darin bestätigte ihre Befürchtung. Sein Aural-Spektrometer, das er unauffällig unter dem Tisch aktiviert hatte, surrte panisch.

„Die Auren der Menschen hier… sie sind dünn. Ausgefranst. Wie eine Kerze, die langsam niederbrennt. Diese ganze Dimension hier wird von ihrer gestohlenen Lebenszeit angetrieben. Und die Prinzessin… ihre Aura ist eigentlich keine. Sie ist ein schwarzes Loch. Wie ein unersättlicher Hunger.“

„Also doch ein Dämon“, knurrte Lily und ihre gute Laune verflog schlagartig. Ihre Hand wollte ihre Naginata aus Darins Item-Box herbeirufen. „Ein Zeitfresser-Dämon getarnt als eine Prinzessinn. Wie sehr ich so was hasse.“

„Wir müssen den Kern finden“, flüsterte Funny. „Die Energiequelle, die diesen Ort zusammenhält. Dann schlagen wir zu.“

Doch der Dämon in Prinzessinnengestalt hatte ihre Vorsicht bemerkt. Das Lächeln wurde eine Spur kälter.

„Ihr scheint mein Geschenk nicht zu schätzen, kleine Elfen. Vielleicht sollte ich euch zeigen, was ihr wirklich wollt.“

Die Illusion flackerte. Für einen Moment sah Lily sich auf dem Rücken eines majestätischen Rotdrachen über die Wolken fliegen. Darin stand in einer unendlich großen Werkstatt, umgeben von unvorstellbarer Technologie. Und Funny… Funny sah ein kleines, friedliches Haus mit einem Rosengarten. Darin war bei ihr, ohne seine schüchterne Zurückhaltung und sie waren glücklich.

Es war eine perfekte, verlockende Falle. Funny spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Doch ihr Verstand schrie lauter als ihr Wunsch. Illusion!

„JETZT!“, rief sie und riss sich los.

Der Kampf explodierte im Herzen des falschen Paradieses. Lily stürmte als Erste vor. Mit ihrer Naginata zerfetzte sie die Illusion. Wo sie traf, wurde aus dem Korallenpalast fauliges, graues Gestein, und die lieblichen Dienerinnen verzerrten sich zu albtraumhaften Schemen.

urashima

„Ihr wollt meinen Frieden stören?“, kreischte der Dämon, dessen wunderschönes Gesicht zu einer monströsen Fratze zerfiel. Der Dämon zeigte sein wahres, sein teuflisches Gesicht. „Dann sollt ihr die Last der Zeit spüren!“

Sie streckte die Hand aus und ein Strahl grauer Energie schoss auf Lily zu. Doch Darin war schneller. Er aktivierte eines seiner Geräte und eine Blase aus flimmernder Energie umgab das Team.

„Temporaler Schild! Hält nicht ewig!“

Der Dämon war schnell. Er verlangsamte Darins Bewegungen, ließ Funnys Dolche mitten im Wurf rosten. Doch er hatte die Rechnung ohne Lilys chaotischen Kampfstil gemacht.

„Zeit verlangsamen? Dann bewege ich mich eben schneller!“, schrie sie und stürmte mit ihrer Naginata vor, ihre Bewegungen unvorhersehbar und wild.

Funny nutzte die Ablenkung. Während Lily und Darin den Dämon in Schach hielten, analysierte sie den Raum. Ihr Blick fiel auf eine kleine, kunstvoll lackierte Schatulle, die neben dem Thron lag – die Tamatebakko.

„Das Kästchen!“, rief sie. „Darin! Dort ist der Kern. Es enthält die gestohlene Zeit.“

„Verstanden!“, rief Darin zurück und stürmte mit seiner Doppelaxt auf den Dämon zu. „Lily, halte mir die linke Seite frei! Gib Funny dort eine Gasse!“

Seine wuchtigen Schläge erzeugten ein Donnern, das die Scheinwelt erzittern ließ. Lily tanzte um den Dämon herum, ihre Naginata ein Wirbel aus Stahl. Für einen Sekundenbruchteil war der Weg frei. In einem Sturm aus Chaos und Magie sprintete Funny mit einer Geschwindigkeit, die man der zierlichen Elfe nie zutrauen würde, los. Sie sprang neben den Thron, griff nach dem Kästchen und spürte sofort die immense, pulsierende Macht darin.

„WIR VERSCHWINDEN!“, schrie sie.

Der Dämon heulte vor Wut auf, als er seiner Macht beraubt wurde. Die gesamte Dimension begann zu kollabieren. Darin öffnete das Portal erneut. Sie sprangen hindurch, nur wenige Sekunden bevor der falsche Meerespalast in einem Strudel aus grauen Schlieren implodierte.

Sie landeten hart auf dem Sand des Strandes. Die Sonne schien, die Wellen rauschten. In der realen Welt waren nur wenige Minuten vergangen. Die Dorfbewohner hatten nicht einmal etwas bemerkt.

In Funnys Händen lag die Tamatebakko. Das Kästchen bebte leicht, gefüllt mit der gestohlenen Lebenszeit von hunderten von Menschen aus hunderten von Jahren.

urashima

„Was machen wir damit?“, fragte Lily leise. Ihre übliche Frechheit war einer nachdenklichen Stille gewichen. „Können wir… können wir Urashima und die anderen zurückholen?“

Darin schüttelte traurig den Kopf. Er überprüfte die Messwerte des Kästchens.

„Wenn wir es öffnen, wird die gesamte gespeicherte Zeit auf einmal freigesetzt. Wer auch immer in der Nähe ist, würde augenblicklich zu Staub zerfallen. Die Zeit, die sie verloren haben… sie kann nicht zurückgegeben werden.“

Es war eine bittere Wahrheit. Sie hatten die Bedrohung besiegt, aber die Opfer konnten sie nicht retten.

Funny schloss die Augen und umklammerte das Kästchen fest.

„Dann sorgen wir dafür, dass dieses Grauen nie wieder jemandem zustößt.“

Sie versiegelten die Tamatebakko in einem von Darin konstruierten Stasisfeld und übergaben sie den höchsten Magiern von Feenland zur ewigen Verwahrung in einer Kammer, aus der es kein Entkommen gab.

Zurück in ihrem kleinen Haus, beim Schein des Kamins, herrschte eine gedrückte Stimmung.

„Es fühlt sich nicht wie ein Sieg an“, sagte Lily und stocherte in den Flammen.

„Wir haben unzählige zukünftige Opfer verhindert“, erwiderte Funny sanft. „Das ist ein Sieg, auch wenn es schmerzt. Manchmal bedeutet beschützen nicht, die Vergangenheit zu reparieren, sondern die Zukunft zu sichern.“

Darin legte schweigend eine Decke um Lilys Schultern. Dann sagte er: „Ich habe die Daten analysiert. Die chronomantische Energie… sie ist faszinierend. Vielleicht kann ich eines Tages lernen, sie zu nutzen. Nicht um Zeit zu stehlen. Sondern um diese zu schützen.“

Lily lächelte schwach.

„Na sieh mal einer an. Vielleicht können wir dem Tod ja doch noch eines Tages in den Hintern treten.“

Und während draußen die Nacht hereinbrach, saßen die drei Helden zusammen – ein wenig weiser, ein wenig trauriger, aber unerschütterlich in ihrer Mission, zu helfen und zu beschützen. Selbst wenn der Preis, wie dieses Mal, dafür hoch war.

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