An einem ungewöhnlich ruhigen Dienstagnachmittag klopfte es am Haus von Adiuva et Protege. Es war kein lautes, panisches Hämmern, wie sie es gewohnt waren, sondern ein ruhiges, bestimmtes Klopfen, das Autorität ausstrahlte.
Darin, der gerade versuchte, einen Manakristall mit einem Kaffeeröster zu kombinieren („Theoretisch sollte das den Koffeingehalt um 400 % steigern“, hatte er gemurmelt), öffnete die Tür.
Davor stand Kaelan, der Anführer der Wächter von Feenland, wettergegerbt, im klassischen Waldläufer-Outfit. Sein Gesicht war ernst.
„Darin“, sagte Kaelan knapp. „Ist Funny hier? Wir haben ein Problem.“
Schnell saß im Wohnzimmer das Team versammelt. Selbst Lily, die sonst bei „offiziellen“ Besuchen eher nervös herumzappelte, war angesichts von Kaelans Miene still.
„Es geht um einen Schmugglerring“, begann Kaelan, ohne Umschweife. „Aber einen, der uns entgleitet. Es verschwinden Tiermenschen, meist junge Mädchen aus dem Volk der Kraniche, Füchse, Katzen… zuerst dachten wir an Ausreißer. Aber die Muster passten schnell nicht mehr.“
Er legte einen Stapel Berichte auf den Tisch.
„Ich denke, sie werden entführt, als billige Arbeitskräfte missbraucht und dann… als exotische Sklaven außer Landes geschmuggelt. Jenseits der Grenzen von Feenland, wo wir keinerlei Handhabe haben.“
„Sklaverei? Hier?“, knurrte Lily, ihre Hände umklammerte ihre Kaffeetasse. „Ich dachte, das hätten wir ausgerottet!“

„Diese Bande ist anders“, sagte Kaelan. „Sie ist wie ein Geist. Keine Spuren, keine Zeugen. Die Wächter tappen im Dunkeln. Deshalb brauche ich euch. Ihr habt… unkonventionelle Methoden.“
Er blickte vielsagend zu Lily.
„Was wir brauchen, ist Zugriff auf die Archive“, sagte Funny sofort, ihr Verstand schaltete in den Strategie-Modus. „Alle Berichte über Vermisste der letzten zehn Jahre. Und alle Zoll- und Handelsberichte.“
Kaelan nickte.
„Das Archiv gehört euch.“
***
Die nächsten Tage verbrachten sie in der riesigen, staubigen Chronik-Halle der Wächter. Es war ein Albtraum aus Pergament.
„Okay, das ist sinnlos“, stöhnte Lily am dritten Tag und ließ den Kopf auf Rolle 1450 fallen. „Das ist ja, als würde man eine Nadel in einem Heuhaufen aus totem Papier suchen!“
„Nur, wenn man nicht weiß, wonach man sucht. Außerdem, Lily, Pergament ist kein Papier.“, erwiderte Darin leise.
Er stand vor einer riesigen, magisch leuchtenden Karte von Feenland, die er mit seinem eigenen Analysegerät verbunden hatte.
„Ich habe jeden Vermisstenfall der letzten fünf Jahre als roten Punkt eingetragen.“
Die Karte leuchtete an Dutzenden Stellen auf. „Sieht aus wie Elfenpocken“, murmelte Lily.
„Jetzt“, fuhr Darin fort, „ergänze ich mit Daten aus Chroniken über besonders seltene und kostbare Produkte. Speziell Textilien, die häufigsten Exportprodukte der Tierstämme. Funny, reichst Du mir bitte die Rollen?“
Funny reichte ihm die Berichte. Darin speiste die Daten ein. Blaue Punkte erschienen auf der Karte.
„Interessant, das teuerste Produkt ist ein Stoff aus dem Flaum eines weißen Kranichs.“, sagte Funny und trat näher.
„Korrekt“, sagte Darin. „Seht ihr das Muster? Die blauen Punkte – die teuersten Verkäufe – sind am weitesten von einem gemeinsamen Mittelpunkt entfernt und niemals mehr als eines am gleichen Ort. Die jüngeren, günstigeren Produkte haben den gleichen gemeinsamen Mittelpunkt. Es ist, als würde jemand seine ‚Produktionsstätte‘ verbergen, indem er die teuersten Waren am weitesten wegschafft.“
„Er ist reich geworden“, schloss Funny. „Sehr reich. Deshalb sind die späteren Verkäufe nicht mehr ganz so weit von diesem Mittelpunkt entfernt.“
„Ich habe hier auch noch etwas“, sagte Funny und rollte eine andere Karte aus. „Ich habe Routen der bekanntesten, aber nie gefassten Schmuggler analysiert. Es gibt drei Hauptadern, die aus Feenland herausführen und nicht die Tiermenschen-Gebiete kreuzen.“

Lily grinste.
„Zeit, für ein wenig Krach-Bumm?“
„Ja, Zeit für Krach-Bumm“, bestätigte Funny lächelnd.
***
Die staubige Teufelsschlucht war ein perfekter Engpass. Heiß, trocken und meilenweit von der nächsten Patrouille der Wächter entfernt. Hoch oben auf den Klippen, versteckt hinter Gebüschen, herrschte angespannte Stille.
„Positionen“, flüsterte Funny, ihre himmelblauen Augen musterten das Terrain durch ein kleines Fernrohr. Sie selbst lag auf einem kleinen Felsvorsprung, von dem sie die gesamte Schlucht überblickte.
Unter ihr, versteckt hinter einem massiven Geröllhaufen, klopfte Darin gerade einen letzten, schwach blau leuchtenden Runenstein in eine Felsspalte. Neben ihm kauerte Kaelan, der Anführer der Wächter mit vier seiner besten Leute.
„Aktivator-Rune sitzt“, meldete Darin über den magischen Kommunikator. „Die Sequenz ist bereit. Funny, dein Illusionstrigger ist an den Konvoi-Parameter gekoppelt. wir können jederzeit starten.“
„Und die Abkürzung?“, zischte Funny zurück.
„Der Spalt ist erweitert und mit einer leichten ‚Überseh-mich-nicht‘-Rune versehen“, erwiderte Darin trocken. „Sie werden sie sehen. Und Lily?“
„…sitzt in der Höhle und spielt ‚verängstigtes Glühwürmchen’“, kam Lilys Stimme knisternd durch. „Mir ist so langweilig! Ich hab hier drin schon drei Spinnenfamilien Namen gegeben. Wann kommen die bösen Jungs endlich? Ich will endlich jemandem was auf die Mütze geben!“
„Disziplin, Lily! Achtung! Sie kommen“, sagte Funny.
Am Horizont tauchte der Konvoi auf. Drei schwer beladene Wagen, die Planen fest verschnürt, umgeben von einem Dutzend bewaffneter Söldner.
„Das sind sie“, flüsterte Kaelan. „Genau wie der Informant sagte.“
„Wartet… wartet…“, befahl Funny, als der erste Wagen die von Darin magisch markierte Linie passierte. Der zweite folgte. Der dritte rumpelte darüber. „JETZT, Darin!“
Darin schlug mit der Faust auf den Haupt-Runenstein.
Ein tiefes Grollen lief durch die Schlucht. Die Schmuggler zogen erschrocken ihre Pferde herum.
„Was war das? Ein Erdbeben?“, schrie der Anführer, ein vernarbter Mann auf einem schwarzen Pferd.
Oben auf dem Felsvorsprung lachte Funny leise. Ihre Illusion war perfekt. Mit einem ohrenbetäubenden KRRRRACH! schien die gesamte Felswand vor ihnen einzustürzen. Hunderte Tonnen Gestein (die nur aus Licht, Magie und viel Special- Effekt-Runen-Zaubern bestanden) krachten auf den Pass und blockierten den Weg nach vorn.
„FELSSTURZ!“, brüllte einer der Männer in Panik. „Umdrehen! Schnell! Zurück!“, kommandierte der Anführer.
Doch als sie wenden wollten, aktivierte Darin die zweite Rune. Ein weiteres KRRACH! – diesmal ein echtes, wenn auch kleines, von Darin präzise platziertes Geröllfeld – löste sich von der Klippe hinter ihnen und blockierte den Weg zurück. Sie saßen in der Falle.
„Verflucht! Wir stecken fest! Wir sind eingekesselt!“
„Beruhigt euch!“, rief der Anführer. „Es war nur ein Steinschlag!“
„Boss! Schaut!“, rief sein Gehilfe und zeigte auf die Felswand zu ihrer Rechten.
„Eine Höhle! Eine Abkürzung! Da kommen wir durch! Das sieht aus wie der alte Minenschacht!“
Der dunkle Spalt, den Darin „vorbereitet“ hatte, wirkte plötzlich wie die einzige Rettung.
„Gute Augen, Jan! Alle Mann in die Höhle! Sichert die Ladung! Beeilung! Bewegt euch!“, brüllte der Anführer.
Die drei Wagen rumpelten nacheinander in die Dunkelheit. Die Höhle war tiefer, als sie dachten.
„Licht! Macht Fackeln an!“, rief der Anführer vom ersten Wagen. „Wir müssen sehen, wo dieser Tunnel…“
Als die Fackeln entzündet wurden, erstarrten sie. Die Höhle war eine Sackgasse. Und mitten in der Sackgasse saß Lily auf einem Felsen und klopfte demonstrativ mit ihrer Naginata auf den Boden.

„Hallo, Jungs“, grinste sie, ihre roten Haare leuchteten im Fackelschein. „Die Paketannahme ist hier drüben. Ladung bitte abstellen. Und mit erhobenen Händen auf den Boden legen, sonst gibt’s Kratzer.“
„Eine Elfe! Greift sie an!“, brüllte der Anführer.
Bevor die Schmuggler reagieren konnten, ertönte ein lautes metallisches Rasseln hinter ihnen. Der Höhleneingang wurde durch ein massives, von Darin aktiviertes Runen-Gitter versiegelt. Es zischte vor Energie.
„Es ist eine Falle!“, schrie einer der Söldner.
„Ach! Wie kommst’n da drauf?“, spottete Lily und sprang vom Felsen, ihre Naginata kampfbereit erhoben.
Der Kampf war kurz, brutal und für die Schmuggler extrem deprimierend. Lily war ein Wirbelwind aus Stahl, während Funny, Darin und die Wächter, die durch einen versteckten Nebengang eingetreten waren, die Schmuggler von hinten packten. Innerhalb von drei Minuten waren alle Söldner entwaffnet und gefesselt.
„So“, sagte Lily und klopfte sich den Staub von ihrem roten Bikini. „Das ging ja fix. Jetzt wollen wir mal sehen, welche armen Tiermädchen ihr…“
Sie riss mit einer ungeduldigen Bewegung die Plane vom ersten Käfig. Ein Schwarm bunter, exotischer Papageien kreischte ihr entgegen und flatterte panisch im Käfig umher.
Lily erstarrte.
„…Vögel?“
Funny öffnete den Riegel des zweiten Wagens. Sie wurde von einer Reihe seltener, saphirblauer Echsen angestarrt, die auf einem Haufen Seidenkissen saßen. Darin blickte in den dritten Wagen.
„Kisten. Elfenbein, nehme ich an. Und seltene Erze.“
Die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Kaelan trat vor und packte den gefesselten Anführer am Schlawittchen.
„Wo sind die Tiermenschen?“
„Was? Tiermenschen?“, keuchte der Schmuggler, der einen von Lilys Hieben abbekommen hatte und leicht blutete. „Seid ihr verrückt? Wir schmuggeln nur exotische Tiere und Artefakte für den Herzog im Süden! Von Tiermenschen weiß ich nichts!“
Lily stieß ihre Naginata frustriert in den Boden.
„Verdammt! Falscher Ring! So ein Mist! Ich hab mich extra auf Tiermensch-Schmuggler-Verkloppen eingestellt!“
Funny legte Kaelan eine Hand auf die Schulter, während die Wächter die Schmuggler abführten.
„Es war nicht der richtige Fang.“ Sie blickte auf die exotischen Vögel, deren Wagentür Darin gerade öffnete. „Aber es war trotzdem ein guter Fang.“
***
Es war eine dieser Nächte in der Hafenstadt, die selbst einen Golem melancholisch machen könnten. Ein kalter, beißender Regen peitschte vom Meer her und verwandelte die Gassen in schlammige Bäche. Das Ziel war ein riesiges, modriges Lagerhaus am Kai 9 3/4, aus dem gedämpftes Licht und das Poltern von Kisten drang.
Das Team kauerte hinter einem Stapel nasser Fässer. Funny, Darin, Lily und Kaelan mit einer Handvoll auserlesener Wächter.
„Okay, es regnet. Perfekte akustische Deckung“, flüsterte Funny, während sie das Lagerhaus durch ein kleines, magisches Fernglas beobachtete. „Darin, Status?“
Darin hielt einen komplizierten leise knisternden Scanner in den Regen.
„Zehn, nein… elf Hitzesignaturen. Stark bewaffnet. Sie bereiten das Verladen der Kisten auf ein Schiff vor. Sie sind in Eile.“
„Gut.“ Funnys Stimme war kühl und präzise. „Hier ist der Plan. Er ist subtil. Darin, du nimmst den Lüftungsschacht an der Westseite. Ich erzeuge eine magische Ablenkung am Osttor – eine Illusion, vielleicht ein Yōkai-Geräusch, das wie ein ertrunkener Seemann klingt. Wenn sie nachsehen…“
Ein lautes, theatralisches Stöhnen unterbrach sie.
„Ooooh Maaaann…“, kam es von Lily, die völlig durchnässt an einer Kiste lehnte und wie ein begossener Papagei aussah.
Funny ignorierte sie.
„…schleichst du dich rein, Darin, und öffnest uns die Haupttür von innen. Kaelan, ihr stürmt auf mein Signal. Lily…“
„Ich was?“, fragte Lily mit gefährlich süßer Stimme. „Stehe ich Schmiere? Halte ich die nassen Umhänge? Zähle ich die Regentropfen? Ich wette, ich zähle Regentropfen!“
„Du hältst die Rückendeckung“, sagte Funny streng. „Und du greifst nicht ein, bis ich das Signal gebe. Klar?“
„Glasklar“, knurrte Lily. „Ich sterbe vor Langeweile, bevor der Kampf anfängt. Das ist der langweiligste Plan seit ‚Warten wir, bis der Troll an Altersschwäche stirbt‘!“
„Es ist ein guter Plan“, zischte Funny. „Okay, Darin, fang an zu klettern. Ich starte die Ablenk…“
„NEIN!“
Alle erstarrten. Funny, Darin und Kaelan starrten Lily an, die plötzlich kerzengerade stand, ihre grauen Augen funkelten im Regen. „DEIN PLAN IST LANGWEILIG!“
„Lily, was tust du?“, zischte Funny alarmiert. „Bleib sofort…“
„Ich hab ’ne bessere Idee!“, rief Lily, die bereits auf einen Stapel nasser Kisten sprang, um auf das Vordach des Lagerhauses zu gelangen. „Nennt sich Jump and Hit! Oder auch: ‚Die Haustür-Methode‘!“
„Oh nein“, seufzte Darin und schob seine nasse Brille hoch. „Sie meint nicht die Haustür. Sie meint das Dachfenster.“
„LILY! ZURÜCK! DAS IST EIN BEFEHL!“, brüllte Funny, aber es war zu spät.
***
Drinnen im Lagerhaus. Elf zwielichtige Gestalten schleppten Kisten.
„Beeilt euch!“, herrschte der Anführer.
„Der Kapitän wird nervös. Und bei dem Regen…“
„Hast du das gehört?“, fragte ein anderer und blickte zur Decke. „Klang wie ’ne Katze auf dem Dach.“
„Ist nur der Regen auf dem…“
KRRRRAAAAAAAAAACH!
Glas, Regenwasser und eine rothaarige Elfe explodierten durch das große Oberlicht in der Mitte der Halle. Lily landete mit einem donnernden WUMM auf einem zehn Fuß hohen Stapel Kisten, ihre Naginata bereits erhoben.

Die Schmuggler erstarrten. Elf Münder klappten auf.
„ÜBERRASCHUNG, IHR HAFEN-LURCHE!“, brüllte Lily in die Stille. „ABTEILUNG ZOLL-NACHZAHLUNG! UND ICH BIN DIE VOLLSTRECKERIN!“
***
Draußen starrte Funny auf das klaffende, schwarze Loch im Dach, aus dem jetzt Licht und Geschrei drang. Ihr linker Augenwinkel begann zu zucken.
„Sie ist drin“, stellte Darin sachlich fest. Kaelan, der Wächter-Anführer, blickte Funny unterdrückt lächelnd an.
„…das war nicht das Signal, oder?“
Funny atmete tief ein, zählte bis drei und stieß die Luft mit einem Geräusch aus, das wie ein sterbender Kessel klang.
„Es ist jetzt das Signal! PLAN DELTA! Chaos nutzen! LOS, LOS, LOS!“
***
Drinnen herrschte Chaos pur.
„Wo kam DIE her?!“, schrie ein Schmuggler und hob seine Armbrust. „Schießt sie runter! Es ist nur eine!“
„NUR EINE?“, kreischte Lily, die den Armbrustbolzen mit ihrer Naginata einfach wegschlug. „ICH BIN MEHR ALS GENUG FÜR EUCH FEUCHTE UNTERBELICHTETE KELLERASSSELN!“
Sie sprang vom Kistenstapel, einem Wirbelwind gleich. Sie landete zwischen drei Schmugglern, ihre Waffe ein silberner Blitz. Sie entwaffnete zwei Männer, bevor sie überhaupt wussten, wie ihnen geschah und der Dritte bekam einen Tritt gegen das Knie und flog in einen Stapel Fässer.
Genau in diesem Moment krachten die Haupttore auf. Funny, Darin und die Wächter stürmten herein, ein disziplinierter Keil, der auf das chaotische Zentrum zusteuerte. Funny war die Erste, die einen Schmuggler erreichte, der sich gerade auf Lily stürzen wollte. Sie rammte ihm den Knauf ihres Dolches in die Magengrube und flüsterte dabei Lily ins Ohr: „LILY! DU KRIEGST EINE WOCHE LANG NUR NOCH WASSER UND BROT!“
„GIBT’S KAKAO DAZU?“, rief Lily zurück, während sie mit dem Schaft ihrer Waffe einen Schwerthieb parierte.
Darin war eine langsamere, aber weitaus furchteinflößendere Naturgewalt. Er war der Fels. Seine riesige Doppelaxt war kein elegantes Werkzeug, sie war ein Statement. Er blockte einen Hieb, der für Kaelan bestimmt war und der Aufprall warf den Angreifer mitsamt Schwert rückwärts in den Schlamm.
Der Kampf war heftig, das Chaos groß. Kisten stürzten um.
Zehn Minuten später war das Lagerhaus gesichert. Alle elf Schmuggler waren gefesselt, stöhnten und wurden von den Wächtern durchsucht.
„Gut gekämpft“, knurrte Kaelan, während er sein Schwert säuberte. „Auch wenn es eher unorthodox war.“
Funny massierte sich die Schläfen und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie viel der Schaden am Oberlicht die Gilde kosten würde.
„Darin. Die Ladung. Was ist es?“
Darin, unbeeindruckt vom Kampf, stemmte seine Axt in die Seite der nächstbesten Kiste und hebelte sie mit einer kurzen Kraftanstrengung auf. Goldmünzen, Juwelen und glitzernde Halsketten ergossen sich auf den Boden.
„Edelsteine“, sagte Funny enttäuscht.
Kaelan öffnete eine andere Kiste.
„Magische Artefakte. Eindeutig gestohlen aus dem Tempel des Südens.“
Lily trat eine dritte Kiste auf. Mehr Gold.
Ihr triumphierendes Grinsen gefror.
„Wartet mal.“
Sie rannte wie eine Wahnsinnige durch das Lagerhaus und stieß Kisten um. Gold. Silber. Artefakte. Seide. Keine Käfige.
„Wo sind sie?“, rief sie und ihre Stimme wurde schrill. „Wo sind die Tiermädchen? KEINE TIERMENSCHEN!“
Sie stapfte frustriert zurück zur Gruppe. Sie spürte etwas auf ihrer Wange. Sie wischte es ab. Es war eine Mischung aus Regenwasser, Schlamm und ein bisschen Blut. In ihrer Handfläche lag außerdem… ein Zahn.
Lily starrte den Zahn an.
„Das ist nicht mal meiner!“ Sie warf ihn angewidert auf den Boden. „VERDAMMT! WIEDER DER FALSCHE RING! Ich hab mir extra Schlamm und einen Zahn eingefangen… und das alles umsonst!“
„Nicht umsonst, Lily“, sagte Funny müde, aber auch ein wenig stolz. „Wir haben den Tempelschatz gerettet.“
„Aber ich wollte SKLAVENHÄNDLER vermöbeln!“, jammerte Lily. „Nicht reiche Diebe! Das macht nur halb so viel Spaß!“
Darin klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter.
„Nächstes Mal, Lily. Bestimmt.“
***
Dieses Mal war Funnys Plan… besonders. Sie hatten einen Transport ausfindig gemacht, der angeblich „exotische Tänzerinnen“ geladen hatte. Sie fanden das geheime Lager im Wald.
„Laut unserer Informanten werden sie morgen früh verladen“, flüsterte Funny. „Lily, du machst Lärm auf der Ostseite. Darin, du und ich… wir machen einen Austausch. Für eine direkte Konfrontation werden es morgen zu viele sein.“
Unbemerkt schlichen sie sich in das Lager, während Lily in 500 Metern Entfernung eine kleine Explosion vortäuschte. Funny betäubte die beiden abgelenkten Wachen lautlos. Im Lager fanden sie Käfige mit verängstigten Fuchs- und Katzenmädchen.
„Raus hier“, flüsterte Funny und befreite sie. Gleichzeitig zerrte Lily ein paar zappelnde Säcke herbei.
„Was ist das?“, fragten Kaelan.
„Goblins“, sagte Lily, grinsend. „Hab ich vorhin beim Spionieren erwischt und gleich mit eingetütet.“
Sie packten die wütenden und halbbetäubten Goblins in die Wagen, schlossen die Türen und verschwanden. Am nächsten Morgen, weit entfernt auf der Straße, hörten sie einen Aufruhr. Die Goblins waren aufgewacht und fielen über die gerade nichtsahnend angekommenen Schmuggler her. Auf der panischen Flucht rannten die Schmuggler direkt in die Arme der Wächter die Funny vorsorglich postiert hatte. Die Schmuggler ergaben sich sofort.
„Ein Meisterwerk, Fun-chan!“, lachte Lily. Doch das Lachen erstarb, als sie die gefangenen Schmuggler verhören wollten.
„Wer ist der Boss? Wer steckt hinter den Tiermenschen-Entführungen?“, herrschte Kaelan den Anführer an.
Der Schmuggler öffnete den Mund. Er wollte gerade sprechen… als er plötzlich blau anlief. Er griff sich an die Kehle, wandte sich in furchtbaren Krämpfen am Boden und war innerhalb von zehn Sekunden tot. Das Gleiche passierte mit allen anderen, die sie befragen wollten.
Darin kniete sich nieder und untersuchte die Leichen.
„Ein Schweige-Fluch. Magisch. Uralt. Sobald sie versuchen, über den Ring zu sprechen, sterben sie. Das… ist jetzt ein richtiges Problem. Wir haben niemanden zum Befragen mehr.“
***
Zurück im Archiv. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt.
„So kommen wir nicht weiter“, sagte Funny.
„Jeder, den wir fassen, stirbt oder wird sterben wenn wir ihn befragen.“
„Dann beschäftigen wir uns jetzt mit dem Ursprung“, sagte Darin und zeigte auf seiner Karte genau auf den Mittelpunkt.
„Und wer lebt dort?“, fragte Funny.
Darin zoomte die Karte heran.
„Eine alte Bauernfamilie. Die Yamadas, der Sohn Kotaro und seine Eltern. Sie wurden über die Jahre wohlhabend, aber sie protzen nicht. Sie gelten als mitleidig und gutherzig.“
„Gutherzig“, spottete Lily.
„Sie sind unser Ziel, da bin ich mir sicher“, sagte Darin. „Die Yamadas. Es passt zu dem Muster. Sie müssen es sein.“
„Okay“, sagte Lily und klimperte mit ihren Wimpern, was bei ihr immer ein schlechtes Zeichen war. „Dann brauchen sie einen neuen, exotischen Vogel.“
Funny und Darin sahen sie alarmiert an.
„Nein, Lily. Auf keinen Fall“, sagte Funny.
„Och, warum nicht?“, sagte Lily und stolzierte durch den Raum, ihre Flügel flatterten kräftig. „Ich bin schließlich sehr hübsch! Und auf Feuerrot stehen junge Männer auch. Ich flattere da mal rüber. Er schießt auf mich. Ich tue so, als wäre ich getroffen. Er ‚rettet‘ mich. Ich werde aufgepäppelt, finde Beweise für die Sklavenarbeit und den Schmuggel, und Bumm! Wir haben ihn!“
„Das ist der dümmste Plan, den ich je gehört habe!“, rief Funny.
„Und was ist, wenn er dich töten will?“, fragte Darin besorgt.
„Mich? Ich bin B-Rang! Der Typ ist ein Hinterwäldler!“, lachte Lily.
Funny und Darin wollten protestieren, aber Lily nutzte ihre Geheimwaffe: Sie sah Funny mit großen, bittenden Augen an und legte Darin eine Hand auf den Arm.
„Bitte, Fun-chan. Bitte, Darin. Es ist der einzige Weg, um in den Fluch-Kreis zu kommen. Wir müssen das von innen aufrollen.“
Widerwillig gaben die beiden nach.
„Eine Regel, Lily“, sagte Funny todernst. „Der Fluch. Er könnte über die Nahrung übertragen werden. Du isst nichts. Du trinkst nichts. Verstanden?“
„Verstanden, Mama“, grinste Lily.
***
Lily flatterte los. Sie flog in großer Höhe über das Anwesen der Familie Kotaro. Funny, Darin und Kaelan selbst, mit einer Handvoll Wächter, waren getarnt im umliegenden Wald verteilt. Darin hielt sein magisches Periskop, das mit Lilys Aura-Sender verbunden war.
„Okay, ich fange an, hübsch auszusehen“, hörten sie Lilys Stimme über den Sender. Sie schwebte tiefer. Wie erwartet, trat ein junger Mann aus dem Haus. Kotaro. Er sah sie. Lächelte. Und legte einen Pfeil auf seinen Bogen. Klick. Er schoss.

„Er schießt! Der Mistkerl!“, zischte Lily.
Funny, die aus 200 Metern Entfernung zusah, konzentrierte sich. Sie sprach einen leisen Windzauber. Pffft. Der Zauber gab dem Pfeil einen winzigen Schubser. Er streifte Lilys Flügel, anstatt sie aufzuspießen.
„AU! TREFFER! ICH STERBE!“, schrie Lily theatralisch und stürzte wie ein nasser Sack Mehl vom Himmel in ein Gebüsch.
„Gute Güte, muss sie so übertreiben?“, murmelte Darin.
Sie sahen, wie Kotaro zu ihr lief.
„Armes, kleines Ding!“, rief er, voller gespielter Sorge.
„Verletzt? Ein Wilderer muss dich erwischt haben!“
„Aua…“, wimmerte Lily. „Ich glaube… mein Flügel… verstaucht.“
„Keine Sorge, ich trage dich“, säuselte Kotaro begeistert von dem hübschen Mädchen.
Er schleimte sich furchtbar ein. Und Lily spielte ihr Element voll aus, klimperte mit den Wimpern und jammerte. Funny, die zusah, hatte schon Angst, Lily würde auffliegen, weil sie gleich loslachen würde.
Kotaro nahm Lily mit in sein Haus. Von außen eine bescheidene Bauernhütte. Als sie eintraten, sah Darin durch sein Periskop das Innere. Ihm klappte die Kinnlade herunter.
„Wow.“
„Was ist?“, fragte Funny.
„Runen-Magie. Expansions-Zauber. Es ist innen ein Schloss! Das ist… das ist technologisch brillant! Das gleiche Prinzip wie meine Item-Box, aber auf ein ganzes Haus angewandt! Ich muss… ich muss mir das ansehen!“
„Darin, Konzentration!“, zischte Funny, gerade als Darin aufstehen wollte, um sich das „näher anzuschauen“.
Lily wurde den Eltern vorgestellt. Sie setzten sie aufs Sofa.
„So, liebes Kind, trink einen Tee, das beruhigt“, sagte die alte Mutter und reichte Lily eine Tasse.
„Nein, danke“, sagte Lily schnell. „Ich habe keinen Durst. Ich bin durch die Aufregung nur müde.“
„Aber…“
Die Mutter wurde stutzig. Sie musterte Lily. Ihre Augen wurden schmal.
„Moment mal…“, sagte die Mutter. „Dieses rote Haar… diese schnippische Art… ich hab dich schon mal gesehen. In der Zeitung!“
Lilys Lächeln gefror.
„Du!“, kreischte die Mutter, „Du bist das Gör von Adiuva et Protege! Die, die immer die Pressekonferenzen hält!“
Kotaro wurde blass.
„GANZ SICHER! SIE IST ES!“, schrie die Alte und zog zwei große Messer unter ihrer Schürze hervor.
Sie stürzte sich auf Lily, um sie ihr ins Herz zu stoßen.
„Du wirst uns nicht auffliegen lassen!“
Im Wald sahen Funny und Darin das Chaos durch das Periskop.
„SIE WISSEN ES! SIE IST AUFGEFLOGEN!“, schrie Funny in den Kommunikator. „ZUGRIFF! ZUGRIFF! ZUGRIFF!“
***
Kaelan und die Wächter stürmten von Süden. Darin und Funny krachten durch die Vordertür. Darin schob Funny hinter sich, seine Doppelaxt war bereit, alles niederzumähen. Sie stürmten ins Wohnzimmer… und blieben wie angewurzelt stehen.
Die Szene war… unerwartet. Kotaro lag gefesselt auf dem Boden. Die beiden Anderen waren ebenfalls gut verschnürt in einer Ecke. Und Lily? Lily thronte seelenruhig auf dem Knie des gefesselten Kotaro.
„Na?“, grinste Lily. „Habt ihr euch auf dem Weg verlaufen? Ich hab schon mal aufgeräumt.“

Funny starrte sie an.
„Wie…“
„Die Alte hat die Messer gezogen, die Griffe der eigenen Messer in den Magen zu bekommen, ist nicht jedermann Sache, ist umgekippt wie ein nasser Sack. Der Vater wollte mich von hinten packen, hab ihm das Gesicht mit meiner Faust gestreichelt. Fand er nicht so gut, ist zusammengesackt. Kotaro wollte fliehen, hab ihm ein Bein gestellt. Ist etwas unglücklich auf den Boden gekracht. Ging eigentlich ganz schnell. Na? Wer ist die Beste?“
Darin schob seine Brille zurecht und blickte sich im Raum um.
„Zumindest bist du ganz offensichtlich die Bekannteste.“
Kaelan übernahm das Kommando und wandte sich an die Yamadas.
„Ihr seid verhaftet wegen Sklavenhandels, Entführung und Ausbeutung.“
Lily sprang auf.
„So! Und jetzt, ihr Drecks-Sklavenhändler… WO SIND DIE MÄDCHEN? UND WO IST DAS KRANICH-MÄDCHEN?“
Funny rief noch: „Lily, nein. Der Fluch!“
Kotaro, seine Mutter und sein Vater, gefesselt und besiegt, sahen Lily mit purem Hass an.
„Du… wirst sie nie finden…geht mal hinters Haus auf den Hof…“, keuchte die Mutter.
„Wir werden eher… sterben…“, gurgelte der Vater.
„Als… es zu verraten…“, zischte der Sohn. Sie machten alle gleichzeitig den Mund auf, um zu antworten, um zu fluchen…
Und kippten mit Krämpfen tot um.
Stille.
Lily starrte auf die drei Leichen.
„Was…?“
„Sie haben den Schweige-Fluch auf sich selbst angewendet“, sagte Funny leise. „Er hat sie getötet, als sie antworten wollten.“
Darin, der bei der Erwähnung des Hofes voller böser Vorahnung nachschauen gegangen war, kam sehr blass zurück.
„Ein Massengrab!“ sagte er tonlos. „Sie haben die Mädchen wie Müll entsorgt! Diese Bestien! Der Tod ist viel zu gut für diesen Abschaum.“
Eine Träne rann ihm über die Wange.
***
Kaelan traf eine Woche später erneut im Hauptquartier der Drei ein. Er legte einen Beutel Gold auf den Tisch.
„Ihr habt den Ring zerschlagen“, sagte er mit schwerer Stimme. „Die Aufzeichnungen, die wir im Keller des Hauses gefunden haben… akribisch. Wir wissen jetzt zumindest, wer alles betroffen ist. Und wir haben das Grab untersucht. Wir haben die meisten Mädchen identifizieren können“
„Wieviele?“, fragte Funny leise.
Kaelan schüttelte den Kopf. Der alte Wächter hatte schon viel erlebt, aber das hier?
„Dutzende. Die meisten verhungert oder an Entkräftung gestorben.“
Er schaute angestrengt in seine Unterlagen.
„Ungefähr die gleiche Anzahl wurde außer Landes geschafft. Wir haben die Kontaktleute alle erwischt. Einige hat der Fluch dahin gerafft. Und die wenigen anderen wussten nichts. An die Kontakte jenseits der Grenze kommen wir damit nicht heran… Die aus dem Land geschafften Mädchen… sie sind verloren.“
Er blickte Lily an, die auf dem Sofa kauerte und seit Tagen kein Wort gesprochen hatte.
„Manchmal, Lily“, sagte Kaelan sanft, „ist es schmerzhaft, sich eine harte Wahrheit einzugestehen. Wir können nicht jeden retten. Aber ihr habt eine große Gefahr für Feenlands Einwohner gebannt. Der Ring ist vollständig ausgehoben. Ich denke, die Tiermenschen-Stämme werden euch immer Dankbar sein. Für mich kommt jetzt das Schlimmste: Die Familien informieren.“
Er ging gesenkten Hauptes.
Lily saß da, ihre Knie an die Brust gezogen, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
„Es… es fühlt sich nicht wie ein Sieg an.“
Funny legte ihr schweigend eine Decke um. Darin sagte nichts. Er ging in die Küche. Ein paar Minuten später kam er zurück und stellte vor Lily eine große, dampfende Tasse seines besten Kakaos ab.


































Schreiben Sie einen Kommentar