Die untergehende Sonne tauchte die Türme von Civitas Aurelia, der prachtvollen Hauptstadt Feenlands, in ein warmes Gold. In einer der malerischen, mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Seitengassen lag Lydias Taverne. Lydia, eine begnadete Köchin und der ehemalige Lehrling von Darins Mutter Rawenna, hatte sich hier ein kulinarisches Paradies erschaffen.
An diesem Abend brannte das Licht in der Taverne besonders warm, und der Duft von gerösteten Waldpilzen und Honig-Braten lag in der Luft.
Funny und Darin traten durch die efeuumrankte Tür.
Lydia stürmte auf sie zu und drückte beide gleichzeitig.

„Da seid ihr ja!“, rief sie begeistert. „Euer Lieblingstisch auf der überdachten Terrasse ist bereit. Ach, ich freue mich so für euch! Euer erstes richtiges Date!“
Darin lief augenblicklich purpurrot an und ruderte wild mit den Händen.
„Lydia! Das… das ist kein Date! Wir gehen nur essen. Weil wir Hunger haben. Eine rein biologische Notwendigkeit zur Kalorienaufnahme!“
Funny lachte hell auf, spürte aber, wie auch ihre eigenen Wangen warm wurden.
„Genau, Lydia. Nur zwei Freunde, die deine wunderbare Küche genießen wollen.“
Lydia zwinkerte so auffällig, dass es fast als Gesichtskrampf durchgegangen wäre.
„Natürlich, natürlich! Eine Kalorienaufnahme bei Kerzenschein. Verstanden. Kommt mit.“
Jeder in Civitas Aurelia wusste, was die beiden füreinander empfanden – nur die beiden selbst klammerten sich noch an ihre Ausreden.
Was Funny und Darin nicht wussten: Der Abend hatte bereits eine brisante Vorgeschichte. Am Tage zuvor hatte Lily zufällig mitbekommen, dass die beiden ein gemeinsames Abendessen planten. Als sie hörte, dass sie nicht mit durfte, wollte sie erst toben. Keine durfte Lydias Honig-Braten ohne sie essen! Doch Lydia, strategisch brillant, hatte Lily beiseitegenommen.
„Hör zu, Wirbelwind. Lass die beiden in Ruhe gurren, und ich mache dir ein Mittagessen, das so groß ist, dass du danach nicht mehr fliegen kannst.“
Lily hatte geschmollt, den Deal dann aber akzeptiert. Doch Lily war eben Lily. Das Geheimnis brannte auf ihrer Zunge. Noch am selben Nachmittag war sie im Hauptquartier der Wächter auf den Tisch gesprungen und hatte gerufen: „LEUTE! Funny und Darin haben ein Date!“
Und genau deshalb raschelte es nun in den Büschen gegenüber von Lydias Taverne.
„Nimmi, du stehst auf meinem Fuß!“, zischte die Elfe Losana.
„Dann nimm deine langen Elfenlatschen aus meinem Revier!“, grummelte der Zwerg Barnim zurück, während er versuchte, durch ein paar Rosenzweige zu spähen.
Neben ihnen kauerte der Zwerg Bartly, und direkt auf dem Ast über ihnen hing Lily kopfüber wie eine rote Fledermaus.
„Pssst!“, zischte sie. „Lydia bringt gerade den Wein! Darin sieht aus, als würde er gleich platzen!“
Auf der Terrasse nahm Funny einen Schluck von dem perlenden Wein. Plötzlich hielt sie inne. Ihre feinen Ohren zuckten. Sie konzentrierte sich und ihre Augen weiteten sich leicht.
„Darin?“, flüsterte sie und beugte sich über den Tisch.
„Ja?“, fragte er nervös.

„Die Magnolienbüsche auf der anderen Straßenseite strahlen eine sehr vertraute Aura aus. Eine Mischung aus Zwergen-Grummeln, Losanas Parfüm und… massiver Neugier.“
Darin seufzte schwer, ohne sich umzudrehen.
„Lily ist eine furchtbare Geheimnisträgerin. Sollen wir sie verjagen?“
Funny lächelte sanft, legte ihre Hand einen kurzen Moment auf seine und strich über seine Finger.
„Nein. Lass sie im Busch hocken. Wir ignorieren sie einfach.“
Lydia brachte gerade die Vorspeisen – kleine, knusprige Teigtaschen mit magischen Kräutern –, als lautes Gegröle die romantische Atmosphäre zerschnitt.
Eine Rotte von fünf Abenteurern wankte die Gasse hinunter. Es waren drei stämmige, verwahrloste Zwerge und zwei Menschen in zerkratzten Rüstungen. Sie stanken nach billigem Ale und schlechten Entscheidungen. Sie traten gegen Fässer, pöbelten Passanten an und blieben schließlich direkt vor Lydias Taverne stehen.
„Sieh mal einer an!“, lallte einer der Menschen und zog ein rostiges Schwert. „Eine feine Taverne für feine Pinkel! Wie wäre es, wenn ihr alle mal eure Geldkatzen auf den Tisch legt? Das ist jetzt eine… äh… Spendenaktion für schwer arbeitende Helden wie uns!“
Die anderen Gäste auf der Terrasse schraken zusammen. Lydia trat mutig vor, die Hände erbost in die Hüfte gestemmt.
„Verschwindet! Hier gibt es nichts für euch Halunken!“
„Halt die Klappe, Kätzchen, oder ich schneid dir deine…“
Weiter kam der Mann nicht.
Funny und Darin waren fast synchron aufgesprungen. Funnys blaue Dolche leuchteten bereits knisternd in ihren Händen, ihre Haltung war die einer tödlichen Raubkatze. Darin hatte seine schwere Axt aus der Itembox gerissen. Die romantische Stimmung war verflogen, ersetzt durch den kalten, präzisen Fokus zweier hochrangiger Abenteurer, die ihre Freunde beschützten.
Aber bevor Funny auch nur einen Schritt machen konnte, explodierten die Magnolienbüsche auf der anderen Straßenseite.
„IHR VERDERBT DIE STIMMUNG!!!“, brüllte eine schrille, rasende Stimme von oben.
Lily krachte wie ein roter Komet vom Baum direkt auf den Anführer der Schläger. Sie rammte ihm den Schaft ihrer Naginata in die Magengrube, dass er röchelnd zusammenklappte.
„Für die Romantik!“, brüllte Barnim der Zwerg, stürmte aus dem Gebüsch und verpasste einem der gegnerischen Zwerge eine Kopfnuss, die wie ein Donnerschlag klang.
Losana trat elegant auf die Straße, schnippte mit den Fingern und dicke, magische Ranken schossen aus dem Pflaster, die den zweiten Menschen sofort wie eine Fliege im Spinnennetz fesselten. Bartly schwang seinen Hammer und fegte die verbliebenen zwei Zwerge wie Kegel von den Füßen.
Es war kein Kampf. Es war eine absolute, demütigende Demontage. Die betrunkenen Schläger waren bestenfalls Rang C – sie standen einer wütenden Übermacht von A++ Wächtern gegenüber, die gerade bei ihrer Lieblingsbeschäftigung (dem Spionieren) gestört worden waren.
Innerhalb von zwanzig Sekunden lagen alle fünf Schläger gefesselt, stöhnend und völlig perplex auf dem Kopfsteinpflaster.
Lily wischte sich den Staub von den Händen, drehte sich zu der völlig verdutzten Funny und dem mit offener Kinnlade dastehenden Darin um und winkte fröhlich.
„Lasst euch nicht stören, ihr Turteltauben!“, rief Lily, während sie einen der Schläger am Kragen packte. „Wir bringen den Müll nur kurz zur Stadtwache! Guten Appetit noch!“
Barnim hob entschuldigend die Hand.
„Sorry für die Unterbrechung. Darin, vergiss nicht, ihr nachher ein Kompliment für die Augen zu machen. Das klappt immer!“
Losana zog Barnim an den Ohren weg.
„Klappe, Nimmi!“
Die Wächter zogen grinsend mit ihrer Beute ab und ließen eine atemlose Stille auf der Terrasse zurück. Funny ließ ihre Dolche verschwinden. Darin verstaute seine Axt in ihrer Itembox. Sie sahen sich an und schüttelten perplex und verwundert den Kopf.
Lydia räusperte sich lautstark. Sie trat an den Tisch und nahm die Teller mit den Teigtaschen weg.
„Hey!“, protestierte Darin schwach.
„Das Essen ist kalt geworden“, bestimmte Lydia streng. „Und kaltes Essen an einem Abend wie diesem ist ein Verbrechen gegen die Götter. Setzt euch. Ich mache euch jetzt etwas, das diesen Zirkus hier vergessen macht. Zu Ehren meiner beiden Lieblingswächter.“
Die anderen Gäste auf der Terrasse, die das Spektakel schweigend verfolgt hatten, hoben diskret und dankbar ihre Gläser in Richtung von Funny und Darin. Niemand sagte ein Wort, aber der Respekt war greifbar. Als Lydia wenig später mit dampfenden Tellern zurückkehrte – zartes Filet in einer magischen Beerenreduktion –, ließen es sich die beiden schmecken. Die Aufregung des Abends hatte der Romantik nicht geschadet; im Gegenteil, als sich ihre Hände über dem Tisch kurz berührten, lag ein leises, intimes Knistern in der Luft.
Stunden später, in dem kleinen, ruhigen Häuschen der Adiuva et Protege WG. Lily saß im Schneidersitz auf dem Sofa. Sie war hellwach. Sie rutschte vor Vorfreude hin und her. Sie wollte alles wissen. Hatten sie sich geküsst? Hatten sie Händchen gehalten? Hatte Darin sich endlich getraut?
Die Tür ging auf. Funny und Darin traten ein. Beide sahen unglaublich entspannt und glücklich aus.
Lily holte tief Luft, um ihre Fragerunde zu starten: „Und?! Wie war…“
„Gute Nacht, Lily“, sagte Funny mit einem zuckersüßen, aber absolut undurchdringlichen Lächeln.
„Schlaf gut, Lily“, fügte Darin hinzu, wobei sein Blick ebenfalls nichts, aber auch gar nichts verriet.

Ohne ein weiteres Wort gingen die beiden an dem Sofa vorbei, jeder in sein Zimmer, und schlossen leise die Türen. Lily saß mit offenem Mund da. Keine Details. Kein Klatsch. Die absolute, gnadenlose Informationssperre.
Nach ein paar Sekunden klappte sie den Mund wieder zu. Ein kleines, ehrliches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie wusste genau, dass Funny ihre Aura am Restaurant gespürt hatte und Darin sie von Anfang an bemerkt haben musste.
„Die Missachtung habe ich wohl verdient“, flüsterte Lily zu sich selbst, stand auf und streckte sich.
Es war ein guter Abend gewesen. Sie hatte Schläger verprügelt, morgen würde sie ein tolles Essen bekommen und ihre besten Freunde waren glücklich. Mit einem zufriedenen Summen ging auch die rote Chaos-Elfe ins Bett.
































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