Fortsetzung von Lilys erste Pressekonferenz
Der Tag nach der denkwürdigen Pressekonferenz – der Tag, an dem ihre Zukunft an der Akademie entschieden werden sollte – begann sehr ruhig. Die Herberge „Zur Schnurrenden Katze“ glich einer Festung. Lydia hatte die Fensterläden zur Straße hin verschlossen und wachte in der Gaststube mit der Wachsamkeit einer Löwin über den Eingang. Der Pressemeute war es trotz intensivster Suche in der Hauptstadt glücklicherweise noch nicht gelungen, das Quartier der aufstrebenden neuen Helden ausfindig zu machen. Lydia, die als ehemaliger Lehrling von Darins Mutter Rawenna sowieso eine tiefe Loyalität zu der Gruppe hegte, hatte sich als perfekter Schutzschild erwiesen.
In ihrem gemütlichen Zimmer wurden Funny, Lily und Darin durch den köstlichen Duft von Rührei, gebratenem Speck, frischen Brötchen und Lydias unvergleichlichem Kaffee langsam wach.
Während sie aßen, trudelten durch den Hintereingang, gebracht von einem diskreten Botenjungen, die ersten Tageszeitungen ein. Lydia breitete sie triumphierend auf dem Tisch aus. Auf fast allen Titelblättern prangten Fotos der drei Blumenelfen auf dem Podium.
„Seht euch das an!“, rief Lydia und ihr Schwanz zuckte freudig. „Ihr seid überall!“
Funny zog den Hauptstadt-Kurier zu sich heran und überflog den Leitartikel.
„Der Grundtenor ist extrem positiv“, stellte sie fest, ein feines Lächeln auf den Lippen. „Aber da schwingt noch viel Unglaube mit. Hört mal, was hier steht: ‚Wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten, wie diese drei jungen Elfen als perfekt abgestimmtes Team agieren, würden wir diese Heldengeschichten nie im Leben glauben. Adiuva et Protege ist kein Märchen, sie sind eine Naturgewalt in zarter Gestalt.‘“
Darin nickte langsam, während er an seinem Tee nippte.
„Das war zu erwarten. Wir passen nicht in ihr Weltbild von muskelbepackten Söldnern.“
Lily griff nach einer dunkelgrauen, grob gedruckten Zeitung, die etwas abseits lag. Es war die Elbenschau, ein berüchtigtes Blatt der sogenannten „Schwarzen Presse“, das vorwiegend von Orks, Goblins und Ogern gelesen wurde. Je mehr Lily las, desto tiefer zog sie ihre Augenbrauen zusammen. Ein gefährliches Knurren entwich ihrer Kehle.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, platzte es aus ihr heraus und sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten. „Hört euch diesen Müll an! ‚Blumenelfen können keine echte Angriffsmagie. Sie tanzen nur mit Schmetterlingen, sind zu zart, zu weich und im Kampf absolut schwach. Die angebliche Demonstration im Gildehaus war nichts weiter als eine billig inszenierte Show, bezahlt von der Abenteurergilde, um neue Rekruten anzulocken.‘ Eine Show?! Ich zeig diesem Schreiberling gleich mal meine Naginata, dann kann er sehen, wie weich ich bin!“
Funny lachte hell auf und legte eine beruhigende Hand auf Lilys Arm.
„Lass sie doch schreiben. Reg dich nicht auf, Lily.“
„Genau“, stimmte Darin mit seiner ruhigen, trockenen Art zu und biss gelassen in ein Brötchen. „Es kann für uns nur von Vorteil sein, wenn unsere Feinde und Neider unsere wahre Stärke nicht kennen. Wer uns unterschätzt, hat den Kampf schon halb verloren. Lass sie glauben, wir würden nur tanzen.“
Lily schnaubte, ihr feuerrotes Haar schien förmlich zu knistern, aber sie ließ die Zeitung sinken.
„Na gut. Aber wenn mir so ein Ork-Reporter blöd kommt, tanze ich ihm im wahrsten Sinne auf der Nase herum.“

Nach dem Frühstück machten sie sich auf den Weg zur Akademie. Doch die friedliche Illusion des Morgens zersplitterte, als sie auf den weiten Vorplatz des imposanten Akademiegebäudes traten. Hier, wo sich keine schützenden Gassen mehr befanden, stießen sie zum ersten Mal auf die volle Wucht ihres neuen Ruhms.
Dutzende „Pressefutzis“, wie Funny sie nannte, hatten sich vor dem Tor versammelt. Als die drei sichtbar wurden, brach ein ohrenbetäubender Lärm los. Die Reporter stürzten sich wie eine hungrige Meute auf sie, drängten, schoben, brüllten Fragen durcheinander und blendeten sie mit magischen Blitzlichtkristallen.
„Funny! Wie haben Sie den Zwork so schnell verzaubert?“
„Darin, was für eine Waffe war das?!“
„Lily! Stimmt es, dass Sie eine Affäre mit der Gildenmeisterin haben?!“
Bei der letzten Frage riss Lily endgültig der Geduldsfaden. Ihr Gesicht verfinsterte sich, ihre Augen blitzten auf und ihre Hand bewegte sich so, als würde sie gleich ihre tödliche Naginata aus der Itembox ziehen.
„So, das reicht, ich mach aus denen jetzt Kleinholz…“

Noch bevor sie die Waffe ziehen konnte, spürte sie, wie sie links und rechts unter den Armen gepackt wurde. Darin und Funny hatten sich nicht einmal angesehen, aber ihr Timing war perfekt. Sie entfalteten ihre zarten, aber kräftigen Flügel, stießen sich kraftvoll vom Boden ab und rissen die verdatterte Lily einfach mit sich in die Luft. Mit ein paar schnellen Flügelschlägen flogen sie über die Köpfe der schreienden Reporter hinweg, schwebten elegant über das hohe Akademietor und landeten sicher und sanft auf dem weiten Innenhof, während die Pressemeute frustriert von der magischen Absperrung der Akademie am Eindringen gehindert wurden
Auf der Treppe zum Hauptgebäude stand Fennja, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete die Szene mit einem amüsierten Schmunzeln.
„Also“, rief die Gildenmeisterin und kam ihnen langsam entgegen, „ich würde glatt sagen: Das Fach ‚Taktisches Entkommen und Ausweichen‘ habt ihr soeben mit Bravour bestanden.“
Die drei atmeten tief durch und mussten unweigerlich lächeln.
Dann wurde Fennja wieder ernst.
„Willkommen in der Realität, ihr Helden. Um 10 Uhr beginnen eure schriftlichen Prüfungen. Sie gehen heute mit einer kurzen Mittagspause bis 15 Uhr. Morgen folgt der zweite Theorietag im exakt gleichen Rhythmus. Danach habt ihr zwei Tage lang eure praktischen Prüfungen.“
Sie zwinkerte ihnen zu.
„Den Bereich ‚Suchen und Finden‘ habt ihr übrigens prüfungslos bestanden. Euer Ergebnis nach dem ersten Trimester, als ihr die halbe Akademie auf den Kopf gestellt habt, lässt sich schlichtweg nicht mehr steigern. Euch noch einmal zu testen, haben die Prüfer einstimmig als reine Zeitverschwendung abgelehnt.“
Was dann folgte, waren Tage, die sich anfühlten wie ein endloser Marsch durch zähen Schlamm. Vier Tage intensiver Prüfungen forderten ihren Tribut. Während Darin und Funny durch die komplexen magischen Formeln, historische Abhandlungen und alchemistischen Berechnungen vergleichsweise leicht kamen, brachte der Theorieteil Lily fast an den Rand der Verzweiflung. Stillsitzen, auswendig lernen, abstrakte Konzepte wiedergeben – das war nicht ihre Welt.
Am Morgen des zweiten Prüfungstages stand Lily vor den massiven Flügeltüren zum Prüfungssaal der Akademie und blieb abrupt stehen. Sie war blass, ihre Schultern hingen herab, und ihre Lippen zitterten.
„Ich kann das nicht“, flüsterte sie, und plötzlich brachen die Dämme.
Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen und fielen auf das Pflaster.
„Ich hab alles vergessen. Mein Kopf ist komplett leer. Ich… ich weiß nicht einmal mehr, welchen verdammten Rang wir eigentlich haben! Was ist, wenn ich durchfalle und ihr ins zweite Jahr geht und ich zurückbleibe?“
Sie fing an zu schluchzen und verbarg das Gesicht in den Händen.
Funny zögerte keine Sekunde. Sie trat vor, schloss ihre Arme fest um die weinende Freundin und zog sie in eine tiefe, tröstende Umarmung. Sie strich ihr beruhigend über das feuerrote Haar.

„Schhh, Lily“, flüsterte Funny sanft, aber eindringlich. „Hör auf zu weinen. Denk bei dieser dämlichen Prüfung heute einfach an unsere Abenteuer. Denk nicht an trockenen Prüfungsstoff oder irgendwelche Jahreszahlen. Denk daran, wie wir den Troll überlistet haben, denk an den Albus, denk daran, wie wir Freunde geworden sind und wie viel Spaß wir zusammen hatten. Prüfungen? Wir brauchen keine Prüfungen, um zu wissen, wer wir sind.“
Funny drückte sie noch ein bisschen fester.
„Wir wissen, was du kannst. Wir wissen, dass du das Herz unserer Gruppe bist. Das brauchst du uns nicht zu beweisen, und das brauchst du diesen Lehrern nicht zu beweisen. Du bist unsere beste Freundin! Und jetzt wisch dir die Tränen ab, geh dort rein und zeig denen, aus welchem Holz eine Lily geschnitzt ist!“
Sie hielt Lily noch eine ganze Weile, bis das Schluchzen leiser wurde und sich der rasende Puls der rothaarigen Elfe beruhigte.
Darin, der still daneben gestanden hatte, trat nun ebenfalls einen Schritt näher und legte Lily eine Hand auf die Schulter. Sein Gesicht war ernst, aber seine Augen leuchteten warm.
„Außerdem“, flüsterte er in seiner unnachahmlichen, trockenen Art, „brauchen wir dich doch. Spätestens dann, wenn Funny und ich wieder anfangen, eine einfache Situation in Grund und Boden zu zerreden und zu analysieren, muss jemand endlich handeln und die Dinge in die Hand nehmen. Wenn du nicht wärst, stünden wir heute noch vor dem Affenwald und würden Wahrscheinlichkeiten berechnen.“
Ein leises Schnauben entwich Lily, das nahtlos in ein echtes, befreites Lächeln überging. Sie wischte sich energisch mit dem Arm über die Augen und straffte sich.
„Ihr habt ja recht. Wer braucht schon Theorie, wenn er eine Naginata hat?“
Mit neuem Mut und energischem Schritt marschierte sie in den Prüfungsraum.
Die am nächsten Tag folgenden praktischen Prüfungen drehten den Spieß komplett um. Während die körperliche Anstrengung, das Zielen, das Parieren und die Ausdauerläufe Funny und Darin so sehr zusetzten, dass sie abends wie tot in Lydias weiche Betten fielen und nicht einmal mehr zum Abendessen aufwachten, blühte Lily auf. Sie, die ihr Leben lang körperliche Anstrengungen gewohnt war, steckte insbesondere die schweren Waffenprüfungen und die Kampfsimulationen so locker weg, als wäre es ein Spaziergang im Elfenwald.
Den Samstag nutzten sie, um sich einfach nur zu erholen, zu schlafen und Lydias fantastische Küche zu genießen. Sie ließen das Wochenende wunderbar ruhig angehen.
Am sonnigen Sonntagmorgen, als sie gerade gemütlich auf dem Balkon frühstückten, brachte Lydia die offiziellen Briefe der Akademie. Das Siegel der Schulleitung prangte darauf. Mit zitternden Fingern öffneten sie die Umschläge. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung wehte über den Tisch. Alle drei hatten mit Bestnoten bestanden. Wie erwartet glänzte Lily im praktischen Teil mit unübertroffenen Werten, während Darin und Funny die Theorie dominierten. Es war offiziell: Sie durften am nächsten Morgen direkt in die 2. Klasse einsteigen.
Die Freude war groß, doch die Überraschungen des Tages waren noch nicht vorbei. Nach dem Mittagessen, Lydia hatte bereits abgeräumt, klopfte ein Kurier der Gilde an die Tür. Funny nahm den schweren Umschlag entgegen, brach das Wachssiegel und öffnete ihn. Heraus purzelten drei schimmernde, metallische Gildenkarten und drei kunstvoll verzierte Ernennungsurkunden.
Funny las den dazugehörigen Brief laut vor und starrte ungläubig darauf.
„Leute…“
Lily beugte sich vor, die Augen groß. Sie war völlig sprachlos. Auf den Karten prangten unübersehbar ihre Namen und ein leuchtend eingraviertes D+. Auf der Rückseite befand sich das Wappen der Gilde.

Darin, der erst sehr gelassen Funny zugehört hatte, nahm seine Karte in die Hand, betrachtete sie von beiden Seiten und sagte in seiner typisch nüchternen Art: „Interessant. Wir haben damit den offiziellen Abschlussrang der Akademie bereits jetzt überschritten. Üblicherweise erhält man den Rang D erst am Ende des dritten Jahres, wenn man die Akademie verlässt.“
Funny nickte, ihr Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren.
„Ganz genau. Wir sind jetzt D+. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Steigerungen ab jetzt deutlich schwerer werden. Eine einfach bestandene Prüfung, und sei sie noch so gut, reicht ab diesem Punkt nicht mehr aus, um den Rang zu verbessern. Ab Rang D zählen echte Verdienste, anspruchsvolle Missionen und nachgewiesene Heldentaten. Nur wenige Abenteurer schaffen jemals den Sprung auf C oder gar B. Von A möchte ich gar nicht reden.“
Sie blickte von der Urkunde auf und sah ihre Freunde ernst an.
„Aber… wenn wir uns wirklich anstrengen, uns weiterentwickeln und als Gruppe noch besser werden, könnten wir mit Rang C oder sogar C+ unseren Akademie-Abschluss machen. Überlegt mal: Mit einem C+ hätten wir dann sogar Kaelan und Fennja übertrumpft! Die beiden waren Legenden an der Akademie und haben mit Rang C abgeschlossen – das waren schon zwei Ränge mehr als das übliche D. Wenn wir C+ schaffen, schreiben wir Akademiegeschichte.“
Lily schnappte sich ihre D+ Karte, strich mit ihrem Finger ehrfurchtsvoll über das Gildesymbol und lehnte sich mit einem breiten Grinsen zurück.
„Oh wunderbar. Das setzt uns natürlich ABSOLUT NICHT unter Druck. Akademiegeschichte schreiben, Legenden übertrumpfen… ich mach das mal eben kurz nach dem Frühstück.“
Sie rollte dramatisch mit den Augen, aber ihr Lächeln verriet ihren Stolz.
„Wie geht es jetzt weiter?“
Funny rief sich die Informationen aus den Akademieunterlagen ins Gedächtnis.
„Die Zweitklässler haben morgen um 10 Uhr ihr erstes großes Zusammentreffen im Audimax. Da werden wir zum ersten Mal auf unsere neuen Kommilitonen treffen.“
Ihr Blick wurde etwas nachdenklich, fast besorgt.
„Wir müssen uns mental darauf vorbereiten, dort nicht nur auf Begeisterung zu stoßen. Wir überspringen ein ganzes Jahr, wir sind jünger, wir sind bereits jetzt berühmt und wir haben Ränge, für die diese Leute jahrelang schuften werden. Dem Erfolg ist der Neid dicht auf den Fersen. Es wird Leute geben, die uns unseren Platz streitig machen wollen.“
Lily, deren Selbstbewusstsein nach der bestandenen Prüfung und mit der neuen D+ Karte in ihrer Hand wieder vollends zurückgekehrt war, verschränkte die Arme kampflustig hinter dem Kopf.
„Na und? Sollen sie doch kommen und neidisch sein. Wenn wir drei zusammenhalten, schaffen wir alles! Die haben keine Ahnung, mit wem sie sich anlegen.“
Lily liess die Urkunden, den Brief und die Kärtchen in ihrer gemeinsamen Itembox verschwinden und legte dann ihre rechte Hand auf den Tisch.
„Für Adiuva et Protege!“
Funny und Darin sahen sich an und mussten lächeln. Lilys feurige Zuversicht war ansteckend.
Darin echote und legte seine Hand auf Lilys: „Für Adiuva et Protege!“
Funny legte ihre Hand auf Darins und ergänzte: „Und für uns!“
Morgen würde ihr zweites Jahr beginnen.


































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