Die Nacht war rau gewesen. Ein Schneesturm, wie er nur in den Ausläufern des Gebirges vorkommt, hatte das kleine WG-Häuschen ächzen und stöhnen lassen. Am nächsten Morgen blickte Funny aus dem Fenster auf eine weiße Wand.
„Wenn das so weitergeht, schneien wir hier ein“, murmelte sie und nippte an ihrem Kaffee.
Lily stocherte missmutig in ihrem Rührei.
„Normalerweise würde ich das nicht sagen, aber ich will zurück nach Marinburg. Dort liegt eigentlich nie Schnee. Nur Fisch und Möwenkacke. Aber kein Schnee.“
Darin, bereits im Wissenschafts-Modus, hob den Zeigefinger.
„Nun, das liegt am maritimen Einfluss, der im Gegensatz zum kontinentalen Klima eine Pufferwirkung auf die…“
Funny legte einfach ihre Hand auf seine. Darin verstummte sofort, lief leicht rot an und konzentrierte sich wieder auf seinen Toast.
Funny lächelte.
„Bloß gut, dass wir nicht am und erst recht nicht im Zentralen Gebirgsmassiv wohnen. Da stürmt es nicht nur, da kommen wegen der Schneemassen regelmäßig riesige La…“
MÖÖÖÖÖÖÖÖÖP. MÖÖÖÖÖÖÖÖÖP. MÖÖÖÖÖÖÖÖÖP.
Der Alarm durchschnitt wie ein überdimensioniertes Nebelhorn die Morgenruhe. Funny sprang auf und aktivierte das Terminal. Bartleys Gesicht erschien, gerahmt von seinem wuscheligen Zwergenbart.
„Funny, Darin! Und von mir aus auch die rote Chaotin! Antanzen, aber zacki!“
Lily verschluckte sich fast an ihrem Rührei. Sie stürzte zum Terminal und funkelte den Bildschirm an.
„Wer ist hier ein Chaot, du Giftzwerg?!“

Bartley holte tief Luft für eine gepfefferte Antwort, aber Funny drängte Lily sanft, aber bestimmt zur Seite. Sie strahlte den Zwerg mit entwaffnender Freundlichkeit an.
„Guten Morgen, Bartley! Was können wir für dich tun?“
Bartley blinzelte. Gegen Funnys Charme-Offensive war er machtlos. Er räusperte sich und wurde ernst.
„In den Wolfshöhen ist eine Lawine abgegangen. Die Kinder der Grundschule werden vermisst. Sie waren gestern in der Felsen-Schule eingeschneit.“
Die Farbe wich aus Funnys Gesicht. Lily schob ihrerseits Funny zur Seite, das Gesicht nun vollkommen ernst.
„Wir sind unterwegs. Los, Darin! Itembox packen! Lawine, Verschüttete, Kinder retten. LOS! LOS! LOS!“
Darin saß schon längst nicht mehr am Tisch. Aus der Werkstatt drang bereits das vertraute Scheppern.
„Oh, der Pink Star! Egal, weg damit, nicht wichtig!“ hörte man ihn murmeln.
Exakt 220 Sekunden später stand er im Flur, die Itembox gepackt.
„Wir können los.“
Funny, die noch letzte Details von Bartley notiert hatte, nickte.
„Ziel ist das Rettungscamp südlich vom Dorf. Es ist stürmisch, wir können keinen Portalstein nutzen, die magischen Linien sind durch die Lawine verschoben. Wir müssen fliegen.“
Die drei Blumenelfen stiegen mit kraftvollen Flügelschlägen in den grauen Himmel auf und nahmen Kurs Südost.

Zwei Stunden später: Das Rettungscamp
Sie hatten den Weg in Rekordzeit zurückgelegt. Das Camp war ein Gewirr aus Zelten, magischen Leuchtfeuern und hektischen Helfern. Sie steuerten direkt das Kommandozelt an.
Tigra, eine resolute Katzenmenschen-Kriegerin mit gestreiftem Fell und einer Augenklappe, hielt dort die Fäden in der Hand.
„Darin!“ rief sie ohne Umschweife. „Wir brauchen deine Sensoren. Sammle Daten. Sag uns, wo die Kinder stecken. Der Eingang zur Felsen-Schule ist unter Tonnen von Schnee begraben. Wir wissen nicht, ob sie in der Eingangshalle waren oder tiefer im Höhlensystem sind.“
Sie wandte sich an die Mädchen.
„Funny, Lily. Ich weiß, ihr hattet einen harten Flug. Aber es hat aufgeklart. Könnt ihr Luftaufklärung machen? Sucht nach Wärmesignaturen oder magischen Anomalien.“
„Wir fliegen sofort“, bestätigte Lily.
Darin verteilte kleine Knopf-Kommunikatoren an alle.
„Drei Leute zu mir! Ich brauche Assistenten.“
Während Funny und Lily aufstiegen, stapfte Darin durch den tiefen Schnee in Richtung des verschütteten Eingangs. Er platzierte Sensoren und Signalverstärker. Dann holte er einen kleinen Würfel aus der Itembox.
„Zurücktreten!“
Er zeichnete eine Rune auf den Würfel. ZISCH. Wo eben noch Schnee war, stand nun ein isoliertes High-Tech-Zelt.
Drinnen flammten Monitore auf.
„Karen, Phil, Josie“, wies Darin die drei Wächter an, die ihn begleiteten. „Setzt euch. Karen, du überwachst den Außenbereich. Phil, du scannst die Tiefen-Echos. Josie, du filterst die Störsignale. Wenn ein Signal stabil bleibt: Antippen. Ich bekomme die Koordinaten.“
Darin setzte sich an die Zentraleinheit. Seine Finger flogen über die Tastatur.

Phil rief: „Es verschwinden Signale!“
„Das sind wir selbst“, erklärte Darin ruhig. „Und die Schaufel-Trupps. Ich filtere das raus.“
Nach Minuten quälender Stille: Karen: „Ich hab was!“
Darin: „Lily, Sektor 10-10-9!“
Lilys Stimme aus dem Funk: „Negativ. Nur eine Familie Schneehasen.“
Phil: „Ich hab was Großes!“
Darin: „Funny, Sektor 12-3-9!“
Funny: „Das ist ein gerade eingetroffenes Grabungsteam der Zwerge. Die sind schnell, die verstehen was vom Graben, sag ich dir. Aber sie sagen, sie brauchen noch eine Viertelstunde, bis sie durch sind.“
Darin fluchte leise.
„Verdammt. Ich kalibriere neu.“
Eine Viertelstunde verging. Nichts als Fehlalarme.
Dann meldete sich Funny: „Lily, flieg zu Darin! Hol die Signalverstärker. Das Grabungsteam der Zwerge ist von der Seite durch. Der Eingangsbereich ist leer. Wir müssen tiefer rein.“
Wenige Minuten später flog Lily, schwer beladen mit Antennen, zurück in die freigelegte Höhle.
In der Höhle
Funny koordinierte die Suche im Inneren. Die Luft war staubig und kalt. Die Decke der Eingangshalle hing bedrohlich schief.
„Wir müssen tiefer“, entschied Funny. „Die Lehrer haben das einzig Richtige getan und sich in die stabilen Gänge zurückgezogen.“
Sie drangen vor.
„Darin, wir plazieren die Sensoren, wir brauchen Daten. Nicht, dass wir einen verschütteten Seitengang übersehen.“
Plötzlich grollte der Berg. Ein tiefes, markerschütterndes Knirschen, als würden die Knochen der Erde brechen.
„RAUS HIER! RAUS HIER! DER BERG STÜRZT EIN!“ schrie jemand über Funk.
Dann brach die Verbindung ab. Nur noch statisches Rauschen.
Im Zelt
Darin saß wie versteinert vor seinen Monitoren. Das Rauschen in seinen Kopfhörern war ohrenbetäubend. Phil, Karen und Josie starrten ihn entsetzt an. Josie stand auf und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Darin reagierte nicht. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Gesicht aschfahl.
Eine Minute. Zwei Minuten. Ewigkeit.
„Darin!“ schrie Phil plötzlich. „Da ist ein Signal!“
Auf dem Schirm blinkte ein schwacher, roter Punkt. Phil zentrierte ihn mit zitternden Fingern. Darin riss sich aus seiner Starre. Koordinaten erschienen. Er kalibrierte nach. Und dann… ein Husten. Ein lautes, keuchendes, wunderschönes Husten.
„LILY!“ brüllte Darin ins Mikrofon, dass die Monitore wackelten. „WO IST FUNNY?!“
Lily räusperte sich krächzend.
„Was? Kein ‚Schön, dass du noch lebst‘? Kein ‚Geht es dir gut, meine liebste Lily‘?“
„WO IST FUNNY?!“
„Uhhh“, kam es zurück. „Funny, dein Loverboy kann ganz schön grantig sein.“
Es rumpelte leise. Dann erklang eine Stimme, die für Darin wie der Aufgang der Sonne nach einer Polarnacht war. „Es geht uns beiden gut, Darin.“
Darin sank auf seinem Stuhl zusammen und stieß einen so tiefen Seufzer aus, dass ihm fast schwindelig wurde.
„Es geht ihnen gut“, flüsterte er.
Hinter ihm brandete tosender Applaus auf. Tigra und das halbe Lager hatten sich hinter ihm ins Zelt gedrängelt und mitgehört.
„Wir haben noch einen Sensor“, meldete sich Funny wieder. „Wie sollen wir ihn einsetzen?“
Darin wischte sich über die Augen und war sofort wieder der Profi.
„Haltet ihn ausgestreckt. Bewegt euch langsam. Ich muss euch neu triangulieren.“
Er justierte die Frequenzen.
Funny derweil: „Wir sind in einen tieferen Schacht gestürzt, als die Decke runterkam. Oh. Lily hat gerade einen Gang freigelegt. Vor uns sind drei Türen.“
Darin: „Stopp! Was siehst du auf dem Scanner, Phil?“
Phil, der die Baupläne kannte: „Das ist der Fluchtkorridor! Links: Nach Oben. Raus, aber mit Sicherheit verschüttet. Mitte: Notfallkammer. Und der Gang rechts geht nach Unten: Zum See.“
Darin: „Funny, zeig auf die mittlere Tür.“
Funny: „Erledigt.“
Darin: „Geh langsam darauf zu.“
Das Sensor-Signal wurde stärker.
Darin: „Funny, Euer Funksignal wird schwächer, die Sprechreichweite ist begrenzt. Was siehst du?“
„Da…as… Wir… sie!… eben. …men zurück!“
Die Verbindung brach ab. Aber die Botschaft war klar: Wir haben sie. Wir kommen zurück.
Am See
Tigra brüllte Befehle.
„Alle Mann zum See-Ausgang! Schaufeln! Spaten! Sichert den Hang!“
Darin rannte mit, seinen Handscanner fest umklammert.
Sie mussten nicht viel graben. Der Scanner zeigte eine große Gruppe von Punkten, die sich dem Ausgang näherten. Das Eis und der Schnee am Tunneleingang waren schnell freigeräumt.
Zuerst erschien ein blauer Haarschopf, völlig staubbedeckt. Dann ein roter, ebenso dreckig. Funny und Lily stolperten ins Freie.
Darin warf den teuren Scanner einfach in den Schnee und stürzte auf sie zu. Er riss erst Funny und dann beide gleichzeitig in eine Umarmung, die so fest war, dass er sie fast zerquetschte.

Hinter ihnen kamen die Kinder. Eines nach dem anderen, dreckig, müde, hungrig – aber unverletzt. Die Lehrerinnen trugen die Kleinsten.
Ein Jubel brach los, der lauter war als der Sturm in der Nacht zuvor. Es wurde geklatscht, gepfiffen und gejohlt. Tigra wischte sich unauffällig eine Träne unter der Augenklappe weg.
Die Medics übernahmen die Kinder. Es gab heißen Kakao und Decken.
Tigra trat zu den drei Blumenelfen, die sich gegenseitig haltend im Schnee saßen.
„Wenn ihr wollt, könnt ihr nach Hause fliegen“, sagte sie sanft. „Den Rest schaffen wir alleine. Ihr habt genug getan.“
Lächelnd blickte sie auf die drei jungen Elfen, die – völlig erschöpft und dreckig – gar nicht mitbekamen, wie sie ihrer eigenen Legende gerade ein weiteres, unvergessliches Kapitel hinzufügten.
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