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Adiuva et Protege Adventskalender – 01.12. – DREISSIG

Der Wind heulte um das kleine WG-Häuschen von Adiuva et Protege, aber drinnen knisterte behaglich das Kaminfeuer. Es roch fantastisch – eine Mischung aus gebratenem Rosmarin, Knoblauch und der unverkennbaren Note von Funnys berühmtem Winter-Eintopf.

Die Haustür flog auf und knallte fast gegen die Wand.

Lily stolperte herein, die rote Mähne völlig zerzaust. Sie sah aus, als hätte sie gerade gegen einen Drachen im Armdrücken gekämpft – und verloren.

Mit einem tiefen, langgezogenen Seufzen ließ sie sich in ihren Sessel am Kamin fallen, dass die Federn ächzten.

„Ich bin erledigt“, murmelte sie und vergrub das Gesicht in den Händen. „Total. Absolut. Finito.“

Funny, die gerade den Eintopf abschmeckte, lächelte sanft. Sie füllte einen großen Becher mit heißem Kakao, gab genau die Menge Marshmallows hinein, die Lily mochte – also viel zu viele – und schwebte fast lautlos zu ihrer besten Freundin.

„Hier, mein kleiner Feuerdrache“, sagte Funny weich und drückte ihr den Becher in die Hand. „Trink! War es so schlimm?“

Aus der Werkstatt im hinteren Teil des Hauses hörte man das surrende Geräusch eines feinen Bohrers, dann ein leises „Klick“. Darin kam heraus, die Brille leicht schief auf der Nase, sein viel zu großes blaues Shirt rutschte mal wieder charmant über die linke Schulter. In der Hand hielt er einen halb zerlegten Kommunikator.

„Lebst du noch, Lily?“ fragte er ruhig, aber sein Blick scannte sie besorgt ab.

Lily nahm einen riesigen Schluck Kakao, verbrannte sich fast die Zunge, seufzte aber dann wohlig.

„Renni hat mir das Leben gerettet. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich jemanden gebissen.“

Sie rieb sich die Schläfen.

„Aber ihr hättet sehen sollen, was da los war…“

Ihr Blick wurde glasig, und sie begann zu erzählen.


Rückblende: Zwei Stunden zuvor, Gilde-Hauptquartier

Der Lärm in der Eingangshalle der Gilde war ohrenbetäubend. Es war nicht das übliche Gemurmel von Abenteurern, die Aufträge suchten – es war das nervöse Summen der Pressemeute.

Renni, das quirlige Hundemädchen mit den Schlappohren, die immer wippten, wenn sie aufgeregt war, packte Lily am Arm und zog sie in den kleinen Vorbereitungsraum.

„Okay, Lily, ganz ruhig!“

Renni wedelte mit einem Klemmbrett vor Lilys Nase herum.

„Atme tief ein, tief aus. Nicht die Reporter fressen. Auch nicht, wenn sie dumme Fragen stellen.“

Lily tigerte in dem kleinen Raum auf und ab wie ein Raubtier im Käfig.

„Ich hasse das, Renni. Ich bin Wächterin, keine Politikerin! Warum kann Funny das nicht machen? Sie redet so schön geschwollen!“

„Weil die Leute dich wollen, Lily! Du bist… authentisch“, sagte Renni beschwichtigend, während sie Lilys roten Pony richtete. „Thema heute: Die Dunkel-Orks im Katzental.“

Lily blieb abrupt stehen. Ein tiefes Grollen kam aus ihrer Kehle.

„Dunkel-Orks“, knurrte sie. „Sie haben Kinder entführt, Renni. Kinder!“

„Ich weiß, ich weiß“, Renni legte die Hand auf Lilys Schulter. „Aber da draußen sitzen nicht nur die freundlichen Blätter. Die ‚Schwarze Presse‘ ist da. Die Oger- und Goblin-Lobbyisten. Sie sind wütend.“

„Wütend?“ Lily schnaubte verächtlich. „Sollen sie doch. In jeder Familie gibt es schwarze Schafe. Warum verteidigen sie diesen Abschaum immer? Sie haben das Katzental terrorisiert!“

„Sie haben Angst, Lily. Angst, dass alle Oger über einen Kamm geschoren werden“, versuchte Renni zu erklären.

„Das macht doch keiner!“

„Doch. Leider.“ Renni seufzte. „Sei einfach du selbst. Wie hat Funny beim ersten Mal gesagt? Du wirst das rocken!“

Der Gong ertönte. Ein tiefer, resonanter Klang, der durch die Wände drang.

„Zeit für die Show“, murmelte Lily und straffte die Schultern.

Als sie den großen Saal betraten, blitzten hunderte von Magie-Kameras auf. Fennja, die Schwertmeisterin und Gildenchefin, stand bereits am Podium. Sie strahlte ihre übliche, unerschütterliche Autorität aus.

„Herzlich willkommen“, hallte Fennjas Stimme durch den Raum. „Thema der heutigen Pressekonferenz mit Adiuva et Protege: Der Überfall auf das Katzental. Begrüßen Sie mit mir Lily, die den Einsatz leitete, bei dem über 30 Katzenmenschenkinder gerettet wurden.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, brüllte eine Stimme aus der hinteren Reihe: „…und bei dem ihr über zehn unserer Brüder ERMORDET habt!“

Ein Aufschrei ging durch den Saal. Buhrufe mischten sich mit empörten Zischen. Die Fraktion der Oger und Goblins – bullige Gestalten in schlecht sitzenden Anzügen – stand auf und fuchtelte mit den Fäusten.

Fennja blieb eiskalt, winkte Lily aber nach vorne.

Lily stapfte die Stufen zum Podium hinauf. Sie setzte sich nicht. Sie stellte sich breitbeinig hin, die Hände auf das Pult gestützt, und funkelte mit ihren grauen Augen direkt in die Menge der aufgebrachten Oger.

D R E I S S I G !“

Ihre Stimme war nicht magisch verstärkt, aber sie hatte das Volumen eines Feldwebels. Der Saal verstummte schlagartig.

„Dreißig Katzenkinder wären jetzt tot, wenn wir die Dunkel-Orks hätten gewähren lassen.“

Sie ließ den Blick wandern. Jeder im Raum wusste: Leg dich nicht mit Lily an, wenn es um Kinder geht. Oder Drachen. Aber vor allem Kinder.

„Wer Kinder entführt“, fuhr sie leiser, aber mit tödlicher Schärfe fort, „hat jegliches Recht auf diplomatische Samthandschuhe verwirkt. Da kennt selbst Funny keine Gnade. Und ihr wisst, wie sehr sie Harmonie liebt.“

„Aber musstet ihr sie gleich abschlachten?“ schrie ein Zwork – eine hässliche Mischung aus Zwerg und Ork – von links außen.

Lily atmete tief durch. Sie schloss kurz die Augen, sammelte sich. Als sie sie wieder öffnete, war die Wut einer eiskalten Professionalität gewichen.

„Dann erzähle ich euch einmal, wie es wirklich war“, sagte sie ruhig.

Der Saal hielt den Atem an.

„Der Notruf kam um 9:00 Uhr. Wir hatten Bereitschaft. Da wir fliegen können, waren wir in Minuten da. Die Situation am See war…“ Lily schluckte kurz. „…ein Albtraum. Die Grundschule von Katzental beim Badeausflug zu den örtlichen heißen Quellen. Zwanzig bewaffnete Dunkel-Orks gegen dreißig Kinder die nur Plantschen wollten und fünf Lehrerinnen.“

Sie machte eine Pause, um das Bild wirken zu lassen.

„Die Lehrerinnen lagen bewusstlos im Sand. Fünf Orks standen mit gezogenen Säbeln direkt bei den gefesselten Kindern. Die restlichen fünfzehn plünderten das Dorf. Unsere Taktik war keine Wahl, sie war eine Notwendigkeit.“

Lily gestikulierte leicht. Der Saal folgte gebannt ihren Ausführungen.

„Darin ist zuerst rein. Er ist direkt zwischen die fünf Bewacher gesprungen. Ein Schwung mit seiner Axt. Er hat nicht gezögert. Die fünf sind gefallen, bevor sie den Kindern auch nur ein Haar krümmen konnten. Er hat die Fesseln durchtrennt und den älteren Schülern befohlen, mit den Kleinen in den Wald zu rennen. Er stand da wie eine Mauer, bis das letzte Kind sicher war.“

Einige Reporter schrieben hektisch mit.

„Funny und ich haben uns das Dorf vorgenommen. Wir haben jeden Ork, den wir beim Plündern erwischt haben, magisch verschnürt. Ein Paket nach dem anderen. Keine Toten. Bis wir zum Marktplatz kamen.“

Lily ballte die Fäuste auf dem Pult.

„Dort trafen wir uns wieder. Darin, Funny und ich. Uns gegenüber sieben Dunkel-Orks. Die Anführer. Funny – weil sie eben Funny ist – hat ihre Waffen gesenkt und wollte verhandeln. Sie hat ihnen angeboten, sich zu ergeben.“

Lily lachte kurz humorlos auf.

„Die Antwort war ein Feuerball. Sie haben sich auf uns gestürzt. Drei gegen sieben. Wir hatten keine Wahl. Wir mussten unsere Waffen benutzen. Und zwar endgültig.“

Sie lehnte sich vor ans Mikrofon.

„Von zwanzig angreifenden Orks sitzen zehn in den Zellen der Gilde. Zehn haben ihren feigen Angriff nicht überlebt. Darunter die fünf, die ihre Klingen an den Hälsen von Erstklässlern hatten.“

Ihr Blick bohrte sich in den Zwork, der vorhin geschrien hatte.

„DAS PASSIERT, WENN MAN UNSCHULDIGE KINDER ENTFÜHRT! Ist das deutlich genug?“

Stille. Absolute Stille.

Dann, ganz langsam, begann jemand zu klatschen. Es war ein älterer Menschen-Reporter. Dann stimmten andere ein. Der Applaus schwoll an, wurde zu einem Rauschen, dann zu einem Donnern. Selbst einige der Goblins nickten anerkennend und einige setzten sich beschämt wieder hin.

Fennja trat ans Mikrofon, ein stolzes Lächeln auf den Lippen.

„Ich denke, das war deutlich. Danke, Lily. Danke, Adiuva et Protege.“

Lily nickte kurz, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte von der Bühne. Im Vorraum fing Renni sie auf und drückte sie so fest, sie nur konnte.

„Du warst unglaublich!“, quiekte das Hundemädchen. „Du hast sie nicht nur stillgekriegt, du hast sie überzeugt!“


Gegenwart

Lily lehnte sich im Sessel zurück und starrte in die Flammen.

„Und dann bin ich so schnell wie möglich hierher geflogen.“

Funny stellte ihren eigenen Becher ab und schlang ihre Arme um Lily. Sie drückte ihre Wange an Lilys rote Haare.

„Ich bin stolz auf dich, Lily. Du hast genau das Richtige gesagt.“

Darin schob seine Brille hoch und lehnte sich gegen den Kaminsims. Das Feuer spiegelte sich in seinen Gläsern.

„Wir war vorhin im Krankenhaus“, sagte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Wir haben nach den Lehrerinnen gesehen. Sie werden alle wieder gesund. Und den Kindern geht es gut. Sie malen schon Bilder von einer Fee im rotem Bikini und einer riesigen Naginata.“

Ein kleines Lächeln huschte über Lilys Gesicht.

„Außerdem“, fügte Darin hinzu, „habe ich im Dorf und am See Sensoren installiert. Wenn sich da auch nur ein Goblin mit bösen Absichten nähert, wissen wir es, bevor er den ersten Schritt macht.“

Lily sah zu ihm auf.

„Danke, Darin. Du bist der Beste.“

Funny löste sich von Lily, klatschte in die Hände und strahlte.

„So! Das war doch mal ein aufregender 1. Dezember. Lily hat die Presse überlebt oder umgekehrt, die Kinder sind sicher und der Eintopf ist fertig. Ich hoffe, unser erstes Jahr als Rang A-Abenteurer und Wächter klingt jetzt etwas ruhiger aus!“

Darin und Lily tauschten einen Blick. Ruhig. Wenn Funny das sagte, passierte meistens genau das Gegenteil.

„Hoffen wir es“, brummte Darin und griff nach seiner Schüssel, während Funny fröhlich summend weiter den Eintopf verteilte.

Mehr Lust auf Abenteuer von Funny, Lily und Darin?
Dann schaut ins Buch „Die Akademie der Krone“, des 1. Bandes der „Chroniken der Wächter“. Jetzt beim Carow Verlag bestellen!

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Adiuva et Protege Adventskalender – 01.12. – DREISSIG“

  1. Avatar von Ursula
    Ursula

    Einfach wunderschön. Sehr ergreifend, toll

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Adiuva et Protege Adventskalender – 01.12. – DREISSIG

Der Wind heulte um das kleine WG-Häuschen von Adiuva et Protege, aber drinnen knisterte behaglich das Kaminfeuer. Es roch fantastisch – eine Mischung aus gebratenem Rosmarin, Knoblauch und der unverkennbaren Note von Funnys berühmtem Winter-Eintopf.

Die Haustür flog auf und knallte fast gegen die Wand.

Lily stolperte herein, die rote Mähne völlig zerzaust. Sie sah aus, als hätte sie gerade gegen einen Drachen im Armdrücken gekämpft – und verloren.

Mit einem tiefen, langgezogenen Seufzen ließ sie sich in ihren Sessel am Kamin fallen, dass die Federn ächzten.

„Ich bin erledigt“, murmelte sie und vergrub das Gesicht in den Händen. „Total. Absolut. Finito.“

Funny, die gerade den Eintopf abschmeckte, lächelte sanft. Sie füllte einen großen Becher mit heißem Kakao, gab genau die Menge Marshmallows hinein, die Lily mochte – also viel zu viele – und schwebte fast lautlos zu ihrer besten Freundin.

„Hier, mein kleiner Feuerdrache“, sagte Funny weich und drückte ihr den Becher in die Hand. „Trink! War es so schlimm?“

Aus der Werkstatt im hinteren Teil des Hauses hörte man das surrende Geräusch eines feinen Bohrers, dann ein leises „Klick“. Darin kam heraus, die Brille leicht schief auf der Nase, sein viel zu großes blaues Shirt rutschte mal wieder charmant über die linke Schulter. In der Hand hielt er einen halb zerlegten Kommunikator.

„Lebst du noch, Lily?“ fragte er ruhig, aber sein Blick scannte sie besorgt ab.

Lily nahm einen riesigen Schluck Kakao, verbrannte sich fast die Zunge, seufzte aber dann wohlig.

„Renni hat mir das Leben gerettet. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich jemanden gebissen.“

Sie rieb sich die Schläfen.

„Aber ihr hättet sehen sollen, was da los war…“

Ihr Blick wurde glasig, und sie begann zu erzählen.


Rückblende: Zwei Stunden zuvor, Gilde-Hauptquartier

Der Lärm in der Eingangshalle der Gilde war ohrenbetäubend. Es war nicht das übliche Gemurmel von Abenteurern, die Aufträge suchten – es war das nervöse Summen der Pressemeute.

Renni, das quirlige Hundemädchen mit den Schlappohren, die immer wippten, wenn sie aufgeregt war, packte Lily am Arm und zog sie in den kleinen Vorbereitungsraum.

„Okay, Lily, ganz ruhig!“

Renni wedelte mit einem Klemmbrett vor Lilys Nase herum.

„Atme tief ein, tief aus. Nicht die Reporter fressen. Auch nicht, wenn sie dumme Fragen stellen.“

Lily tigerte in dem kleinen Raum auf und ab wie ein Raubtier im Käfig.

„Ich hasse das, Renni. Ich bin Wächterin, keine Politikerin! Warum kann Funny das nicht machen? Sie redet so schön geschwollen!“

„Weil die Leute dich wollen, Lily! Du bist… authentisch“, sagte Renni beschwichtigend, während sie Lilys roten Pony richtete. „Thema heute: Die Dunkel-Orks im Katzental.“

Lily blieb abrupt stehen. Ein tiefes Grollen kam aus ihrer Kehle.

„Dunkel-Orks“, knurrte sie. „Sie haben Kinder entführt, Renni. Kinder!“

„Ich weiß, ich weiß“, Renni legte die Hand auf Lilys Schulter. „Aber da draußen sitzen nicht nur die freundlichen Blätter. Die ‚Schwarze Presse‘ ist da. Die Oger- und Goblin-Lobbyisten. Sie sind wütend.“

„Wütend?“ Lily schnaubte verächtlich. „Sollen sie doch. In jeder Familie gibt es schwarze Schafe. Warum verteidigen sie diesen Abschaum immer? Sie haben das Katzental terrorisiert!“

„Sie haben Angst, Lily. Angst, dass alle Oger über einen Kamm geschoren werden“, versuchte Renni zu erklären.

„Das macht doch keiner!“

„Doch. Leider.“ Renni seufzte. „Sei einfach du selbst. Wie hat Funny beim ersten Mal gesagt? Du wirst das rocken!“

Der Gong ertönte. Ein tiefer, resonanter Klang, der durch die Wände drang.

„Zeit für die Show“, murmelte Lily und straffte die Schultern.

Als sie den großen Saal betraten, blitzten hunderte von Magie-Kameras auf. Fennja, die Schwertmeisterin und Gildenchefin, stand bereits am Podium. Sie strahlte ihre übliche, unerschütterliche Autorität aus.

„Herzlich willkommen“, hallte Fennjas Stimme durch den Raum. „Thema der heutigen Pressekonferenz mit Adiuva et Protege: Der Überfall auf das Katzental. Begrüßen Sie mit mir Lily, die den Einsatz leitete, bei dem über 30 Katzenmenschenkinder gerettet wurden.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, brüllte eine Stimme aus der hinteren Reihe: „…und bei dem ihr über zehn unserer Brüder ERMORDET habt!“

Ein Aufschrei ging durch den Saal. Buhrufe mischten sich mit empörten Zischen. Die Fraktion der Oger und Goblins – bullige Gestalten in schlecht sitzenden Anzügen – stand auf und fuchtelte mit den Fäusten.

Fennja blieb eiskalt, winkte Lily aber nach vorne.

Lily stapfte die Stufen zum Podium hinauf. Sie setzte sich nicht. Sie stellte sich breitbeinig hin, die Hände auf das Pult gestützt, und funkelte mit ihren grauen Augen direkt in die Menge der aufgebrachten Oger.

D R E I S S I G !“

Ihre Stimme war nicht magisch verstärkt, aber sie hatte das Volumen eines Feldwebels. Der Saal verstummte schlagartig.

„Dreißig Katzenkinder wären jetzt tot, wenn wir die Dunkel-Orks hätten gewähren lassen.“

Sie ließ den Blick wandern. Jeder im Raum wusste: Leg dich nicht mit Lily an, wenn es um Kinder geht. Oder Drachen. Aber vor allem Kinder.

„Wer Kinder entführt“, fuhr sie leiser, aber mit tödlicher Schärfe fort, „hat jegliches Recht auf diplomatische Samthandschuhe verwirkt. Da kennt selbst Funny keine Gnade. Und ihr wisst, wie sehr sie Harmonie liebt.“

„Aber musstet ihr sie gleich abschlachten?“ schrie ein Zwork – eine hässliche Mischung aus Zwerg und Ork – von links außen.

Lily atmete tief durch. Sie schloss kurz die Augen, sammelte sich. Als sie sie wieder öffnete, war die Wut einer eiskalten Professionalität gewichen.

„Dann erzähle ich euch einmal, wie es wirklich war“, sagte sie ruhig.

Der Saal hielt den Atem an.

„Der Notruf kam um 9:00 Uhr. Wir hatten Bereitschaft. Da wir fliegen können, waren wir in Minuten da. Die Situation am See war…“ Lily schluckte kurz. „…ein Albtraum. Die Grundschule von Katzental beim Badeausflug zu den örtlichen heißen Quellen. Zwanzig bewaffnete Dunkel-Orks gegen dreißig Kinder die nur Plantschen wollten und fünf Lehrerinnen.“

Sie machte eine Pause, um das Bild wirken zu lassen.

„Die Lehrerinnen lagen bewusstlos im Sand. Fünf Orks standen mit gezogenen Säbeln direkt bei den gefesselten Kindern. Die restlichen fünfzehn plünderten das Dorf. Unsere Taktik war keine Wahl, sie war eine Notwendigkeit.“

Lily gestikulierte leicht. Der Saal folgte gebannt ihren Ausführungen.

„Darin ist zuerst rein. Er ist direkt zwischen die fünf Bewacher gesprungen. Ein Schwung mit seiner Axt. Er hat nicht gezögert. Die fünf sind gefallen, bevor sie den Kindern auch nur ein Haar krümmen konnten. Er hat die Fesseln durchtrennt und den älteren Schülern befohlen, mit den Kleinen in den Wald zu rennen. Er stand da wie eine Mauer, bis das letzte Kind sicher war.“

Einige Reporter schrieben hektisch mit.

„Funny und ich haben uns das Dorf vorgenommen. Wir haben jeden Ork, den wir beim Plündern erwischt haben, magisch verschnürt. Ein Paket nach dem anderen. Keine Toten. Bis wir zum Marktplatz kamen.“

Lily ballte die Fäuste auf dem Pult.

„Dort trafen wir uns wieder. Darin, Funny und ich. Uns gegenüber sieben Dunkel-Orks. Die Anführer. Funny – weil sie eben Funny ist – hat ihre Waffen gesenkt und wollte verhandeln. Sie hat ihnen angeboten, sich zu ergeben.“

Lily lachte kurz humorlos auf.

„Die Antwort war ein Feuerball. Sie haben sich auf uns gestürzt. Drei gegen sieben. Wir hatten keine Wahl. Wir mussten unsere Waffen benutzen. Und zwar endgültig.“

Sie lehnte sich vor ans Mikrofon.

„Von zwanzig angreifenden Orks sitzen zehn in den Zellen der Gilde. Zehn haben ihren feigen Angriff nicht überlebt. Darunter die fünf, die ihre Klingen an den Hälsen von Erstklässlern hatten.“

Ihr Blick bohrte sich in den Zwork, der vorhin geschrien hatte.

„DAS PASSIERT, WENN MAN UNSCHULDIGE KINDER ENTFÜHRT! Ist das deutlich genug?“

Stille. Absolute Stille.

Dann, ganz langsam, begann jemand zu klatschen. Es war ein älterer Menschen-Reporter. Dann stimmten andere ein. Der Applaus schwoll an, wurde zu einem Rauschen, dann zu einem Donnern. Selbst einige der Goblins nickten anerkennend und einige setzten sich beschämt wieder hin.

Fennja trat ans Mikrofon, ein stolzes Lächeln auf den Lippen.

„Ich denke, das war deutlich. Danke, Lily. Danke, Adiuva et Protege.“

Lily nickte kurz, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte von der Bühne. Im Vorraum fing Renni sie auf und drückte sie so fest, sie nur konnte.

„Du warst unglaublich!“, quiekte das Hundemädchen. „Du hast sie nicht nur stillgekriegt, du hast sie überzeugt!“


Gegenwart

Lily lehnte sich im Sessel zurück und starrte in die Flammen.

„Und dann bin ich so schnell wie möglich hierher geflogen.“

Funny stellte ihren eigenen Becher ab und schlang ihre Arme um Lily. Sie drückte ihre Wange an Lilys rote Haare.

„Ich bin stolz auf dich, Lily. Du hast genau das Richtige gesagt.“

Darin schob seine Brille hoch und lehnte sich gegen den Kaminsims. Das Feuer spiegelte sich in seinen Gläsern.

„Wir war vorhin im Krankenhaus“, sagte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Wir haben nach den Lehrerinnen gesehen. Sie werden alle wieder gesund. Und den Kindern geht es gut. Sie malen schon Bilder von einer Fee im rotem Bikini und einer riesigen Naginata.“

Ein kleines Lächeln huschte über Lilys Gesicht.

„Außerdem“, fügte Darin hinzu, „habe ich im Dorf und am See Sensoren installiert. Wenn sich da auch nur ein Goblin mit bösen Absichten nähert, wissen wir es, bevor er den ersten Schritt macht.“

Lily sah zu ihm auf.

„Danke, Darin. Du bist der Beste.“

Funny löste sich von Lily, klatschte in die Hände und strahlte.

„So! Das war doch mal ein aufregender 1. Dezember. Lily hat die Presse überlebt oder umgekehrt, die Kinder sind sicher und der Eintopf ist fertig. Ich hoffe, unser erstes Jahr als Rang A-Abenteurer und Wächter klingt jetzt etwas ruhiger aus!“

Darin und Lily tauschten einen Blick. Ruhig. Wenn Funny das sagte, passierte meistens genau das Gegenteil.

„Hoffen wir es“, brummte Darin und griff nach seiner Schüssel, während Funny fröhlich summend weiter den Eintopf verteilte.

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Adiuva et Protege Adventskalender – 01.12. – DREISSIG“

  1. Avatar von Ursula
    Ursula

    Einfach wunderschön. Sehr ergreifend, toll

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