Fortsetzung von „Rawennas Geburtstag„
Der Morgen danach
Der nächste Morgen in JWD war eine Symphonie des Chaos. Als Funny, Lily und Darin im Laufe des Vormittags aus ihren Zimmern schlichen, bot sich ihnen ein Bild, das an die Folgen einer apokalyptischen Schlacht erinnerte – einer Schlacht, die ausschließlich mit Metkrügen und Grillgut ausgetragen worden war.
Auf den langen Holzbänken und Tischen, die über den ganzen Hof verteilt waren, schliefen Dutzende von Abenteurern in den unmöglichsten Positionen ihren Rausch aus. Ein bärtiger Zwerg hatte seinen Kopf in einen leeren Metkrug gesteckt und schnarchte so laut, dass die Blätter eines nahen Busches bei jedem Ausatmen zitterten. Die Luft roch nach verschüttetem Bier, kaltem Rauch und dem vagen Versprechen von Kopfschmerzen. Leere Teller, zerbrochene Krüge und die Überreste eines riesigen Ochsenbratens untermalten noch die Wildheit der vergangenen Nacht.
Inmitten dieses Schlachtfeldes bewegte sich Rawenna mit der unerschütterlichen Ruhe einer Veteranin. Zusammen mit ihren Helfern war sie bereits fleißig am Aufräumen, sammelte Geschirr ein und scheuchte sanft, aber bestimmt, die ersten erwachten Gäste von den Tischen.
„Ah, meine drei Helden“, sagte sie mit einem Lächeln, als sie die drei sah, und wischte einen Tisch in einer sonnigen Ecke sauber. „Setzt euch! Es gibt gleich Frühstück. Oder eher einen Brunch. Aktuell seid ihr so ziemlich die einzigen, die hier schon wieder aufrecht stehen können.“
Lily ließ sich mit einem Stöhnen auf die Bank fallen, das Gesicht in den Händen vergraben.
„Kaffee“, krächzte sie. „Ich will nur Kaffee. Mein Kopf versucht, aus meinem Schädel zu fliehen und Asyl in einer ruhigeren Gegend zu beantragen.“
Funny, die trotz der kurzen Nacht erstaunlich frisch aussah, ergänzte lachend: „Sie will viel Kaffee. Schwarz wie die Seele eines Dämons und stark genug, um einen Golem wiederzubeleben.“
„Genau so“, murmelte Lily zustimmend.
Als Rawenna mit einem großen Tablett zurückkam, auf dem neben Eiern und Speck auch eine riesige Kanne dampfenden Kaffees stand, gesellten sich Fennja und Kaelan zu ihnen, die die Nacht ebenfalls in JWD verbracht hatten.
„Na, ihr drei? Gut geschlafen nach eurem kleinen… Manöver gestern Abend?“, fragte Kaelan mit einem seltenen, amüsierten Funkeln in den Augen.
Bevor jemand antworten konnte, zog Fennja einen großen, versiegelten Brief aus ihrer Tasche und überreichte ihn Funny mit ernster Miene.

„Offiziell von der Gilde und der Akademie“, sagte sie. „Euer aktueller Punktestand, eure offizielle Einladung zur vorgezogenen Prüfung und eine Übersicht über alle Komplexe, in denen ihr geprüft werdet.“
Die Atmosphäre am Tisch schlug augenblicklich um. Lilys Hand, die gerade nach der Kaffeekanne gegriffen hatte, erstarrte. Sie schluckte nervös. Plötzlich war sie wieder das Straßenkind, das vor dem Richter stand.
Darin bemerkte ihre Anspannung sofort und lächelte sie beruhigend an.
„Keine Suppe wird so heiß gegessen, wie sie gekocht wird, Lily.“
Funny brach das Siegel und überflog das erste Dokument. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Lily, Darin hat recht. Es ist gar nicht so schlimm. Hör zu: Im Praxisteil ‚Suchen und Finden‘ müssen wir uns zum Beispiel nicht mehr verstecken und suchen lassen. Unsere letzte Prüfung in dem Fach hat wohl ausreichend Eindruck hinterlassen.“
Sie blickte Kaelan und Fennja mit einem spitzbübischen Lächeln an.
„Aber so sind wir Blumenelfen nun mal. Wenn wir uns nicht finden lassen wollen, findet man uns nicht. Das ist eines unserer spezifischen Talente.“
Sogar Kaelan musste bei diesen Worten schmunzeln und nickte zustimmend.
„Es wird noch besser“, fuhr Funny fort und ihre Augen leuchteten. „Den Rang E+ haben wir allein durch die Sache mit dem Albus schon weit überschritten. D haben wir mit unseren Aktivitäten hier und in den Bergen ebenfalls gemeistert. Wir sind also jetzt ganz offiziell Rang D Abenteurer. Schaffen wir die Prüfung, sollten wir bei D+ liegen.“
„Ihr werdet D+ überschritten haben“, warf Kaelan trocken ein. Seine Miene war wieder ernst. „Oder glaubt ihr, der gestrige Vorfall, bei dem ihr eine ganze Troll-Horde neutralisiert habt, bringt keine Punkte?“
Fennja ergänzte mit einem Nicken.
„Genau. Die Trolle sind in diesem Brief noch gar nicht berücksichtigt. Das wird gerade noch von der Gilde ausgewertet. Ich schätze, ihr kratzt dann bereits an Rang C.“
Sie sah die drei eindringlich an.
„Versteht ihr, was das bedeutet? Rang D ist kein Geschenk, Kinder. Es ist eine Bürde. Die Aufträge sind gefährlicher, die Erwartungen höher. Und ihr habt die Chance, vorgezogen zu werden… das ist eine Ehre, die in den letzten fünfzig Jahren niemandem zuteil wurde. Nicht einmal Rawenna, Kaelan und ich haben das geschafft.“
Der Druck, der in ihren Worten lag, war fast körperlich spürbar. Lily stöhnte und ließ den Kopf auf den Tisch fallen.
„Ich glaube, das Punktesystem musst du mir als Erstes erklären, Funny. Mein Gehirn schmilzt.“
Kaelan und Fennja lächelten. Die Dynamik dieser Gruppe war wirklich einzigartig.
Funny tätschelte Lilys Hand.
„Keine Sorge. Darin erstellt uns auf Basis dieser Themen“, sie hielt zwei Seiten Pergament hoch, auf denen die Prüfungskomplexe aufgelistet waren, „bestimmt einen perfekten Lernplan. Und dann arbeiten wir gemeinsam daran, das beste Ergebnis einzufahren, das uns möglich ist. Wir schaffen das.“
Ihre Stimme war voller unerschütterlicher Zuversicht.
Lily blickte erst zu Funny, deren Zuversicht ansteckend war, und dann zu Darin, der nach Funnys Worten ein wenig rot im Gesicht geworden war, aber bereits konzentriert auf die Liste starrte.
„Und wir holen uns Hilfe“, fuhr Funny fort, ihre Augen blitzten vor Tatendrang. „Larkin sammelt aus der Bibliothek alles ein, was wir über die Theorie wissen müssen. Du, Lily, bringst uns den Nahkampf bei, denn darin bist du einfach perfekt. Für das Fach ‚Finden‘ und Spurenlesen fragen wir Torvin. Die Wolfsmenschen beherrschen das blind. Und für Materialkunde spannen wir die Labore von meinem Herrn Papa ein.“
„Bei Staatskunde frag deine Mutter, Funny“, ergänzte Fennja. „Wer, wenn nicht Vienna, wäre hierfür besser geeignet?“
Darin hatte sich die Prüfungskomplexe genommen und wälzte schon im Kopf, wie sie das alles in den wenigen verbleibenden Wochen so geplant bekommen, dass sie an den Tagen der Prüfungen topfit sein würden. Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Es war eine Herausforderung, ein komplexes Puzzle. Er liebte das.
Lily kicherte, ihre Nervosität war der Vorfreude gewichen.
„Lass mich raten, Tech-Nerd: Du hast schon einen Plan, nicht wahr?“
Darin blickte ein wenig verlegen auf. „Ja. Ja, ich glaube schon.“
„Gut“, sagte Lily und griff beherzt nach einem Stück Speck. „Dann werden wir es schaffen! Und damit ist das Thema für heute beendet. Ich will jetzt in Ruhe zu Ende frühstücken, denn jetzt reicht ein Kaffee nicht mehr. Jetzt wird gefuttert!“
Alle stimmten zu, und eine Weile war nur das Klappern von Besteck und wohliges Seufzen zu hören. Aus dem Frühstück wurde ein ausgedehnter Brunch. Einige Wächter und auch die ersten nun wachen Abenteurer schlossen sich ihnen an, und unzählige Anekdoten flogen den Tisch hinauf und wieder hinab.
Doch irgendwann nahmen Funny, Lily und Darin Abschied. Rawenna umarmte alle drei fest.
„Ich drücke euch alle Daumen, die es gibt“, flüsterte sie ihnen zu. „Und wenn ich mir noch ein paar von Monstern holen muss, um mehr zu haben!“
Lily prustete los, und Darin schüttelte nur den Kopf. Er wusste, dass dies nicht nur leere Worte waren.
„Seid pünktlich zum Prüfungsbeginn da“, ermahnte Fennja sie mit einem strengen, aber liebevollen Blick.
Dann flogen die drei los, zurück ins Elfental.
Ein Plan entsteht
Am frühen Abend landeten sie auf dem Schlosshof. Vienna und der Fürst gratulierten ihnen erst einmal begeistert zum Sieg über die Trolle.
„Wie konntet ihr davon schon gehört haben?“, fragte Lily verblüfft.
„Lily“, flüsterte Darin ihr zu. „Magie. Das nennt sich Magie. Und Spione.“
Am Abend drehte sich alles um Darins geniale Planung der Prüfungsvorbereitung. Er hatte auf dem Rückflug bereits einen detaillierten Zeitplan entworfen.

Lily staunte nicht schlecht, als Darin seine Pläne erläuterte.
„So, wie du das sagst, klingt alles so leicht, so reibungslos!“
„Wenn man mit Spaß an eine Sache herangeht und den unbedingten Willen hat, sie zu meistern, können man Berge versetzen“, sagte Darin mit einem Lächeln.
„Die Prüfer zu überzeugen, reicht schon“, warf Funny trocken ein.
Alle am Tisch lachten.
Sie gingen früh zu Bett. Denn um Larkin Zeit zu geben, die Bücher zusammenzusuchen, wollten sie direkt am nächsten Tag bei Torvin anfangen.
Die Lektionen des Waldes
Die nächsten Tage waren intensiv. Torvin führte sie tief in den Wald. Er war ein harter, aber sehr fairer Trainer.
„Vergesst eure Elfenaugen!“, knurrte der alte Wolfsmensch am ersten Tag und warf eine Handvoll trockener Blätter in die Luft. „Sie lügen. Sie zeigen euch, was ihr zu sehen erwartet. Was sagt euch der Wind? Woher kommt er? Was trägt er mit sich? Den Geruch von feuchtem Moos? Oder den von Angstschweiß eines Kaninchens, das sich dreihundert Meter gegen den Wind im Gebüsch versteckt? Atmet den Wald! Hört ihn! Fühlt ihn!“

Ihre erste Prüfung bestand darin, ihn mit verbundenen Augen in seinem eigenen Territorium zu finden. Sie scheiterten kläglich. Tagelang. Sie stolperten über Wurzeln, fielen in Bäche und verfingen sich im Gestrüpp. Doch langsam lernten sie. Darin war der Erste, der verstand. Er hörte auf, nachzudenken und begann, zu fühlen. Er roch das zerdrückte Minzblatt, auf das Torvin getreten war, spürte die leichte Erschütterung des Bodens und fand ihn schließlich, wie er reglos an einen Baum gelehnt stand.
Sie lernten, die leisesten Geräusche zu deuten, Fährten auf steinigem Boden zu lesen und sich lautlos wie Schatten zu bewegen. Es war anstrengend, aber am Ende der Woche konnten sie einer Ameise auf 200 Meter Entfernung folgen.
Nachdem sie eine Woche lang mit Torvin durch die Wälder gehechelt waren, kam Lily der Gedanke an einen bequemen Stuhl und ein ruhiges Buch fast schon wie ein Urlaub vor.
Dieser Eindruck hielt genau fünf Minuten.
Die Gilde und die Abenteurer
Zurück im Schloss, erschrak vor allem Lily, als sie den riesigen Berg an Büchern sah, den Larkin im Lesesaal aufgetürmt hatte.
„Das… das sollen wir alles lesen?“, stammelte sie entsetzt.
Larkin lachte leise.
„Fräulein Lily, keine Panik. Das sind nur die Bücher, die das Wissen enthalten. Was Sie lernen sollen, habe ich hier auf diesen wenigen Seiten Pergament zusammengefasst.“
Er reichte ihr seine Mitschrift, auf der die relevanten Verweise auf Bücher, Seiten und Abschnitte verzeichnet waren.
„Ich krieg’s nicht in meinen Kopf!“, stöhnte Lily am ersten Morgen und ließ einen dicken Wälzer mit dem Titel „Das Gildenrecht im Wandel der Zeitalter, Band IV“ mit einem lauten Wumpf auf den schweren Eichentisch fallen. Der Aufprall wirbelte eine kleine Staubwolke auf, die im Sonnenlicht tanzte, welches durch die hohen gotischen Fenster fiel.

„Punkte, Ränge, Paragrafen, Unterpunkte, Fußnoten… Warum ist das alles so furchtbar kompliziert? Kann man nicht einfach rausgehen, Monster verhauen und dafür bezahlt werden?“
Funny, die konzentriert über Larkins Notizen gebeugt war, blickte auf und lächelte geduldig.
„Stell es dir wie ein Spiel vor, Lily. Jede gute Tat, jeder besiegte Gegner gibt dir Erfahrungspunkte. Das sind unsere Abenteurer-Punkte.“
„Okay, soweit klar“, brummte Lily und rieb sich die Schläfen. „Aber die Trolle auf Rawennas Party waren kein Gildenauftrag. Unser Bergabenteuer auch nicht. Wie zählt das? Wer sitzt da und macht Strichlisten?“
Darin, der bis dahin stumm eine komplexe Grafik über die Verteilung von Gilden-Rängen analysiert hatte, schob seine Brille zurecht.
„Niemand sitzt da und macht Strichlisten. Das ist das Geniale daran.“
Seine Stimme war leise, aber erfüllt von der Faszination für das System.
„Das Gilden-System ist an die grundlegende Magie von Feenland gekoppelt. Deine Gildenkarte, die wir bekommen haben, ist wie ein magischer Resonator. Jede signifikante Tat, die dem Land oder seinen Bewohnern nützt, erzeugt eine… nennen wir es arkane Signatur. Die Magie ‚merkt‘ sich das und schreibt es deinem Konto gut. Gildenaufträge sind nur der formalisierte, garantierte Weg, um Punkte zu bekommen.“
„Aha“, machte Lily. „Also eine Art magische Überwachung. Gefällt mir nicht, aber gut.“
Sie lehnte sich zurück.
„Also, gute Taten bringen Punkte. Und die Punkte? Die verfallen am Jahresende, hast du gesagt. Was soll der Quatsch?“
„Das ist dazu da, damit die Abenteurer aktiv bleiben“, erklärte Funny. „Du musst aktiv bleiben. Sonst verlierst Du die Praxis und bist eine Gefahr für Dich und andere. Die Punkte sind wie dein Jahresgehalt. Der Rang ist deine Beförderung. Das Gehalt musst du dir jedes Jahr neu verdienen, aber die Beförderung, den Rang, den kann dir keiner mehr nehmen.“
„Und für jede neue Beförderung brauchst du mehr Gehalt als für die letzte“, schloss sich Darin der Analogie an. „Die Kurve steigt exponentiell an. Von Rang F nach E braucht man vielleicht 1.000 Punkte. Von B nach A schon 100.000.“
Lily pfiff leise durch die Zähne.
„Okay, das ist… viel. Und erklärt warum es nur wenige B bis A Abenteurer gibt. Und das bringt uns zu den Gildenaufträgen. Was ist, wenn man einen annimmt und es vermasselt?“
„Das ist der entscheidende Punkt“, sagte Darin und wurde sehr ernst. „Das Wichtigste bei einem Gildenauftrag sind die Parameter. Nimmst du ihn an, ist es ein bindender, magischer Vertrag. Er ist mit deiner Gildenkarte verknüpft.“
„Magisch?“, hakte Lily nach, ihre Neugier war geweckt. „Was passiert, wenn man’s verkackt? Explodiert man?“
„Schlimmer“, sagte Funny düster. „Du verlierst nicht nur die Belohnung und musst eine oft empfindliche Vertragsstrafe zahlen. Du verlierst Ansehen. Und die Gilde auch. Wenn man zu oft versagt oder einen Auftrag leichtfertig abbricht, kann die Gilde einem die Lizenz entziehen. Deine Gildenkarte wird zu einem wertlosen Stück Metall. Du wirst… fast wie ein Ausgestoßener. Kein Händler wird dir mehr etwas abkaufen, keine Herberge wird dich aufnehmen wollen.“
Lily wurde still. Sie dachte an ihr altes Leben auf der Straße, daran, wie es war, überall unerwünscht zu sein. Das war eine Strafe, die sie verstand. Und fürchtete.
„Verstehe“, sagte sie leise. „Also überlegt man es sich zweimal, bevor man angibt.“
„Genau“, nickte Funny. „Und deshalb gibt es die Rang-Regeln für Gruppen. Erinnerst du dich, was Renni im Gildenhaus gesagt hat?“
„Nur, dass ich gut für Pressekonferenzen wäre und du wahrscheinlich zur nächsten Fürstin gewählt wirst“, sagte Lily mit einem Anflug ihres alten Spotts.
Funny lachte.
„Das auch. Aber sie hat erklärt, warum die Ränge so wichtig sind. Stell dir vor, wir wären noch Rang E, Darin und ich. Und wir nehmen einen einzelnen, erfahrenen Rang C Abenteurer in unsere Gruppe auf.“
Darin übernahm die Erklärung.
„Unser höchster Rang in der Gruppe wäre C. Wir dürften also Aufträge bis zum Rang A annehmen. Zwei Stufen drüber.“
„Genau“, fuhr Funny fort. „Aber stell dir vor, was das in der Praxis bedeutet. Wir drei stehen plötzlich einem A-Rang-Monster gegenüber, sagen wir… einem Greifen. Der Rang-C-Abenteurer kommt vielleicht damit klar. Aber wir… wir wären nutzlos. Schlimmer als nutzlos. Wir wären nur noch Köder.“
„Ah“, machte Lily, und in ihrem Kopf klickte es. „Okay. Das macht Sinn. Die Regel schützt die Schwächsten im Team. Sie verhindert, dass arrogante Veteranen Frischlinge als Kanonenfutter missbrauchen.“
„Exakt“, sagte Darin.
„Und was ist mit dem ganzen Zeug, das die Monster fallen lassen?“, fragte Lily und wechselte das Thema. „Die Wolfsohren, die wir bei dem Überfall gesammelt haben. Die Troll-Zähne von der Party.“
„Das ist das direkte Einkommen“, erklärte Darin. „Das kannst du bei der Gilde oder bei spezialisierten Händlern verkaufen. Es ist die Grundlage der Abenteurer-Wirtschaft. Ein Wolfsohr bringt dir vielleicht ein paar Kupferlinge für ein Abendessen. Ein Trollzahn schon ein paar Silbertaler für ein neues Seil. Und das Herz eines Golems… das könnte ein Goldstück wert sein, genug für eine neue Rüstung.“
Lily lehnte sich zufrieden zurück. Das verstand sie. Arbeit, Gefahr, Belohnung. Simpel und ehrlich.
„Okay, ich glaub, ich hab’s“, sagte sie und fasste zusammen. „Gute Taten und Aufträge bringen Punkte. Punkte verfallen, bringen aber Ränge, die uns keiner nehmen kann. Ränge bringen bessere, gefährlichere Aufträge mit mehr Kohle. Aber wenn wir’s vermasseln, sind wir am Arsch. Und die ganzen Regeln dienen am Ende nur dazu, dass wir nicht zu früh draufgehen, damit Feenland sicher bleibt. Richtig?“
Funny und Darin sahen sich an und lächelten.
„Perfekt zusammengefasst“, sagte Funny stolz.
„Eine absolut präzise und effiziente Analyse“, stimmte Darin zu.
„Gut“, sagte Lily und klappte das Gildenbuch wieder zu. „Dann lasst uns jetzt lernen, wie man das macht, ohne draufzugehen.“
Nach den zermürbenden Theoriestunden schlug Lilys Stunde in der kleinen, selten genutzten Trainingshalle des Schlosses.
„Okay, ihr beiden“, sagte sie, während sie ihre Naginata gekonnt durch die Luft wirbelte. „Der theoretische Kram ist schön und gut. Aber da draußen fragt euch ein Oger nicht nach Paragraf 3 des Gildenrechts, bevor er euch den Kopf abreißt.“
Sie entpuppte sich als gnadenlose, aber brillante Trainerin.
„Hör auf zu tanzen, Funny!“, rief sie, als ihre Waffe Funnys Dolche mit einem lauten KLANG beiseite schlug. „Das ist ein Kampf, kein Ball! Deine Eleganz ist deine Stärke, aber sie macht dich auch vorhersehbar. Du weichst immer nach links aus. Immer! Überrasch mich! Sei ein Stachel, keine Feder!“

Zu Darin, der einen Angriff zu lange berechnete, sagte sie: „Deine Axt ist kein Rechenschieber, Darin! Fühl den Schwung! Lass die Waffe die Arbeit machen, nicht deinen Kopf! Du hast die Kraft, also nutze sie! Weniger Denken, mehr TUN!“
Sie trieb sie an ihre Grenzen, und sie wurden besser. Schneller. Stärker. Ihre Bewegungen wurden zu einer tödlichen Choreografie, ihre unterschiedlichen Stile begannen, sich perfekt zu ergänzen.
So vergingen die Wochen: Vormittags Theorie, nachmittags Kampf, mal mit, mal ohne Waffen.
Der Moment der Erkenntnis
An einem Morgen, wenige Tage vor dem angesetzten Prüfungstermin, saßen sie beim Frühstück. Plötzlich sagte Vienna mit einem geheimnisvollen Lächeln: „Ihr wisst, was morgen für ein Tag ist?“
Die drei schauten sich ratlos an.
„Dienstag?“, riet Lily.
„Morgen müsst ihr zur Akademie aufbrechen“, erklärte Vienna. „In drei Tagen ist eure Prüfung!“
Lily fiel vor Schreck die Kaffeetasse aus der Hand. Sie zerschellte auf dem Steinboden.
„WAS?! ABER… ABER WIR SIND DOCH GAR NICHT VORBEREITET! WIR BRAUCHEN MEHR ZEIT!“
Vienna lächelte sanft. „Nicht? Dann erklär mir mal, Lily, warum wir in Feenland eine Kronprinzessin an der Spitze haben und keinen König oder eine Königin?“
Ohne eine Sekunde zu zögern, schoss es aus Lily heraus: „Weil wir ein Vielvölkerstaat sind und keinen Erbadel an der Spitze wollen. Der Rat der Fürsten, in dem alle großen Völker vertreten sind, beschließt gemeinsam die Gesetze und dieser Rat wählt einen Prinzen oder eine Prinzessin für eine Amtszeit von fünfzig Jahren an die Spitze, um die exekutive Gewalt auszuüben.“
Sie hielt inne. Ihre Augen weiteten sich. Sie starrte Vienna an, die Finger an ihre Lippen gelegt, als könnte sie nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte.
Ein tiefes Schweigen senkte sich über den Tisch.
„Ach“, sagte Vienna unschuldig. „Und du meinst, du bist nicht vorbereitet?“
Zuerst kicherte Darin leise in seine Tasse. Dann prustete Funny los. Lily schaute von einem zum anderen, ein ungläubiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und dann stimmte sie in das schallende, befreiende Gelächter mit ein.
„Nein“, fuhr Vienna fort, ihre Augen strahlten vor Stolz. „So, wie ihr gelernt habt, wisst ihr alles, was man zurzeit wissen muss. Ihr werdet eure Prüfung so was von… rocken.“
Funny verschluckte sich fast an ihrem Saft. So eine Formulierung hatte sie von ihrer eleganten Mutter noch nie gehört.
„Sie färbt ab“, meinte Darin trocken und wies dabei mit dem Daumen auf Lily.
Nun lachten alle am Tisch.
Den letzten Tag im Schloss ließen die drei dann ruhig angehen. Sie packten ihre Sachen, saßen am See und genossen die Stille. Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich von allen, bedankten sich noch einmal besonders bei Torvin, Larkin und Vienna. Dann trugen ihre kräftige Flügelschläge die drei in Richtung Hauptstadt.
Ihr neues Abenteuer, das eigentlich erst in einem Jahr hätte beginnen sollen, stand kurz bevor. Und sie waren bereit.
– E N D E –
Fortsetzung mit „Band 2: Das Geheimnis der Ödnis“ folgt
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