Der Fluch des fröhlichen Waldes
Der Aushang eines Auftrages eines abgelegenen Bergdorfes in der Abenteurergilde war vergilbt und mit zittriger Hand geschrieben. Die meisten Abenteurer gingen achtlos daran vorbei, auf der Suche nach lukrativeren Monsterjagden oder Schatzsuchen. Doch Funny, deren himmelblaue Augen stets das Wesentliche erfassten, blieb davor stehen.
„Hört euch das an“, sagte sie, ihre Stimme kaum ein Flüstern in der lauten Halle.
Gesucht: Hilfe gegen den Waldgeist. Wanderer kehren verändert zurück. Dem Jäger Kaito fehlt ein Auge. Der Sängerin Yumi die Stimme. Dem Holzfäller Genji die Kraft in seinem Arm. Belohnung: Bescheiden, aber unsere ewige Dankbarkeit sei Dir gewiss.
Lily, die gerade versuchte, mit Wurfpfeilen eine Fliege an der Wand zu treffen (und dabei die Wand großflächig demolierte), drehte sich um.
„Klingt nach Pech. Vielleicht sollten die Leute einfach nicht mehr in den Wald gehen. Problem gelöst. Was machen wir als nächstes?“
„Es ist kein Pech, Lily. Es ist ein Muster“, erwiderte Funny. „Plötzliche, irreversible Behinderungen ohne physische Ursache. Das schreit nach einem Fluch. Einer besonders grausamen Art von Magie.“

Darin, der in einer Ecke saß und die Mechanik eines seltsamen, spinnenartigen Roboters justierte, blickte auf.
„Parasitäre Fluchmagie. Eine Entität, die sich nicht an Lebensenergie labt, sondern am Potenzial ihrer Opfer. Sie stiehlt nicht das Leben, sondern die Qualität des Lebens. Das ist… ineffizient, aber außerordentlich sadistisch.“
„Sadistisch ist genau das richtige Wort“, nickte Funny. „Und deshalb nehmen wir den Auftrag an. Packt eure Sachen! Wir gehen eine Party crashen.“
Lily riss begeistert die Arme hoch und traf dabei beinahe einen vorbeigehenden Zwerg.
„Party-Crashen! Na also, das ist doch mal eine Missionsbeschreibung nach meinem Geschmack! Wer schmeißt denn die Party? Goblins? Orks?“
„Etwas Subtileres, fürchte ich“, sagte Funny mit einem finsteren Funkeln in den Augen. „Etwas, das sich hinter Fröhlichkeit versteckt.“
Die Melodie des Verderbens
Dem Dorf am Rande des Waldes sah man an, wie sehr die Bewohner in Angst lebten. Die Bewohner verbarrikadierten ihre Türen bei Einbruch der Dunkelheit. Funny, Lily und Darin sprachen mit den Opfern. Die Geschichten glichen sich auf unheimliche Weise.
Kaito, der einäugige Jäger, starrte mit seinem verbliebenen Auge ins Leere.
„Ich hatte mich im Sturm verirrt. Plötzlich hörte ich Musik und Lachen. Es zog mich an wie das Licht eine Motte… Eine Feier, mitten im Wald. Seltsame Gestalten mit langen Nasen und Hörnern… Kobolde, Tengu vielleicht. Sie waren so… fröhlich. Es gab Getränke, Speisen und ich wurde zum Tanz aufgefordert.“
„Und dann?“, fragte Funny sanft.
„Ich… ich weiß es nicht mehr genau“, stammelte Kaito. „Der nächste Morgen kam. Ich wachte allein im Wald auf. Mein Kopf schmerzte, und… mein rechtes Auge konnte nichts mehr sehen. Es war einfach… leer.“
Darin scannte das Auge mit einem seiner Diagnosegeräte. Ein leises Zirpen war zu hören.
„Die physische Struktur ist intakt. Aber die Verbindung zum Sehnerv… die Lebensessenz darin wurde sauber heraus extrahiert. Das ist keine Verletzung. Das ist magisch-präzise Hexerei.“
„Die Schweine!“, knurrte Lily und ballte die Fäuste. „Sie locken Leute an, machen sie betrunken und verstümmeln sie dann magisch zum Spaß? Oh, die werden meine Naginata kennenlernen. Und zwar aus nächster Nähe.“
„Gewalt allein wird hier nicht reichen, Lily“, mahnte Funny. „Sie sind Geister. Sie erscheinen nur, wenn sie es wollen. Wir können nicht einfach in den Wald stürmen und auf alles drauf hau’n, was lacht. Wir müssen ihren Köder schlucken.“
Funny überlegte.
„Wir werden ihre nächsten Gäste sein“, erklärte sie nach einer Weile den Plan. „Wir tun so, als wären wir verirrte Reisende. Lily, du wirst unsere ahnungslose, laute und leicht tollpatschige Frontfrau sein. Dein Talent für Chaos wird hier zur perfekten Tarnung. Darin und ich geben dir aus der Ferne Deckung.“
Lily grinste breit.
„Ahnungslos, laut und tollpatschig? Fun-chan, das ist die Rolle, für die ich geboren wurde! Ich brauche nicht mal zu Schauspielern!“
Funny verdrehte die Augen, aber ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Ich weiß.“
Tanz mit den Kobolden
Als die Dämmerung herein brach, begann das Schauspiel. Lily stolperte lauthals fluchend durch das Unterholz.
„Verdammte Wurzeln! Verfluchte Bäume! Gibt’s hier kein Gasthaus mit WLAN? Ich verhungere!“

Funny und Darin folgten ihr lautlos in den Schatten der Bäume, ihre Sinne aufs Äußerste gespannt. Es dauerte nicht lange. Zuerst war es nur ein leises Flötenspiel, dann Trommeln und schließlich ausgelassenes Gelächter, das auf übernatürliche Weise durch den Wald schallte und jeden, der es hörte, mit einer unwiderstehlichen Lust auf feiern erfüllte.
„Bingo“, flüsterte Lily und folgte dem Klang.
Sie erreichte eine Lichtung, auf der ein rauschendes Fest im Gange war. Dutzende Kobolde in allen Formen und Größen tanzten um ein loderndes Lagerfeuer. Einige hatten die roten Gesichter und langen Nasen von Tengu, andere die Hörner und Klauen von kleinen Oni. Angeführt wurden sie von einem imposanten Koboldkrieger mit einem prächtigen Fächer aus Rabenfedern.
„Oh, seht nur! Ein verlorenes Elfenkind!“, rief der Anführer mit einer dröhnenden, aber freundlichen Stimme. „Komm, Fremde, fürchte dich nicht! Trinke mit uns, tanze mit uns! Vertreibe die Dunkelheit der Nacht!“
Er reichte Lily eine Schale mit Sake. Lily nahm sie, lächelte dümmlich und schüttete den Inhalt unauffällig über ihre Schulter, als sie zum Trinken ansetzte – ein Trick, den Funny ihr beigebracht hatte.
„Tanzen? Ich liebe tanzen!“, rief sie und begann, absichtlich (!!) ungeschickt und steif umherzuhüpfen. Sie torkelte, stolperte über ihre eigenen Füße und rempelte beinahe gegen einen grimmigen Oni und riss dabei einen Tisch mit vielen Leckereien um. Es war eine meisterhafte Darbietung von talentfreiem Chaos.
Die fröhliche Miene der Kobolde gefror. Das Lachen erstarb. Der Koboldanführer blickte sie mit eisigen Augen an. Sein freundliches Gesicht war einem Ausdruck der Verachtung gewichen.
„Dein Tanz hat keinen Rhythmus. Dein Geist hat keine Freude“, sagte er kalt. „Du verschwendest unseren Sake und beleidigst unser Fest. Für solch eine Unwürdigkeit gebührt dir eine Lektion.“
Er hob seinen Fächer, und eine finstere, violette Energie sammelte sich an der Spitze. „Deine ungeschickten Beine scheinen dir nur im Weg zu sein. Erlauben wir ihnen, zur Ruhe zu kommen. Für immer!“
„Ich glaube, das ist unser Stichwort“, flüsterte Funny aus ihrem Versteck in der Nähe und zog ihre beiden Dolche aus Darins Item-Box.
Wenn die Party eskaliert
In dem Moment, als der Kobold den Fluch entfesseln wollte, zischte ein Messer durch die Nacht. Es war nicht als tödlicher Angriff gedacht, sondern sollte nur den Fächer aus der Hand des Anführers reißen. Gleichzeitig schossen leuchtende Dornenranken aus dem Boden und bildeten einen undurchdringlichen Käfig um die Lichtung – Lilys magische Barriere.
„Die Party ist vorbei, ihr Mistkerle!“, brüllte sie dabei und ihre gespielte Tölpelhaftigkeit fiel von ihr ab wie ein Mantel.
In einer fließenden Bewegung zog sie ihre Naginata aus der Item-Box zu sich heran.
„Jetzt kommt der Teil, wo ihr für die Frechheit bezahlt!“
Die Kobolde heulten vor Wut auf und die fröhliche Lichtung verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Die Illusion zerbrach und enthüllte den wahren Zustand des Ortes: ein düsterer, von Dornen gespickter Platz, übersät mit den Knochen kleinerer und größerer Tiere, Menschen und vieler anderer Wesen.
Der Kampf war ein choreografiertes Meisterwerk des Chaos und der Präzision.
Lily war der Wirbelsturm im Zentrum. Sie fegte mit ihrer Naginata durch die Reihen der kleineren Kobolde und hielt sich durch schnelle Bewegungen die größeren vom Leib. Jeder ihrer Rufe war eine Mischung aus Kampfschrei und spöttischer Beleidigung.
„Na komm schon! Zeig mir deinen besten Tanz, Langnase!“
Einem besonders hässlichen Tengu rief sie sogar zu: „Eh Du hässlicher Piepmatz, bei Dir gab’s wohl noch keine Geburtenkontrolle!“
Die Kobolde rasten vor Zorn, während Lily schallend lachte und sie weiter verspottete.
Darin war die Festung. Mit seiner Doppelaxt säte er Terror unter den Angreifern, die versuchten, Lilys Barriere zu durchbrechen. Mit seiner freien Hand warf er technische Gadgets, die die Magie der Kobolde störten oder sie mit klebrigen Netzen fesselten.
Funny war wie ein Geist. Sie bewegte sich lautlos am Rande der Lichtung, ihre beiden bläulichen Dolche blitzten im Mondlicht. Ein gezielter Wurf hier, um einen Zauber zu verhindern, ein schneller Sprint dort, um Lily den Rücken freizuhalten. Ihre Bewegungen waren tödlich, elegant und absolut effizient.
Der Koboldanführer, seines Fächers beraubt, zog selbst ein langes Katana und stürzte sich auf Funny.

„Du wagst es, Elfe? Ihr seid hier in unserem Reich!“
„Euer Reich des Leidens hat heute sein Ende erreicht“, erwiderte Funny kühl, parierte seinen Hieb und ging zum Gegenangriff über.
Es war ein erbitterter Kampf, doch drei koordinierte Profis waren mehr, als eine Horde undisziplinierter Sadisten bewältigen konnte. Einer nach dem anderen wurden die Kobolde entwaffnet und kampfunfähig gemacht.
Epilog: Die Rückgabe des Glücks
Am Ende standen nur noch die drei Abenteurer und der gefesselte Koboldanführer auf der Lichtung.
„Warum?“, fragte Funny, die Spitze ihres Dolches an seiner Kehle. „Warum tut ihr das?“
Der Kobold lachte höhnisch.
„Weil wir es können! Die Verzweiflung der Sterblichen ist der süßeste Nektar. Ihre gestohlene Freude, ihr verlorenes Talent… das ist unsere Delikatesse.“
„Ihr seid also nichts weiter als magische Parasiten“, stellte Lily fest und schnaubte verächtlich. „Wie heben wir die Flüche auf?“
Der Kobold spuckte vor ihr aus.
Lily schnippte einmal mit dem Finger und eine kleine Ranke mit messerscharfen Dornen schlang sich um den Hals des Kobolds, der weiterhin eisern schwieg.
Sie zog ihre Dornenranke enger um den Hals des Anführers. Nach einigem Sträuben gestand der schließlich, dass die gestohlenen „Attribute“ – das Auge, die Stimme, die Kraft – in kleinen, geschnitzten Holzfiguren in einer Höhle gelagert wurden.
Die rothaarige Elfe, die ihr Temperament nur schwer zügeln konnte, zwang ihn, sie dorthin zu führen. In der Höhle fanden sie schnell Dutzende dieser grausamen Talismane. Als sie sie im Feuer verbrannten, spürten sie, wie die Magie freigesetzt wurde und zurück zu ihren rechtmäßigen Besitzern floss.
Zurück im Dorf wurden sie Zeugen eines Wunders. Kaito rief aus, dass er wieder sehen könne. Yumi sang ein wunderschönes, klares Lied. Und Genji hob einen riesigen Baumstamm mit einem Arm. Die Dankbarkeit der Dorfbewohner war grenzenlos.
„Und was machen wir mit denen?“, fragte Lily und deutete auf die gefesselten Kobolde.
„Wir übergeben sie den Wächtern“, entschied Funny. „Ich denke, dann bekommt das Große Reservat eine neue, äußerst laute Abteilung. Nur wird sie dort niemand hören können. Ihre Zauberbanne, werden dadurch keinen Schaden mehr anrichten.“
Einige Tage später saßen sie wieder gemeinsam in ihrem Haus am Kamin.
„Weißt du, Fun-chan“, sagte Lily nachdenklich, während sie versuchte, einen komplizierten Tanzschritt nachzuahmen und dabei fast eine Vase umwarf. „Vielleicht sollte ich doch einmal Tanzstunden nehmen. Nur für den Fall, dass wir wieder undercover arbeiten müssen.“
Funny schloss die Augen und seufzte.
„Bitte nicht, Lily. Die Welt hat schon genug Chaos, mit dem sie fertig werden muss.“
Darin lächelte nur leise in sein Buch hinein. Die Welt mochte chaotisch sein, aber solange sie da waren, konnten sie helfen, diese ein Stückchen sicherer zu machen. Aber ohne Lilys Tanzschritte!

































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